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Kaukasus Deckname Schwarze Tulpe

aus DER SPIEGEL 4/1995

An der verkrüppelten Birke vor dem Tower der russischen Luftwaffenbasis Mosdok baumelt ein blauer Postkasten. »103 400 Moskau - 400«, so erinnert ein Schild den Benutzer, müsse er als Adresse auf den Brief an die Lieben daheim schreiben.

Die Anschrift der Militärpost in Moskau, 1500 Kilometer vom nordkaukasischen Mosdok entfernt, gibt dem Feldzug ins Tschetschenen-Land wenigstens den Anschein von Ordnung. Um den Kasten für letzte Nachrichten vor dem Abrücken nach Grosny drängen sich lauter frischrasierte, verstörte Jungengesichter, unter ihnen Schenja Chudenki, 18. Ein Iljuschin-Transporter hat den schmalen Teenager wenige Tage zuvor vom Stillen Ozean in die Kaukasus-Berge verfrachtet, an die Grenze zu Tschetschenien.

Seine Kameraden von der 55. Marineinfanteriedivision Wladiwostok hocken verloren im Schneetreiben auf ihren Seesäcken an der Rollbahn. Den gerade erst an den Gleichschritt gewöhnten Rekruten ist nach dem ersten Blick auf das Etappengetümmel klar: Dies wird kein Marsch ins Manöver.

Von der Mosdoker Startbahn stiegen einst die strategischen Atom-Bomber der Sowjetmacht in den Himmel, jederzeit _(* Mit SPIEGEL-Redakteur Neef (2. v. l.). ) einsatzbereit gegen den eine halbe Weltreise entfernten Klassenfeind. Jetzt schweben alle fünf Minuten dickbauchige Frachter, braungescheckte Jagdbomber, Stabs- wie Sanitätsflugzeuge, reaktivierte Propellermaschinen und silberne Tupolew-Bomber ein: Nachschub für die Strafaktion, mit der Kreml-Herr Boris Jelzin seinem Widersacher Dudajew eine »Lektion« erteilen möchte.

Lastwagen befeuern mit Notscheinwerfern die im Nebel liegende Piste. Von der Front zurückkehrende Kampfhubschrauber setzen haarscharf neben hin- und herjagenden Tankwagen auf den Rollbahnen auf.

Zwischen den Betonstreifen, wo sonst Krähen picken, wird ein halbes Hundert Helikopter mit Munition bestückt. Raketen und Bomben liegen im knöcheltiefen Schlamm. Gleich daneben wärmen sich verfrorene Soldaten am offenen Feuer. Sanitäter laden unter sirrenden Rotorblättern Verwundete in Krankenwagen um.

»Hier herrscht völliges Chaos«, sagt ein Offizier vom Bodenpersonal. »Mit dieser Macht müßten wir bereits ein Land wie Belgien eingenommen haben.« Doch viele Stadtteile von Grosny sind noch immer in Dudajews Hand. In Mosdok ist der Tschetschene noch weit, doch die Stimmung auf dem Stützpunkt grenzt an Hysterie. Selbst in den Transportflugzeugen sitzen Schützen an doppelläufigen Kanonen im Heck, als habe Moskau nicht längst alle Feind-Maschinen zerbombt. Sandsäcke verbarrikadieren die Kaserneneingänge der weitläufigen Garnison. Leuchtspurgarben hellen den Himmel auf. Auch der einfache Telefonverkehr wird verschlüsselt.

Den Stab gleich neben dem Feldlazarett bewachen Elitekämpfer der Spionageabwehr, eine MPi mit Schalldämpfer in der Hand. Seit Geheimdienstchef Sergej Stepaschin, Jelzins Tschetschenien-Statthalter Nikolai Jegorow und der Propaganda-Troß der Armee in dem zweistöckigen Ziegelbau Quartier genommen haben, heißt das Gemäuer im Soldatenjargon »domik ura« - Hurra-Häuschen.

