Leser-Debatte "Jede Frau soll entscheiden können, ob sie zuhause bleibt"

Die harsche Kritik von Bischof Mixa an den Plänen von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen spaltet die Leser von SPIEGEL ONLINE. Einige befürworten die Kritik und befürchten die Entfremdung der Kinder von ihren Eltern - die Mehrheit aber begreift mehr Kinderbetreuung als Chance.


Die Pläne der Familienministerin reduzieren die Eltern auf ihre Rolle als Ernährer - Laut dem Nutzer Mitten in Bayern begünstigt das Vorhaben, mehr Kindertagesstätten-Plätze zu schaffen, eine zunehemende Entfremdung der Kinder von ihren Eltern: "Wie weit treiben wir das noch auf die Spitze? In zwanzig Jahren hat wahrscheinlich jede Mutter nach der Entbindung ihr Kind sofort beim Staat abzuliefern, wo es dann über Kinderkrippen, Kleinkindbetreuung, Vorschule über Ganztagsschulen nur noch von "Fachkräften" erzogen wird. Oder verzogen? Eltern werden auf Ernährer reduziert. Das alles spricht gegen die Wahlfreiheit der Eltern. Eine Mutter, die ihr Kind gerne selbst betreuen will, bekommt es durch Pflichtmaßnahmen quasi abgenommen. Ist das menschlich?"

Die Pläne drängen die Mütter weg von der Familie - und rein ins Arbeitsleben - Der Nutzer E_N, der aus Essex in Großbritannien schreibt, bemerkt dazu: "In einem Punkt hat der Bischof recht - Frauen werden durch von der Leyen's Tiraden degradiert: Vorher waren sie noch Mütter, jetzt nur noch die Gebärenden. Sie werden von den Feministas in das Arbeitsleben und weg von den Kindern gedrängt."

Die professionelle Kinderbetreuung führt zu Gleichmacherei - Kinder, so meint User M.S.Schneider, die zuhause zu Individuen erzogen würden, werden in der Kindertagesstätte zu einer amorphen Masse degradiert: "Gleichmacherei und Gleichschalterei. Was für eine Verschwendung! Kinder, die zu Hause womöglich noch das Denken, womöglich rebellische, proletarische, gewalttätige, aufmüpfpige, kritische Ideen lernen, die man ihnen dann später mühsam wieder herauskochen muss. Eine elitär gelenkte Herde aus High-tech Schafen, aus enzyklopädischen Ameisen, Rohteig, Biomasse, Schlachtvieh, was es gerade braucht, wird dann von Generation zu Generation einfach neu geschaltet und geformt. Werft, Mütter, werft! Und dann: Lasset los!"

Die professionelle Kinderbetreuung unterstützt das egoistische Streben der Mütter - Nutzer Basti befürchtet, dass der Egoismus der berufstätigen Mütter letztlich zu Lasten zunehmend verhaltensgestörter Kinder geht: "Es ist bequem, aber das Leben besteht wirklich nicht daraus, dass man ausschließlich die Möglichkeiten der Frau verbessert, zu arbeiten. An sich ist das ja wunderbar, aber auf Kosten der Kinder, wo wir eh schon so viele verhaltensauffällige Kinder haben? Frauen sind einfach in den ersten Jahren die wichtigsten Bezugspersonen, das kann man nicht weg diskutieren. Kinder haben Bedürfnisse. Und zwar jenseits von Kinderspielzeug und optimaler Ernährung, einem geregelten Tagesablauf, etc., nämlich: Eltern, die für das Kind da sind und sich Zeit nehmen!"

Das Konzept der Familienministerin ist zu teuer - Ein Großteil der im Forum geäußerten Kritik zu den Plänen von Ursula von der Leyen richtet sich auf Probleme der Finanzierbarkeit. Woher soll das Geld für die zu schaffenden Kita-Plätze kommen? Nutzerin Saskia schreibt: "Leyens Konzept verschlingt Unsummen, die voraussichtlich zum Teil durch das Kindergeld abgedeckt werden sollen. Das wird also anderen Familien abgezogen. Die meisten sind auf das Geld angewiesen. Zudem ist zu befürchten, wenn sie mit ihrem Konzept durchkommt, dass es eine Art Orientierung für weitere Politik sein wird: Wenn die Kinder schnell wiedereinsteigender Frauen es abkönnen schon nach anderthalb Jahren in die Krippe zu gehen, dann kann man das anderen Frauen auch zumuten."

Bei den Entwürfen handelt es sich um ein Angebot - nicht um eine Verpflichtung - So schreibt der Nutzer Reziprozität: "Indem bspw. das Angebot an Krippenplätzen bei 35% eines Altersjahrganges festgelegt werden soll, ermöglicht die Realisierung dieses Vorhabens Eltern eine dezidierte Auswahl unter verschiedenen möglichen Betreuungsformen von Kleinstkindern. Ihr in diesem Sachzusammenhang vorzuhalten dadurch würde das traditionelle Familienbild untergraben bzw. Babys zwangsweise in pseudostaatliche Verwahranstalten verklappt, halte ich für deutlich verfehlt. Ich würde es als Angebot bewerten...Nicht mehr aber auch nicht weniger!"

