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Demokratie nur als Fassade

Mafia-Morde an hohen Richtern, Korruptionsskandale, bankrotte Staatsfinanzen - dem EG-Gründungsmitglied Italien droht der Absturz in die europäische B-Liga. Die Parteien, gefangen in einem System institutionalisierter Kungelei, sind unfähig, den Niedergang aufzuhalten. Schon droht der rebellische Norden mit Sezession.
Von Valeska von Roques
aus DER SPIEGEL 31/1992

Nur einen einzigen der hohen Politiker Italiens mochte die Witwe des ermordeten Anti-Mafia-Kämpfers Paolo Borsellino bei der Trauerfeier für ihren Mann dulden: den Staatspräsidenten Oscar Luigi Scalfaro. Der ist in der Tat ein integrer Mann - aufrecht und glaubwürdig in seinem Engagement für die moralische Erneuerung Italiens.

Auch den toten Leibwächtern erwies Scalfaro die letzte Ehre. Doch als es dem Staatsoberhaupt endlich gelungen war, durch die dicht gepackte Menge bis zum Altar der Kathedrale von Palermo vorzudringen, mußte er vor tätlichen Angriffen der Trauergäste geschützt werden. So wild war der Zorn, so entfesselt die Verzweiflung der Menschen, die nach dem Tod des Richters Giovanni Falcone Ende Mai nun den zweiten im Gespann der beiden wichtigsten Männer im Kampf gegen die Mafia verloren haben.

Paolo Borsellino, 53, starb am vorvergangenen Sonntag mit vier Männern und einer Frau seiner Eskorte, zerfetzt von einer Autobombe vor dem Apartmenthaus, in dem seine Schwester und seine Mutter wohnen.

Zwischen den wenigen integren und den vielen anrüchigen Politikern Italiens mögen die Bewohner Palermos nicht mehr unterscheiden. Sie kennen nur noch Haß und Verachtung für Vertreter eines Staates, der die Mafia morden läßt, wen, wann und wie sie will, für einen Staat, der sogar - und nicht nur in ihren Augen - bis in seine höchsten Kommandostellen mit der Mafia paktiert.

Bizarre Schreckensnachrichten aus Italien, das Karussell seiner wechselnden Regierungen und wilden Schwankungen der Börsenkurse ist die Welt gewohnt. Desgleichen die Tricks, mit denen sich das Land aus seinen immerwährenden Krisen zu retten versteht. Doch diesmal, so scheint es, ist »la commedia finita«, das Spektakel vorbei: Italien steht am Abgrund.

Die Affären, die den Italienern seit Februar in täglich neuen Enthüllungen vorführen, mit welcher Dreistigkeit ihre Politiker das Land ausplündern, haben das politische System des Landes in einer Weise diskreditiert, die kaum noch Hoffnung auf eine Wende läßt.

Die wirtschaftliche Lage ist desolater denn je. Zu fragen sei nicht mehr, ob Italien zu einem Land der B-Liga absinken könnte, bemerkte Fiat-Chef Gianni Agnelli. Seine Sorge sei vielmehr, daß es Italien nicht gelingen könnte, jemals wieder A-Land zu werden.

Das organisierte Verbrechen schließlich herrscht in Italien mit einem Terror, der in einer der ältesten Kulturnationen Europas kolumbianische Verhältnisse schafft. Doch in den Politikern, die von Unternehmern Provisionen ("tangenti") erzwingen, und den Gangstern der Mafia, die von Geschäftsleuten Schutzgelder erpressen, sieht die Schriftstellerin Dacia Mariani »zwei Gesichter des gleichen Verbrechens« - dem Kampf gegen die Mafia ist das politische System Italiens schon deshalb nicht gewachsen, weil es ihm zu sehr gleicht.

Zwölf Tage nach dem Mord an Giovanni Falcone wurde auf dem sizilianischen Flughafen Punta Raisi der christdemokratische Regionalabgeordnete Filippo Butera verhaftet, weil er bei den Wahlen im vergangenen Mai den Cosa-Nostra-Clan Russo für sich eingespannt hatte.

