Essay Mangelt es an "Parallelgesellschaften"?

Sozialwissenschaftler rümpfen gern die Nase, wenn der Begriff "Parallelgesellschaft" fällt. Ganz und gar abwegig ist dieses Verhalten nicht. Denn der umstrittene Begriff wirkt aufgeladen und emotionalisiert, wertet zudem auch ab.

Von Franz Walter


Vor allem in der Woche nach dem Mord an dem niederländischen islamkritischen Filmemacher Theo von Gogh, dann während der Feuernächte in den Banlieues von Paris im späten Sommer 2005, schließlich im Umfeld der Vorgänge an der Neuköllner Rütli-Schule erfreute sich der Begriff der "Parallelgesellschaft" einer hohen Talk-Show-Aufmerksamkeit. An Präzision gewann er dadurch allerdings nicht. Dafür wurde die Metapher von der "Parallelgesellschaft" mehr und mehr zum apokalyptischen Bild einer künftig terroristischen, jedenfalls antidemokratischen, zumindest jugendlich randalierenden Gefahr. Insofern sind intellektuelle Bedenklichkeiten gegen den reflexionsfreien Gebrauch der Kategorie "Parallelgesellschaft" gewiss nicht rundum absurd.

Was aber meint der Begriff "Parallelgesellschaft", soweit er rational verwendet wird? Versuchen wir eine Beschreibung: "Parallelgesellschaften" begründen sich in einer ethnisch, sozial, weltanschaulich homogenen Gruppe, die sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt, stigmatisiert, benachteiligt fühlt. Doch kann sich eine Gruppe durch ihr fundamentalistisch abweichendes Ordnungsgerüst eigener Ideen und Ethiken auch selbst isolieren.

Dass darin Gefahren für eine liberale Demokratie lauern, ist offensichtlich. "Parallelgesellschaften" kapseln sich ab. Sie verweigern oft die Kommunikation mit anderen Gruppen und Interpretationen, gelangen so zu einer selektiven Sichtweise des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Sie setzten ihre eigenen Werte und Ziele absolut, neigen infolgedessen dazu - nicht immer, aber auch nicht selten - die Existenz des Anderen kompromisslos zu negieren, im gesteigerten Fall: militant zu bekämpfen. Demokratien aber brauchen ohne Zweifel eine Vorstellung von dem, was von allen Mitgliedern kollektiv geteilt und aktiv getragen wird, benötigen einen Sockel an gemeinsamen Vertrauen, Kooperationen und Solidaritäten. Sonst ist der gesellschaftliche Zusammenhalt der Demokratien labil.

"Parallelgesellschaften" verfügen über ein autonomes System von Organisationen, Geselligkeiten, Versorgungseinrichtungen, mit deren Hilfe die einzelnen Mitglieder der Eigenkultur quasi autark Teile ihres Alltags meistern. "Parallelgesellschaften" leben aus starken Identitäten im Inneren und markanten Abgrenzungen nach außen. Dafür verfügen sie über ein Set von Ritualen, Symbolen, Codes. All das fußt oft auf einem kompakten Fundament stringenter, nicht selten gar fundamentalistischer Werte, Weltdeutungen, Orientierungen.

Aus der Perspektive der Bewohner von "Parallelgesellschaften" fällt die Bilanz allerdings häufig genug weit besser aus. Denn "Parallelgesellschaften" erleichtern ihren Mitgliedern den Wechsel in eine kulturell radikal anders geprägten Ordnung. Sie machen die sonst fällige Isolation erträglicher. "Parallelgesellschaften" sind ein Schutz- und Orientierungsraum. Sie vergemeinschaften den Einzelnen, stellen so soziale Beziehungen her, wirken dadurch stabilisierend, im übrigen auch aktivierend. Ihre Kollektivität baut folglich Apathie und Resignation ab, reduziert die "negative Individualität" der Moderne. In Einwanderungsgruppen ohne sozialräumliche Verdichtungsquartiere und integrative Infrastrukturen jedenfalls liegt die Zahl psychischer Krankheiten bedeutend höher.

Verpflanzte Dörfer

Insofern sind "Parallelgesellschaften" historisch keineswegs neue Sozialphänomene. Immigranten haben ganz überwiegend stets die Nähe zu ihresgleichen gesucht, um die Vielzahl an Herausforderungen, Ängste und Unsicherheiten in der Fremde zu bewältigen. So kam es zu den berühmten "verpflanzten Dörfern" auch in der deutschen Amerikaauswanderung. Westfalen siedelten mit Westfalen. Schwaben mit Schwaben, Pommern mit Pommern – am liebsten jeweils mit den alten Nachbarn aus dem früheren Dorf. Eine verdichtete deutsche Kolonie entstand zum Ausgang des 19. Jahrhunderts beispielsweise in Chicago mit all den heute als parallelgesellschaftlich bezeichneten Strukturen zur Erhaltung nationaler Identitäten. Die Deutschen rekonstituierten ihre Karnevalsvereine, Kirchenorganisationen, sozialistischen Zirkel, Restaurants und Einkaufsläden mit den aus ihrer Heimat gewohnten Lebensmitteln und Trinksitten.