Was an Frontmeldungen herausdringt, nimmt in der Garnison kaum noch jemand für bare Münze. »Bahnhof von Grosny erobert«, heißt es an diesem Tag. Es dauert nur wenige Stunden, bis ein heimkehrender Frontoffizier die Meldung dementiert. Unrasiert, in zerrissener Uniform und hundemüde macht er seinem Ärger Luft: »Wir liegen im Kugelhagel vorn und sind trotzdem die Buhmänner der Nation - weil die«, sein Daumen zeigt hinauf zum ersten Stock der Villa Hurra, »monatelang geschlafen haben.«

Die Amerikaner - ja, die hätten genau gewußt, warum man Interventionen wie in Haiti psychologisch über die Medien vorbereiten muß. »Und wir?« Der Major spuckt trotzig in den Dreck. »Hatten wir gegen Dudajew nicht genügend Argumente bei der Hand?«

Weil auch Stepaschin den Krieg »propagandistisch leider verloren« gibt, wollte er die Schlappe mit einer medienwirksamen Geste wettmachen: Elitetruppen sollten so schnell wie möglich Rußlands Flagge auf Dudajews Präsidentenpalast hissen - jenem häßlichen Betonklotz, in dem einst das KP-Gebietskomitee saß und der inzwischen in aller Welt zum Symbol für den Widerstand des tschetschenischen David gegen den russischen Goliath geworden ist.

Das sieht dann wenigstens so aus wie ein Sieg. Im 50. Jahr nach dem Triumph über die deutschen Aggressoren möchte das Militär mit Macht den Reichstagsmythos beleben. Als am Donnerstag voriger Woche das 276. Mot-Schützen-Regiment unter Oberst Sergej Bunin endlich die rauchende Ruine mit der Trikolore schmückt, feiert Jelzin daheim - wieder einmal und wieder zu früh - »den praktischen Abschluß« der Kriegshandlungen.

Sein Verteidigungsminister Pawel Gratschow, näher dran, hat bereits eine andere Parole ausgegeben: den »lang währenden Krieg«. Ein Ende der »erbitterten Kämpfe« sei nicht abzusehen, erklärt ein Oberstleutnant. Aber bitte: »Wenn Dudajews Kämpfer unbedingt sterben wollen - es ist ihr gutes Recht.«

Wo die Kunst der Strategen versagt, muß die Greuelpropaganda aushelfen: Russische Gefangene seien von Freischärlern an den Fensterkreuzen des Präsidentenpalastes aufgeknüpft worden, lautet eine dieser Tatarennachrichten. Oder: In Hospitälern lägen Offiziere, denen die »Banditen« Kreuze in die Brust gebrannt, die Hoden abgeschnitten, die Augen ausgestochen hätten. Selbst die Kriegsberichterstatter vom Armee-Blatt Roter Stern bekommen indes keine vom Feind Verstümmelten zu sehen. Aus Furcht vor späteren Terrorakten haben viele Offiziere ihre Gesichter hinter Masken verborgen, seinen wirklichen Namen mag niemand nennen.

Nur die Soldaten sind offen und ohne Argwohn: Jeder, der wie Rekrut Chudenki seine Haut buchstäblich zum heißumkämpften Marktplatz im Stadtzentrum von Grosny tragen muß, darf erst noch zum Aufwärmen in die Kantine. Vor dem Einsatz gibt es gebratenen Fisch und Kartoffelpüree, dazu einen Schlag Nudeln ins Kochgeschirr. Dann noch einmal rasch ins freie Feld: Da üben die Rekruten, wie sich im Nahkampf überleben läßt.

Jede Stunde formiert sich am Tor des Heerlagers eine Kolonne zum Abtransport nach Grosny: Panzer, Tankwagen, Nachrichtenkompanien. Weil die Soldaten sicherheitshalber die Seitenfenster der Fahrerkabinen mit Schußwesten verhängt haben, übersehen sie den Spruch, der seit alten Zeiten die Landstraße ziert: »Völkerfreundschaft - die größte Errungenschaft der Sowjetunion«.

