Saddam-Diskussion im SPIEGEL-ONLINE-Forum "Falsches Signal für den Irak"

Die Hinrichtung Saddam Hussein wird im SPIEGEL-ONLINE-Forum kontrovers diskutiert. Wirkt sie sich auf die Gewaltspirale im Irak aus? Ist der Ex-Diktator durch seinen Tod zum Märtyrer geworden? Und inwieweit ist der abgewickelte "kurze Prozess" überhaupt rechtstaatlich vertretbar?

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Hamburg - Der Fall Saddam Hussein wirft viele Fragen auf: Treibt sein Tod den Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten weiter voran? Hat sich der Konflikt längst verselbständigt und die Hinrichtung fällt politisch letztlich kaum ins Gewicht? War die übereilte Urteilsvollstreckung rechtens? Trägt sie den Beigeschmack illegitimer Siegerjustiz? Hätte der Fall Saddam vor ein internationales Gericht gemusst?

Saddams schwarze Stunde: Ein Standbild aus einem inoffiziellen Video von der Hinrichtung des ehemaligen irakischen Diktators
DDP

Saddams schwarze Stunde: Ein Standbild aus einem inoffiziellen Video von der Hinrichtung des ehemaligen irakischen Diktators

Im SPIEGEL-ONLINE-Forum diskutieren die User diese Fragen kontrovers. Fast alle Aspekte, die derzeit die Kommentarspalten der Tageszeitungen füllen, kommen dabei zur Sprache - von einer generellen moralischen Positionierung zur Todesstrafe bis zur Frage, inwieweit Saddams Tod den Konflikt im Irak verschärfen könnte.

Viele SPON-Leser gegen Todesstrafe

Recht eindeutig fällt die generelle moralische Position der im Forum diskutierenden User zur Todesstrafe aus. Im Gegensatz zu einer Umfrage des Instituts Novatris/Harris, in der sich 53 Prozent der Deutschen für die Hinrichtung Saddam Husseins aussprachen, lehnen viele SPIEGEL-ONLINE-Leser eine solche entschieden ab:

So ist Forum-Nutzer Ulrich Vissering der festen Überzeugung, dass es auch ohne Todesstrafe möglich gewesen wäre, Saddam Hussein "mit aller möglichen Härte, allerdings in einem ethisch vertretbaren Rahmen" zu bestrafen. User mahrud konstatiert, die Hinrichtung setze ein "falsches Signal für den Irak hinsichtlich des Bemühens um Rechtstaatlichkeit". Und nach Meinung der Orthogräfin ist die "Fortsetzung des Prinzips 'Auge um Auge und Zahn um Zahn'" in der Jurisdiktion ein Armutszeugnis für die Rechtstaatlichkeit.

Andere Forum-Teilnehmer stehen dem Thema Todesstrafe durchaus ambivalent gegenüber: So bemerkt Useryofu, es zeuge von "unfreiwilliger Ironie", gerade an diesem Beispiel über das Für und Wider der Todesstrafe zu streiten; und Nutzer han bemerkt - etwas zynisch -, durch den "kurzen Prozess" sei zumindest verhindert worden, dass der Fall Saddam "bis zu seinem Lebensende vor internationalen Gerichtshöfen" debattiert wird.

Internationale Rechtsprechung befürwortet

Vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag hätte indes nicht nur Uno-Berichterstatter für die Unabhängigkeit von Richtern, Leandro Despouy, den irakischen Ex-Diktator gerne gesehen; auch viele SPIEGEL-ONLINE-Leser hätten eine solche Rechtsprechung dem abgelaufenen "kurzen Prozess" vorgezogen:

"Dieser Herr Hussein hätte vor ein internationales Tribunal gestellt werden müssen, um ihn seiner Verbrechen anzuklagen", schreibt beispielsweise etoile rouge. User Muggenhorst pflichtet ihr bei - "schon allein um den Vorwurf der Siegerjustiz auszuschließen".

Nutzer Avmelville hält dem entgegen, dass der Internationale Gerichtshof "gemäß der geltenden Bestimmungen nur dann für die Rechtsprechung zuständig ist, wenn betroffene Staaten 'unwillig' oder nicht in der Lage sind, die zur Debatte stehenden Verbrechen selbst zu ahnden".

