Essay Entlarvt die Ideologen!

Er wollte eine innerchristliche Debatte anregen und löste einen Proteststurm von Muslimen aus. Der Konflikt um die Papst-Worte zum Islam belegt, wie wenig Religionen miteinander umzugehen wissen. Ihre Identität wahren sie nur, wenn sie das Recht verteidigen zu glauben - und nicht zu glauben.
Von Carolin Emcke

Was konnte den Verfechtern des "Kampfs der Kulturen" gelegener kommen als das? Das Oberhaupt der katholischen Kirche kritisiert den Propheten Mohammed. Die Vertreter der religiösen Institutionen des Islam vereinen sich in einem Aufschrei der Empörung über die infame Beleidigung und verlangen eine Entschuldigung. Der Papst bedauert die Missverständnisse. Die Proteste gegen den Vatikan verteilen sich über die muslimische Welt. Die westlichen Kommentatoren echauffieren sich über die Rückständigkeit der Muslime. Und in all der Aufgeregtheit stilisieren sich die einen zu Verteidigern des Glaubens und des geschützten Worts des Propheten, die anderen zu Verteidigern der Säkularisierung und des ungeschützten Worts des Individuums.

Dass der Papst weder den Propheten Mohammed noch den Islam kritisiert hat, interessiert bei dieser Spirale der gegenseitigen Vorwürfe kaum jemanden. Es gehört zu den ironischen Facetten dieser religiös aufgeladenen Zeiten, dass ausgerechnet eine Rede des Papstes, die die theologische Rolle der Vernunft hervorzuheben suchte, als Projektionsfläche für diese Kontroverse dient. Schon jetzt kursiert die Angst, der Papst bereite einen neuen Kreuzzug vor. Stattdessen war die Argumentation des kirchlichen Oberhaupts eher dazu angetan, innerchristliche Debatten auszulösen. Denn Benedikt XVI zielte keineswegs auf den Islam, sondern auf jene Denkschule, die den Einfluss der griechischen Philosophie und ihres Logos-Gedankens auf die christliche Gottesvorstellung abwehrt. Darin, in dieser Aufwertung der Vernünftigkeit im Glauben, liegt eine philosophische Position, die sich sowohl zur modernen Entwicklung Europas als auch zu anderen Religionen und Kulturen anderer Teile der Welt hin öffnen ließe.

Doch ein einziger Satz wird aus dem Zusammenhang gerissen, was ein bloßes Zitat der Sekundärliteratur war, wird dem Sprecher selbst zugeschrieben, das filigrane Argument des Vortrags auf ein Schnipsel reduziert. Der Tempowahn des globalen Medienzeitalters zeigt hier ebenso seine selbstzerstörerischen Züge wie die gedankliche Kurzatmigkeit der religiösen wie atheistischen Ideologen.

Reflexhafte Verletztheit

Wie der kleine Spielzeugvogel mit der unausgeglichenen inneren Balance, der, einmal angestoßen, immer nur mit dem Kopf abwärts picken kann - so agieren beide Seiten reflexartig im ewig selben Affekt der Verletztheit und der selbstzufriedenen Gewissheit, der reinen Lehre zu dienen. Seht her, scheinen die einen zu sagen, schon wieder ein Beleg für den demütigenden Hochmut des christlichen Westens gegenüber dem Islam, erneut ein Anzeichen für die verletzende Missachtung gegenüber der muslimischen Religionsgemeinschaft. Seht her, scheinen die anderen zu sagen, schon wieder ein Beleg für die aggressive Natur der muslimischen Gemeinschaft, erneut ein Anzeichen für die vormoderne Unfähigkeit des Islam, mit Kritik umzugehen.

In diesem hysterischen Schauspiel verlieren alle, denn niemand ist sich treu. Der christliche Theologe, der einen universalen Glauben predigt, aber nicht bedenkt, dass seine Rede auch global gehört und (miss-) verstanden wird. Der muslimische Gläubige, der einen Propheten der Schrift-besitzenden Religion verteidigt, aber nicht bereit ist, Schriften in ihrer Gänze zu lesen. Der europäische Kritiker, der sich der Aufklärung rühmt, aber die Unmündigkeit immer nur am anderen erkennen will.

