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»Dein armer J. Stalin«

aus DER SPIEGEL 38/1967

Heute will ich vom letzten Ende erzählen, von jenen Märztagen des Jahres 1953, die ich im Hause meines Vaters verlebte, als ich ihn sterben sah. Es waren schreckliche Tage.

Das Gefühl, daß etwas Gewohntes, Beharrendes, Sicheres in Bewegung, ins Wanken geraten sei, begann für mich mit dem Augenblick, da man mich am 2. März aus der Französischstunde in der Akademie holte und mir mitteilte, daß Georgij Malenkow mich bitte, ich möge nach Blischnjaja fahren.

Blischnjaja (zu deutsch: »Die Nahe"**) hieß die Datscha des Vaters in Kunzewo, zum Unterschied von anderen, weit entfernten Landhäusern. Es war geradezu unwahrscheinlich, daß jemand anders als mein Vater mich einlud, zu ihm aufs Land zu kommen. Mit einem merkwürdigen Gefühl der Verwirrung fuhr ich dorthin.

Als wir das Tor passierten und Nikita Chruschtschow und Nikolai A. Bulganin den Wagen neben dem Haus anhielten, wußte ich, daß alles zu Ende war. Ich stieg aus, und sie faßten mich am Arm. Die Gesichter der beiden waren verweint. »Gehen wir ins Haus«, sagten sie, »dort werden dir Berija und Malenkow alles erzählen.«

Im Hause, das heißt schon im Vorzimmer, war alles nicht mehr wie sonst; statt der gewohnten tiefen Stille -- hastiges Hin- und Herlaufen. Als man mir endlich sagte, daß der (74jährige) Vater einen Schlaganfall erlitten habe und nicht bei Bewußtsein sei, fühlte ich sogar eine gewisse Erleichterung, denn es schien mir, als ob er gar nicht mehr da wäre.

Man erzählte mir, daß der Schlaganfall offenbar während der Nacht eingetreten sei, daß man Vater um drei Uhr früh auf dem Boden liegend im Zimmer gefunden habe, hier, auf dem Teppich neben dem Diwan, und daß man ihn in einem anderen Zimmer auf jenen Diwan gebettet habe, auf welchem er für gewöhnlich schlief. Dort befinde er sich jetzt, dort seien die Ärzte, und dorthin könne auch ich jetzt gehen,

Ich hörte zu wie im Nebel, versteinert. In dem großen Saal, wo der Vater lag, drängte sich eine Menge Leute. Unbekannte Ärzte, die zum erstenmal den Kranken besuchten (das Akademiemitglied W. N. Winogradow, ein Arzt, der viele Jahre lang den Vater betreut hatte, saß im Gefängnis), entfalteten eine schreckliche Betriebsamkeit.

Man setzte Blutegel im Genick und am Hals an, man machte Elektrokardiogramme, Röntgenaufnahmen von der Lunge, eine Krankenschwester gab dem Patienten immer wieder Injektionen, und einer der Ärzte machte ständig Aufzeichnungen über den Verlauf der Krankheit. Es geschah alles, was notwendig war; alle waren bemüht, ein Leben zu retten, das nicht mehr zu retten war.

Irgendwo im Haus tagte eine Sonderkommission der Akademie der Medizinischen Wissenschaften,. die beraten sollte, was man noch unternehmen könne. Im benachbarten kleinen Saal beriet ununterbrochen noch irgendein anderes Ärztekonsilium, das ebenfalls entscheiden sollte, wie vorzugehen wäre.

Man brachte aus irgendeinem Institut einen Apparat für künstliche Atmung herbei und auch gleich die jungen Spezialisten, denn außer diesen verstand es offenbar niemand, mit dem Apparat umzugehen. Das schwerfällige Aggregat stand da, ohne benutzt zu werden; die jungen Ärzte aber blickten verstört um sich, vollkommen unter dem Eindruck dessen, was hier vor sich ging.

Alle zeigten sich bemüht, zu schweigen wie in einem Dom, niemand verlor ein Wort über nebensächliche Dinge. Hier, in diesem Saal, geschah etwas Bedeutendes, beinahe Großes -- alle fühlten das und verhielten sich auch dementsprechend.

Nur ein Mensch benahm sich beinahe unanständig -- Lawrentij Berija (der Geheimpolizei-Chef). Er war aufs

* Links vom Sarg: Molotow, Woroschilow, Berija, Malenkow, Wachsoldat. Rechts vom Sarg: Wachsoldat, Bulganin, Chruschtschow, Kaganowitsch, Mikojan.

** In Kursivschrift: Erläuterungen der Redaktion.

äußerste erregt, sein ohnehin abstoßendes Gesicht wurde immer wieder entstellt durch das Hervorbrechen seiner Leidenschaften.

Seine Leidenschaften aber waren: Ehrgeiz, Macht, Macht und noch einmal Macht, Grausamkeit, Schlauheit. Er war so sehr bemüht, sich in diesem verantwortungsvollen Augenblick ja nicht anmerken zu lassen, daß er die anderen überspielen, sich selbst aber von ihnen nicht überspielen lassen wollte.

Er trat an das Bett und betrachtete längere Zeit das Gesicht des Kranken. Der Vater öffnete manchmal die Augen, und Berija bohrte seine Blicke in diese verschleierten Augen, er wollte auch hier der »Allergetreueste«, der »Allerergebenste« sein, als welchen er sich dem Vater mit allen Kräften zu erweisen gesucht und damit auch leider nur allzulange Erfolg gehabt hatte.

