SPD und Unterschicht Partei des gehobenen Proletariats

Seit SPD-Chef Kurt Beck das Wort Unterschicht in den Mund genommen hat, führt seine Partei eine kontroverse Debatte - dürfen Sozialdemokraten auf diese Weise über Armut sprechen? Ein Blick in die Geschichte zeigt: Für die gering Qualifizierten war die SPD noch nie Heimat.

Von Franz Walter


Die Sozialdemokraten haben Probleme mit dem Subproletariat. Doch an diesem Problem ist nichts neu. Denn die organisierte Arbeiterbewegung war nie Organisation aller Arbeiter schlechthin, hatte seit ihren Anfängen die allergrößten Schwierigkeiten mit den gering qualifizierten, oft ungelernten Lohnarbeitern. Die Differenz zwischen den Arbeiterschichten weiter oben und den Arbeitergruppen weiter unten war stets beträchtlich, politisch oft explosiv, gesellschaftlich mitunter enorm belastend.

Begeben wir uns auf eine Exkursion durch die sozialdemokratische Geschichte. Als sich Sozialismus und Arbeiterbewegung irgendwann zwischen den 1840er und 1860er Jahren in Deutschland formierten, war es keineswegs die neue Klasse der Fabrikarbeiter, die den Motor dieser Entwicklung bildeten. Denn im Frühkapitalismus besaßen die traditionslosen Fabrikarbeiter keine Organisationserfahrungen, keine Solidaritätspotentiale, keine gruppenbildenden Leitideen.

Das war bei den vorkapitalistischen Handwerksgesellen jener Jahre - den Schriftsetzern, Scherenschleifern, Drechslern, Sattlern, Zimmerern usw. – hingegen ganz anders. Sie verfügten über die Kompetenzen, die dem industriellen Frühproletariat fehlten. Sie wurden infolgedessen zu Pionieren der sozialistischen Emanzipationsbewegung. Sie prägten die Führungsschicht der deutschen Sozialdemokratie bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Sie besaßen die Voraussetzungen, die man braucht, um eine neue soziale Bewegung ins Leben zu rufen und sie peu a peu in Parteistrukturen zu übersetzen: Organisationskompetenz, Selbstbewusstsein, Bildung, Leitziele.

Aufstiegsorientierter Fleiß- und Arbeitssozialismus

Aus diesem Herkommen wurden "Assoziation" und "Bildung" zu Zauberwörtern der frühen Arbeiterbewegung – und prägten in Deutschland die Sozialdemokratie auf lange Dauer. Denn in den frühsozialistischen Organisations- und Bildungsidentitäten spiegelten sich die Gruppenmoral und der Ehrgeiz der berufsstolzen Handwerkerelite. So entstand in der deutschen Sozialdemokratie ein bildungsbeflissener, organisationszentrierter, aufstiegsorientierter Fleiß- und Arbeitssozialismus.

Auf ungelernte Arbeiter wirkte das von Beginn alles andere als anziehend. Der Assoziations-, Bildungs- und Strebsamkeitssozialismus stieß sie eher ab, war ihrer diskontinuierlichen Lebensgeschichte fremd. Und so blieb der mentale Gegensatz zwischen den gelernten und ungelernten Arbeitern eine Konstante in der deutschen Sozialdemokratie.

Die Sozialdemokratie war gleichsam von Geburt an Partei der Arbeiter mit Qualifikation, Ehrgeiz, Disziplin, mit zähen Beharrlichkeiten und großen Aufstiegsenergien. All jene Arbeiter aber, die dieses Einstellungspaket nicht zu bürden vermochten, fremdelten daher oft mit der Sozialdemokratie, gehörten nie zu ihren treuen Anhängern, standen gerade in Krisenzeiten abseits oder in anderen politischen Lagern.

Daran änderte sich auch in der Hochphase der sich marxistisch drapierenden Partei nichts: Das Gros der sozialdemokratischen Mitglieder, vor allem aber die Parteiführer gehörten weiterhin zur Arbeiter- und Handwerkerelite, nicht zu den unteren Schichten des Proletariats. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung kam lange ebenfalls nicht an die katholischen Arbeiter heran, fand also wenig Resonanz in der Schwerindustrie, beim Proletariat im Bergbau und an den Hochöfen. Es gelang ihr außerdem nicht, die Frauen in den Textilfabriken zu organisieren; sie stieß auf geringe Zustimmung bei den Landarbeitern. In den neuen Wachstumsbranchen, wie etwa der Chemieindustrie, erzielten die Sozialdemokraten bei den dort vielfach beschäftigten ungelernten Arbeitern ebenfalls nur eine spärliche Wirkung.