Wahlhilfe durch die Mafia ist in diesen Breiten mehr als üblich, fast die Norm. Peinlich am Fall Butera war nur, daß der Mann der Anti-Mafia-Kommission Siziliens angehörte, die den Verbindungen zwischen organisiertem Verbrechen und Politik nachspüren soll.

Kein Wunder daher, daß die Ermittlungen im Mordfall Falcone bisher keine sehr eindrucksvollen Ergebnisse brachten. In dreispaltigen Schlagzeilen wurde der Fund von 40 Zigarettenkippen in der Umgebung des Tatorts gemeldet, deren getrocknete Speichelspuren angeblich Auskunft über das Erbgut potentieller Verdächtiger geben könnten.

Blockiert blieb derweil die von vielen Experten, vor allem von Falcone und Borsellino, dringend gewünschte Einrichtung einer zentralen Anklagebehörde gegen die Mafia, der Direzione Nazionale Antimafia (DNA). Das Justizministerium und der Oberste Richterrat (CSM) konnten sich sogar nach dem Tod Paolo Borsellinos nicht darüber einigen, wer für die Ernennung des DNA-Präsidenten zuständig ist.

Zwist herrscht zwischen Richtern und Politikern auch über die Verordnungen, die nach der Ermordung Falcones erlassen wurden, um den Kampf gegen die Mafia zu verschärfen. »Die Regierung will uns mehr gepanzerte Autos geben, während sich die Politiker nach wie vor ihre Stimmen bei der Mafia kaufen«, hieß es auf einer Tagung des CSM in Palermo.

Um zu zeigen, daß von nun an scharf durchgegriffen werde, ließ Regierungschef Giuliano Amato in der Nacht nach der Ermordung Borsellinos 55 Mafiabosse aus dem Zuchthaus Ucciardone in Palermo auf eine Insel südlich von Elba transportieren. Das hätte schon längst geschehen können.

»Wir kennen die Männer der sizilianischen Mafia doch seit Jahren«, sagt Pino Arlacchi, der führende Mafia-Experte Italiens, der sowohl mit Falcone als auch mit Borsellino eng befreundet war, »es sind immer dieselben 67 ,Familien'' mit etwa 1200 Angehörigen, welche die Insel terrorisieren. Was wir brauchen, ist eine umgehende präventive Aktion gegen sie.«

In der vergangenen Woche veröffentlichte der Mailänder Corriere della Sera einen Stadtplan von Palermo - unter jedem der 14 Stadtteile waren die Namen der regierenden Bosse, ihrer Familien samt Herrschaftsbezirken aufgeführt.

Nicht nur die Mitglieder von Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia, sind den Behörden bekannt. Kaum ein Geheimnis ist es, wer zu den anderen Gruppierungen des organisierten Verbrechens in Italien, der kalabrischen ''Ndrangheta, der neapolitanischen Camorra oder der apulischen Sacra Corona Unita, zählt - nicht mehr als 3000 bis 4000 Leute insgesamt. Gegen viele liegt genug Belastendes vor, um sie in Untersuchungshaft zu nehmen.

Aber die meisten können auf ihre einflußreichen Freunde in der Politik und in der Justiz zählen. Corrado Carnevale, einer der höchsten Berufungsrichter Italiens, hat so viele lebenslängliche Urteile gegen die Bosse der Mafia wiederaufgehoben, daß der sogenannte Maxiprozeß von Palermo 1985 bis 1987, für den Giovanni Falcone und Paolo Borsellino die Anklageschrift verfaßten, eigentlich gar nicht geschehen ist.

Die Mafia entwickelte sich zudem zu einem mit allen Raffinessen der modernen Elektronik ausgestatteten weltweiten Syndikat. Die Infrastrukturen des italienischen Staates sanken derweil in vielen Bereichen auf das Niveau eines Entwicklungslandes.

