Nuklear-Terrorismus Dirty Bomb oder PR-Bombe?

CIA und FBI feiern die Festnahme eines angeblichen al-Qaida-Terroristen als großen Triumph. Doch die Beweislage ist mehr als dürftig. Indizien für den angeblich geplanten Nuklear-Anschlag gibt es kaum.

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Der US-Bürger Jose Padilla alias Abdullah al-Mujahir soll Nuklear-Anschläge geplant haben. Viele Beweise gibt es dafür bisher nicht
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Der US-Bürger Jose Padilla alias Abdullah al-Mujahir soll Nuklear-Anschläge geplant haben. Viele Beweise gibt es dafür bisher nicht

Washington/Chicago – Als Jose Padilla alias Abdullah al-Mujahir am 8. Mai 2002 mit dem Swiss-Flug 0008 von Zürich auf dem Flughafen Chicago O'Hare landete, saß er schon in der Falle. Mehrere Agenten des FBI hatten den 31-jährigen Amerikaner bereits auf dem Flug in die USA begleitet, hatten bereits in Zürich sein Gepäck durchsucht und sogar die Personenkontrolle auf dem Flughafen genau beobachtet. Auf amerikanischen Boden angekommen, zögerten sie nicht lange und nahmen ihre Zielperson fest.

Drei Wochen später feierte der US-Justizminister John Ashcroft am Montag dieser Woche die Inhaftierung des zum Islam konvertierten Padilla als großen Erfolg. Damit, so Ashcroft fernmündlich per TV-Botschaft aus Moskau, sei ein Anschlag mit einer "schmutzigen Bombe" (Dirty Bomb) auf die US-Hauptstadt Washington verhindert worden. Der "in einer Anfangsphase" befindliche Plan, den Abdullah al-Mujahir mit einem weiteren Komplizen in Pakistan geschmiedet haben soll, sei mittlerweile durch mehrere Quellen belegt, so Ashcroft.

Die "Post" konstatiert "Agency Teamwork"

Und noch etwas überraschendes hatten die Strafverfolger einerseits offiziell und später durch reichlich anonym zitierte Quellen mitzuteilen: Der Fall zeige ganz deutlich die sehr gute Zusammenarbeit von CIA und FBI, deren Chefs sich derzeit wegen gegenseitiger Behinderung im Vorfeld des 11. Septembers vor einem Kongressausschuss verteidigen müssen. Die "Washington Post" sprach gar in der Schlagzeile von "Agency Teamwork", das zu der Festnahme geführt habe.

FBI-Chef Robert Mueller und Justizchef John Ashcroft mussten sich in den letzten Wochen viel Kritik an ihren Ermittlern anhören
AP

FBI-Chef Robert Mueller und Justizchef John Ashcroft mussten sich in den letzten Wochen viel Kritik an ihren Ermittlern anhören

Viel Grund zur Freude also bei den Ermittlern und deren Chefs. Bisher gibt es aber nur wenige Beweise für den vermeintlichen Atomterror-Plan. Weder wurden bei dem Verdächtigen Sprengstoff oder konkrete Anleitungen zum Bombenbau gefunden, noch gibt es bisher Zeugen, die den geplanten Coup beschreiben. Einzig, dass der Mann bei der Festnahme 10.526 Dollar in bar bei sich hatte und beim Zoll nur 8000 angegeben hatte, wird als Indiz gegen ihn vorgebracht. Als wichtiger Tipgeber der US-Ermittler wird indes von allen führenden US-Zeitungen der al-Qaida-Mann Abu Zubaydah genannt, der im März in Pakistan festgenommen worden war. In einer Aussage Ende April soll Abu Zubaydah nach Berichten der "Washington Post" und der "New York Times" von mehreren Männern gesprochen haben, die ihm in Pakistan von einem geplanten Anschlag mit radioaktivem Material erzählt haben. Er habe die Männer allerdings nur beschreiben können, so die Zeitungen.

Wie aus dem Lehrbuch

An diesem Punkt beginnt laut der Berichte der US-Medien eine Fahndungs-Geschichte, die aus einem Lehrbuch der CIA und des FBI stammen könnte. Angeblich, so berichten beide Zeitungen übereinstimmend aus anonymer, aber hochrangiger Quelle, habe ab diesem Zeitpunkt die Zusammenarbeit der beiden traditionell verfeindeten Schlapphut-Organisationen so "gut funktioniert wie noch nie". Während die CIA die im Ausland erschnüffelten Daten verifizierte, verglich das FBI die Anhaltspunkte mit den Strafakten aus den USA – eine Zusammenarbeit, die vor dem 11. September in mehreren Fällen gründlich daneben ging.

Die FBI-Agentin Coleen Rowley brachte durch ihre Aussage gegen ihre Chefs die Ermittlungsbehörden unter Druck
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Die FBI-Agentin Coleen Rowley brachte durch ihre Aussage gegen ihre Chefs die Ermittlungsbehörden unter Druck

Nicht so in diesem Fall. Denn schon wenige Tage später stellten beide zusammen fest: Einer der von Abu Zubaydah beschriebenen Männer ist der US-Staatsbürger Jose Padilla alias Abdullah al-Mujahir, der andere ein bereits in Pakistan wegen Passfälschung Inhaftierter. Schließlich, so zitiert die "Washington Post" einen nicht namentlich genannten Geheimdienstmann, habe man dem al-Qaida-Mann Abu Zubaydah Fotos der beiden vorgelegt und er habe sie identifiziert. Daraufhin observierte man Abdullah al-Mujahir und fand heraus, dass er von Ägypten in die Schweiz und von dort in die USA reiste, wo man ihn festnahm.