Das Ruhrgebiet erlebte zeitgleich ähnliches mit den angeworbenen Bergarbeitern aus den damaligen preußischen Ostregionen. Die "Ruhrpolen", wie man sie sodann in Bottrop und Umgebung nannte, zogen auch räumlich eng zusammen, feierten nach überliefertem polnischen Brauch ihre katholischen Messen und Feiertage, errichteten eine geschlossen Vereinswelt, etablierten schließlich eine eigene, schlagkräftige Gewerkschaft, das "Zjednoczenie Zawodowe Polskie".

Keine dieser "parallelgesellschaftlichen" Enklaven hat bekanntlich die aufnehmenden Gesellschaften terroristisch zerstört, wenngleich die Befürchtungen, dass so etwas geschehen könnte, schon damals virulent waren und polizeiliche Spitzel unaufhörlich in Trab hielten. Auch wenn es paradox klingen mag: In all den Fällen ethnischer Kolonisierung führte anfängliche Segregation zur anschließenden Integration. Und das vollzog sich nicht nur bei Migrationsminderheiten, sondern auch in der innergesellschaftlichen Konfliktsegregation.

Die katholischen und sozialistischen Bevölkerungsteile etwa lebten lange, vom Beginn der Bismarck-Ära bis in die 1950er Jahre, in "parallelgesellschaftlichen" Eigenwelten, übrigens dabei lange auch motiviert und inspiriert durch reichlich fundamentalistische Einstellungen. Aber diese abgeschottete Welt linderte den Schmerz der sonst unmittelbar und vereinzelt erfahrenen Isolation, Entwurzelung, auch Ächtung. Das dämpfte überdies die Verbitterung, bremste und domestizierte extremistische Energien. Die "Parallelgesellschaften" boten Aufstiegmöglichkeiten in der Hierarchie ihres eigenen Organisationskosmos. Und in dem Maße wie sich diese Organisationen zugleich als Pressure Groups in der offiziellen Gesellschaft zu Worte meldeten und Erfolge erzielten, in dem Maße trugen sie auch zur sukzessiven sozialen und schließlich kulturellen Einbindung im Gesamtgefüge der Nation bei.

Insofern kann Segregation eine ganz unvermeidliche Brücke, eine nachgerade konstitutive Zwischenstation zur Integration bilden. Doch, natürlich, zwingend ist das nicht. Mann kann sich auch in der Heimeligkeit und Wärme des parallelgesellschaftlichen Refugiums selbstgenügsam einrichten. Das schwächt dann die Bereitschaft, die Sprache des Einwanderungslandes zu lernen, sich ambitioniert für Funktionen jenseits der vertrauten Subkultur zu qualifizieren. Die Abkapslung und Binnenintrovertiertheit verfestigt sich auf diese Weise. Die Kontaktkreise zur umgebenden Umwelt bleiben gering. Das aber ist in der Tat problematisch. Denn intensive Kontakte sind elementar; sie tragen erheblich dazu bei, Ressentiments zu korrigieren, Sympathien aufzubauen, Lernprozesse in Gang zu setzen.

"Parallelgesellschaft" ist nicht gleich "Parallelgesellschaft"

Kurzum: "Parallelgesellschaft" ist nicht gleich "Parallelgesellschaft". Falls ethnische oder kulturelle Konflikte, die zur eigenkulturellen Absonderung geführt haben, noch zusätzlich durch soziale oder ökonomische Spannungen durchwirkt werden, wenn die Angehörigen einer solchen Separatkultur überwiegend jung sind und sich biographisch blockiert fühlen, dann ist der fundamentalistische Antrieb aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich außerordentlich groß. Existieren dagegen Brückenköpfe zur Mehrheitsgesellschaft, sind positiv erfahrene Berührungszonen - ein förderndes und durchlässiges Bildungssystem, Wahlrecht, übrigens auch: das Militär, vor allem natürlich der Sport, wie der in diesen Tagen viel beschworene Blick auf Neukölln zeigt - im Alltag vorhanden, sind die Eliten der "Parallelgesellschaft " und der Mehrheitsgesellschaft dialogfähig, dann stehen die integrativen Möglichkeitsfenster weit offen.

Gerade ein hoch entwickelte Organisationskultur in Parallelgesellschaften, besonders der Ehrgeiz, damit in der aufnehmenden nationalen Öffentlichkeit Interessen zu vertreten, die eigene Position und Stellung zu verbessern, führt über kurz oder lang zu einem schleichenden Abbau der parallelgesellschaftlichen Voraussetzungen, mündet in aller Regel in die allmähliche Integration - "selfelimination by success", wie dergleichen Prozesse im sozialwissenschaftlichen Anglizismus gerne bezeichnet werden. Eben an diesen interessenpolitischen Selbstorganisationen fehlt es aber in den abgesonderten Wohnquartieren der Republik, auch der deutschen Unterschichten im übrigen. So gesehen aber ist die Parallelgesellschaftlichkeit in Deutschland derzeit organisatorisch eher unter- als überentwickelt.



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