In den letzten Minuten, als bereits alles zu Ende ging, bemerkte Berija plötzlich auch mich und ordnete an: »Führt Swetlana hinaus!« Die Umstehenden blickten ihn an, doch niemand dachte auch nur daran, sich zu rühren.

Kurz darauf sprang er als erster auf den Korridor hinaus, und in der Stille des Saales, wo alle stumm um das Sterbelager standen, war seine laute, unverhohlen triumphierende Stimme zu hören: »Chrustaljow -- den Wagen!«

Er war ein modernes Prachtstück von einem verschlagenen Höfling, die Verkörperung östlicher Hinterlist, Schmeichelei, Heuchelei, die sogar meinen Vater betörte, den man sonst nur sehr schwer täuschen konnte. ·Vieles von dem, was diese Hydra verbrach, fiel jetzt als Makel auf den Namen meines Vaters, in vielem hatten sie sich gemeinsam schuldig gemacht, jedoch der Umstand, daß Lawrentij Berija den Vater in vielen Dingen schlau zu gängeln vermochte und sich dabei ins Fäustchen lachte, ist für mich unbezweifelbar. Und das wußten auch alle »oben«.

Jetzt kam sein ganzes widerliches Inneres an die Oberfläche, es fiel ihm schwer, sich zurückzuhalten. Nicht nur ich, auch viele andere begriffen, daß es so war. Jedoch, man hatte eine panische Angst vor ihm und wußte, daß in dem Augenblick, da der Vater sterben würde, in ganz Rußland niemand über mehr Macht und Kräfte verfügte als dieser entsetzliche Mensch.

Der Vater war, wie die Ärzte konstatierten, ohne Bewußtsein. Der Schlaganfall war sehr schwer gewesen, das Sprachvermögen zerstört, die rechte Körperhälfte gelähmt. Einige Male öffnete er die Augen, sein Blick war verschleiert; wer weiß, ob er überhaupt jemanden erkannte.

Da stürzten alle zu ihm hin, bemüht ein Wort oder wenigstens einen Wunsch von seinen Augen abzulesen. Ich saß neben ihm und hielt seine Hand, er blickte mich an, er wird mich wohl kaum wahrgenommen haben. Ich küßte ihn, küßte seine Hand; mehr konnte ich nicht für ihn tun.

Wie merkwürdig -- in diesen Tagen der Krankheit, in den Stunden, da vor mir nur noch der Leib lag, die Seele aber schon entflohen war, liebte ich den Vater stärker und zärtlicher als während seines ganzen Lebens. Er war sehr weit entfernt von mir, von uns Kindern, von allen seinen Angehörigen.

Fünf von seinen acht Enkeln hatte er nicht ein einziges Mal gesehen; er hatte keine Gelegenheit dazu gefunden, und trotzdem liebten sie ihn, und sie lieben ihn auch jetzt noch, diese Enkel, die ihren Großvater nie gesehen haben. In jenen Tagen aber, als er auf seinem Sterbelager endlich zur Ruhe gekommen und sein Gesicht schön und ruhig geworden war, da fühlte ich, wie »es mein Herz zerriß vor Schmerz und vor Liebe.

Einen so heftigen Ansturm einander widerstreitender, starker Gefühle habe ich weder früher noch später an mir erlebt. Als ich dann später während der Aufbahrung der Leiche im Säulensaal (des. Gewerkschaftspalastes am Moskauer Swerdlow-Platz) stand, wortlos, gleichsam versteinert (ich stand buchstäblich, denn sooft man mich auch zum Sitzen nötigen und mir einen Stuhl anbieten wollte, ich war nicht imstande, mich hinzusetzen: Ich konnte nur stehen angesichts dessen, was hier geschah) -- da begriff ich, daß eine gewisse Befreiung eingetreten war.

Ich erkannte, daß dies für alle und auch für mich die Befreiung von einem Druck bedeutete, der mit dem Gewicht eines einzigen riesigen Klumpens auf allen Seelen, Herzen und Gemütern gelastet hatte. Und zugleich blickte ich auf dieses schöne, ruhige, ja sogar traurige Gesicht, hörte die melancholischen Weisen (ein altes georgisches Wiegenlied, ein Volkslied mit ausdrucksvoller, trauriger Melodie), und es zerriß mir das Herz vor Leid.

Ich fühlte, daß ich eine ganz und gar untaugliche Tochter, daß ich nie eine gute Tochter gewesen war, daß ich zu Hause wie ein fremder Mensch gelebt und dieser einsamen Seele, diesem alten, kränken, von allen abgelehnten, einsam auf seinem Olymp lebenden Manne nie die geringste Hilfe geschenkt hatte, der doch immerhin mein Vater war und mich geliebt hatte, sb gut er es vermochte, dem ich nicht nur und ausschließlich Böses, sondern auch Gutes zu verdanken hatte.

Das Sterben des Vaters war furchtbar und schwer, und es war das erste und bisher einzige, das ich miterlebte. Den Gerechten gibt Gott einen leichten Tod. Der Bluterguß im Gehirn verbreitete sich allmählich über alle Zentren; bei einem gesunden und starken Herzen erfaßt er das Atemzentrum nur langsam, und der Mensch stirbt durch Ersticken.