Mit dem Hubschrauber dauert der Flug an die Front 40 Minuten. Dicke Rauchsäulen stehen über der Ölraffinerie von Grosny. So niedrig wie möglich jagt der Pilot über die Trümmer, um die Maschine bei Beschuß vielleicht noch aufsetzen zu können.

Aus Obstgärten feuert Artillerie auf die qualmenden Reste der tschetschenischen Hauptstadt, Granateinschläge blitzen auf. Der Kampfstab von Frontbefehlshaber Iwan Babitschew hat sich im Lenin-Park neben dem Stadion eingegraben. Aus dem Keller des ausgebrannten Restaurants »Terek« dirigiert Babitschew, der beim Vormarsch noch gezaudert hatte, nun den Angriff aufs Stadtzentrum.

Militärabwehr, Sicherheitsdienst und Diversionsspezialisten fahnden nach Defätisten. Die Führungsspitze der Uljanowsker Luftlandedivision komme als »Bande von Feiglingen« vor Gericht, droht ein Militärpolizist - wegen der Weigerung, ihre Männer zum erneuten Sturm ins Zentrum zu jagen.

Am Springbrunnen des Parks sammeln sich jene, die ins Feuer müssen. Unteroffiziere beladen einen kleinen Panzer mit Munition: Nachschub für die Truppenspitzen am Bauernmarkt, 200 Meter von Dudajews Palast entfernt.

Hinter dem Parktor beginnt das Niemandsland. Ein Knäuel ausgebrannter Autos türmt sich in der Straßenmitte, daneben liegt ein erschossener Polizist. Vor einer Bierbude haben Barmherzige drei Leichen mit Pappe zugedeckt. »Wegen der Hunde«, sagt Panzerführer Kolja, und: »Das sind keine von uns, die liegen schon seit Silvester dort.«

Mit Vollgas jagt er sein Gefährt in die Rosa-Luxemburg-Straße hinein. Das Wohnviertel, offiziell längst von russischen Truppen besetzt, ist menschenleer. Doch der Feind lauert überall. Eine Granate in die Kisten auf dem Panzerdach, weiß Kolja, »das wäre das Aus«.

Nach zehn Minuten ist der Marktplatz erreicht. Mit klirrenden Ketten manövriert der Sergeant den Panzer zwischen die niedergewalzten Verkaufsbuden. Maschinengewehrfeuer. In einer Nische hockt Oberstleutnant Alexander, 39. Seit zehn Tagen ist er mit seinen Männern keinen Meter vorgerückt. Mangels Stadtplan hat er sich eine Bleistiftskizze vom nächsten Häuserviertel gemacht: sieben Wohnblöcke, fünf Etagen hoch, und von überall her feuern Dudajew-Kämpfer ihre Salven in den Basar.

»Profis«, knirscht Alexander. »Die wechseln ständig ihren Standort, provozieren uns und halten dann aufs Mündungsfeuer.« Er zeigt in Richtung Innenministerium: »Dort sitzen unterm Dach die Unsrigen, die erste Etage ist von Tschetschenen besetzt.«

Vorrücken? Der Offizier lacht bitter: »Um einen Häuserblock zu besetzen, brauche ich 60 Mann - 10 pro Aufgang. Uns fehlen die richtigen Waffen, sogar Decken für die Nacht.«

Er kann nicht einmal seine schon vor Tagen am Kino »Oktober« gefallenen Leute bergen. Die versprochene Verstärkung durch Truppen des Innenministeriums ist nicht gekommen.

Alexander springt hinüber in die Markthalle. Drinnen ist eine Einheit aus dem nordrussischen Pskow in Stellung gegangen. Von 43 Mann sind nur noch 19 da, alle anderen fielen.

