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02. März 2007, 13:22 Uhr

RAF-Debatte

Klar greift Politiker an, Viett rechtfertigt Terror

Der frühere RAF-Terrorist Christian Klar verteidigt sein umstrittenes Grußwort gegen Kritik: "Meinungsblockwarte" in der Politik wollten die Öffentlichkeit vergiften. Seine vor zehn Jahren freigelassene Ex-Mitkämpferin Inge Viett rechtfertigt den RAF-Terror als angemessenen "Guerillakampf".

Berlin - Der frühere RAF-Terrorist Christian Klar hat Medien und Politikern vorgeworfen, seine umstrittene Grußbotschaft an die Rosa-Luxemburg-Konferenz gegen ihn verwendet zu haben. Über seine Kritik am Kapitalismus sei ausgerechnet kurz vor der Entscheidung über Haftlockerungen berichtet worden, beklagt Klar in einem persönlichen Schreiben, das der Zeitung "Junge Welt" nach eigenen Angaben vorliegt.

Klar warf seinen Kritikern eine "verantwortungslose Vergiftung der Öffentlichkeit" vor. "Niemand von diesen Meinungsblockwarten fand es interessant, bis eben genau einen Tag vor der Vollzugsplankonferenz in der JVA Bruchsal", schreibt Klar. Er finde es "verteidigenswert", "dass auch ein Gefangener an einer öffentlichen politischen Diskussion von Menschen in Freiheit teilnehmen kann", so Klar. Er habe nicht mit "so einer erstaunlichen Welle" gerechnet, die sein Grußwort ausgelöst habe". Klar hatte in der Grußbotschaft an die Rosa-Luxemburg-Konferenz die Hoffnung geäußert, "die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen". Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) lehnte daraufhin Haftlockerungen für den 54-Jährigen ab.

Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele sagte im Fernsehsender RTL, er sehe in den jüngsten antikapitalistischen Äußerungen Klars "keine Aufforderung oder Äußerung zu Gewalt oder zu Terrorismus". Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) griff daraufhin den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE scharf an. "Es ist beschämend, eine Verhöhnung der Opfer des brutalen RAF-Terrors, wenn gerade der als RAF-Unterstützer rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe verurteilte Ströbele auch heute noch RAF-Ideologie bagatellisiert", so Beckstein.

Neben Klar sorgt jetzt auch die ehemalige RAF-Terroristin Inge Viett mit einer Streitschrift für Empörung. Ihr Text wurde am 24. Februar ebenfalls in der linken Tageszeitung "Junge Welt" veröffentlicht. In ihrem Beitrag schreibt Viett, der "politisch/militärische Angriff" sei damals "für uns der angemessene Ausdruck für unseren Widerstand gegen den Kapitalismus" gewesen. Rückblickend beklagt sie in der Diktion der Roten Armee Fraktion, "dass dem Guerillakampf in der BRD und in allen imperialistischen Staaten verdammt mehr Erfahrung, Klugheit, Ausdauer und Unterstützung zu wünschen gewesen wären".

Der Zeitungsbeitrag ist mit der Überschrift "Lust auf Freiheit" überschrieben. Den Terror der RAF verharmlost Viett als "Klassenkampf von unten". Vor vierzig Jahren habe es eine kleine Schar von Menschen gegeben, die entschlossen den Kampf gegen die deutsche Elite und ihr Machtsystem aufgenommen hatten, so Viett. Inspiriert worden sei man dabei von den antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen.

"Revolutionäre Gewalt hatte - zu Recht - eine moralische, befreiende Ausstrahlung", schreibt sie weiter. "Warum sollten wir nicht versuchen, aus der Revolte, die in den sechziger/siebziger Jahren doch eine ganz schöne Masse in den kapitalistischen Staaten ergriffen hatte, einen grundsätzlichen Angriff auf das System werden zu lassen?"

"Wieso haben nur wir zu den Waffen gegriffen?"

Der "deutschen Elite und all ihren medialen Wasserträgern" wirft Viett vor, "kein Problem mit ihrer faschistischen Geschichte" und den "heutigen Kriegen" zu haben. "Aber sie haben ein ungeheuerliches Problem damit, dass es vor vierzig Jahren eine kleine Schar von Menschen gab, die entschlossen den Kampf gegen sie und ihr kapitalistisches Machtsystem aufgenommen hatten."

Viett fragt weiter: "Wieso haben nur wir - ein paar Hände voll - zu den Waffen gegriffen? Wieso sind Zigtausende, die auf dem Weg waren, zurückgefallen, obwohl sie begriffen hatten, in welch verbrecherischem Gesellschaftssystem ihr Leben verdingt wird, mit welchen tödlichen Methoden es sich erhält und ausbreitet?"

Viett wird ebenso wie der immer noch im Gefängnis einsitzende Ex-Terrorist Christian Klar zur Fraktion der Hardliner unter den ehemaligen Links-Terroristen gezählt. Sie gehörte erst der Bewegung 2. Juni, später auch der RAF an. Weder Viett noch Klar hatten in den vergangenen Jahren Reue über ihre Taten geäußert. Andere RAF-Ehemalige wie Peter-Jürgen Boock oder Karl-Heinz Dellwo, die sich von ihren Taten distanzierten, gelten Viett als Verräter.

jaf/ddp/dpa

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