Die Atemzüge wurden immer kürzer und kürzer. In den letzten zwölf Stunden war es bereits klar, daß sich der Sauerstoffhunger vergrößerte. Das Antlitz verfärbte sich, die Gesichtszüge entstellten sich bis zur Unkenntlichkeit, die Lippen wurden schwarz.

In den letzten zwei Stunden erstickte er einfach. Die Agonie war entsetzlich, sie erwürgte ihn vor aller Augen. In einem dieser Augenblicke -- ich weiß nicht, ob es wirklich so war, aber mir schien es jedenfalls so -, offenbar in der letzten Minute öffnete er plötzlich die Augen und ließ seinen Blick über alle Umstehenden schweifen.

Es war ein furchtbarer Blick, halb wahnsinnig, halb zornig, voll Entsetzen vor dem Tode und den unbekannten Gesichtern der Ärzte, die sich über ihn beugten. Dieser blick ging Im Bruchteil einer Sekunde über alle hin, und da - es war unfaßlich und entsetzlich, ich begreife es bis heute nicht, kann es aber nicht vergessen, da hob er plötzlich die linke Hand und wies mit ihr nach oben, drohte uns allen.

Die Geste war unverständlich, aber drohend, und es blieb unbekannt, worauf oder auf wen sie sich bezog. Im nächsten Augenblick riß sich die Seele nach einer letzten Anstrengung vom Körper los.

Der Leib war zur Ruhe gekommen, das Gesicht wurde blaß und nahm sein gewohntes Aussehen an; nach wenigen Augenblicken wurde es reglos, ruhig und schön. Alle ringsum standen wie versteinert -- in tiefem Schweigen -- einige Minuten lang; ich weiß nicht, wie viele, doch schien es mir sehr lange.

Dann drängten die Mitglieder der Regierung zum Ausgang, sie mußten nach Moskau in das Zentralkomitee der KPdSU, wo alle tagten und auf Nachrichten warteten. Sie fuhren hin, um die Nachricht zu übermitteln, die alle insgeheim bereits erwarteten. Wir wollen einander keine Vorwürfe machen -- auch sie waren wie ich zerrissen von widersprüchlichen Gefühlen des Kummers und zugleich der Erleichterung.

Sie alle (ich spreche jetzt nicht von Berija) zeigten sich in diesen Tagen eifrig bemüht, suchten Hilfe zu bringen und waren doch zugleich auch von der ängstlichen Frage erfüllt, womit das alles wohl enden würde. Aber bei vielen waren in diesen Tagen auch aufrichtige Tränen zu sehen, ich sah sie in den Augen von Woroschilow, Kaganowitsch, Malenkow, Bulganin und Chruschtschow.

Nun denn, abgesehen von der gemeinsamen Sache, die sie mit dem Vater verbunden hatte, war doch der Zauber, der von seinem eigenartigen Wesen ausging, übermächtig, er erfaßte die Menschen, bestrickte sie; es war unmöglich, sich dagegen zu wehren. Dies erfuhren und wußten viele, sowohl diejenigen, die sieh jetzt den Anschein geben, als ob sie das niemals an sich selbst erfahren hätten, wie auch diejenigen, die nichts dergleichen tun.

Alle gingen auseinander. Der Leichnam mußte noch einige Stunden auf dem Totenbett liegenbleiben, so verlangte es das Zeremoniell. Im Saal blieben nur noch Bulganin und Mikojan zurück, und auch ich blieb.

Ich saß auf dem Diwan an der gegenüberliegenden Wand. Man hatte die Hälfte der Lichter gelöscht, die Ärzte hatten sich entfernt. Nur die Krankenschwester war noch da, eine alte Pflegerin, die mir seit langem aus dem Krankenhaus im Kreml bekannt war. Ganz leise machte sie Ordnung auf dem riesigen Eßtisch, der in der Mitte des Saales stand.

Es war der Saal, in welchem sich die großen Tischgesellschaften zu versammeln pflegten, wo auch der enge Kreis des Politbüros zusammenkam. An diesem Tisch -- beim Mittagessen oder beim Abendbrot -- wurden die Geschäfte beschlossen und vollzogen. Zum Vater »zum Essen kommen«, das bedeutete soviel wie irgendeine Frage mitzuentscheiden.

An den Wänden standen Stühle und Diwane; in einer Ecke befand sich ein Kamin. Der Vater hatte im Winter offenes Feuer geliebt. In einer anderen Ecke stand ein Plattenspieler, Vater hatte eine schöne Sammlung von Volksliedern, russischen, georgischen, ukrainischen. Andere Musik ließ er nicht gelten. In diesem Zimmer hatte er fast zwanzig Jahre lang gewohnt.

Die Dienerschaft, die Wache kam, um Abschied zu nehmen. Die Köche, die Chauffeure, die Telephonisten und Ordonnanzen der Wache, Aufwärter, Gärtner -- sie alle traten leise ein, gingen schweigend an das Bett und weinten alle.

Sie wischten sich wie Kinder ihre Tränen mit den Händen, den Ärmeln und den Taschentüchern ab. Viele bekamen Weinkrämpfe, und die Schwester, die selbst weinte, verabreichte ihnen Baldriantropfen. Nur ich saß wie versteinert; ich stand auf und schaute -- wenn mir doch eine Träne über die Wange gerollt wäre ...