Zweifel an Beweisen

So scheint wieder alles in Ordnung zu sein bei CIA und FBI. Schon wenige Tage nach den schweren Vorwürfen gegen die Behörden, so könnte man glauben, haben sich die rivalisierenden Schnüffelapparate zusammengerauft und arbeiten Hand in Hand. Doch an dieser Hypothese gibt es begründete Zweifel, denn mehrere Indizien weisen darauf hin, dass an der spektakulären Festnahme, welche die USA vermeintlich vor einem Anschlag mit radioaktivem Material-beschützt hat, etwas faul ist.

Allein die Tatsache, dass die Ermittler Abdullah al-Mujahir vor ein Militärgericht stellen wollen, stimmt skeptisch. Die "New York Times" spekuliert ganz offen, ob der Grund sein könnte, dass die Fahnder nicht genug Beweise haben, um den Mann vor einem zivilen Gericht schuldig zu sprechen. Vor den von George W. Bush nach dem 11. September durchgesetzten Militärgerichten wäre das einfacher – zur Not per Dekret des Präsidenten.

Vom Straßenkriminellen zum Gotteskrieger?

Der mutmaßliche Top-Terrorist Osama Bin Laden - er soll hinter allen Plänen stecken
AFP

Der mutmaßliche Top-Terrorist Osama Bin Laden - er soll hinter allen Plänen stecken

Auch die Karriere des 31-jährigen Amerikaners passt so gar nicht in das Bild des um Unauffälligkeit bemühten Terroristen im Auftrag Osama Bin Ladens. Erst seit wenigen Jahren heißt Jose Padilla plötzlich Abdullah al-Mujahir, nachdem er im Gefängnis zum Islam konvertierte. Zuvor war der im New Yorker Stadtteil Brooklyn zur Welt gekommene Auswanderersohn dutzendfach wegen Straßenraubs, Überfällen und andere Gewalttaten auffällig geworden, wie die "Washington Post" ausführlich berichtet. Nachdem seine Mutter mit ihm nach Chicago umgezogen sei, soll er sogar eine Straßenbande mit dem Namen "Latino Kings" angeführt haben. Wie aus einem ganz gewöhnlichen Straßenkriminellen dann plötzlich ein Gotteskrieger geworden sein soll, bleibt in allen Blättern offen.

Wie immer anonyme Quellen berichten jedoch von mehreren Treffen mit führenden al-Qaida-Kämpfern in Pakistan, einer Ausbildung mit Sprengstoff und Waffen in Afghanistan und von dem angeblichen Plan, einen Anschlag in Washington zu begehen. Angeblich, so berichten die anonymen Offiziellen weiter, habe er bei einem Aufenthalt in einem al-Qaida-Haus in Lahore auch im Internet über radioaktive Substanzen recherchiert. Wirkliche Belege dafür gibt es bisher allerdings nicht, gestand auch FBI-Direktor Robert Mueller am Montag ein.

Welches Ziel verfolgt der al-Qaida-Zeuge?

Chalid Scheich Mohammed wurde ebenfalls von dem dubiosen Zeugen Abu Zubaydah enttarnt. Nach ihm wird nun weltweit gesucht
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Chalid Scheich Mohammed wurde ebenfalls von dem dubiosen Zeugen Abu Zubaydah enttarnt. Nach ihm wird nun weltweit gesucht

Ebenso zweifelhaft ist die Rolle des vermeintlichen Kronzeugen. Denn entgegen allen sonst berichteten Schweigemauern bei den al-Qaida-Verdächtigen scheint der inhaftierte Abu Zubaydah nach den Berichten der Geheimdienstler zu plaudern wie ein Wasserfall. Erst in der vergangenen Woche hatte er durch seine Aussage den vermeintlichen Terror-Drahtzieher Chalid Scheich Mohammed enttarnt, auf den die US-Regierung nun eine Belohung von 25 Millionen Dollar ausgesetzt hat.

Doch warum sollte der einstige Terrorist nun plaudern? Auch die "Washington Post" stellt sich diese Frage. Eine mögliche Antwort, so die "Post", sei, dass der Mann glaube, die USA würden die Männer, die er schwer belastet, nicht finden. "Wir verstehen sein Spiel immer noch nicht", zitiert das Blatt später einen wiederum anonymen Geheimdienstler, "denn er will ja nicht behilflich sein." Dass der al-Qaida-Mann und Bin-Laden-Vertraute die Ermittler womöglich in die Irre führen will, wurde bisher nicht erwähnt.

Abdullah al-Mujahir alias Jose Padilla werden all diese Zweifel vermutlich nicht viel nutzen. Er sitzt mittlerweile im Hochsicherheitsmilitärgefängnis in der Charlston Naval-Weapons Station der US-Armee in South Carolina. Da er kein normaler Angeklagter ist, sondern als "feindlicher Kämpfer" gegen die USA eingestuft wurde, hat er kein Recht auf einen Anwalt und wird vermutlich einen recht kurzen Prozess erleben, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Was er wirklich mit dem Terror-Netzwerk der al-Qaida zu tun hat, und was er wirklich in Pakistan wollte, wird womöglich unklar bleiben.



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