Essay Parteikarriere geht durch den Magen

Steuerrechtler Kirchhof, Unternehmer Stollmann, Schriftsteller Heym – sie und viele andere haben sich als Quereinsteiger in der Politik versucht – und wurden rasch zerschlissen. Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter erklärt, warum originelle Menschen in der Politik scheitern.


Viel los ist im Berliner Regierungsviertel derzeit nicht. Noch hält die Sommerpause der Politik an. Zu vermuten ist, dass einige Abgeordnete zuvor ein wenig bedrückt in die Ferien gefahren sind. Denn das Ansehen der Politiker in Deutschland war zuletzt noch weiter gesunken. Dass derzeit nicht die Besten der deutschen Gesellschaft die politischen Geschäfte im Bundestag und Bundeskanzleramt führen, davon jedenfalls scheint eine stabile absolute Mehrheit der Bevölkerung in diesen Wochen felsenfest überzeugt zu sein.

Und dergleichen lässt sich nicht nur als die übliche populistisch instrumentalisierbare Emotion der Volksmehrheit abtun. Denn in der Tat: Parteien und Politik in Deutschland sind weit weniger grasverwurzelt, sind in einem erheblich geringeren Maße in geerdeten Lebenslagen, sozialkulturellen Milieus, tief wurzelnden Überzeugungen eingefasst, als das in früheren Jahrzehnten unzweifelhaft noch üblich war. In Parteien und Parlamenten kommen ganze Soziallagen und Lebenswelten nicht mehr vor: nicht das agrarische, nicht das proletarische, kaum das gewerblich-bürgerliche, nicht das kreativ-kulturelle Deutschland.

Dabei haben listige Parteimanager die prominenten Figuren insbesondere aus den kulturell-kreativen Abteilungen der Gesellschaft durchaus im Visier. Zumal in Wahlkampfzeiten lässt sich mit Kandidaten, die aufsehenerregende Bücher geschrieben haben, die im Feuilleton oder Wirtschaftsteil eine meinungsführende Rolle spielen, die als ausgewiesene Experten und Sachverständige weithin geachtet sind, eine hohe Aufmerksamkeit erzielen. Parteien versuchen durch solche "Stars" auf der öffentlichen Bühne ihr Image von Zeit zu Zeit aufzupolieren. Der miefende Stallgeruch soll durch die intellektuelle Frischluft ihrer Sonderkandidaten ohne Parteibuch und Parteiräson zumindest abgemildert werden. Mit den Namen bekannter Universitätsökonomen, reputierlicher Verfassungsjuristen, dynamischer Jungmanager, gedankenreicher Schriftsteller versucht sich der Parteienmainstream alle paar Jahre wieder die Aura von Unkonventionalität, Ideenreichtum, externe Inspiration zu geben.

Zumindest in den ersten Tagen, wenn Parteien der Öffentlichkeit stolz die bunten Vögel aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, zuweilen auch dem Showgeschäft präsentieren, geht das Kalkül der Wahlkampfplaner durchaus auf. Die Medien gehen anfangs auf das Spiel ein, unterstützen es noch, schwärmen zunächst von neuen Gesichtern und neuen Visionen. So war es im August 2005 mit Paul Kirchhof; so erlebte es ganz zu Beginn auch noch Jost Stollmann im Wahlkampfjahr 1998. Ein früher Seiteneinsteiger war der Ordinarius für Grundbau, Tunnelbau und Baubetrieb Hans Leussink als Bundesminister für Bildung und Wissenschaft im ersten Kabinett von Willy Brandt; ebenso der Rechts- und Sozialphilosoph Werner Maihofer, von 1974 bis 1978 Bundesminister des Innern. Auch Ralf Dahrendorf mag man dazu zählen, im Übergang von den sechzigern zu den siebziger Jahren kurzzeitig Landtagsabgeordneter und Bundestagsabgeordneter, dann Staatssekretär der FDP mit unverhohlenen Ambitionen auf die Kanzlerschaft. Zu einer Seiteneinsteigerin dieser akademischen Provenienz ließ sich ebenfalls Ursula Lehr rechnen, eine höchst geachtet Professorin für Gerontologie und Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit in der Regierung Kohl von 1988 bis 1991, dann der Professor für Staats- und Verwaltungsrecht Rupert Scholz, der unter Kohl ein Jahr lang das Bundesverteidigungsministerium leitete. Kurzeitig in die Politik und in den Bundestag verschlug es Mitte der neunziger Jahre überdies die Schriftsteller Stefan Heym und Gerhard Zwerenz.

Bemerkenswerte Spuren hat niemand von ihnen in der politischen Landschaft hinterlassen. Einige verschwanden bekanntlich nach wenigen Wochen bereits ziemlich ruhmlos von der Bildfläche. Dabei waren sie durchaus so, wie sich das Volk seine politischen Repräsentanten regelmäßig wünscht: Kluge, gebildete, energische, in ihrem Sachgebiet höchst kompetente Menschen. Mehr noch: Die meisten dieser Quereinsteiger waren wahrscheinlich weit intelligenter als - schätzungsweise – 95 Prozent der Parlamentarier im Deutschen Bundestag. Und doch endete die politische Karriere der Neu-Politiker aus Wissenschaft, Wirtschaft und Literatur ganz überwiegend deprimierend kläglich. Nur: Warum war und ist das so?

