Rezessionsangst Modell Deutschland mit Knacks

Erfolg beruht auf Leistung, und unsere Wertarbeit ist krisenfest - das war das deutsche Mantra. Doch die tiefe Rezession hat diese Gewissheiten außer Kraft gesetzt. Mit sozialen Unruhen ist trotzdem nicht zu rechnen. Die Wut ist groß - aber eben auch die Bereitschaft, dem Sturm zu trotzen.
Von Heinz Bude

Bisher lebten wir in Deutschland im Zeichen der angekündigten Krise. Jetzt ist sie da. Man sieht am Kanzlertisch die Vertreter von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und der Gewerkschaften sitzen und weiß, dass die Runde nichts besser weiß.

Niemand wird ungeschoren davonkommen. Mindestens fünf, vielleicht sieben Prozent Wachstumsschwund, mindestens eine Million Arbeitslose mehr.

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Mittelstandsgesellschaft der Bundesrepublik in ihrem Kern getroffen. Denn nicht diejenigen mit den prekären Jobs im Handel mit Billigprodukten oder bei der Dienstleistung in der Alten- und Autopflege sind gefährdet, sondern die Arbeitsplätze in der Hochproduktivitätsökonomie des Modells Deutschland.

Es sind der Maschinenbau in Baden-Württemberg und die Medizintechnik in Bayern, die einen Auftragseinbruch von 50 oder 60 Prozent zu verzeichnen haben. Es stehen jetzt die Arbeitsplätze der "flexiblen Spezialisierung", bei denen in den vergangenen 15 Jahren unter dem Druck von "total quality management" eine regelrechte Kompetenzrevolution stattgefunden hat, zur Disposition.

Die Angst, dass im Ganzen etwas schiefläuft

Das ist die facharbeiterschaftliche Mitte der deutschen Gesellschaft, die in Heilbronn, in Jena, in Ottobrunn oder in Essen bewiesen hat, wie man die Herausforderung der Globalisierung bewältigt.

An den Quellen der Wertschöpfung in Deutschland geht die Angst um. Also bei den Familien, die immer davon überzeugt waren, dass Erfolg auf Leistung beruht, setzt sich jetzt das Gefühl fest, dass wir uns in einer Abwärtsspirale befinden, aus der man aus eigenen Kräften nicht herauskommt.

Es wird vielleicht nicht den eigenen Arbeitsplatz kosten, aber die Sicherheit, dass Hartz IV ein Problem der Anderen ist, hat einen ziemlichen Knacks erlitten. Das starke Selbstvertrauen, das diese Kernschichten des Modells Deutschland ausgestrahlt haben, steht in Frage.

Nie war man bislang auf Konjunkturprogramme oder Steuerentlastungen angewiesen, aus eigener Kraft hatte man den Beweis erbracht, dass Wertarbeit eine Sache aus Deutschland ist. Was die Regierenden in Bonn oder Berlin zu sagen hatten, konnte man getrost auf sich beruhen lassen, weil man der Überzeugung war, dass die Musik woanders gespielt wurde.

Wut auf die Schuldigen ändert nichts

IG-Metall-Chef Berthold Huber weiß, dass diese Klientel nicht zu "sozialen Unruhen" neigt. Das ist was fürs Lumpenproletariat, aber doch nichts für den deutschen Facharbeiter. Was in diesen Menschen, dem Herz des Modells Deutschland, gerade passiert, muss man anders ernst nehmen. Den meisten ist klar, dass die Wut auf die Schuldigen nichts ändert. Es geht vielmehr darum, die Kraft zum Standhalten zu stärken.

Es gibt bei ihnen die Bereitschaft, dem Sturm zu trotzen, und diesen gelackten Typen mit den Streifenhemden und den angelsächsischen Ausdrücken zu zeigen, wozu man auch in Zeiten der Krise in der Lage ist. Und zwar nicht als schlauer Trittbrettfahrer, sondern als ein selbstbewusstes Kollektiv, das auch dann die Maßstäbe nicht verliert, wenn die in Berlin nicht mehr weiterwissen.

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