Walentina Wassiljewna Istomina, die Wirtschafterin, kam, ·um Abschied zu nehmen; achtzehn Jahre hatte Waletschka, wie alle sie nannten, beim Vater in diesem Landhaus gearbeitet. Sie brach neben dem Diwan zusammen, ließ den Kopf auf die Brust des Toten sinken und fing laut zu klagen und zu weinen an wie die Bäuerinnen auf dem Lande. Lange vermochte sie nicht aufzuhören, und niemand störte sie.

Alle diese Menschen, die beim Vater gedient hatten, liebten ihn. Er war im Umgang nicht launenhaft, im Gegenteil, er war im Verkehr mit der Dienerschaft anspruchslos, schlicht und freundlich gewesen, und wenn er jemanden ausschalt, dann nur die »Oberen«, die Generale und die Kommandanten der Wache.

Die Dienerschaft dagegen hatte sich nicht zu beklagen, weder über Sturheit noch über Grausamkeit. Oft baten ihn die Leute in irgendeiner Angelegenheit um Hilfe, und sie wurde ihnen nie versagt. Waletschka wird ebenso wie die gesamte Dienerschaft bis an ihr Lebensende davon überzeugt bleiben, daß es auf der ganzen Welt keinen besseren Menschen gegeben habe als meinen Vater.

Spätnachts, oder richtiger: bereits gegen Morgen, kamen sie, um den Leichnam zur Obduktion abzuholen. Man brachte eine Bahre herein, legte die Leiche darauf.

Zum erstenmal sah ich den Körper meines Vaters nackt, einen schönen, ganz und gar nicht gebrechlichen oder greisenhaften Körper. Und da erfaßte mich ein eigenartiger Schmerz; es war wie ein Messerstich ins Herz, und ich spürte und begriff, was das bedeutet: »Fleisch vom Fleische«. Und ich erfaßte, daß dieser Körper zu leben und zu atmen aufgehört hatte, der Leib, der mir das Leben geschenkt hatte, mir, die ich da stand, und daß ich weiterleben würde, hier auf dieser Erde.

Dann trugen sie den Leichnam hinaus. Ein weißes Automobil fuhr ganz dicht an der Tür des Landhauses vor; alle gingen ins Freie. Die Leute nahmen die Mützen ab, auch diejenigen, die sich auf der Straße, an der Freitreppe befanden.

Ich stand in der Tür, irgend jemand warf mir einen Mantel um die Schultern. Ich zitterte am ganzen Körper. Irgend jemand legte seinen Arm um meine Schulter -- es war Bulganin, wie sich zeigte. Die Türen schlugen zu, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich barg mein Gesicht an Bulganins Brust und brach endlich in Schluchzen aus. Auch er weinte und streichelte dabei meinen Kopf.

Ich ging in die Dienstwohnung, in den Personalflügel, der mit dem Haus durch einen langen Korridor verbunden war, über den man die Speisen aus der Küche brachte. Alle, die zurückgeblieben waren, versammelten sich hier, die Krankenschwestern, die Dienerschaft, die Wache.

Sie saßen im Eßzimmer, einem großen Raum mit Büfett und Lautsprecher. Sie zwangen mich, etwas zu essen: »Heute wird ein schwerer Tag werden, und Sie haben gar nicht geschlafen und müssen doch bald zum Säulensaal fahren, Sie müssen erst Kräfte sammeln!« Ich aß irgend etwas.

Dann ging ich in die Küche. Im Korridor hörte man jemanden laut schluchzen; es war die Schwester, die hier, im Badezimmer, das Elektrokardiogramm entwickelt natte und so laut schluchzte. Sie weinte so bitterlich, als ob plötzlich ihre ganze Familie zugrunde gegangen wäre.

Bald, um sechs Uhr morgens, würde man im Rundfunk eine Nachricht durchgeben, über etwas, das wir alle bereits wußten. Doch wir alle mußten das hören, als ob wir es sonst nicht zu glauben vermöchten. Und endlich war es sechs Uhr, und die Stimme des Ansagers kam nun ganz, ganz langsam aus dem Lautsprecher.

In diesem Augenblick begriffen es alle: Ja, es ist wahr, es ist wirklich geschehen. Und alle begannen wieder zu weinen. Auch ich heulte los, und mir war wohl dabei: daß ich nicht mehr allein war.

Hier verstellte sich keiner, hier war alles aufrichtig, und niemand brauchte vor den andern seinen Schmerz oder seine Trauer zu demonstrieren. Alle kannten einander schon seit vielen Jahren. Sie alle kannten auch mich und wußten, daß ich eine schlechte Tochter und mein Vater ein schlechter Vater gewesen war. Sie wußten aber auch, daß mein Vater mich und daß ich ihn geliebt hatte.

Und ich lebe weiter im Schatten des Namens meines Vaters. Eine ganze Genetation von Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen ist herangewachsen, für die der Name Stalin nicht mehr existiert -- ebenso wie es für sie vieles andere nicht mehr gibt, was sich mit diesem Namen verbindet, sowohl Schlechtes als auch Gutes.

Ich würde mich nie darauf einlassen, eine Biographie meines Vaters zu schreiben, die zwei Jahrzehnte des vorigen und die Hälfte des jetzigen Jahrhunderts umfaßt. Ich kann nur das beurteilen, was ich selbst gesehen und erlebt habe.

Ich kann schreiben über mein Leben im Hause meines Vaters im Verlauf von 27 Jahren; über Menschen, die in diesem Hause lebten oder ihm nahestanden; über all das, was uns umgab und unsere Lebensart bestimmte. Es mag sein, daß man sogar aus Familienchroniken, Episoden und Bildern uns nahestehender Menschen, die sonst niemand kennt, etwas Interessantes entnehmen kann.