Insofern liefen auch die Protestbewegungen in den traditionslosen Teilen der Arbeiterklasse seit 1917 an der Mehrheitssozialdemokratie vorbei, ja: richteten sich aggressiv gegen die Partei Friedrich Eberts. Der Entstehungsort und die Aktionszentren der jungproletarischen Rebellionen waren insbesondere die Reviere der Rüstungsindustrien, die im Laufe des Ersten Weltkrieges oft aus dem Nichts in die Höhe gezogen worden waren. Als Arbeitskräfte hatte man junge Leute rekrutiert, oft ungelernt, häufig aus dem agrarischen Hinterland herbeigezogen. Für diese jungen Arbeiter kam der Wechsel in die Rüstungsfabriken und in die neuen Wohnquartiere jäh und schroff. Ihr Grundgefühl war das der Wurzellosigkeit: Die alten Bindungen waren gekappt, neue Ligaturen zur Organisationswelt und Kultur der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung bauten sich nicht auf. Das "neue Unten" im Übergang zur Weimarer Republik also berührte sich nicht mit den Traditionen der alten Arbeiterbewegung; das "neue Unten" wurde zum Ferment erst einer neuen linkssozialistischen Partei, der USPD, dann der KPD.

In den Augen der Weimarer Sozialdemokraten waren die so konstituierten Kommunisten überwiegend wortradikale Lumpenproletarier. Die Verachtung der hochqualifizierten Facharbeiter für die schlecht ausgebildeten Massen – das findet man dezidiert schon während der 1920er Jahre. Das verstärkte sich noch in dem Maße, in dem die kommunistischen Kernklientel seit 1929/30 ihre Berufsarbeit verlor bzw. gar nicht erst in den Produktionsprozess hineinfand. Fortan war nicht mehr der Betrieb, sondern die Straße der Erlebnis- und Erfahrungsraum der kommunistischen Arbeiter. Die Straße lud weit mehr als der Betrieb zum martialischen Aufmarsch, zum gewalttätigen Aufruhr, zur körperbetonten Protestgebärde ein, was den Sozialdemokraten des kopfbetonten Arbeiterbildungswesens ein Gräuel war. Es entwickelten sich mithin zwei Kulturen in der industriellen Arbeiterschaft, die umso weiter auseinander trieben, je länger die ökonomische Krise zum Ausgang der Weimarer Republik anhielt.

Entproletarisierung der Arbeiterklasse

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich diese sozialmoralische und politische Spaltung in Arbeiterklasse und Sozialismus zunächst nicht fort. Die 1950er Jahre bildeten vielmehr das Jahrzehnt, in dem sich die Arbeiterklasse entproletarisierte. Die Vollbeschäftigung, die sich allmählich durchsetzte, vermittelte den Arbeitern ein stärkeres Gefühl der Sicherheit. Die Massenkonsumartikel, an denen in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre mehr und mehr auch die Arbeitnehmer partizipierten, schufen Wohlstand und Privatheit.

Das proletarische Leben entzog sich den früheren Orten kollektiver Öffentlichkeit, wie den Arbeiterkneipen und den Arbeitervereinen, verlegte sich stärker in die eigenen vier Wände, in den Rahmen der Familie, um das Radiogerät, dann den Fernseher herum. Die Entproletarisierung der Arbeiterklasse unterhöhlte die traditionelle Kultur des Sozialismus. Die Kommunisten waren durch das staatliche Verbot 1956, aber auch durch die diskreditierenden Erfahrungen mit dem Ulbricht-Sozialismus aus der sozialdemokratischen Konkurrenz verschwunden. So musste und konnte die SPD, dem traditionellen Anspruch gemäß, Mehrheitspartei der Arbeiter und zugleich, den neuen Machtabsichten entsprechend, Volkspartei werden. Das war die prächtige Zeit für die Partei Willy Brandts, als sich die sozialen Gegensätze innerhalb der Arbeiterklasse allmählich einebneten und dadurch auch die früheren politischen Antagonismen verschwanden.

