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30. Juli 2006, 15:16 Uhr

Essay

Abschied von den Halbstarken

Von Franz Walter

Vor 50 Jahren zog sich durch deutsche Großstädte eine Welle jugendlichen "Rowdytums". Die nach Krisen und Krieg mental erschöpfte und ruheorientierte Adenauer-Gesellschaft reagierte verstört, zuweilen auch hysterisch. Immer wieder gab es zwischen 1956 und 1958 reichlich aufgeregte Berichte über "Halbstarkenkrawalle".

Halbstarke – das umfasste Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren, die mit Transistorradios an Straßenecken standen, gleichaltrigen Mädchen hinterher johlten, Rentner anpöbelten, Passanten bei Gelegenheit die Einkaufstaschen aus den Händen rissen, Mülleimer umwarfen, Wäsche von den Leinen zerrten, Familien spätabends aus dem Schlaf klingelten. Sie hörten amerikanische Rock-Musik; ihre Vorbilder waren Elvis Presley und Bill Haley. Ihr Dresscode waren Jeans, die Lederjacke, das oben offene Hemd und der obligatorische Plastikkamm in der Gesäßtasche. Wer es sich leisten konnte, fuhr ein Moped – laut knatternd die Straße hoch, die Straße runter. Zum Sprachcode gehörten eingedeutschte Kinoanglizismen wie "Bingo" und "Zucker".

Nun waren Jugendliche, die an Straßenecken, in Parks oder auf Rummelplätzen herumlungerten und andere rüde oder unflätig belästigten, auch in der deutschen Geschichte kein neues Sozialphänomen. Neu war – und eben dies ließ die Halbstarken zum national kommentierten Ärgernis avancieren -, dass die Jugendlichen bei Höhepunkten massenkultureller Inszenierungen – wie Kinoveranstaltungen und Rockkonzerte – mitunter den ganzen Saal demolierten, zumindest aber die Bestuhlung zerstörten. Und irgendwie neu war auch die Art ihres Tanzes, die rhythmische Hüftbewegungen, die unkaschiert Sexualität ausdrücken sollten.

Seit 1958 ebbte die kollektive Zerstörungslust im urbanen Umfeld zwischen Berlin und dem Ruhrgebiet ab. Und das übel beleumdete Halbstarkentum changierte zur adretten Teenagerkultur von Peter Kraus und Cornelia Froboess. Große historische Reminiszenzen hinterließ die halbstarke Variante des Jugendprotests aus der zweiten Hälfte der 1950er Jahre nicht. Erst recht bezogen sich die soziale Bewegungen hernach nicht positiv darauf. Es gibt vermutlich etliche Hunderttausend Menschen in Deutschland, die auch im Jahr 2006 noch stolz – und oft durchaus grundlos – von sich behaupten, "68"er zu sein, die von "Rudi" schwärmen, die ein prahlerisches Heldenepos von Straßenschlachten mit der Polizei parat haben, wenn die Partystimmung danach ist. Kaum jemand in Deutschland indes mag mit seiner halbstarken Vergangenheit renommieren.

Protest auf Macho-Art

Dabei sind Halbstarke und 68er Teil der exakt gleichen Generation, angesiedelt nur in zwei unterschiedlichen sozialen Etagen. Halbstarke und 68er zählen gemeinsam zu den Geburtsjahrgängen 1940 bis 1943. Die Halbstarken aber waren in Unterschichtquartieren groß geworden, oft an- oder ungelernte Arbeiter, ein Viertel von ihnen gar ohne jeden Erwerb; die Hälfte ist vaterlos aufgewachsen. Diese Gruppe protestierte auf ihre, eben nichtintellektuelle, sondern körperliche, überdies gewiss ziemlich machohafte Art mit 16 oder 17 Jahren. Die 68er, meist aus wohlbehüteten bürgerlichen Elternhäusern stammend, brauchten zehn Jahre länger, bis sie sich auflehnten, nun mit Hilfe schwer verständlicher Theorien und Gesellschaftskonzepte.