Nicht weit von Kunzewo (11 Kilometer westlich Moskaus) befindet sich das düstere, leere Haus, in dem mein Vater in den letzten zwanzig Jahren lebte. Gegenstände können kein Bild des Vaters wiedergeben, weil er ihnen niemals eine besondere Bedeutung beimaß. Dennoch gleicht dieses Haus irgendwie dem Leben jener Jahre.

Zuerst war das Haus sehr hübsch, ein modernes, leichtes, einstöckiges Landhaus inmitten eines Gartens, des Waldes und inmitten vieler Blumen. Über das ganze Dach erstreckte sich eine riesige Sonnenterrasse, auf der ich mich besonders gerne aufhielt.

Ich erinnere mich, wie alle, die damals noch zu unserer Familie gehörten, herauskamen, um das neue Haus zu besichtigen. Es ging sehr laut und lustig zu. Meine Tante Anna Sergejewna (Mamas Schwester) mit ihrem Mann, dem (Geheimpolizei-Funktionär Stanislaw Franzewitsch) Redens, die Swanidses (aus der Familie von .Stalins erster Frau, die 1907 verstarb) und mein Bruder Wassilij waren dabei.

Aber schon damals blitzte in der Ecke eines Zimmers irgendwo der Zwicker Lawrentij Berijas auf -- wie bescheiden und still er damals noch * Ganz rechts: Unbekannte Person. ** Erste Reihe: Swetlana Allilujewa, Bruder Wassilij, Swetlana Bucharina. Dahinter sitzend: Dienerin Alexandra, unbekannte Person, Anna Allilujewa. Stehend: Manko Swanldse, Maria Swanidse, unbekannte Person.

war! Er kam von Zeit zu Zeit aus Georgien herbei, seinen »Kniefall« zu machen.

Alle, die damals unserer Familie nahestanden, haßten ihn, angefangen von den Redens und den Swanidses, die ihn noch von seiner Tätigkeit bei der Tscheka* in Georgien her kannten.

Der Abscheu gegen diesen Menschen und die unbestimmte Angst vor ihm beherrschten den Kreis der uns Nahestehenden ohne Ausnahme, vor allem Mama. Wie mein Vater erzählte, hatte sie ihm bereits vor langer Zeit, im Jahre 1929, »Szenen gemacht« und verlangt, daß »die Füße dieses Mannes unser Haus nicht betreten dürfen«.

Später, als ich bereits erwachsen war, erzählte Vater: »Ich fragte sie: »Was ist denn los? Bring mir Beweise! Du überzeugst mich nicht, ich sehe keine Beweise!' Sie aber schrie nur immerfort: »Ich weiß nicht, was du für Beweise brauchst; ich sehe, daß er ein Schuft ist! Ich setze mich nicht an einen Tisch mit ihm!'

»,Dann scher dich hinaus!' antwortete ich ihr, »er ist mein Kamerad, er ist ein Tschekist; mit seiner Hilfe sind wir dem Aufstand der Mingrelier** in Georgien zuvorgekommen. Ich glaube ihm. Beweise, Beweise brauche ich!'«

Jetzt ist das Haus nicht mehr wiederzuerkennen. Es wurde oft umgebaut, nach Plänen meines Vaters. Wahrscheinlich hat er einfach keine Ruhe gefunden, denn jedesmal spielte sich das gleiche ab: Entweder war ihm ein Haus nicht sonnig genug, oder er brauchte eine schattige Terrasse; wenn es ein einstöckiges Haus war setzte man einen zweiten Stock auf, war es zweistöckig, wurde einer abgetragen.

Die zweite Etage in Blischnjaja wurde 1948 aufgesetzt; später, 1949, wurde dort im geräumigen Saal zu Ehren einer chinesischen Delegation ein großer Empfang gegeben. Es war das einzige Mal, daß der zweite Stock benutzt wurde. Dann stand er wieder leer.

Vater wohnte immer unten, eigentlich nur in einem einzigen Zimmer. Dieses Zimmer mußte für alle Zwecke dienen. Er schlief auf einem Diwan, auf dem man ihm ein Lager bereitete, daneben standen auf einem kleinen Tisch die für seine Arbeit unentbehrlichen Telephonapparate.

Der große Eßtisch verschwand fast unter einem Berg von Akten, Zeitungen und Büchern. Auf diesem Tisch trug man, in einer freigemachten Ecke, sein Essen auf, wenn sonst niemand anwesend war. Hier stand auch ein Büfett mit Geschirr und mit Medikamenten, die in einem Fach aufbewahrt wurden. Die Medikamente wählte mein Vater immer selbst; als einzige medizinische Autorität anerkannte er das Akademiemitglied Winogradow; Winogradow untersuchte ihn ein- bis zweimal im Jahr.

Im Zimmer befand sich ein großer, weicher Teppich und ein offener Kamin; das waren die einzigen Attribute von Luxus und Komfort, die Vater gelten ließ und liebte.

In den letzten Jahren. nach dem Krieg, kam beinahe täglich das ganze Politbüro zu ihm »zum Essen«. Man speiste im großen Saal, und dort wurden auch die fremden Gäste empfangen. 1946 sah ich da Josip Broz Tito -- aber wahrscheinlich haben sich in diesem Saal alle Führer der kommunistischen Bruderparteien eingefunden, sowohl die Engländer als auch die Amerikaner, Franzosen und Italiener. In diesem Saal lag Vater im März 1953, und einer der Diwane an der Wand wurde sein Totenbett.

