SPD-Ängste Beck in der Scharping-Falle

Die SPD trudelt, die Umfragewerte sind desaströs. Nur wenn Kurt Beck es schafft, die Partei rasch wieder in die Balance zu bringen, bleibt ihm das Schicksal seines glücklosen Vorgängers Rudolf Scharping erspart. Doch es wird eng.

Von Franz Walter


Déjà-vu? Kann sich Geschichte wiederholen? So fragen sich in diesen Tagen nicht wenige Sozialdemokraten, die beim Anblick von Kurt Beck unvermittelt an Rudolf Scharping denken müssen - und dabei einiges Bauchgrimmen bekommen. Denn mit dem ersten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten aus Rheinland-Pfalz geriet die SPD in eine ihrer schlimmsten Krisen der Nachkriegsgeschichte, an deren Ende der Triumph von Oskar Lafontaine stand. Nun droht mit dem zweiten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten aus der Pfalz ein ähnlicher Tanz auf dem Vulkan - und abermals könnte Lafontaine der große Gewinner eines sozialdemokratischen Debakels werden.

Also schauen wir zurück, wie sich die Tragödie des Rudolf S. vollzog, um uns zu sensibilisieren, was mit Kurt B. noch alles passieren mag. Rudolf Scharping, Jahrgang 1947, hatte 1991 mit den Sozialdemokraten den Regierungswechsel in einer traditionellen Hochburg der CDU geschafft. Das katapultierte ihn in den Kreis der Führungsanwärter in seiner Partei. An die Spitze der Partei brachte ihn dann eine Urwahl, welche die deutschen Sozialdemokraten erstmals in ihrer Geschichte für die Bestellung des Parteivorsitzenden anwandten.

Scharpings Ehrgeiz war enorm. Mit 45 Jahren war er der jüngste Parteivorsitzende in der Geschichte der Nachkriegssozialdemokratie. Der Mainzer Regierungschef griff 1993 rigide nach den beiden wichtigsten Führungsfunktionen der SPD: dem Vorsitz und der Kanzlerkandidatur. Nach der verlorenen Bundestagswahl 1994 ging Scharping sofort nach Bonn und übernahm sogleich die Fraktionsführung. Machtwillen konnte fürwahr Scharping niemand absprechen.

Die Voraussetzungen für eine starke Führungsposition Scharpings waren keineswegs schlecht. Er vereinte die wichtigsten Ämter der SPD; er war ehrgeizig; er wollte ins Kanzleramt. Als das im ersten Anlauf nicht gleich von Erfolg gekrönt war, setzte er seinen Weg entschlossen, zäh und geduldig fort. Er schien über einen langen Atem zu verfügen, besaß Nehmerqualitäten, zeigte Disziplin. Anfangs galt Scharping auch in der Öffentlichkeit unbestritten als starker Mann. Dann aber schwand seine Autorität rapide, nahezu desaströs. Doch: Wie konnte das geschehen?

Zunächst waren da mächtige Rivalen, nämlich die Herren Schröder und Lafontaine. Ihnen war er, schon vom Alter und der Erfahrung her, hoffnungslos unterlegen. Als Schröder und Lafontaine bereits begehrte Medienstars waren, ackerte Scharping noch weitgehend unbekannt in den Parteigremien der Provinz. Für Lafontaine und Schröder war Scharping ein politisches Leichtgewicht, dessen Führungsanspruch sie nie akzeptierten. Anders als der reine Gremienpolitiker Scharping waren Schröder und Lafontaine nicht in erster Linie durch die Kommissionen der Partei nach oben gekommen.

Schröders und Lafontaines prägende Erfahrung seit den achtziger Jahren war, dass ein provokativer Medienauftritt größere Prämien abwarf als eine mühselig zusammengezimmerte Resolution in einer Parteiarbeitsgemeinschaft. Sie waren Kinder und Akteure der Mediengesellschaft. Sie hatten erfahren, dass die Medienleute sich besonders dann auf sie stürzten, wenn sie mokante Sticheleien über die eigene Partei verbreiteten, wenn sie traditionelle sozialdemokratische Grundsätze locker beiseiteschoben. Diese Medienpose verlieh ihnen die Aura undogmatischer Beweglichkeit und kreativen Eigensinns. Die Partei und den Parteivorsitzenden aber stellte das bloß. Dem Parteivorsitzenden blieb allein die Rolle des knochentrockenen Funktionärs, des biederen, braven und unflexiblen Parteisoldaten.

Nach 1993 spielte vor allem Gerhard Schröder die Medienkarte voll aus und ließ Scharping zunehmend schlecht aussehen. Schröder präsentierte sich als Sozialdemokrat, den Parteidogmen nicht kümmerten, der sich um Parteitagsbeschlüsse nicht scherte, der als unabhängiger Kopf eine moderne, ideologiefreie, pragmatische Politik betrieb. Durch seine demonstrative Distanz zum unpopulären Parteibetrieb sammelte er seine Punkte im Volk. Das alles ging zu Lasten von Rudolf Scharping, der sich als Parteivorsitzender, selbst wenn er das Temperament dazu besessen hätte, die Attitüde Schröders gar nicht leisten konnte.

Wo Schröder frei und quirlig agierte, saß Scharping starr eingezwängt in Kommissionen und Gremien, zwischen Parteiflügeln und Beschlusslagen. Je herausfordernder und offensiver Schröder operierte, desto defensiver reagierte Scharping. Während Schröder nach vorn preschte, wich Scharping zurück, suchte Schutz in den Reihen der grundsatztreueren Linken, wurde gleichsam zu deren Gefangenem. Vor allem hatte er sich dadurch in die Geiselhaft von Oskar Lafontaine begeben. In dem Maße, in dem sich der Druck von Schröder erhöhte, klammerte sich Scharping an den Beistand des Kanzlerkandidaten von 1990. Um nicht auch noch Lafontaine gegen sich in Stellung zu bringen, gab ihm Scharping in den entscheidenden politischen Fragen nach und kleidete sich dadurch mit politischen Positionen, die ihm weder standen noch behagten.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.