Die 68er schrieben Geschichte, die Halbstarken nicht. Und dies ist wortwörtlich zu nehmen. Die 68er formulierten als Akteure Tausende von Briefen, Pamphleten, Einträgen in Tagebüchern. Ihre literarische Produktion war, wie es im Bildungsbürgertum seit jeher zur Gewohnheit und Identitätsstabilisierung gehörte, beachtlich. Die 68er schufen reichlich Quellen für die Geschichtsschreibung ihrer selbst, auch für spätere Mythen und Legenden. Die Halbstarken hingegen deuteten sich nicht theoretisch, nicht intellektuell, auch nicht charismatisch. Es gab keinen "Rudi", keinen Marcuse, keinen Adorno, auch keinen Märtyrer, keinen Benno Ohnesorg der Halbstarkenbewegung. Man findet keine Korrespondenzen oder autobiographische Fragmente im Nachlass eines dahingeschiedenen Halbstarken von ehedem. Und so überlieferte sich historisch nur wenig vom Protest des proletarischen Teils dieser Generation.

Dabei war die kulturelle Zäsur, welche die Halbstarken setzten, keineswegs gering. In Deutschland war die Jugendkultur des 20. Jahrhunderts bis dahin in erster Linie bündisch geprägt, mehr noch: soldatisch, zackig, diszipliniert, gleichsam in Reih und Glied gezwängt. Mit diesem Körperhabitus, der das autoritäre politische Mehrheitsverständnis der deutschen Gesellschaft spiegelte und stärkte, brachen die Halbstarken. Sie bewegten sich lässig, schlurfend, wie es damals hieß: "amerikanisch". Mit den Halbstarken begann die Verwestlichung der Kultur, der Bruch mit dem militärisch grundierten Deutschnationalismus.

Doch signalisierte der halbstarke Hedonismus im proletarischen Milieu auch das Ende des ambitionierten Weltanschauungs- und Erziehungsanspruchs der organisierten Arbeiterbewegung. Die jungen halbstarken Arbeiter lebten und konsumierten für den Augenblick, bereiteten sich nicht mehr asketisch im Arbeiterbildungswesen der Sozialdemokratie auf ein fernes sozialistische Endziel vor. Sie nahmen damit so indirekt und vermittelt die Godesberger Wende der SPD vorweg. Mit den Halbstarken gingen die typisch deutschen Sonderwege auf dem rechten und linken Spektrum der Politik und Gesellschaft zu Ende.

Die letzten Halbstarken der deutschen Politik

Doch auch in anderer Hinsicht antizipierten die Halbstarken einiges von dem, was seit den späten 1960er Jahren allein mit "68" assoziiert wurde. Die Halbstarken haben gewissermaßen die Methode der "Provokation" entdeckt und allmählich salonfähig gemacht. Sie erlebten, welch große Wirkung der Tabubruch erzielen konnte – vor allem dann, wenn sich seine Rezeption medial multiplizierte. Mit den Medien verließ ein lokaler Krawall die Wahrnehmungsenge des begrenzten Proteststandortes. Kam es in Hannover zu einem Jugendkrawall, dann wusste davon über Radiomeldungen und Zeitungsberichte am Tag darauf die gesamte nationale Öffentlichkeit. Und zwei Wochen später konnte man die Bilder – konnten die Krawallmacher sich selbst -in der Kinowochenschau betrachten. Dies heizte die Jugendaktionen an, steigerte die innere Dynamik der Provokation.

Eine ganze Politikergeneration, die man wohl zu Unrecht zu den 68er rechnete, ist mit dieser Wahrnehmung, ist in dieser Schule der Halbstarken groß geworden. Eine ganze Kohorte, von Schröder über Lafontaine und Fischer bis hin zu Trittin hat die Methode der Regelverletzung über die mediale Verstärkung biographisch genutzt - und knatterte sodann politisch die Straße hoch, die Straße runter, oft ohne Ziel, ohne Sinn. Möllemann und Westerwelle haben sich durch Anschauung davon inspirieren lassen, agierten gewissermaßen als bisher letzte Halbstarke in der deutschen Politik.

Oft ist seit einiger Zeit davon die Rede, dass die 68er unmittelbar vor dem Rückzug aus gesellschaftlich dominanten Positionen stehen oder bereits in Pension gegangen sind. Doch etliche von denen, die in den letzten Jahren Politik, Medien, auch Verbände geprägt haben, waren keineswegs 68er. Sie waren Halbstarke. Und so befindet sich die deutsche Republik derzeit im Abschied von ihren Halbstarken.

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