In den letzten Jahren liebte er besonders die kleine Terrasse auf der Westseite, von wo aus man die letzten Strahlen der untergehenden Sonne sehen konnte. Die Terrasse ging auf den Garten hinaus; auch die verglaste Veranda, die erst in den letzten Jahren dort angebaut worden war, führte In den Garten, unmittelbar zu den blühenden Weichselbäumen.

Der Garten, die Blumen und der Wald ringsum waren Vaters liebste Erholung, dafür interessierte er sich. Selbst gearbeitet hat er im Garten nie, er hat nie einen Spaten in die Hand genommen, wie es die echten Liebhaber der Gärtnerei tun. Von Zeit zu Zeit nahm er eine Gartenschere zur Hand und schnitt dürre Zweige ab -- das war seine einzige »Gartenarbeit«.

Vater wanderte häufig im Garten umher, anscheinend um sich einen gemütlichen ruhigen Platz zu suchen; er suchte, aber er fand ihn nicht. Im Sommer schweifte er oft Tag für Tag so durch den Garten. Dorthin brachte man ihm die Akten, die Zeitungen, den Tee. Auch das war für ihn »Luxus«, wie er ihn verstand und gerne hatte.

Als ich das letztemal hier bei ihm war, zwei Monate vor seiner Krankheit und seinem Tod, erlebte Ich eine Überraschung. An den Wänden der Zimmer und des Saales hingen vergrößerte Photographien von Kindern, offenbar aus illustrierten Zeitschriften: ein Knabe auf Skiern, ein Mädchen, das ein Zicklein aus einer Milchflasche tränkt.

Im großen Saal war eine ganze Galerie von Zeichnungen des Malers Jar-Krawtschenko hinzugekommen (Reproduktionen, keine Originale), auf denen sowjetische Schriftsteller dargestellt waren: Gorki, Scholochow und andere, an die ich mich nicht mehr erinnere. Hier hing auch, eingerahmt unter Glas, die »Reproduktion des Bildes von Repin »Antwort der Saporoger Kosaken an den Sultan« -- Vater mochte dieses Bild besonders gerne (und er liebte es sehr, den Wortlaut dieser Antwort ("Womit du uns den Hintern küssen kannst") der Sapo-

* Abkürzung für »Tschreswytschainaja Komissija« (Außerordentliche Kommission), die sowjetische Geheimpolizei der frühen zwanziger Jahre.

** Mingrelier -- kaukasische Volksgruppe im Westen Georgiens, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein von Rußland unabhängiges Fürstentum bildete und sich an einem Aufstand Georgiens gegen die Sowjets im August 1924 beteiligte.

roger Kosaken* jedem, wem auch immer, zu rezitieren ...) Höher oben an der Wand hing ein Bild von Lenin, auch keines der besten von ihm.

Bis dahin hatten nach Mamas Tod nur in unserer Moskauer Wohnung im Kreml große Photographien von ihr im Eßzimmer und in Vaters Arbeitszimmer gehangen. Da Vater aber in der Wohnung nicht lebte, so sagt auch das im Grunde gar nichts. Die Redewendung »Stalin im Kreml« ist überhaupt etwas unzutreffend; sie besagt nur, daß sich sein Arbeitsraum im Kreml befand.

Nach Vaters Tod mußte das Haus in Kunzewo Merkwürdiges über sich ergehen lassen: Am zweiten Tag nach dem Tode des Hausherrn -- das Begräbnis hatte noch nicht einmal stattgefunden -- wurden auf Anordnung Berijas die Dienerschaft, die Mannschaft der Wache und alle, die in der Datscha Dienst machten, zusammengerufen. Man sagte ihnen, daß die gesamte Einrichtung sofort von hier weggebracht werden müsse (wohin, blieb unbekannt) und daß alle unverzüglich das Haus zu verlassen hätten.

Alles wurde irgendwohin weggebracht, in irgendwelche »Depots« (der Geheimpolizei-Verwaltung). Menschen, die hier seit zehn oder fünfzehn Jah-

* Saporoger Kosaken = slawisches Reitervolk am Dnjepr. das ein eigenes Staatswesen nach der Art des Deutschen Ritterordens unterhielt, im 16. und 17. Jahrhundert durch Seeräuberei die türkische Herrschaft In Kleinasien erschütterte und sich 1654 dem russischen Kaiser unterwarf.

ren ehrlich und redlich gedient hatten, wurden auf die Straße gesetzt. Viele Offiziere der Wache wurden in andere Städte versetzt. Zwei haben sich in diesen Tagen erschossen.

Später, nachdem Berija (1953) »zu Fall gekommen« war, begann man die Residenz wiederherzustellen. Man brachte die Sachen zurück. Die ehemaligen Kommandanten und Mannschaften der Wache sowie die Hausangestellten wurden eingeladen. Man hatte vor, hier ein neues Museum einzurichten.

Aber dann kam (1956 Chruschtschows Anti-Stahn-Rede und) der XX. Parteitag, nach welchem selbstverständlich niemand mehr auf eine solche Idee gekommen wäre. In den Nebengebäuden, die früher von der Wachmannschaft bewohnt wurden, befindet sich jetzt ein Spital oder ein Sanatorium. Das Haus ist abgesperrt, finster und tot. Manchmal träume ich von diesem Haus und dann wache ich auf, kalt vor Entsetzen.

