Gewalt in Bussen und Bahnen Wenn die Angst mitfährt

Die Angst vor Jugendgewalt wächst - und mit ihr der Druck, die Sicherheit in U-Bahnen zu verbessern. Parteien und Verkehrsunternehmen diskutieren Waffenverbote und Polizeieinsätze: Die Konzepte erinnern an die Null-Toleranz-Politik im New York der neunziger Jahre.

Von Nadine Michel und


Hamburg/Berlin - Eine 19-Jährige stößt einen 20-jährigen dunkelhäutigen Mann vor eine einrollende S-Bahn. Ein 44-Jähriger wird in der U-Bahn mit einem heftigen Fußtritt niedergestreckt. Zwei Busfahrer werden angegriffen, einer davon mit dem Messer. Bei einer weiteren Messerstecherei an einem U-Bahnhof gibt es drei Verletzte.

U-Bahn-Übergriff auf Rentner in München: Gefühlte Bedrohung
AP

U-Bahn-Übergriff auf Rentner in München: Gefühlte Bedrohung

Fünf Übergriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln, alle passiert am vergangenen Wochenende in Berlin. Alle schafften es in die Schlagzeilen. Seit zwei Jugendliche kurz vor Weihnachten einen 76-Jährigen in einem Münchner U-Bahnhof brutal zusammengeschlagen haben, treibt eine neue Gewaltdebatte die Republik um.

Jugendgewalt ist binnen eines Jahrzehnts drastisch angestiegen: Eine Untersuchung einer Arbeitsgruppe aus Bund und Ländern für die Innenministerkonferenz zeigt, dass sich die Zahl der Körperverletzungen durch jugendliche Täter in einzelnen Bundesländern nahezu verdoppelt hat. Vor allem öffentliche Verkehrsmittel werden ständig in einem Atemzug mit Jugendgewalt genannt. So entsteht der Eindruck, Busse und Bahnen seien besonders gefährlich.

Friedhelm Bihn, Sprecher des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), findet diese Perspektive verengt: "Busse und Bahnen sind wie die übrigen öffentlichen Bereiche in jeder Stadt kein kriminalitätsfreier Raum", sagt er. "Das Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, war und ist aber in Bussen und Bahnen nicht höher als anderswo." Jens Wieseke, stellvertretender Vorsitzende des Berliner Fahrgastverbandes IGEB: "Statistisch gesehen ist es sogar sicherer, mit der Bahn von Rudow nach Spandau zu fahren, als mit dem Auto."

Trotzdem treibe die gefühlte Angst, überfallen zu werden, derzeit wohl manchen sogar dazu, lieber wieder mehr Auto zu fahren. Man fühlt sich unsicherer in Bus und Bahn.

New Yorker Gefühl der Angst

Die Debatte über öffentliche Verkehrsmittel gab es schon öfter - das prominenteste Beispiel ist das New York der achtziger Jahre. Damals gab es dort jährlich gut 12.000 Übergriffe in U-Bahnen. Angst griff um sich, Menschen begannen, die Züge zu meiden. Die Stadt reagierte mit einer Politik der harten Hand. Die Videoüberwachung wurde ausgebaut. Seit 1987 wurde jeder, der ein Gewaltverbrechen in der U-Bahn oder im Bus beging, mit mindestens zwei Jahren Haft bestraft. Ab 1994 wurden im Rahmen der Nulltoleranz-Politik des damaligen Bürgermeisters Rudolph Giuliani umfassende Waffenverbote verhängt, Zehntausende Polizisten arbeiteten zeitweilig als Zugbegleiter. Die Politik blieb umstritten - fest steht: Mitte der neunziger Jahre sank die Kriminalitäts- und Gewaltrate deutlich.

Nun führt die aktuelle Gewaltdebatte auch in Deutschland dazu, dass neue Sicherheitskonzepte diskutiert und umgesetzt werden - manche erinnern stark an die Nulltoleranz-Debatte.

Die Hamburger Grünen fordern ein stadtweites Waffenverbot zur Eindämmung der Jugendgewalt. "Ich halte das für eine sinnvolle Schutzmaßnahme", sagt Innenpolitikerin Antje Möller. Die Forderung dürfte außerdem mit dem Hamburger Wahlkampf zusammenhängen. Immer wieder haben die Grünen gefordert, man wolle Autofahrer durch Umweltzonen und City-Maut zum Umsteigen auf Busse und Bahnen bewegen.

Grüne fordern stadtweite Waffenverbote

Viele Städte planen, ihr Sicherheitspersonal aufzustocken. Für flächendeckende Sicherheit sorgt in den meisten U-Bahn-Netzen derzeit nur die Videoüberwachung. Deren Abschreckungspotential bei Gewalttaten ist jedoch begrenzt. Raubüberfälle werden durch Kameras zwar eingedämmt, weil die Täter fürchten müssen, erkannt zu werden. Gewaltübergriffe erfolgen aber oft aus dem Affekt - ob eine Kamera filmt, ist dem Täter dann egal.

Experten setzen auch auf mehr Wachpersonal an Bahnhöfen und in Zügen. Nachdem Hamburg Ende 1997 das Sicherheitspersonal verdoppelte, halbierte sich im Folgejahr die Zahl der Gewaltdelikte von 554 auf 288 gemeldete Fälle. Bis 2006 sank die Zahl trotz Einführung des Nachtbetriebs sogar auf 204. Andere Faktoren können diese Zahlen jedoch verzerren. Fest steht: So viele Sicherheitskräfte wie in der U-Bahn der Hansestadt gibt es in wenigen deutschen Städten. Den 200 Hamburger U-Bahn-Wachleuten stehen 124 bei den Münchner und 120 bei den Berliner U- und Trambahn-Betreibern gegenüber.

In Berlin erwägt man derzeit, gleich 500 bis 1000 Langzeitarbeitslose als zusätzliche Service- und Präsenzkräfte einzusetzen. Um ausgebildete Sicherheitskräfte handle es sich dabei zwar nicht, sagt Klaus Wazlak, Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Ihre verstärkte Präsenz in Bussen, Bahnen werde aber das "subjektive Sicherheitsgefühl" stärken.

BVG fordert Polizei-Einsätze in U-Bahnen

Um die S-Bahnen sicherer zu machen, fordert der BVG zudem eine stärkere Einbindung der Polizei in den Personenschutz. "Wenn es darum geht, Fahrgäste vor schwerer Gewaltkriminalität zu schützen, dann ist das eine Aufgabe der Polizei", sagt Wazlak. "Das können wir nicht mehr leisten."

Der VDV fordert derweil mehr Geld von den Kommunen. "Es kann nicht sein, dass öffentliche Mittel für Busse und Bahnen in Milliardenhöhe gekürzt werden, andererseits aber das Verkehrsangebot weiter verbessert und auch noch immer mehr Sicherheitspersonal eingestellt werden soll", sagt Bihn. "Diese Rechnung geht nicht auf."

Der Berliner Fahrgastverband IGEB fordert eine stärkere Unterstützung durch die Politik. "Ich rufe nicht nach neuen Gesetzen, aber der Staat muss sein Gewaltmonopol durchsetzen", sagt deren Sprecher Jens Wieseke. "Die Bahnhöfe sind ein öffentlicher Raum, der nicht alleine privaten Wachleuten überlassen werden kann."



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