Davon kann aber, laut Steevyo, im Irak nicht die Rede gewesen sein: Das Urteil "wurde im Irak auf Basis der irakischen Verfassung gefällt und vollstreckt. Diese Verfassung wurde per Volksentscheid beschlossen." Dennoch setzt die übereilte Vollstreckung von Saddams Hinrichtung nach Meinung von mahrud ein "falsches Signal für den Irak hinsichtlich des Bemühens um Rechtstaatlichkeit".

"Geburt eines Märtyrers"

"Ich opfere mich. Wenn es Gottes Wille ist, dann wird er mich in eine Reihe mit den wahren Männern und Märtyrern stellen", hieß es in einem "an das irakische Volk" adressierten Brief Saddam Husseins. Für viele Diskutanten im SPIEGEL-ONLINE-Forum machen vor allem dieser Brief und die sich daran anschließende Debatte über eine mögliche Stilisierung Saddams zum Märtyrer die Vollstreckung des Todesurteils zweifelhaft:

Der User donnergrollen fragt sich, was die Hinrichtung an der Bestrafung des Ex-Tyrannen ändert, außer dass "man nun einen Märtyrer geboren hat". Es sei offensichtlich, dass nun "die Anhänger [...] eine Legitimation aus der Situation um ihren Führer ziehen" werden, um weiteres Blut zu vergießen. Theodor Körner befürchtet ebenfalls, dass Saddams Tod "zusätzlich Tausende Iraker und Hunderte US-Soldaten das Leben kosten" wird.

Nutzer yofu gibt hingegen zu bedenken, dass man nicht "zwangsläufig tot" sein muss, um als Märtyrer stilisiert zu werden - und verweist auf den nationalsozialistischen Politiker Rudolf Hess, der aufgrund seiner 46-jährigen Haftzeit in der Neonazi-Szene bereits vor seinem Tode zum Märtyrer stilisiert wurde.

"Gewalt hat sich längst verselbständigt"

Andere Diskutanten sind dagegen der Meinung, dass der Tod Saddams die Kämpfe zwischen den Glaubensrichtungen im Irak nicht weiter verschlimmern wird:

Ulrich Vissering denkt, dass die Gewalt im Irak sich "längst verselbständigt" habe, dass "Saddam mit den aktuellen Problemen nicht mehr in Verbindung stand, für einen Bürgerkrieg keine Schlüsselfigur ist".

Auch Nutzer Muggenhorst sieht Saddam Hussein nicht als wesentlichen Faktor in einem Bürgerkrieg. Er sei zur "Randfigur" geworden. Es gehe seiner Meinung nach um "handfeste Machtverteilungskämpfe der irakischen Bevölkerungs- und Religionsgruppen, die sich nach der Hinrichtung fortsetzen werden".

Viel Bush-Bashing

Wie unbeliebt George W. Bush sich durch seinen Irak-Krieg gemacht hat, ist derzeit nicht nur in internationalen Meinungsumfragen nachzulesen, in denen die Zustimmung zu dessen Politik nur einstellige Prozentwerte erreicht.

Auch viele SPIEGEL-ONLINE-Leser haben die laufende Debatte genutzt, um ihrem Ärger über die US-Außenpolitik Luft zu machen.

Tote US-Soldaten: Am 31. Dezember 2006 starb im Irak der 3000te Soldat
REUTERS

Tote US-Soldaten: Am 31. Dezember 2006 starb im Irak der 3000te Soldat

"Es war und ist ein sinnloser Einmarsch der USA mit seinen Verbündeten, der zigtausende das Leben kostete und noch mehr Tote bringen wird", urteilt User tomy. Manche User - wie Steffan Kahnt oder baas1895 - wünschen dem US-Präsidenten sogar ein Verfahren für Kriegsverbrechen am Internationalen Gerichtshof in Den Haag an den Hals.

Viele andere Foren-Teilnehmer stimmen den generellen Vorwürfen gegen den völkerrechtswidrigen Krieg der USA zwar zu, argumentieren aber auch, dass zumindest für Saddams Hinrichtung hauptsächlich die irakische Regierung verantwortlich ist: Leto II. erinnert daran, dass es die USA selbst waren, die die Todesstrafe im Irak abgeschafft hatten, obschon sie diese im eigenen Land als rechtstaatliche Sanktion billigen. Nachthai ergänzt: "Es ist sogar so, dass die Iraker gegen den Willen der USA die Todesstrafe wieder eingeführt haben."

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