Widersprüchliche Ethik-Debatte Gen-Forschung Ja, Klon-Versuche Nein

Nachdem das Biotech-Unternehmen ACT einen menschlichen Embryo geklont hat, suchen Politiker weltweit nach einer schlüssigen Haltung zur Genforschung. SPD-Politiker und Opposition wollen Klon-Experimente zwar ächten, die Forschung an Stammzellen jedoch weiter fördern.


Menschlicher Embryo: Politiker warnen davor, die Stammzellen-Forschung zu verdammen
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Menschlicher Embryo: Politiker warnen davor, die Stammzellen-Forschung zu verdammen

Berlin/Washington/Vatikan - Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) nannte die Versuche der US-Firma am Montag "verantwortungslos". Die Regierung setze sich dafür ein, das Klonen von Menschen international zu ächten. In diesem Zusammenhang griff Bulmahn auch die US-Regierung an: In den USA gälten für private und öffentliche Forschung unterschiedliche Regeln. Klon-Experiment würden nicht mit öffentlichem Geld gefördert, private Firmen hätten aber weitgehend freie Hand. "Dies ist eine Doppelmoral, die es bei uns nicht geben darf", so die Ministerin. Bulmahn wies darauf hin, dass in Deutschland sowohl das Klonen zur Vervielfältigung von Menschen als auch das so genannte therapeutische Klonen verboten ist.

Das US-Biotechnik-Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) hatte am Sonntag erklärt, es habe erstmals einen menschlichen Embryo zu therapeutischen Zwecken geklont. Es gehe aber nicht darum, Menschen zu klonen, sondern Therapien gegen Krankheiten wie Alzheimer oder Krebs zu entwickeln.

Clement: Chance auf Therapien nicht verspielen

Wie die Regierung in Berlin kritisierte auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) diese Klon-Experimente als "nicht verantwortbar". "Hier haben Wissenschaftler eine Grenze überschritten, die nicht überschritten werden darf", heißt es in einer Erklärung des Sozialdemokraten.

Gleichwohl hält Clement an seiner Unterstützung für die Forschung an embryonalen Stammzellen fest. "Mir geht es in der aktuellen Diskussion ausschließlich darum, den Import embryonaler Stammzellen, die überzählig, dokumentiert und von den Spendern freigegeben worden sind, zu ermöglichen." Die Chance auf Heilung schwerster Krankheiten dürfe nicht verspielt werden.

Embryonen "keine Ersatzteillager"

Eine ähnlich ambivalente Haltung vertreten prominente Oppositionspolitiker. Der stellvertretende Vorsitzende der Ethik-Kommission des Bundestages, Hubert Hüppe (CDU), sprach von einem Tabubruch. Die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Maria Böhmer, sagte, menschliche Embryonen seien "weder Zellhaufen, noch Biomasse noch Ersatzteillager für andere". Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers nannte die Experimente "menschenverachtend" und sagte, es dürften "keine Menschen im Labor hergestellt werden, um sie für medizinische Experimente zu zerstückeln. Kein Heilungszweck kann diese tödlichen Machenschaften rechtfertigen".

Rüttgers lehnte ein kategorisches Verbot des Importes von menschlichen Stammzellen allerdings ebenfalls ab. Es sei jedoch wichtig, sehr sorgfältig und mit der nötigen Zeit nach einer ethisch verantwortlichen Lösung dieser Frage zu suchen. Auch die FDP sprach sich dafür aus, übrig gebliebene menschliche Stammzellen für Forschungszwecke zu nutzen.

US-Senat will Klonen per Gesetz verbieten

Bereits am Sonntag hatte US-Präsident George W. Bush mit Kritik auf Berichte über das Klon-Experiment reagiert. Bush sei entschieden gegen diese Art der Forschung und hoffe, dass der US-Kongress möglichst rasch ein entsprechendes Gesetz verabschieden werde, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jennifer Millerwise.

Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Tom Daschle, nannte die Berichte "beunruhigend" und kündigte an, dass der Senat einen scharfen Blick darauf werfen werde. Der republikanische Senator Richard Shelby sagte ebenfalls, er glaube nicht, "dass wir das Klonen menschlicher Embryos weitergehen lassen werden".

Das Abgeordnetenhaus hatte im Juli bereits ein Gesetz zum Bann des Klonens menschlicher Embryos gebilligt. Im Senat liegt eine ähnliche Vorlage zur Verabschiedung vor. Bush selbst hatte in diesem Jahr grünes Licht für eine begrenzte finanzielle Förderung der Forschung an embryonalen Stammzellen gegeben.

Nur orthodoxe Kirche gegen Stammzellen-Therapie

In den Chor der Kritiker stimmten am Montag auch die großen christlichen Kirchen ein. Ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sagte, mit den Experimenten werde "menschliches Leben erzeugt, nur um es wieder zu verwerfen". Es müsse dringend eine internationale Regelung auf diesem Gebiet geben. Die Nachrichten aus den USA zeigten, dass der Forscherdrang immer weiter gehe. Auch mit adulten Stammzellen aus ausgewachsenem Gewebe gebe es Therapiemöglichkeiten. Diese seien im Gegensatz zu Versuchen mit embryonalen Stammzellen ethisch nicht fragwürdig.

Der Vatikan äußerte sich ähnlich und forderte eine "unmissverständliche Verurteilung" des Klonens menschlicher Embryonen, nannte aber die Forschung mit Stammzellen, die vom erwachsenen Menschen entnommen werden könnten, moralisch zulässig. Die orthodoxe Kirche in Russland hat Klon-Forscher und die Nutznießer von Stammzellentherapien derweil mit dem Ausschluss bedroht. Die Experimente in den USA verstießen gegen die kirchliche Lehre. Patienten, die sich mit Stammzellen von Embryonen behandeln ließen, begingen aber eine noch größere Sünde.



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