Natürlich scheitern die meisten von ihnen an derjenigen Instanz, die sie zunächst kräftig protegiert hatte: An den Medien. Es ist das immergleiche Lied von Inszenierung und Demontage was in den Redaktionsbüros und Studios gesungen wird. Niemand ruft lauter nach neuen Köpfen und neuen Konzepten. Niemand reagiert dann allerdings erbarmungsloser und sarkastischer auf die neuen Köpfe und neuen Konzepte, wenn sie erst mal da sind, als das Rudel der Parlamentskorrespondenten. Denn sie zählen natürlich ebenfalls zur politischen Klasse, sind Teil der gewohnten und Sicherheit vermittelnden Kreise, Rituale, Regeln im Binnenbetrieb zwischen Willy-Brandt-Straße und Werderscher Markt. Menschen, die anders sind, anders ticken, wie es dort gern heißt, bereiten ihnen Unbehagen. Und so stoßen sie ab, was nicht zu ihnen gehört.

Aber das ist es nicht allein, weshalb kluge Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sich so schwer auf dem Terrain der Politik tun. Denn natürlich ist Politik auch eine eigene Profession, die man gründlich gelernt haben muss – nicht zuletzt: durch Praxis. Das unterscheidet die Politik nicht von anderen hochkomplexen Berufen wie, sagen wir: der Medizin. Indes kommt bezeichnenderweise niemand auf den Gedanken, für die klinische Chirurgie fröhlich die Parole "Seitensteiger in den OP" zu schmettern.

Tonnen von Bratwürstchen und etliche Kilo Senf

Dabei benötigen die Akteure im politische Management mindestens ein ebenso breites Set an Qualifikationen, wenngleich gewiss ganz anderer Art: Kommunikationsfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Überzeugungskraft, rhetorisches Talent, Kooperationspragmatik, nicht zuletzt: Gefahreninstinkt. Politiker müssen Virtuosen der Verknüpfung verschiedener Informationen aus mannigfaltigen Bereichen der Gesellschaft mit ihren je eigenen Logiken sein. Sie brauchen dazu Geduld, müssen Leerlauf aushalten, weite Wege gehen, rochieren können. Ihnen muss es oft genug genügen, Ergebnisse zu erzielen, die ein beträchtliches Stück vom theoretischen Optimum entfernt liegen. Politiker brauchen Sitzfleisch und eine hohe Frustrationstoleranz für endlose, aber in Demokratien unumgängliche Gremiensitzungen. Hochkarätige Experten ohne alle diese Erfahrungen und Qualitäten erleiden in aller Regel einen schlimmen Erlebnisschock, wenn sie in den politischen Alltag geworfen werden. Nichts geht dort geradlinig und konsistent; etliches ist öde und ohne Sinn; kaum etwas funktioniert unmittelbar effizient - und kann es auch nicht.

Ein langjähriger Bundestagsabgeordneter hat den universitären Politologen einmal erklärt, was man können sollte, um in der Politik zu bestehen: "Sie müssen dazu in der Lage sein, Tonnen von Bratwürstchen und etliche Kilo Senf zu vertilgen, dabei einige Hektoliter Bier durch die Kehle zu bringen. Ohne einen guten Magen geht gar nichts. Haben Sie damit Probleme, dann lassen Sie die Finger von der Politik." So mag es wohl sein. Und so dürfte es nicht zuletzt der Souverän, die Menschen, das Wahlvolk auch wollen. Der Bürger möchte seinen Abgeordneten bei jedem Vereins- und Griffest sehen - zuhörend, mittrinkend, zu später Stunde auch gesellig schunkelnd. Natürlich soll er trotz dieses Verschleißes an Zeit und Geist irgendwie dennoch ein bundesweit profilierter Experte für die Gesundheitsreform oder das Föderalismusproblem oder die Bildungspolitik oder das Steuersystem etc. etc. sein, sich aber auch ganz generell exzellent auskennen, wenn möglich gar durch originäre Ideen glänzen. Der Abgeordnete soll als Stimme der Basis im Parlament agieren, aber doch auch authentisch wirken, ein Unikum darstellen - gleichsam ein Chamäleon, das sich keineswegs anpasst.

Erfahrene Politiker haben sich an dieser Erwartungsdiffusion gewöhnt. Es ist eben Teil ihres Berufes, den sie gründlich, in der gern verachteten Ochsentour erlernt haben. Seiteneinsteiger fehlt da etwas. Es ist wohl so: Originelle Menschen, Künstlernaturen, schöpferische Intellektuelle, logisch denkende Naturwissenschaftler, zielstrebige Unternehmer - sie alle sind für die tausend Umwege, Kompromisse und Unschärfen der Politik ganz und gar ungeeignet.



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