Vergleichbar argumentiert auch die Nutzerin MegairadieFurie: "Solange kein Zwang dahinter steht, schon Kleinkinder in die Krippe zu geben (was bei nur 35% eines Jahrgangs sowieso nicht hinkommt) sehe ich kein Problem darin. Immerhin arbeiten die meisten der Frauen, für die dieses Angebot interessant ist, auch jetzt schon. Bisher wurde allerdings das ganze meist eher mit schlechter qualifizierten Tagesmüttern oder Familienmitgliedern gelöst."

Bischof Mixa äußert sich zu Dingen, von denen er nichts versteht - Mit der Kirche kämpfe nun ausgerechnet eine Organisation, die sonst nicht dafür bekannt sei, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen, gegen die vermeintliche Degradierung der Mütter. Scharf kritisiert der Nutzer Schneeeule: "Werter Herr Bischof, ich finde es ehrenwert von Ihnen, sich für das Wohlergehen unserer Kleinsten einzusetzen. Ob es den Kindern guttut, wenn Sie die Mütter weiterhin zwingen, bei ihren Kindern zu bleiben, sei dahingestellt. Letztes Jahr sind diverse Kinder in Gefriertruhen und Blumenkästen verschwunden. Wo waren Sie da? Oder erübrigt sich jeder Kommentar, weil deren Mütter Hausfrauen waren? Vielleicht ist Erziehung mehr, als einfach nur zuhause sein? Vielleicht gehört u.a. dazu, sich über qualitativ gute außerhäusige Erziehung Gedanken zu machen? Wobei: Ich habe eine Hochachtung vor Erziehung. Dies gut und konsequent zu machen ist das Schwierigste, was mir bisher im Leben untergekommen ist. Das nur als kleine Anregung von einer arbeitenden und erziehenden Mutter. Ich bitte um Vergebung."

In ähnliche Richtung zielt auch die Kritik von Frank Heitmeyer: "Die Auswürfe des Herrn Bischof Mixa sind typisch für das Statement eines Außenstehenden. Sein Frauenbild stammt von der ideologisch verklärten Sicht auf die 'Jungfrau Maria', eigene Erfahrungen mit gelebter Partnerschaft fehlen. Dafür maßt er sich eine ganze Menge Urteilsfähigkeit an. Das einseitige und rückständige Beharren auf dem "triple-K" Frauenbild der ewig gestrigen Katholikenfraktion kann indes nicht überraschen!"

Wider die Einwände der katholischen Kirche führt SouthwestGirl an, dass gerade sie eine Vielzahl an Internaten unterhalte, die eine Trennung von Eltern und Kindern forciere.

Erst die Äußerungen des Bischofs degradieren die Mütter, in dem sie sie an das Heim binden wollen - "Fragt doch mal die jungen Frauen, ob sie sich durch die Möglichkeit zur Berufstätigkeit degradiert fühlen! - Oder vielleicht doch eher durch die Aufoktroyierung einer Mutterrolle wie sie ein Vertreter der alten Religion versteht, in der die Frau der Ursprung aller Sünde ist", schreibt der Nutzer avps im Forum.

Viele Eltern haben keine Wahl, zuhause zu bleiben - sie benötigen das Einkommen - Entsprechend kritisch äußert sich der Nutzer efg47: "Was hat es mit Gebärmaschine zu tun, wenn ein Elternteil neben der Kindererziehung zumindest einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen möchte und das Kind dann eben für die Zeit irgendwo unterbringen muss? Nicht nur, dass es heute finanziell oft gar nicht anders machbar ist, dass nur einer den Lebensunterhalt verdient (und schon gar nicht mit Kind!), es bedeutet auch oft das berufliche "Aus", wenn die Frau (oder auch der Mann) erstmal jahrelang aus dem Job raus ist, um sich 100% dem Kind zu widmen. Nach so langer Pause dann wieder einen Job zu bekommen, wenn die Kinder flügge geworden sind ist dann ein Ding der Unmöglichkeit."

Die Betreuungsmöglichkeiten müssten weiter flexibilisiert werden - "Allerdings sollten nicht nur Familien, sondern auch Alleinerziehende mit berücksichtigt und finanziell sichergestellt werden. Ein wichtiger Schritt wäre, Arbeitsplatzrückkehr nicht nur zwei, sondern mindestens drei Jahre zu ermöglichen. Oder auch, wie wär's mit Arbeitsplätzen zu denen man sein Kind mitnehmen kann? Nicht im Firmenkindergarten, sondern bei der Mutter, damit sie für das Kind in greifbarer Nähe ist. Ich kann mir gut vorstellen, mehrere Mütter mit Kindern zusammen zu haben, unter Umständen mit Lohnabzug für die geringere Arbeitsintensität ", schreibt Nutzerin Saskia im Forum.

Der Nutzer böser Wolf gibt allerdings zu bedenken: "Es sitzen nicht alle Arbeitnehmer am Schreibtisch! Was soll Mutti machen, die bei xxx am Fließband steht? Es ist nicht immer so einfach! Und ich glaube, die Mütter, die eben von mir genannte Tätigkeiten ausüben, brauchen in der Regel das Geld auch, das sie in harter Arbeit verdienen. Ob das bei allen frisch gestylten Quotenfrauen der Fall ist, wage ich zu bezweifeln."

han



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