Hilfe für Demenzkranke Heftiger Widerstand gegen Pflegedienste von Arbeitslosen

"Unüberlegter Schnellschuss", "Scharlatanerie", "PR-Spektakel": So kritisieren Politiker und Experten den Vorstoß, Langzeitarbeitslose für die Pflege von Demenzkranken einzusetzen. Aber schon am 1. September soll das Programm starten.


Berlin - Mehrere tausend Langzeitarbeitslose sollen künftig Demenzkranke in Pflegeheimen betreuen. Sie sollen die geistig verwirrten Menschen füttern, ihnen vorlesen und mit ihnen spazieren gehen, berichtete Klaus Vater, der Sprecher des Gesundheitsministeriums. Pflegeleistungen sollten die Langzeitarbeitslosen nicht erbringen, doch ihre Arbeit könnte die überlasteten Pflegekräfte spürbar entlasten. Insgesamt würden 10.000 Betreuer benötigt.

Station für Demenzkranke in Stuttgart: "Arbeitslosigkeit ist noch keine Qualifikation für den Pflegeberuf"
DPA

Station für Demenzkranke in Stuttgart: "Arbeitslosigkeit ist noch keine Qualifikation für den Pflegeberuf"

Das mit der Bundesagentur für Arbeit verabredete und in der Gesundheitsreform festgelegte Programm solle am 1. September starten. Auf diese Weise solle den Demenzkranken ein "humanerer Alltag" ermöglicht werden, sagte Vater.

Aus ganz anderer Perspektive urteilen die Kritiker der neuen Regelung. "Der Wert der Pflege wird so gering eingeschätzt, dass nun Hilfskräfte eingesetzt werden sollen, die nach einem Kurzlehrgang auf die Menschen losgelassen werden sollen. Wer sich das ausdenkt, hat von Pflege und Menschlichkeit keine Ahnung", kritisierte der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo, Wilhelm Schmidt. Er äußerte sich im Berliner "Tagesspiegel" empört über das Vorhaben.

Der pflegepolitische Sprecher der Unionsfraktion, Willi Zylajew, sprach von einem "unseriösen PR-Spektakel". Pflegeassistenten müssten gut ausgebildet und anständig bezahlt werden. "Allein der Umstand der Arbeitslosigkeit ist keine Qualifikation für einen Pflegeberuf", kritisierte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel das Vorhaben in der "BamS". Die Pflege alter und kranker Menschen sei "zu wichtig für eine solche arbeitsmarktstatistische Scharlatanerie". Kritik äußerte auch der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek: "Man kann nicht jeden in so einen Beruf schicken".

Nach dem neuen Pflegegesetz dürfen Pflegeheime für Demenzkranke zusätzliches Personal einstellen. Pro 25 Demenzkranke darf ein Heim den Angaben zufolge künftig eine zusätzliche Kraft einstellen. Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann sagte der "Süddeutschen Zeitung", es müsse bei dieser Rekrutierungsaktion "die menschliche Eignung der Bewerber" und " nicht ihre schwere Vermittelbarkeit" im Vordergrund stehen.

Derzeit würden überall in Deutschland Bewerberpools gebildet, sagte eine BA-Sprecherin dazu der "Süddeutschen Zeitung". Teilnehmen könne jeder, der sich für die Arbeit in einem Heim interessiere und für eine Weiterbildung in Frage komme.

Die Arbeitslosen sollen offenbar nur eine Kurzausbildung bekommen, wie die "SZ" weiter berichtet. Ein Entwurf des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der dem Blatt vorliegt, sieht 160 Stunden Unterricht (vier Wochen à 40 Wochenstunden) und einige Praktika vor. Vergleichbare Lehrgänge in der Vergangenheit hätten 900 Stunden Schulung (etwa ein halbes Jahr) vorgesehen, kritisierte ein Sprecher der Deutschen Alzheimergesellschaft. Josef Hille von der Alzheimer Gesellschaft Sachsen sprach in der "Leipziger Volkszeitung" von einem "unüberlegten Schnellschuss von Leuten, die nichts mit der Pflege zu tun haben".

Anders als die Kritiker stellte sich Unionsfraktionschef Volker Kauder in der "Bild am Sonntag" hinter das Vorhaben: "Wenn die Menschen für diese Aufgabe qualifiziert sind, ist das in Ordnung." Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bedauerte die Debatte, in die sich "Misstrauen und Arroganz gegenüber den Arbeitslosen eingeschlichen" habe. Das hätten die Langzeitarbeitslosen nicht verdient. Viele von ihnen seien ausgesprochen sozial engagiert und hätten gute Vorkenntnisse im pflegerischen Bereich. Die Angehörigen und die Pflegeheime warteten auf eine solche Regelung. "Wir wollen ein flächendeckendes Angebot gut geschulter Menschen, so dass eine Betreuung unter Anleitung des Fachpersonals erfolgreich durchgeführt werden kann."

mik/AFP/dpa/AP



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