Was alle eint, ist die Überzeugung, die eigene Identität verteidigen zu müssen gegen die Identität der anderen. Was alle eint, ist die Illusion, dies ohne den jeweils anderen zu können. Dabei bestätigt dieses erneute Aufbrechen der gegenseitigen Vorwürfe und Ängste doch vor allem, wie abhängig jede Kultur von den anderen, wie verwoben die jeweiligen Welten sich exakt in dem Moment erweisen, in dem sie auf ihrer Verschiedenartigkeit insistieren.

Atheist muss mit dem Gläubigen für Glaubensfreiheit streiten

Warum sonst sollte es Muslime in Indien oder Ägypten kränken, wenn ein christlicher Theologe bei einem Vortrag in der Universität Regensburg einen byzantischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert zitiert, der sich in einem Gespräch mit einem persischen Gegenüber über das Verhältnis von Glauben und Zwang unterhält? Warum sonst sollte es Atheisten in Berlin oder Stockholm stören, wenn sich muslimische und christliche Gläubige über heilige Propheten oder göttlichen Willen entzweien? Warum sonst sollte es Liberalisten ereifern, wenn sie sprachlich beschimpft werden?

Weil jede Identität sich erst im Dialog, mit und durch den anderen ausbildet. Weil wer wir sind, nicht allein durch unsere Herkunft, unsere Sprache, unser Begehren, unsere Erzählungen und unseren Hoffnungen bestimmt wird, sondern auch dadurch, wer wir für und durch andere sind. Anerkennung wie Missachtung, Zustimmung wie Ablehnung, prägen unser Selbstverständnis gleichermaßen. In dieser Abhängigkeit von anderen, in dieser sprachlichen Verletzbarkeit liegt unsere Menschlichkeit begründet - und in dieser Gemeinsamkeit liegt die Quelle für Zerwürfnisse wie für Versöhnung.

So wäre es an der Zeit, sich darauf zu einigen, das Eigene mit dem anderen zu verteidigen. Wer seinen orthodoxen Glauben erhalten will (ob Muslim, Jude oder Christ), muss mit dem Atheisten gemeinsam für eine säkulare Ordnung ringen - denn nur in diesem geschützten Rahmen lassen sich die religiösen Verschiedenheiten leben. Wer seine Ungläubigkeit erhalten will, muss mit dem Religiösen für die Glaubensfreiheit streiten, denn nur so lässt sich die Vielheit der Lebensformen aushalten. Wessen Glaube abweichende Überzeugungen nicht ertragen kann, der ist nicht gefestigt im Glauben. Wessen Atheismus traditionelle Gläubigkeit nicht ertragen kann, der ist nicht frei von Orthodoxie. Wessen Feminismus gläubige Frauen nicht akzeptieren kann, der ist nicht für die Selbstbestimmung der Frau. Wessen Toleranz nur die Toleranz Gleichgesinnter meint, der ist nicht tolerant. Wessen Glaubensfreiheit nur den eigenen Glauben meint, der gestattet keine Freiheit. Wessen Überzeugung keine Kritik aushält, der hat keine guten Gründe für die eigene Überzeugung. Wessen Selbstbild sich nur mit Beleidigung anderer stärkt, der traut sich nicht viel zu.