Meine Kindheit verlebte ich jedoch in einem anderen Haus; es hatte früher dem jüngeren Subalow, einem Erdölindustriellen aus Batum, gehört.

Die Subalows besaßen damals noch Erdölraffinerien in Batum und in Baku; sowohl meinem Vater als auch Anastas Mikojan war dieser Name wohlbekannt, weil beide um das Jahr 1900 in eben diesen Betrieben Streiks organisiert hatten. Als sich ihnen dann nach der Revolution im Jahre 1919 die Möglichkeit bot, die zahlreichen, von den Besitzern verlassenen Landhäuser und Güter in der Umgebung Moskaus zu benutzen, da erinnerten sie sich auch an den bekannten Namen Subalow.

Mikojan und seine Familie, aber auch (der Kriegsminister und spätere Staatschef) Kliment Woroschilow, (Generalstabschef Boris) Schaposchnikow und mehrere Familien alter Bolschewiki richteten sich in Subalowo 2 ein, mein Vater und meine Mutter nicht weit davon in Subalowo 4; dieses Haus war kleiner.

Bei Mikojan hat sich im Landhaus bis heute alles in jenem Zustand erhalten, wie es von den emigrierten Besitzern zurückgelassen worden war: das Hündchen aus Marmor (ein Porträt des Lieblings des Besitzers) auf der Veranda, die alten französischen Gobelins an den Wänden, die bunten Vitragen in den niedrigen Fenstern.

Unser Gut jedoch wurde immer wieder umgebaut und umgestaltet. Der Vater ließ den Wald rings um das Haus unverzüglich lichten, die Hälfte davon fällen. Erst viel später, als ich bereits erwachsen war, verstand ich dieses eigenartige Interesse meines Vaters an der Natur, ein praktisches, im Grunde tief bäuerliches Interesse; er mochte die Natur nicht nur betrachten, er mußte in ihr wirtschaften. immer irgend etwas umgestalten. Große Flächen wurden mit Obstbäumen bepflanzt, auch Gartenerdbeeren. Himbeeren und Johannisbeeren wurden reichlich gesetzt.

Wir Kinder wuchsen eigentlich unter den ländlichen Verhältnissen eines kleinen Gutsbesitzes auf, mit Heumahd, Beeren- und Pilzesammeln, mit frischem, jedes Jahr eingesammeltem »eigenem« Honig, mit »eigenem« Eingesalzenen und Gepökelten, mit »eigenem« Geflügel. Mamas eigentliche Sorge hingegen galt mehr unserer Bildung und Erziehung.

Meine Kindheit zu Mutters Lebzeiten währte im ganzen nur sechseinhalb Jahre, doch schrieb und las ich bereits russisch und deutsch. Dem Bruder Wassilij stand ein wunderbarer Mensch zur Seite, »der Lehrer«. wie man ihn nannte, Alexander Iwanowitsch Murawjow; er dachte sich amüsante Ausflüge aus, etwa an den

* In deutscher Kriegsgefangenschaft, Juli 1941.

Fluß zum Fischfang, mit Übernachten am Fluß in einer Hütte, wobei man Fischsuppe kochte; oder er veranstaltete Expeditionen auf Haselnüsse, Pilze und Gott weiß was noch.

Neben Alexander Iwanowitsch verbrachte mit uns alle Tage im Sommer und im Winter die Erzieherin Natalija Konstantinowna (die Bezeichnung »Gouvernante« war damals nicht üblich); sie unterwies uns im Modellieren mit Ton, in Laubsägearbeiten aller Art, im Bemalen und Zeichnen.

Diese ganze Bildungsmaschinerie bewegte sich, von Mamas Hand in Gang gesetzt -- Mama selbst aber war nie bei uns Kindern. Sie arbeitete in der Redaktion einer Zeitschrift, dann trat sie in die Akademie für Industrie ein und mußte ständig irgendwo an Sitzungen teilnehmen; ihre freie Zeit aber widmete sie dem Vater -- er war für sie Ziel und Zweck ihres Lebens.

Ich erinnere mich kaum an eine Liebkosung von ihr; sie fürchtete wohl, mich zu verwöhnen, da mich ohnehin mein Vater liebte, liebkoste und verwöhnte. Doch was für wunderbare Feste gab es bei uns zu Hause!

Ich erinnere mich noch meines letzten Geburtstages zu Mamas Lebzeiten im Februar 1932, ich war sechs Jahre alt geworden. Man feierte ihn in unserer Wohnung im Kreml, alles war voller Kinder. Man gab ein Kinderkonzert, es wurden deutsche und russische Gedichte aufgesagt, man sang Couplets über Stoßarbeiter, Drückeberger und anderes, ein ukrainischer Gopak wurde getanzt.

Artjom Sergejew, ein Altersgenosse und Kamerad meines Bruders Wassilij, jetzt General und Inhaber sämtlicher Orden, stellte einen auf allen vieren laufenden Bären dar, gehüllt in einen Bettvorleger aus Bärenfell, und irgend jemand rezitierte eine passende Fabel des russischen Dichters Krylow dazu. Der Vater war ebenfalls bei dieser Feier zugegen, allerdings mehr als passiver Zuschauer, doch nahm er Anteil daran, denn er liebte dann und wann das Toben der Kinder, es amüsierte ihn.

