Pressestimmen zu Leichen-Bildern "Öffentliche Zurschaustellung"

Nach der Veröffentlichung der Fotos mit den toten Saddam-Söhnen Udai und Kussei, beschäftigt sich die Presse vor allem mit ethischen Fragen. Viele Kommentatoren kritisieren das Vorgehen der US-Behörden und zweifeln die Notwendigkeit der "Zurschaustellung“ an. Eine britische Zeitung spricht sogar von Voyeurismus.


Die Presse diskutiert über die Veröffentlichung der Fotos der toten Saddam-Söhne
AFP

Die Presse diskutiert über die Veröffentlichung der Fotos der toten Saddam-Söhne

"La Repubblica"

(Rom): "Wir können uns einfach nicht klarmachen, dass ausgerechnet in Amerika, das die Kultur der Habeas-Corpus-Akte zum Schutz der Persönlichkeit hochhält sowie das, was man dort als "westliche Werte" bezeichnet, die Behörden entscheiden, die entstellten Leichen zu einem Spektakel zu benutzen, ganz so wie Jäger den Kadaver erlegter wilder Tiere auf dem Autodach zur Schau stellen. (...) Das Problem allerdings ist es, dass auch die Bilder der beiden massakrierten Saddam-Söhne in Wirklichkeit im Irak nicht ein Kapitel beenden. Im Gegenteil. Der irakische Widerstand lebt, und er konnte ganz sicher nicht von diesen beiden flüchtigen Männern angeführt werden, die sich bereits seit Wochen in den Häusern ihrer Verwandten verbarrikadiert hatten."

"Independent" (London):

"Die öffentliche Zurschaustellung von Leichen zu Propagandazwecken ist abscheulich und das Präsentieren des toten Feindes durch den Sieger unzivilisiert, doch ist der Fall der Söhne Saddam Husseins sehr speziell. Es ist für viele Iraker von größter Wichtigkeit, ob Udai und Kusai tot sind, wie es die Amerikaner behaupten. (...) Aber das heißt nicht, dass die Medien die Arbeit der US-Behörden für diese übernehmen sollen. Manchmal zeigen Journalisten Fotos von Leichen, wenn sie über die wahre Geschichte einer Gräueltat berichten. Für uns außerhalb des Iraks sind die Fotos von Udai und Kusai eher eine Frage der öffentlichen Neugier. Wir müssen nicht voyeuristisch im Detail verweilen."

"Frankfurter Rundschau":

"Es geht um Menschenwürde. Unabhängig von den Untaten, die Udai und Kusai vorzuwerfen waren und die zudem vielfach belegt sind, ist die Zurschaustellung eine Verletzung des Grundsatzes, den die zivilisierte Welt unter anderem aus den Prinzipien der US-Verfassung und der allgemeinen Erkenntnis ihrer eigenen Geschichte übernommen hat. Der Grundsatz hat gegolten, als die Fotos des hingerichteten Nicolae Ceausescu verbreitet wurden; er wurde von der US-Regierung im Zusammenhang mit dem minderen Vorfall laut erhoben, als das irakische Fernsehen amerikanische Kriegsgefangene vorführte. Er muss auch hier gelten, weil der Grundsatz unteilbar und allgemein gültig ist."

"Frankfurter Neue Presse":

"Zum Erfolg gehört manchmal die Präsentation der Trophäe. Die Fotos der Leichen sollen den Menschen im Irak und den Anhängern des Saddam-Clans den Beweis liefern, dass es wirklich Udai und Kusai waren, die getötet wurden. Sie sollen den Irakern Mut machen und die sich organisierende Guerilla demoralisieren, ihr dokumentieren, dass sie kopflos geworden ist. Ihre Präsentation ist zweischneidig. Es wäre eine jener bitterbösen Ironien, die sich die Geschichte schon öfter geleistet hat, wenn die beiden skrupellosen Verbrecher, die Kusai und Udai zweifellos waren, durch solche Fotos posthum zu Märtyrern, zu Ikonen des Widerstands der rückwärts gewandten würden?"

"Flensburger Tageblatt":

"Wie stark muss die Supermacht USA unter Druck sein, wenn sie Fotos zweier Leichen in den Umlauf bringen muss, um zu beweisen, dass sie im Irak Herr der Lage ist? Die Stärke des Westens war einst seine moralische Überlegenheit. Er verstand sich eben nicht nur als militärische Macht, sondern als Wertegemeinschaft. Dieses Bild hat Schaden genommen. Die Tatsache, dass sich die US-Regierung wie einst das Regime in Bagdad beim Veröffentlichen toter US-Soldaten verhält und auch innenpolitisch mit Leichenfotos operieren muss, um von den zunehmend unbequemeren Fragen zum Irak-Krieg abzulenken, zeugt von schwindender Integrität."



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