Landtagswahlkämpfe Das Kapital der Glaubwürdigkeit

Von Franz Walter

2. Teil: Westerwelle verhindert Koalitionsalternativen - weil er verbohrt am Linken-Feindbild festhält


Guido Westerwelle ist sicher kein Leichtgewicht, auch kein Leichtmatrose, als den ihn ein früherer bayerischer Ministerpräsident einst abschätzig bezeichnet hat. Doch ist Westerwelle einer der größten Blockierer in der bundesdeutschen Gesellschaft. In dieser Gesellschaft herrscht seit 2005 ganz offensichtlich ein Patt der traditionellen politischen Lager. Und Westerwelles störrischer kategorischer Imperativ - mit ihm gebe es keine Ampel - vereitelt alle Bemühungen, die Paralyse durch Allianzen jenseits der Großen Koalition aufzulösen.

Man fragt sich tatsächlich irritiert, warum die Liberalen in Deutschland - vielfach schließlich Zugehörige einer bürgerlichen Elite - einen derart verbohrt agierenden Parteivorsitzenden autoritativ gewähren lassen, der sich partout nicht vom Feindbild der Grünen aus seinen Sozialisationsjahren 1979 bis 1983 trennen kann und will. Schlimmer noch aus bürgerlicher Sicht: Mit Westerwelles polarisierendem "Sozialismus oder Freiheit"-Gerede fügt er die durchaus heterogene "Linke" noch mehr zusammen, zementiert die überkommenen Lagerstrukturen und gibt einer sonst bestenfalls arithmetischen Mehrheit von Linkspartei, Sozialdemokraten und Grünen gar eine plebiszitär hergestellte Legitimität zur Regierungsallianz.

Die Linke ist alt geworden

Schließlich: Furcht hat kaum noch jemand vor der Linken. Das hat einiges mit dem demografischen Wandel zu tun. Man kann das gut auf Fotos aus den sechziger und siebziger Jahren sehen: Die Protagonisten der Linken damals waren jung, vitalistisch, voller aggressiver Energien. Ihre Gesichter dokumentierten Lust und Leidenschaft. Ihre Körpersprache verriet Kraft und Ungestümtheit. Man sah sie johlend durch Straßen stürmen, Steine werfen, Häuser besetzen.

Vierzig Jahre sind seither vergangen. Und die Linke ist alt geworden. Ihr hessischer Spitzenkandidat steht kurz vor der Verrentung. Man kennt ihn als einen fleißigen Behindertenpädagogen. In seinem Gesicht spiegelt sich Melancholie, nicht revolutionäre Ungeduld. Es ist nicht zu befürchten, dass er Barrikaden errichtet und bürgerliche Wohnviertel stürmt. Dennoch, auch er wirkt irgendwie "authentisch".

Der demografische Wandel hat überdies das "Charisma" in der Politik verändert. In der jungen bundesdeutschen Gesellschaft der siebziger Jahre konnte charismatisch sein, wer heftig konfrontierte, radikale Veränderungen versprach, ein dynamischer Mobilisierer war. Im Jahr 2008 und wohl auch (wahrscheinlich erst recht) in den nächsten zwei Jahrzehnten wird dagegen eher der ruhige Typus reüssieren, der zuhört, Verständnis zeigt, Besonnenheit demonstriert, sich sorgen will. Auch darin spiegeln sich die unterschiedlichen Verlaufsgeschichten christdemokratischer Kandidaturen in Hessen hier, in Niedersachsen dort.

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