Die 1970er Jahre markierten dann eine neuerliche Wende, setzten gewissermaßen den finalen Schlusspunkt in der Geschichte der alten Arbeiterbewegung und der klassischen Sozialdemokratie. Es ereignete sich das, was man historisch so oft beobachten konnte: Der Erfolg höhlte die Voraussetzung seiner selbst aus. In den 1970er Jahren erreichte die sozialdemokratisch lancierte Bildungsexpansion ihren Gipfel. Und keine andere Sozialgruppe war auf das Aufstiegesversprechen durch schulische Weiterqualifikation besser vorbereitet als die Familien des sozialdemokratischen Funktionärskerns. Die einen stiegen durch Bildung auf und ließen die anderen, die den Bildungsweg nicht schafften, heimatlos zurück. Damit begann die Entsozialdemokratisierung des bundesdeutschen Restproletariats. Der Faktor "Bildung" hatte das sozialdemokratische Potential erneut gespalten.

Die Zurückgebliebenen im "sozialdemokratischen Jahrzehnt" waren nunmehr organisatorisch entbettet, normativ und weltanschaulich allein gelassen, negativ individualisiert. Und so lösten sie sich gefühlsmäßig von der Sozialdemokratie – und das in ganz Europa. Dadurch entstand der Raum für (rechts-)populistische Bewegungen, die von Mittel- bis Nordeuropa vielfach zu neuen Arbeiterparteien mutierten. Vor allem bei den jungen Männern aus den Kellergeschossen der Gesellschaft fanden sie Anklang: Mit charismatischen Volksrednern, mit einer Robin-Hood-Rhetorik, mit einem kraftmeierischen, körper- statt kopfzentrierten Machohabitus. Postmaterialistische Nachhaltigkeitsrhetorik und neumittelschichtige Emporkommensverbissenheit sind im diesem Sozialumfeld dagegen regelrecht verhasst.

Die Suche nach einer zeitgemäßen Gerechtigkeitsphilosophie

Die Kernformation der SPD des Jahres 2006, ihre Basisaktivisten und Multiplikatoren, suchen derzeit nach neuen Zielvorgaben für ihr sozialdemokratisches Engagement, nach einer zeitgemäßen Gerechtigkeits- und Leistungsphilosophie. Das meiste davon interessiert die abgehängten Arbeiter und Arbeitslosen, das "neue Unten", nicht im Geringsten. Man wird sie nicht mit elaborierten Programmdebatten oder grüblerischen Wertediskursen, auch und erst recht nicht mit dröhnenden Innovationspostulaten oder streberhaften Bildungsappellen einfangen.

Leicht ist es daher in der Tat nicht, neuproletarische und neumittelschichtige Lebenswelten und Erwartungen sozialdemokratisch zusammenzubinden. Doch in beiden Gruppen ist derzeit das Bedürfnis nach stützenden Geländern groß. Man mag das als Erwartung an die Sozialdemokraten formulieren: Dass sie Verhaltensmuster fördern, Institutionen sichern, Infrastrukturen errichten, die dabei helfen, die sozialen Risiken enthemmter wirtschaftlicher Radikalkuren kalkulierbar zu machen, neue Ungleichheiten abzubauen, berufliche Brüche ohne Existenznöte zu überbrücken, die Koordination von Partnerschaften, Kindern, Pflegeverpflichtungen, Beruf, Fortbildung zu erleichtern, übrigens auch nachsorgende Sicherheiten zu vermitteln, wenn trotz allen vorsorgendem Eifer das Leben gleichwohl unglücklich verläuft.

Doch ob das zur Reintegration von Unten und Mitte unter dem Dach der Sozialdemokratie führt, ist gewiss zweifelhaft. Ein wenig erinnert die Situation an die vorbundesrepublikanische Zeit. Es haben sich zwei ganz verschiedene Kulturen und Lebenswelten im früheren sozialdemokratischen Potenzial ausgebildet. Deren Interessen fügen sich keineswegs selbstverständlich. Die sozialdemokratische Solidarität beruhte stets auf Reziprozität: Die einen gaben den anderen, weil sie erwarten durften, die Zuwendung bei nächster Gelegenheit wieder zurückzuerhalten. Doch das neue Unten der Globalisierung kann und wird nichts zurückgeben. Das könnte die sozialdemokratische neue Mitte, die fleißigen wie verunsicherten Einzahler in den Steuerstaat, durchaus zur Aufkündung sozialstaatlicher Transfers nach unten bewegen.



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