In der Nähe Turins, auf einer der zahllosen eingleisigen Eisenbahnstrecken Italiens, prallten im Juni zwei Züge aufeinander, es gab sechs Tote. Es war der zweite Frontalzusammenstoß von Lokalzügen in einem Monat, der dritte seit Anfang des Jahres. Beim Unglück von Turin war über einem Täßchen Espresso jener Anruf versäumt worden, der in vielen Gegenden Italiens, auch im industrialisierten Norden, altväterlich wie eh und je die Abfahrt eines Zuges zur nächsten Station weitermeldet.

Drittweltniveau auch bei der Post, der langsamsten und teuersten Europas. Nach einer neuen EG-Studie erreichen etwa in Holland 92 Prozent aller Briefe ihren Empfänger am dritten Tag nach dem Einwurf. In Italien sind es 16 Prozent. Wer Sicherheit für seine Sendung will, schickt sie nicht per Einschreiben, denn die werden bevorzugt geklaut.

In einer Studie über die Wettbewerbsfähigkeit von 37 Volkswirtschaften, die jetzt vom Schweizer International Institute for World Management veröffentlicht wurde, landete Italien auf _(* Bei der Trauerfeier für die ermordeten ) _(Leibwächter. ) Platz 19, gerade eben vor Griechenland und Portugal.

An den Sparmaßnahmen der neuen Regierung von Ministerpräsident Amato entdecken Wirtschaftsfachleute »mehr Schatten als Licht«, weil bei den Ausgaben zu zaghaft gekürzt wurde. Die Umwandlung von vier großen Staatsholdings - Iri, Eni, Enel und Ina - in Aktiengesellschaften unter der Leitung des Schatzministeriums sehen die Experten zwar als »Schritt in die richtige Richtung«.

Das Schatzministerium behält jedoch die Aktienmehrheit und damit das Sagen. Erhalten blieb so die Möglichkeit, Parteifunktionäre und politische Kunden auf Posten zu hieven, in denen jetzt mehr denn jemals zuvor wirtschaftlicher Sachverstand gebraucht wird.

Italien droht zum kranken Partner Europas zu werden. Bundeskanzler Kohl wird eine drastische Diagnose zugeschrieben: »Italien hat Aids«, habe er im Kreis von Vertrauten gesagt, kolportiert die Wochenzeitung L''Espresso.

Die eindringlichste Botschaft über den bedenklichen Niedergang aber vermitteln die Verhaftungen von Politikern und Unternehmern, die seit Februar Tag für Tag, Abend für Abend im Fernsehen gezeigt werden - eine makabre TV-Serie, welche die Wirklichkeit schreibt und deren Ende noch nicht absehbar ist.

Wer in Italien einen öffentlichen Auftrag ergattern will, ist gezwungen, Politikern oder Beamten ein Schmiergeld von 5 bis 20 Prozent der Auftragssumme zu zahlen. Außerdem mußten die Großen der Industrie den regierenden Parteien regelmäßig Millionensummen spenden. Das Bargeld floß auf Konten in die Schweiz, von wo es unauffällig in die Parteikassen zurücksickerte.

»Die Parteien waschen ihr schmutziges Geld und benehmen sich nicht anders als die Mafia«, kommentiert der Mailänder DC-Politiker Graf Radice Fossati. Der Edelmann galt als Vorkämpfer politischer Moral im Mailänder Stadtparlament - bis er einräumen mußte, für eine städtische Mülldeponie, die er auf eigenem Grundstück unterbringen wollte, selber umgerechnet 750 000 Mark Schmiergeld hingeblättert zu haben. Die meisten Politiker und Verwaltungsleute haben sich an den »tangenti« auch privat bereichert wie etwa Mario Chiesa, Ex-Präsident der Altersheimstiftung Pio Albergo Trivulzio.

Unter der feinen Adresse Piazza del Duomo 19 - eine bessere Lage in Mailand gibt es kaum - war die schwarze Kasse zu finden, an der die Herren der Industrie ihre mit Bargeld gefüllten Koffer abzuliefern hatten. