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VERBRECHEN »Dein Mann fürs Grobe«

Die Mordkomplott-Geschichte um den Ex-Minister Wolf ist verworrener als bislang bekannt. Der Hauptbelastungszeuge packte unter merkwürdigen Umständen aus.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Düstere Typen mimt Ralfi aus Wuppertal gern. Mit böse zusammengekniffenen Augen sitzt er dann da wie ein Mafia-Pate und erzählt von der Fremdenlegion, wo er die »Kunst des überraschenden Tötens« gelernt habe, oder von seinen Abenteuern als »verdeckter Rauschgiftfahnder« in der rheinischen Unterwelt.

Ralfis Geschichten sind immer unterhaltsam. Einziges Problem ist der Wahrheitsgehalt: Oft stimmt gerade so viel, dass die Story halbwegs glaubwürdig klingt, und es fehlt gerade so viel, dass man sie unmöglich nachprüfen kann.

Dieser spezielle Umgang mit der Realität ist ein Wesenszug, der Ralf M., 41, schon so manchen Ärger eingebracht hat: Seit 1989 ermittelten deutsche Staatsanwaltschaften mehr als ein Dutzend Mal gegen den arbeitslosen Stahlbauschlosser; meist wegen Betrugs oder kleiner Gaunereien, einmal wegen einer Messerstecherei.

Ralfis jüngster Coup jedoch ist alles andere als unterhaltsam. Es geht um Mord. Der notorische Kleinkriminelle hat eine Affäre ausgelöst, deren volles Ausmaß noch lange nicht absehbar ist. Zum Schein, sagt er selbst, habe er sich von Brandenburgs ehemaligem Bauminister Jochen Wolf als Killer anheuern lassen und ihm versprochen, dessen verhasste Ehefrau Ursula gegen Bares »zu beseitigen«.

Wolf, 59, hat inzwischen gestanden, den Mordauftrag erteilt zu haben. In der Untersuchungshaft schnitt er sich vergangene Woche die Pulsadern auf - und überlebte. Nicht erst seitdem zählt er zu den tragischsten politischen Figuren der wiedervereinten Republik.

Nach einem glänzenden Start in der Brandenburger SPD war Wolf 1990 zum Bau- und Verkehrsminister aufgestiegen, mit Ambitionen auf den Posten des Regierungschefs. Als 1992 Stasi-Vorwürfe gegen Landesvater Manfred Stolpe laut wurden, brachte er sich selbst als Nachfolger ins Gespräch - und fiel ins Bodenlose. 1993 musste Wolf wegen eines zwielichtigen Immobiliengeschäfts seinen Stuhl räumen.

Auch privat ging es bergab. Es entbrannte ein öffentlich ausgetragener Scheidungskrieg mit Wolfs Ehefrau Ursula, und es gab eine verhängnisvolle Affäre mit der hübschen russischen Übersetzerin Oxana Kusnezowa. Das tragische Liebesverhältnis endete am 22. Dezember 1998, als sich die junge Frau mit Wolfs Sportpistole, einer Walther PP Kaliber 7,65 Millimeter, in die rechte Schläfe schoss.

In jener Nacht muss es zum endgültigen Bruch der Persönlichkeit des Politikers gekommen sein; Wolf entglitt, wie es scheint, der Realitätssinn. Seit Oxanas Tod verstrickte er sich in Verschwörungstheorien und sah sich als Daueropfer von Intrigen.

»Die anderen sollen nicht ungestraft davonkommen«, vertraute Wolf einem Freund an. »Das ist der einzige Grund, warum ich weiterlebe.« Die vermeintlich Schuldigen an seinem Schicksal wechselten nach dem Zufallsprinzip. Mal war es Stolpe, mal SPD-Landeschef Steffen Reiche und fast immer die verhasste Ehefrau.

»Der Einzige, bei dem er nie die Schuld suchte, war er selbst«, sagt der Freund. In jener Zeit habe es kaum jemand ernst genommen, wenn Wolf seine Bekannten mit Racheplänen nervte oder von »Abschusslisten« redete.

Anders war es bei jenem Mann, den Wolf an einem Abend Anfang vergangenen Jahres in einer Wohnung der Berliner Antonienstraße traf. Der Gastgeber, André D., 34, war ein alter Spezi aus Ministeriumszeiten. Er stellte dem Politiker einen guten Freund vor: Ralfi von der Fremdenlegion. Den kannte André seit den achtziger Jahren aus dem Wuppertaler Disco-Milieu, wo der Türsteher den Mädchen mit seinen Tanzkünsten, vorzugsweise Zigeuner-Fox, den Kopf verdrehte.

Erwartungsgemäß brabbelte der von Rachegelüsten zerfressene Wolf an jenem Abend von seiner Ehefrau, die ihm das »Leben zur Hölle« mache, während der in chronischen Geldnöten steckende Ralf düster dreinblickte und Andeutungen über seinen »knallharten Background« machte. Nach einigen Gläsern Rotwein kam wohl mindestens einem in der Runde die finstere Geschäftsidee, die seit vergangener Woche die Republik bestürzt: Mord gegen Geld.