Im zweiten Teil lesen Sie, warum Freiheit Kreativität erst möglich macht und wie Ideologen entlarvt werden müssen

Mitschuld an den Ängsten der anderen

Und so wäre es an der Zeit, achtsamer mit der nicht ganz unberechtigten Furcht des anderen umzugehen, denn die Geschichte dieser kollektiven Ängste des jeweils anderen verweisen immer auch auf die Geschichte der eigenen Versäumnisse und Verbrechen. Jede dahingeworfene Beleidigung, jedes kränkende Wort wäre bedeutungslos, würden sie nicht in einen historischen Zusammenhang der Gewalt gerückt werden. Wer die eigene Mitschuld an den Ängsten des anderen bedenkt, der wird den Krieg gegen den Terror nicht fahrlässig als "Kreuzzug" bezeichnen, wer die eigene Verantwortung für die Folgen der Rede bedenkt, der wird nicht fahrlässig einen "Glaubenskrieg" gegen Künstler oder Satiriker ausrufen.

Das Wir, das die einen wie die anderen zu verteidigen meint, entsteht erst in dieser Auseinandersetzung mit dem anderen, den es einschließt.

Wenn wir es ernst meinen mit der Säkularisierung, dann bedeutet sie einen Freiraum, in dem individuelle oder kollektive Neigungen, Überzeugungen und Hoffnungen gelebt werden können - ohne dass der Staat oder Nachbar zu intervenieren aufgerufen ist. Sie bedeutet die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben. Die Freiheit, sich nach einer anderen Welt, nach einer anderen Ordnung zu sehnen - aber die rechtliche Ordnung der gesellschaftlichen Verfasstheit anzuerkennen. Das bedeutet im Übrigen auch, irrational sein zu dürfen, aus Liebe zu einem Text, einer Person, einer alten Geschichte, die eigene Herkunft, den kulturellen oder sozialen Kontext, die Wirklichkeit um einen herum überschreiten zu dürfen - im Glauben oder im Unglauben.

Diese Freiheit, sich selbst oder die Realität zu überschreiten, ist es, die Menschen kreativ sein lässt. Aus diesen Sehnsüchten erwächst die Kunst, die Musik, die Philosophie. Es mögen religiöse oder atheistische Visionen sein, die uns über uns hinaus wachsen lassen. Aber wir verarmten kreativ in unserem Gemeinwesen, in unserer Lebensfreude, wenn wir sie in die eine oder in die andere Richtung beschneiden wollten.

Entlarvt die Ideologen!

Und so wäre es auch an der Zeit, die rückwärtsgewandten Ideologen dort zu entlarven, wo sie wirklich zu finden sind: überall dort, wo soziale, ästhetische und politische Fragen als vermeintlich religiöse deklariert werden. Überall dort, wo Rassismus und Anti-Islamismus als Säkularisierung verklärt werden. Überall dort, wo christlicher Fundamentalismus als aufgeklärte Moderne ausgegeben wird. Überall dort, wo Rassismus als muslimische Selbstbestimmung verkleidet wird. Überall dort, wo Fragen der Integration, der Bildung, des Patriarchats, der sozialen Mobilität, der Anerkennung als angeblich religiöse Fragen ins Reich des Unbeantwortbaren abgeschoben werden. Die religiöse Lesart der Konflikte unserer Zeit kennzeichnet vor allem eine Verweigerungshaltung, uns mit ihnen auseinanderzusetzen und an einer Lösung zu arbeiten. Stattdessen ziehen wir uns auf unsere geliebten, vertrauten Gewissheiten zurück, loben die eigene Überlegenheit und schütteln den Kopf über die Unverständigkeit und Gewaltbereitschaft des anderen.

So aber erfüllen wir genau die perfiden Erwartungen der wirklich Gewaltbereiten und anverwandeln uns jenem verzerrten Bild, das die Fundamentalisten von uns zeichnen. Das jedoch wäre die eigentliche terroristische Bedrohung, möglicherweise nachhaltiger und gefährlicher als die traurigen Verluste unschuldigen Lebens, nämlich, dass es den Fanatikern gelungen sein könnte, uns im Kern unseres Selbstverständnisses zu treffen, und eine Reaktion zu provozieren, in der wir uns bar all jener demokratischen und liberalen Werte zeigen, die uns ursprünglich auszeichneten.

Dies jedoch ist eine Bedrohung, die wir innerhalb, nicht außerhalb unserer Kultur bekämpfen müssen.

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