Im Sommer brachte oft (der Partei-Ideologe) Nikolai Iwanowitsch Bucharin, den alle anbeteten, Leben nach Subalowo. Er füllte das ganze Haus mit Tieren an, die er sehr liebte: Igel liefen auf dem Balkon hin und her, Nattern ringelten sich in irgendwelchen Gefäßen, ein zahmer Fuchs trieb sich im Park herum, ein invalider Habicht saß im Käfig.

Ich erinnere mich noch dunkel an Bucharins Aussehen -- Sandalen, Tolstoibluse, leichte Sommerhosen. Er spielte mit den Kindern, schwatzte mit meiner Kinderfrau, er lehrte sie Radfahren und aus dem Luftdruckgewehr schießen, mit ihm war es immer lustig. Viele Jahre später noch, als er längst nicht mehr unter den Lebenden weilte (er wurde 1937 als »Rechtsabweichler« liquidiert), lief im Kreml. der damals bereits entvölkert und leer war, »Bucharins Fuchs« herum.

Oft vergnügten sich auch die Erwachsenen, wohl an Sonn- und Feiertagen oder wenn sie Geburtstagsfeiern veranstalteten. Dann erschien (der Reiter-Marschall) Semjon Budjonny mit seiner flotten Ziehharmonika, und Lieder erklangen, ukrainische und russische. Besonders gut sangen Budjonny und Woroschilow.

Auch der Vater sang mit, er halle ein ausgezeichnetes Gehör und eine hohe reine Stimme. Doch wenn er sprach, war seine Stimme irgendwie dumpf, tief und lautschwach.

In unserem Haus, in der Wohnung im Kreml, wirtschaftete eine Haushälterin, die Mama gefunden hatte: Karolina Wassiljewna Tiel, eine Deutsche aus Riga. Sie war eine ganz reizende alte Frau mit altmodischer, gekneteter Frisur, einem sogenannten Chignon; sie war peinlich sauber und sehr gutmütig.

Im Haushalt ging es ganz normal zu, es waren keinerlei Anzeichen für die Anwesenheit irgendwelcher Tschekisten im Hause zu entdecken; eine Wache gab es damals noch nicht. Der einzige »Leibwächter« begleitete den Vater nur im Wagen und hatte mit dem Haus nicht das geringste zu tun, ja er wurde nicht einmal in die Nähe gelassen.

ähnlich etwa lebten damals alle, die gesamte »Sowjet-Oberschicht«. Nach Luxus, nach Erwerb trachtete niemand. Man strebte nur danach, den Kindern eine gute Erziehung zu geben, und verpflichtete deutsche Gouvernanten ("aus der alten Zeit").

Manchmal schoß Vater zu seinem Vergnügen aus seiner doppelläufigen Flinte auf Geier oder nachts auf Hasen, die in das Licht der Scheinwerfer geraten waren. Billard, Kegeln, alles, was ein sicheres Auge verlangte, waren Sportarten, die meinem Vater lagen. Er ging niemals schwimmen, er kennte es einfach nicht, er sah auch nicht gerne in der Sonne, und er wollte nur im Wald, im Schatten spazierengehen.

Mittelpunkt des Lebens im Sommer waren die untere Terrasse in Subalowe und Vaters Balkon in der zweiten Etage, wohin mich meine Kinderfrau immer schickte.« Geh und bring dem Papa Johannisbeeren«, hieß es, oder: »Geh, bring dem Papa diese schönen Veilchen.« Ich machte mich flugs auf den Weg und wurde von Papa, was

* Mitte: Sergej Kirow, führender Parteifunktionär und enger Mitarbeiter Stalins. Kirow wurde 1934 ermordet.

immer ich auch brachte, alsbald mit einem herzhaften, nach Tabak riechenden Kuß belohnt und bekam irgendeine Bemerkung von selten Mamas zu hören.

Ungeachtet ihrer Jugend -- im Jahre 1931 war Mama dreißig geworden -, wurde Mama von allen im Hause verehrt, ja es muß hier gesagt werden, daß einfach alle sie sehr liebten. Sie war schön, klug und zu allen ohne Ausnahme außerordentlich taktvoll, dabei aber doch sehr charakterfest, hartnäckig und anspruchsvoll in allem, was ihr unabdingbar schien.

Sehr zärtlich, mit aufrichtiger Liebe, verhielt sich Mama zu Jascha, meinem ältesten Bruder, Vaters Sohn von seiner ersten Frau, Jekaterina Semjonowna Swanidse. Jascha war nur um sieben Jahre jünger als seine Stiefmutter, und er verehrte und liebte sie sehr. Mama war intim befreundet mit allen Swanidses. Mamas Eltern, Mamas Brüder, ihre Schwester Anna Sergejewna mit ihrem Gatten Stanislaw Franzewitsch Redens, sie alle hielten sich ständig bei uns auf, alle insgesamt eine einzige, einmütige große Familie.

Es waren außergewöhnliche Naturen, begabt und interessant. Fast bei allen riß das Leben auf tragische Weise plötzlich ab. Die Revolution, die Politik verfahren erbarmungslos mit den menschlichen Schicksalen.

IM NÄCHSTEN HEFT

Swetlanas Mutter erschießt sich nach einem Festbankett -- Stalin stößt den Sarg seiner zweiten Frau von sich -- Der Abschiedsbrief der Toten wird vernichtet

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