Kulturen-Konflikt "Wir können keine Mauern um Europa bauen"

Europa in eine Trutzburg verwandeln? Sich mit Parallelgesellschaften abfinden? Mit der Erfahrung des Balkankriegs fordert die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic in ihrem Essay für SPIEGEL ONLINE eine neue europäische Identität im Kulturen-Konflikt.


In den fünfziger Jahren, als ich noch zur Schule ging, war Europa dort, wo die Sowjetunion nicht war. Die großen politischen Veränderungen der vergangenen Jahre haben diese kindliche Gewissheit zerrinnen lassen. Das Europa von heute ist nicht länger geopolitisch durch die Grenzen im Osten definiert, nicht einmal als Wirtschaftseinheit - sondern viel eher als ein Raum gemeinsamer Einstellungen, Definitionen, Institutionen, als eine bestimmte mentale Landschaft.

Den "Eisernen Vorhang", der die Abgrenzung vereinfachte, gibt es nicht mehr. Europa hat den Zusammenbruch des Kommunismus gesehen, das Verschwinden eines gemeinsamen Feindes, die Beschleunigung des Integrationsprozesses in der EU und deren Ost-Erweiterung und den Krieg auf dem Balkan. Parallel dazu scheint der Globalisierungsprozess die ganze Welt in seinen Sog zu nehmen.

Alle diese Veränderungen verliefen für die Menschen zu schnell, als dass sie sie hätten verstehen oder auch nur erfassen können. Sie reagierten, wie Menschen immer auf Unbekanntes reagieren: mit einem Gefühl der Unsicherheit und der Furcht. Während sich die bekannte Welt vor ihren Augen auflöst, lässt sich die neu entstehende noch nicht begreifen. Was ist Europa wirklich? Und wie weit kann es sich nach Osten ausdehnen, ohne aufzuhören, Europa zu sein? Gehört etwa die Türkei zu Europa?

Das sind keine abstrakten Fragen. Letztlich geht es darum, wie diese Veränderungen das Leben der Europäer verändern werden, ihre Arbeitswelt, ihr Einkommen, ihre Erziehung und Ausbildung, ihre Sprache und so weiter. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, als verlören sie die Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu kontrollieren. Ein Gefühl der Angst untergräbt ihr Vertrauen in die Welt um sie herum und ihre Gewissheit.

Es ist, so viel ist sicher, eine unbestimmte Angst. Obwohl sie nicht völlig spezifiziert und oft nicht einmal als solche erkannt ist, geht sie greifbar um, messbar in Umfragen, Referenden und Wahlergebnissen. Sie kommt zum Ausdruck in Zweifeln über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Währung, an der Ausländer-Integration und EU-Erweiterung oder am freien Verkehr von Arbeitskräften. Das bedeutet: So vage sie auch ist, diese Angst hat bereits Auswirkungen auf das politische Leben in einigen Ländern und wird möglicherweise schon bald die politische Landschaft Europas wesentlich verändern.

Der Mechanismus, von Ängsten zu profitieren, ist einfach und bekannt. Als Einzelner mag man sich verloren und durcheinander fühlen, hinweggefegt vom Tempo und dem Ausmaß geschichtlicher Ereignisse. Doch plötzlich bietet jemand Schutz, ein Gefühl dazuzugehören, eine Sicherheitsgarantie. Wir sind vom selben Blut, entstammen demselben Boden, unser Volk zuerst - heißt die Rhetorik dann. Altmodische Worte wie "Blut", "Heimaterde", "Hoheitsgebiet", "wir", "sie" können Verängstigte besänftigen.

Diffuses Gefühl der Angst und ein politischer Führer

Wer sie hört, fühlt sich stärker, ist nicht länger allein, nicht länger konfrontiert mit den "Anderen" - seien es zu viele Einwanderer, Muslime, Türken, Flüchtlinge, Afrikaner, Asyl-Bewerber, Zigeuner, oder sei es die aufgeblähte Bürokratie, die das Leben von Brüssel aus regeln will. Wer einmal das Behagen verspürt hat, zu etwas zu gehören, den ängstigen die "Anderen" nicht mehr. Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt von der Furcht vor dem Unbekannten bis zur Schaffung eines "bekannten" Feindes. Es bedarf nicht viel mehr, als des diffusen Gefühls der Angst und eines politischen Führers, der es auszunutzen versteht. Die Medien erledigen den Rest.

So einen Erfolg, basierend auf fremdenfeindlicher Einwanderungspolitik und aggressiver fremdenfeindlicher Propaganda, verzeichnete zum Beispiel die Dänische Volkspartei (DVP). Deren Vorsitzende Pia Kjersgaard sagte ganz offen, dass Einwanderer, besonders Muslime, die Sicherheit von Familien und die christlichen Werte des "Dänentums" bedrohten. Sie ging so weit, kulturellen Pluralismus mit dem Holocaust zu vergleichen. Es ist alarmierend, dass diese Art Rhetorik konkrete politische Erfolge gezeitigt hat: Bei den letzten Parlamentswahlen Ende 2001 holte die DVP mit zwölf Prozent der Stimmen (plus 4,6 Prozent) 22 Sitze im Folketing (plus neun). Daher kam das Scheitern des Referendums zur Einführung des Euros in Dänemark keineswegs überraschend. So wenig wie die Publikation von zwölf Karikaturen - einige meinen, es sei eine gezielte Provokation gewesen -, welche die muslimische Welt noch immer erschüttern.