Wolf gibt inzwischen zu, dem vermeintlichen Killer Ralf 15 000 Mark für die Ermordung seiner Frau angeboten zu haben. Die erste Rate, 5000 Mark, will Wolf im Februar 2000 an André D. gezahlt haben, der das Geld an Ralf weiterleiten sollte. Ralf jedoch behauptet, das Geld von Wolf bei konspirativen Treffen persönlich erhalten zu haben - insgesamt 10 000 Mark. André D. wiederum bestreitet, überhaupt etwas von dem Mörderlohn gewusst zu haben - nur einmal habe er sich 8000 Mark von Wolf geliehen, für eine neue Einbauküche.

Seine Anzahlung, behaupten Freunde, habe Ralf in kurzer Zeit im verruchten Berliner »Kit Kat Club« verjubelt. Er brauchte also bald wieder Bares.

So tauchte Ralf einige Wochen später mit dem Ausweis einer Potsdamer Gartenbaufirma bei seiner Zielperson auf - quasi als Arbeitsnachweis für den Auftraggeber. Wegen der nahenden Bundesgartenschau, log er, wolle er ihr Grundstück begutachten. Ursula Wolf bat ihn freudig hinein: »Da können Sie ja gleich den hässlichen alten Schuppen im Hof abreißen.«

Nach dem Hausbesuch wurde es seltsam ruhig um den »Profi«. Einige Male habe sich Ralf noch unter Vorwänden ("Ich brauche Geld für eine Waffe") bei ihm gemeldet, sagt Wolf. Er selbst jedoch habe den Kontakt im Sande verlaufen lassen. Erst ein Jahr später, am 27. März dieses Jahres, kam wieder Bewegung in die Sache. Als nach Monaten des Schweigens um 17.13 Uhr Wolfs Nokia-Handy klingelt, glaubt der Ex-Minister zunächst an einen Scherz: »Hier spricht dein Mann fürs Grobe«, soll Ralf sinngemäß gesagt haben. Wolf darauf verdutzt: »Ich weiß überhaupt nicht, was Sie von mir wollen.«

Was Wolf auch nicht wusste, war, dass sein Auftragsmörder inzwischen die Seiten gewechselt hatte - Ralfi war nun der Justiz zu Diensten. Über die Motive des Sinneswandels gibt es zwei Versionen. Die offizielle geht so: Im vergangenen November, so die Potsdamer Ermittler, habe sich der gedungene Mörder »aus freien Stücken« der Polizei offenbart und »aus Gewissensgründen« den Mordplan verraten.

In Wirklichkeit war die Sache wohl komplizierter: Am Abend des 26. September vergangenen Jahres ist Ralfi im Auto eines Kumpels in Potsdam unterwegs. Als er in eine Verkehrskontrolle gerät und die Beamten Ralfs Personalien überprüfen, ist die Spritztour zu Ende. Er wird mal wieder gesucht, diesmal von der Staatsanwaltschaft Wuppertal - wegen Betrugs und einer alten Körperverletzungssache.

Für Ralf M. ist die Lage plötzlich ziemlich unerfreulich. Ihm stehen diverse Gerichtstermine bevor, dazu muss er noch eine Reststrafe verbüßen. Nach knapp eineinhalb Monaten in Untersuchungshaft bittet er um ein Gespräch mit der Kripo: Es gebe da »so eine andere Geschichte, mit einem Minister und dessen Frau«.

Am 10. November schließlich vernehmen zwei Beamte der Mordkommission Potsdam den Delinquenten im Gefängnis von Wuppertal und melden den Fall sofort an die Potsdamer Staatsanwaltschaft. 19 Tage später ist Ralf M. wieder frei. Dem Zeugen seien »zu keiner Zeit Versprechungen gemacht worden, und er wurde von uns auch nie als V-Mann geführt«, so Behördensprecherin Sigrid Komor.

Trotzdem lief die Zusammenarbeit des Betrügers mit der Justiz offenbar wie geschmiert. Nach diversen Vorbereitungen und richterlichen Abhörbeschlüssen setzte der Killer in spe am 27. März seinen Auftrag fort.

In jedem von sechs Telefonaten, die M. mit Wolf führt und die von der Polizei aufgezeichnet werden, geht er ein Stück weiter - bis er am 23. Juli schließlich Klartext redet. »Am Wochenende schick ich deine Frau auf den Weg«, kündigt M. an. Wolf, der zu diesem Zeitpunkt als Delegierter des Deutsch-Ukrainischen Kooperationsrates bei Odessa weilt, antwortet lediglich: »Ich bin in der Ukraine.«

Die Dienstreise Wolfs endet am Berliner Bahnhof Zoo. Dort will er am Freitag vorletzter Woche den Killer vor einem Krawattenladen treffen. Der eröffnet ihm sogleich: »Ich habe deine Alte umgelegt und will jetzt Kohle sehen.« Doch der Ex-Politiker traut Ralfi nicht. Mit den Worten »Ich bin dreimal verarscht worden«, verlangt er einen Beweis.

Den erhält er nicht, dafür rückt wenige Minuten später die Polizei an. Um 20.08 Uhr nimmt ihn ein Spezialkommando unweit des Bahnhofs fest. Der Vorwurf, den Wolf kurz darauf vor dem Haftrichter auch einräumt: versuchte Anstiftung zum Mord.

Auch Ralf, der sich weiterhin auf freiem Fuß befindet, hat jetzt neuen Ärger. Weil er von Wolf Geld für einen Mordauftrag annahm, den er nach eigenem Bekunden nie ernsthaft ausführen wollte, wird nun auch gegen ihn ermittelt - wegen Betrugs.

MATTHIAS GEBAUER, SVEN RÖBEL

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