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OSTPOLITIK Delikate Situation

aus DER SPIEGEL 39/1968

Unter Tarnnetzen warteten jugoslawische Flak-Kanoniere, am Ende des Rollfeldes lauerten startbereite MIG-Jäger auf den sowjetischen Aggressor. Alte Lastwagen und ausgediente Schützenpanzer säumten die Piste des Zagreber Flughafens Pleso, bereit, die Landebahn für ungebetene Maschinen zu blockieren.

Wie in eine belagerte Festung schwebte Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller am Dienstag letzter Woche mit einem Leih-Jet des Hamburger Typs HFB 320 »Hansa« (Mietpreis 1950 Mark je Stunde) in Marschall Titos Reich ein.

Als erster deutscher Minister nach der Invasion sowjetischer Truppen in der CSSR kam Schiller in ein kommunistisches Land, das einzige, das gegenwärtig Besucher aus Bonn empfängt. Auch die Jugoslawen achteten jedoch darauf, den Besuch des Bonner Ministers nicht zu grell zu plakatieren. Die Presse nahm nur am Rande von seiner Anwesenheit Notiz. Auf die Tatsache, daß sowohl Belgrad wie Bonn von den Sowjets derzeit als Friedensstörer attackiert werden und Moskauer Pressionen ausgesetzt sind, wies Titos Außenhandelsminister Toma Granfil den Besucher hin: »Jugoslawien befindet sich in einer delikaten Situation, aber die Situation der Bundesrepublik ist nicht weniger delikat.«

Dennoch zeigten sich die Gastgeber herzlich. Granfil: »Wir haben das Recht, uns unsere Freunde selbst auszusuchen.«

Denn Belgrad braucht Hilfe und ist bereit, sie auch von Bonn anzunehmen. Das Land zahlt einen hohen Preis für die Teilmobilisierung, die der Wirtschaft wertvolle Arbeitskräfte und zahlreichen Betrieben die Lastwagenparks entzieht.

Neben dem Schlachtengemälde der »Bloquade de Prague« von 1757, das ein k.u.k.-General einst in dem außerhalb Zagrebs gelegenen Schloß Brezovica anbringen ließ, machte Granfil den Gast mit den Belgrader Wünschen vertraut. Zunächst einmal forderte er, daß Bonn alte Versprechungen honoriere. Es soll > den Visumzwang aufheben;

* die jugoslawischen Gastarbeiter sozialrechtlich den Kollegen aus anderen Ländern gleichstellen;

* die Importe aus Jugoslawien erhöhen.

Darüber hinaus offerierte er der Bundesrepublik ein Abkommen über enge Zusammenarbeit beider Volkswirtschaften in Produktion und Warenaustausch.

Schiller und sein Parlamentarischer Staatssekretär Klaus Arndt versprachen, in Bonn Dampf zu machen, Arndt: »Ein haar Dinge müssen jetzt zackzack durchgezogen werden.«

Schiller und Arndt zeigten sich auch gegenüber den von Bonn bisher abgelehnten jugoslawischen Forderungen nach Wiedergutmachung von Kriegsschäden kulant. Sie baten, sie zu präzisieren.

Das Geld möchte Schiller, wenn Kabinett und Parteien zustimmen, auf dem Anleiheweg beschaffen. Mit der Bundesbank hat er bereits das Projekt einer »Friedensanleihe« besprochen, die Jugoslawien zufließen und aus Bundesmitteln verzinst werden soll.

Auch bei der Weltbank will Schiller für Jugoslawien fechten. Als ihr größter Gläubiger wird die Bundesrepublik im Oktober in Washington für einen Kredit an Belgrad plädieren.

Vor etwa drei Monaten hatten Schiller und Weltbankpräsident McNamara eine ähnliche Kreditaktion für ein bedrängtes Ostblockland eingeleitet. Das Geld erreichte jedoch den Empfänger nicht mehr: Es war der Tschechoslowakei zugedacht.

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