Es ist ein Problem, dass nur die Populisten der Rechtsaußen-Parteien das Ohr am Volk haben und die vorhandene Angst aufnehmen. Natürlich nutzen sie dies für ihre eigenen Zwecke - an die Macht zu gelangen. Es wäre allerdings falsch zu sagen, die Angst sei von diesen Parteien erfunden oder geschaffen worden - das hieße, die Angst zu verharmlosen. Doch indem die Parteien des rechten Flügels noch weiter an Einfluss gewinnen, indem sie die Angst und Furcht ausnutzen, die sonst keiner ansprechen will, können sie das europäische Projekt tatsächlich untergraben.

Gleichmacherei und isolationistische Politik

Ihre Führer sagen den Menschen, sie verlören ihre nationale Souveränität, ihre Kultur, ihre Sprache, und so weiter. Ihre nationale, kulturelle und soziale Identität sei in Gefahr. Nicht nur würden Ausländer, "Fremde" ihre Arbeitsplätze wegnehmen, sondern - und das scheint noch wichtiger zu sein - auch die Gesellschaft selbst werde bis zur Unkenntlichkeit umgeformt. In der Sprache der Rechtsaußen bedeutet eine multikulturelle Gesellschaft kulturelle Desintegration. Dies klingt sehr bedrohlich. Es ist gleichgültig, ob wir das politischen Egozentrismus nennen, regionalen Nationalismus oder neuen Regionalismus - das Ergebnis ist überall dasselbe: Gleichmacherei, die Mobilisierung von Abwehrmechanismen und isolationistische Politik.

Umfragen zufolge fürchten heute mehr Deutsche, in einem vereinten Europa ihre Identität zu verlieren, als noch Mitte der neunziger Jahre. Worin aber besteht diese Identität, die sie so sehr beschützen wollen? Eigentlich gibt es keinen Grund, sich dieser Frage zu stellen, es sei denn, diese Identität ist auf irgendeine Weise herausgefordert oder bedroht.

Offensichtlich sieht der Einzelne die nationale Identität als etwas Gegebenes und Definiertes an, als etwas "Natürliches" wie etwa die Augenfarbe. Kultur, Geschichte, Sprache, Mythen, Erinnerung, Mentalität, Werte, Gewohnheiten, Essen ... all das ist Teil einer nationalen Identität, und die nationale Identität bestimmt das Gepräge unserer persönlichen Identität sehr stark.

"Nationale Identitäten sind konstruiert"

Es ist jedoch noch nicht lange her, als man in den neu gegründeten Staaten wie etwa Kroatien beobachten konnte, wie eine nationale Identität konstruiert wurde und Symbole nationaler Identität wie eine Nationalflagge kreiert wurden, meist aus Mythen und einer Neuinterpretation der Geschichte. Dies beweist, was die moderne Anthropologie lehrt: Nationale Identitäten sind keineswegs eine Garnitur ewiger, vorgefertigter kultureller, historischer oder sozialer Eigenschaften. Mit anderen Worten: Was wir als fundamentale Stütze des Individuums ansehen, ist nicht mehr als ein kulturelles Gebilde - nicht ein "natürlich" entstandenes. Viele Beispiele von Emigranten, Misch-Ehen und Menschen, die nahe an der Grenze leben, belegen, dass es möglich ist, sich mit mehr als einer Nation, mit mehr als einer Kultur gleichzeitig zu identifizieren.

Wenn also Nationen nicht ewig sind, und nationale und persönliche Identitäten konstruiert sind, dann können sie auch rekonstruiert werden. Es kann dank der Vorstellungskraft eine andere Gemeinschaft geschaffen werden. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, über ein neues Verständnis von Identitäten nachzudenken, mit dem Ziel, ein Gegengewicht zur wachsenden Angst in Europa zu schaffen. Anstatt kulturelle Ausschlussmechanismen zu pflegen, wäre es nicht möglich, Identitäten dadurch zu schaffen, dass verschiedene "Lagen" ethnischer, regionaler, nationaler, transnationaler Identitätselemente verbunden werden?

Wenn Identität im Sinne einer "multiplen Identität" neu gebildet werden kann, wäre dies nicht ein Weg, eine europäische Identität zu etablieren, die den "Anderen" nicht ausschlösse? Nicht als eine standardisierte und globalisierte Gemeinschaft, sondern als eine nicht-hierarchische verschiedener Kulturen, eine Gemeinschaft von Menschen, die sich einer spezifischen Kultur zugehörig fühlten, nicht jedoch notwendigerweise einem Staat. Und die nicht zwischen beidem wählen müssten.

Offene Gesellschaften können nicht auf Aggression fußen

Es sieht so aus, als ob beide Konzepte, das der Integration ebenso wie das der Assimilation von Nicht-Europäern, fehlgeschlagen sind. Nach den jüngsten Ereignissen drängt die prinzipielle Frage mehr denn je: Wie können wir mit Menschen zusammenleben, die wir in unserer (demokratischen, säkularen, aber auch historisch christlichen und - nicht zu vergessen - weißen) Gesellschaft als "anders" betrachten? Denn zusammenleben müssen wir - und unsere säkulare, liberale, demokratisch offene Gesellschaft kann nicht auf den Mitteln der Aggression bauen, um sich zu verteidigen, weder kann sie Mauern um Europa bauen, noch sich in eine Trutzburg verwandeln. Von einer ganz einfachen Wahrheit ganz zu Schweigen: Wir brauchen diese Menschen.

Doch damit Menschen zusammenleben, müssen sie überzeugt werden, dass sie alle etwas gewinnen - und nicht etwas verlieren. Wir sind leider an einem Punkt angekommen, an dem der Verlust offenkundiger scheint als der Gewinn, an dem Zukunftsangst Hoffnung überwiegt.

Wer hat Angst vor Europa? Der frühere polnische Außenminister Bronislaw Geremek hat diese Frage bereits sehr schön beantwortet, als er sagte: "Europa hat Angst vor sich selbst!"

Übersetzung: Alexander Schwabe



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