Sieg des politischen Machttriebs Wir brauchen Wölfe

Clinton gegen Obama, Ballack gegen Löw, Beck gegen Müntefering - 2008 ist das Jahr der Machtkämpfe. Genau das braucht die Politik: Sie muss das Verhalten der Wolfsrudel lernen, um endlich das Mittelmaß zu besiegen.

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke


2008 Jahr wird das Jahr der Rache, Revanche und Rivalität sein. Selten haben sich so viele Macht- und Zweikämpfe in so kurzer Zeit abgespielt. Was haben sie sich in der Wolle gehabt dieses Jahr! In der CSU, in der SPD, in der Fußball-Nationalmannschaft, in Europa, bei den amerikanischen Demokraten.

Edmund Stoiber rächte sich mit Horst Seehofer an Günther Beckstein und Erwin Huber, Franz Müntefering triumphierte über Kurt Beck. Andrea Ypsilanti scheiterte an Jürgen Walter. Michael Ballack forderte Joachim Löw heraus. Hillary Clinton kämpfte verzweifelt gegen Barack Obama. Nicolas Sarkozy rangelt mit Angela Merkel um die Vorherrschaft in Europa.

Halten wir uns nicht lange bei individuellen Erklärungen auf. Merkel gegen Sarkozy ist einfach: kleiner Mann, starke Frau, nun ja - normal. Ballack gegen Löw ist unergründlicher, der Zwist trägt Züge eines Rosenkriegs. Müntefering gegen Beck dagegen - ganz einfach: Beck hatte Müntefering gedemütigt und vorläufig ausgeschaltet. Ein Jahr später schlug Müntefering zurück, final. Ypsilanti und Walter war blinder Eifer. Und Hillary Clinton kämpfte in Wahrheit gegen ihren Ehemann.

Die spezifischen Hintergründe erklären aber nicht das Phänomen. Diesem ist Kurt Beck in einem Augenblick näher gekommen, als er dachte. Im Abtritt als SPD-Chef sagte er trotzig: "Ich will und werde mir nicht einreden lassen, dass es ein Vorteil in der Politik sei, wenn man den Umgangsstil eines Wolfrudels miteinander pflegt."

Die SPD will mal wieder einen Hirschen zur Strecke bringen

Sollte er sich aber einreden lassen, besser noch: einsehen. Politik muss den Umgangsstil eines Wolfrudels pflegen. Das ist kein Makel, sondern ein Vorzug. Ein Wolfsrudel ist das sozial intakteste Gemeinwesen, das es auf der Welt gibt. Die Tiere passen aufeinander auf, sie bilden Kindergärten für die Jungen, die Gesunden jagen für die Kranken. Ein Wolfsrudel ist ebenso wie eine Partei oder eine Weltklasse-Fußballmannschaft darauf angewiesen, dass es ein perfekt organisiertes Gemeinwesen ist. Andernfalls würde ein so relativ kleines Tier wie ein Wolf keinen Hirschen zur Strecke bringen.

Das Wolfsrudel ist dann gesund, wenn der Leitwolf, das Alphatier, unumstritten ist, in der vollen Kraft seines Körpers und der Blüte seiner Erfahrung steht. Jeder darunter weiß, wo sein Platz ist. Die Meute ist im Vollbesitz ihrer kollektiven Kraft. Das kommt allen zugute.

Die SPD will auch mal wieder im Vollbesitz ihrer Kräfte sein, sie wollte auch mal wieder einen Hirschen zur Strecke bringen oder nächstes Jahr eine Kanzlerin. Also unterstützte sie Müntefering.

Die Partei hat es sehr lange mit Beck ausgehalten. Das ist nicht untypisch. Wir in Deutschland mögen es mittel.

Wir haben Probleme mit Exzellenz, Elite und Führung, mehr als andere. Die Gründe dafür mögen darin liegen, dass sich in diesem Land einmal einer zum "Führer" und Größten aufgeschwungen hat, der sich als Größenwahnsinnigster erwies und früher als solcher hätte erkannt werden müssen. Das Land folgte ihm. Ein Irrtum mit furchtbaren Folgen.

Bis in die Begrifflichkeit hinein scheuen wir seither Führung. Führung? Führer? Wir sagen lieber leadership und leader.

Das kommt erschwerend zu einem allgemeinen Prinzip hinzu, ist sozusagen der deutsche Faktor. Jenseits dessen aber neigen Gemeinwesen überall dazu, in einem Binnenauswahlprozess immer einen Repräsentanten des Mittelmaßes zu nominieren. Der personifizierte Durchschnitt soll an die Spitze, als einer wie alle und stellvertretend für alle. Gerhard Schröder hatte mit dem "Kartell der Mittelmäßigkeit" in seiner Partei schon recht.

