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Stasi Deckname »Leitz«

Auch der Regimekritiker Robert Havemann hat für den DDR-Geheimdienst gearbeitet, bevor er zum Staatsfeind der DDR avancierte.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Kurz vor Weihnachten 1963 waren die Herren der Stasi endgültig frustriert. Bei ihrem »Geheimen Informator (GI) ,Leitz'«, klagten sie, zeichne sich eine schlimme Entwicklung ab. Die Führungsoffiziere des GI Leitz schlugen vor, den Kontakt »endgültig abzubrechen«. Mit Leitz sollten »keine Gespräche mehr geführt werden«.

Das war das Ende einer siebenjährigen Liaison zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und dem Genossen Robert Havemann.

Im Februar 1956 hatte sich der linientreue Kommunist - Volkskammerabgeordneter, Chemieprofessor und Institutsdirektor an der Berliner Humboldt-Universität - zur konspirativen Zusammenarbeit mit der Stasi bereit erklärt. Havemann wählte sich den Decknamen Leitz; geführt wurde er von der MfS-Abteilung VI, zuständig für »Industrie, Kernforschung, Verteidigung«. Leitz sollte »Kontakte zu westdeutschen Wissenschaftlern, insbesondere Physikern«, herstellen.

Im Bericht zur »Anwerbung des GI ,Leitz'« vom 25. Februar 1956 heißt es: »Auf Grund seiner schon langen Tätigkeit und seiner gesellschaftlichen Stellung wurde eine schriftliche Verpflichtung als formal angesehen und deshalb auf diese verzichtet.«

Die Vermerke über Havemanns Spitzeltätigkeit für das MfS finden sich in den ersten beiden Bänden des Operativen Vorgangs (OV) Leitz. In mehr als 300 Bänden hat die Stasi dort den Fall Havemann dokumentiert, von den aus MfS-Sicht positiven Anfängen bis zum Tod des von der SED meistgehaßten Regimegegners im Jahre 1982.

Daß Robert Havemann in den Gründerjahren der DDR als Spitzenwissenschaftler der SED erst mit dem russischen, dann mit dem ostdeutschen Geheimdienst kooperierte, ist weitgehend unbekannt.

Havemann selbst hat aus seiner Spitzeltätigkeit gegenüber Freunden aus Ost und West freilich nie einen Hehl gemacht. Auch der Schriftsteller Jürgen Fuchs, ein enger Freund Havemanns, hat in verschiedenen Veröffentlichungen auf die Stasi-Kontakte Havemanns hingewiesen und im Frühjahr 1994 darüber vor der Enquete-Kommission des Bundestages referiert. Fuchs vertrat dort die Ansicht, »daß es gerade diese Innenkenntnis des Machtapparates war, die Robert Havemann als so gefährlich für das System und seine Machthaber erscheinen ließ«.

Doch in der breiten Öffentlichkeit gilt Havemann, der in seinen Vorlesungen an der Humboldt-Uni 1963 öffentlich mit dem stalinistischen SED-Regime brach und seither von den Genossen kujoniert und jahrelang unter Hausarrest gestellt wurde, als lupenreiner Dissident ohne Fehl und Tadel.

Die jetzt vorliegenden Akten Havemanns taugen nicht zum Sturz des Oppositionsidols. Mit den Russen arbeitete der Chemiker nach Kriegsende zusammen, weil die ihn aus dem NS-Zuchthaus Brandenburg befreit hatten.

Mit der Stasi kooperierte der überzeugte Kommunist nach Aktenlage, um seinen Staat mitten im Kalten Krieg zu stabilisieren. Havemann kümmerte sich im Auftrag der Stasi um fähige Wissenschaftler im Westen, die er für die DDR zu gewinnen hoffte.

»Daß Havemann in den fünfziger Jahren zu diesem Verein gehörte, lag in der Logik seines Lebens«, so der Liedermacher Wolf Biermann, der in den siebziger Jahren eine Art Ziehsohn Havemanns war. »Er hat niemals darüber gelogen, wichtig ist sein Ausstieg aus dem MfS, nicht seine Mitarbeit.«

GI Leitz berichtete laut Stasi-Unterlagen nach Westaufenthalten über seine Kontakte zu Physikern, Chemikern und Publizisten: wie er sie politisch einschätzte und ob sie für den Sozialismus zu gewinnen seien.