Schnaufend hockt sich der Regimentskommandeur hinter einen Haccklotz in der früheren Fleischabteilung und sagt seine Meinung über diesen Feldzug: »Das ist ein gänzlich unverständlicher Krieg, ohne klares Ziel: Wir laufen wie die Hasen hin und her und lassen uns von den Tschetschenen abknallen - und das für gerade mal den vierfachen Friedenssold. Wenn Rußlands Fahne auf Dudajews Amtssitz weht, glauben die in Moskau, das Tschetschenen-Problem sei gelöst.«

Als er die Halle auf demselben Weg wieder verläßt, sieht er die schief in den Angeln hängende Tür: Eine Garbe hat eben die Füllung durchsiebt.

Seinen Oberleutnant Konstantin Kadschijew hat es getroffen. Der Munitionspanzer nimmt den Verwundeten mit in den Park zurück. »Lungenschuß«, diagnostiziert der Arzt im Feldhospital, das notdürftig in der Kellerbar »Chakmadu« untergekommen ist. Kadschijew flüstert: »Im Februar wollte ich eigentlich heiraten.« Auch der Feldscher flüstert, als er ein Stück vom größten Kriegsgeheimnis preisgibt: 80 Verletzte hätten sie mitunter am Tag, insgesamt seien schon anderthalb tausend gefallen.

Vor dem Tor des Hauptquartiers in Mosdok hat sich Rußlands empörtes Gewissen eingefunden: Soldatenmütter aus Sibirien, St. Petersburg und dem Ural. Mit wachem Blick sucht Galina Kischejewa jeden vorbeirollenden Konvoi ab. Zweimal schon glaubte sie ihren Sohn Alexander, 19, zu entdecken.

»Erst haben sie dem Jungen gesagt, es gehe zur Übung nach Orenburg, und plötzlich war er hier.« Die aufgebrachten Frauen fordern ihre Söhne zurück. Sie lassen sich nicht durch das handgemalte Schild am Kasernentor täuschen, das Aufklärung über das »Schicksal von Armeeangehörigen« im Mosdoker Kino »Frieden« verspricht. Und das angegebene Kontakttelefon schweigt ebenso wie das Kriegskommissariat.

Dem Posten bieten sie mitgebrachte Äpfel an, die der Soldat verweigert, weil darin eine Handgranate oder tschetschenisches Gift versteckt sein könnte. Striktes Verbot herrscht auch, Briefe für die Kameraden an der Front mitzunehmen.

Auf wundersame Weise ist eine Frauengruppe bis zum geheimsten Ort der Garnison vorgestoßen: Neben dem Munitionslager hat sich das »System Schwarze Tulpe« (so der Deckname für die Beerdigungsbrigade) an die Arbeit gemacht. Rohe Holzkisten mit 500 frisch gelieferten Zinksärgen stapeln sich hinter dem Zaun. Doch auch in den Totenlisten lassen sich die Namen der Gesuchten nicht finden.

Jelzins Menschenrechtsbeauftragter Sergej Kowaljow scheint am Ende seiner Kraft. Müde hockt der Duma-Abgeordnete im Garnisonsstab, um noch ein letztes Mal Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien anzubahnen. Daß sein Präsident diese wirklich will, glaubt er nicht mehr. Feldherr Gratschow nennt den Menschenrechtler einen »Verräter«, »Abschaum«.

In den Bergen hat Gratschow Flugblätter abwerfen lassen: Werde auf russische Truppen geschossen, machten Bomben und Raketen die Dörfer dem Erdboden gleich. »Ihr Schicksal und das Ihrer Kinder«, schließt der zynische Appell, »liegt allein in Ihrer Hand.«

Ein Scherzbold hat der großen Rußlandkarte im Tower an der Rollbahn ein eigenwilliges Kriegsziel aufgemalt: Die Eismeer-Insel Nowaja Semlja, von den Sowjets verwüstetes Atomtestgebiet hoch im Norden, ist darauf in »Tschetschnja« umbenannt. So abwegig sei das nicht, meint ein Offizier: »Kann sein, daß es nach diesem Krieg kein Tschetschenien mehr gibt.« Y

* Mit SPIEGEL-Redakteur Neef (2. v. l.).

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