Wir brauchen das Elitäre

Der Mittelmäßige wird aus den eigenen Reihen erkoren. Dann aber realisiert dieses egalitäre Gemeinwesen: Es gibt nicht nur ein Drinnen, es gibt auch ein Draußen. Es registriert: Wir stehen in Konkurrenz, im Wettbewerb. Die SPD mit der CDU, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit der von Brasilien oder Italien. Und mit einem Mal funktioniert das Mittelmaß-Kartell nicht mehr. Und die das Mittelmaß liebende Masse merkt: So haben wir keine Chance. So verlieren wir. An der Wahlurne oder auf dem Platz. Wir mögen zwar das Egalitäre. Aber wir brauchen das Elitäre.

In dieser Situation entsteht der gesunde Wettkampf zwischen Amtsinhaber und Rivale. Zum unguten Gefühl der Masse gesellt sich ein Führungsanspruch eines Einzelnen, des Herausforderers. Im günstigen Fall ist der Betreffende nicht nur willens, sondern auch fähig zu führen. Damit sind wir wieder beim Leitwolf. Leitwolf und Rudel, das hört sich furchtbar an, so tierisch. Der arme Wolf ist außerdem schwer belastet: der Wolf, der Rotkäppchen täuscht und frisst, der Mensch als Wolf des Menschen, wie Hobbes formuliert hat.

Lösen wir uns davon. Lösen wir uns vom Stigmatisieren und vom Beschönigen gleichermaßen. Der Machttrieb ist wie der Sexualtrieb, sie sind Geschwister. Der Machttrieb ist so gut oder schlecht wie der Sexualtrieb, und er hat eine ebenso gesunde Funktion. Er dient wie sein erotischer Bruder der Arterhaltung. Übertragen heißt das: dem Wahlsieg oder dem Erringen der Weltmeisterschaft.

Macht ist archaisch, sie funktioniert nach viehischen Gesetzen, hat sie immer und wird sie immer. Sie ist ein Biest, sie muss so sein. Das ist aber nicht schlimm. Ist Sex schlimm? Ein Alpha-Wolf, eine Alpha-Wölfin will das Beste für sich, ja, aber damit auch für seine oder ihre Meute. Und er oder sie will führen. Ja. Und? Wo ist das Problem?



insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
flötrolf 19.11.2008
1. Frische Meldung dazu!
Zitat von sysopClinton gegen Obama, Ballack gegen Löw, Beck gegen Müntefering - 2008 ist das Jahr der Machtkämpfe. Genau das braucht die Politik: Sie muss das Verhalten der Wolfsrudels lernen, um endlich das Mittelmaß zu besiegen. http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,591306,00.html
Gerade kam die Meldung, dass SolarWorld deutsche Opel-Standorte übernehmen und auf Solarmobile umtrimmen will. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,591386,00.html Die Analysten bewerten dies als schwierig, da SolarWorld keinerlei Ahnung vom Autobau habe. Das haben die Analysten auch nicht, sonst hätten Sie den Autobau bis vor 6 Wochen nicht auf Höchststände gepusht. Dazu: es gibt bei Opel gute technische Entwickler, u.a. im Bereich alternative Antriebssysteme. Das wäre aus Sicht des Technologiestandortes Deutschland eine sinnvolle Initiative, glaubwürdig und konsequent und vielleicht auch ein bißchen Abenteuer. Dazu kann ich mir dann auch eine Staatsbürgschaft oder weitere Aufbauhilfen sehr gut vorstellen. Und: Endlich ist der Mief von GM/Opel (Forster und Co., heute 1 Mrd. morgen 1,8 Mrd. €) weg. Es ist gewagt, entspricht in seinem Unternehmermut aber konsequenter der Entwicklung im Automobilmarkt, ein eindeutiger Ausschlag der Kompassnadel, um den sich viele Autobauer seit langem drücken. Ein Vertreter des deutschen Unternehmerpool, der wirklich Initiative zeigt. Ein Trendsetter, weg von Mittelmaß, weg von den Knallchargen und dem Mief von Analysten. Hin zu neuen Märkten, wichtigen Patenten in diesen Märkten, Materialentwicklungen, etc.. Wenn das kein Angebot an die Poliitk ist, sollte eine Volksbefragung abgehalten werden: 1.000 : 1 die Mehrheit befürwortet die Initiative auch wenn sie scheitern könnte oder einiges mehr als 1 Mrd. an Aufbauhilfen erfordert. Ich bin vor Begeisterung ganz vonne Socken!!!
testthewest 19.11.2008
2. Wölfe..
Anfangs guter Artikel, der dann leider schnell ins seichte abdriftet, sobald Literatur zitiert wird. Es wird von verdauen gesprochen und so Dingen, dabei heisst es: "Teile und herrsche!" Wir brauchen nicht Wölfe oder sonst irgendein Tier, wir brauchen schlicht fähigere Leute in der Politik. Wieso kann es nicht für Ämter Vorraussetztungen geben? Wieso sollte der/die Gesundheitsminister nicht Arzt sein müssen? Wieso der Justizminister nicht zumindest Jurist? Wieso dürfen völlig fachfremde Leute Dinge entscheiden, von denen sie keinerlei Ahnung haben? Das ist unser Problem, das Problem der Demokratie ansich, das nicht der Beste, Klügste oder Geeignetste einen Posten ausfüllt, sondern der den besten Kontakt zum Machthaber hat, welcher wiederrum auch nur demagogische Fähigkeiten benötigt - und sonst so dumm wie Stroh sein kann (bsp: Amerika 2000 / 2004)
Barath 19.11.2008
3. Wolfsrudel
Dieser Artikel wäre sehr gut, wenn er nicht einen merkwürdigen Fehlschluß machen würde. ---Zitat--- Macht ist archaisch, sie funktioniert nach viehischen Gesetzen, hat sie immer und wird sie immer. Sie ist ein Biest, sie muss so sein. Das ist aber nicht schlimm. Ist Sex schlimm? Ein Alpha-Wolf, eine Alpha-Wölfin will das Beste für sich, ja, aber damit auch für seine oder ihre Meute. Und er oder sie will führen. Ja. Und? Wo ist das Problem? ---Zitatende--- Im Wolfsrudel gewinnt der Stärkere. Stärke ist wichtig, für das überleben des Wolfsrudels. Kann man das genau so auf die Politik übertragen? Sind die Qualtitäten, die es einem Politiker erlauben sich gegen seine Gegner durchzusetzen, auch die selben, die es einem Politiker ermöglichen seinen Job effizient auszuüben (abgesehen davon, daß ihn seine Konkurrenten nicht vorher fressen)? Ich denke nicht, und genau da ist der Hacken an dem Artikel. Eine menschliche Gesellschaft ist nunmal kein Wolfsrudel und deswegen ist nicht alles, was für ein Wolfsrudel gut ist, auch für uns gut. Es ist sicherlich so, daß Machthungrige eher an die Spitze kommen, aber daraus zu schließen, daß sie auch an der Spitze stehen sollten, ist ein naturalistischer Fehlschluß. Mir fällt dabei spontan Steinbeck ein: "Menschliche Eigenschaften wie Güte, Großzügikeit, Offenheit, Ehrlichkeit. Verständnis und Gefühl sind in unserer Gesellschaft Symptome des Versagens. Negativ besetzte Charakterzüge wie Gerissenheit, Habgier, Gewinnsucht, Gemeinheit, Geltungsbedürfnis und Egoismus hingegen sind Merkmale des Erfolges. Man bewundert die Qualität der Ersteren und begehrt die Erträge der Letzteren."
sam clemens, 19.11.2008
4. Sieg des komfortablen Halbwissens ...
... sollte dieser Kommentar überschrieben werden. Es würde allerdings lange dauern, all die Ungenauigkeiten, unzulässigen Vergleiche, falschen Behauptungen - die gesamte fehlerhafte Methodik nachzuweisen. Der Mensch ist kein Wolf, kein Beutegreifer, kein Rudeltier. Alles, was hier über angeblich sichere Erkenntnisse zur Entstehung unseres Verhaltens geliefert wird, ist biologistisch mit einer kleinen Beimengung moderner Möchtegern-Anthropologie und ohne jeden Hauch von Differenziertheit.
kelcmatej, 19.11.2008
5. Verdiente Persöhnlichkeiten/Spieler........
.....genau darum geht es, wenn man ins Mittelmaß will. Da wird immer wieder von "Verdiente Personen" gesprochen, vergessen aber dabei, daß diese für ihre vergangenen Taten ja auch ausreichend entlohnt wurden. Auch die Meinung man müße sich erst "hochdienen" halte ich für pervers. Wie bitteschön soll ein "Diener" eine Mannschaft, egal ob Partei oder Fußballelf Führen/leiten? So wurden nach und nach die besten Leute aufgerieben/vergrätzt. Was übrig blieb war sozialer Durchschnitt. Na wenn jetzt tatsächlich eine Aera des Ausräumens dieses Schwachsinns beginnt, ist doch Klasse.
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