Nach einem Ost-Berlin-Auftritt des Zukunftsforschers Robert Jungk, einem der härtesten und prominentesten Atomwaffengegner des Westens, gab Havemann zu Protokoll: »Er referierte zum Thema ,Blinder und sehender Fortschritt'. Er ging dort auf die Fragen des Einflusses der technischen Entwicklung auf die Menschheit und die dabei auftretende Verantwortung der Wissenschaftler ein.«

Weiter notierte Havemanns Führungsoffizier Hauptmann Maye: »Befragt zur Person von Robert Jungk schätzt ,Leitz' ein, daß es sich bei diesem um einen österreichischen Staatsbürger handelt mit Sitz in Wien, der als internationaler Publizist bereits bekannt ist. Leitz schätzt ihn als linksintellektuellen Bürger, der sich auf eine ideologische Neutralität orientiert.«

Leitz lieferte außerdem politische Stimmungsberichte aus der Humboldt-Universität; für eine Fahrt zur Max-Planck-Gesellschaft nach Göttingen und Mainz nahm Havemann einen MfS-Reisekostenzuschuß von 100 West-Mark an.

Doch die Zusammenarbeit ging nicht lange gut. Im August 1956 wird Leitz zwar als »willig und interessiert« eingeschätzt, doch »leider ist zu verzeichnen, daß er oft übernommene Aufträge nicht ausgeführt hat«.

Zwei Monate später, im Oktober 1956, klagt Stasi-Maye bereits darüber, daß Havemann in der Humboldt-Universität »feindliche Auffassungen über die sozialistische Demokratie«, über die Aufstände in Ungarn und, am 17. Juni 1953, in Deutschland vertritt.

Die Stasi mißtraut Leitz auch, weil er zuviel wissen will. Havemann verlangte etwa »die Bereitstellung detaillierter Informationen über die Entwicklung der Kernforschung der DDR«, um diese für Vorträge auszuwerten »und westdeutsche Kernphysiker zum Übertritt in die DDR zu veranlassen«.

Schon bald läßt die Stasi ihren Havemann von anderen Spitzeln überwachen, protokolliert seine Vorträge und Vorlesungen, legt Berichte über seine Gespräche an. »Ein Einsatz in Richtung Feind«, heißt es in einem Vermerk aus dem Jahr 1958, »wird nicht für ratsam erachtet.«

An der Leipziger Universität, notieren die Führungsoffiziere 1962, »beginnt Havemann mit der öffentlichen Verbreitung feindlicher Auffassungen«, im Oktober 1963 verkündet er laut Stasi-Unterlagen vor 800 Studenten »revisionistische Auffassungen«.

Resigniert beenden die Stasi-Kader im Dezember 1963 die Treffen mit Havemann. Am 11. Januar 1964 widmen sie die GI-Akte Leitz zu einem »zentralen Operativvorgang« gegen den Staatsfeind Leitz um - Begründung: »Delikt Staatsverrat«.

Daß die GI-Akte Havemann, die bislang nicht einmal Havemanns Witwe Katja eingesehen hat, gerade jetzt Furore macht, kommt nicht von ungefähr: Anfang Juli beginnt in Frankfurt an der Oder ein Prozeß gegen sieben Staatsanwälte, Richter und Mitarbeiter der DDR-Justiz wegen Rechtsbeugung, teils in Tateinheit mit Freiheitsberaubung, begangen an dem ostdeutschen Regimekritiker Robert Havemann.

Ende der siebziger Jahre hatte das SED-Regime Havemann zweieinhalb Jahre lang in seinem Haus in Grünheide bei Berlin eingesperrt. Die Staatsanwaltschaft will in dem Prozeß nachweisen, wie die Stasi den gesamten Ablauf der Repression bis hin zur Gerichtsverhandlung und zum Arresturteil nach einem Drehbuch geplant und durchgezogen hat, um einen politischen Gegner auszuschalten.

Seit Monaten streuen ehemals hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter, die in den Fall Havemann verwickelt sind, Gerüchte über den Stasi-Spitzel Havemann. Der Nachweis, daß auch der berühmteste Kritiker der ostdeutschen Repressionsmaschine einst selbst dazugehörte, so offenbar das Kalkül, werde auch sie entlasten. Y

Bald läßt die Stasi Havemann von anderen Spitzeln überwachen

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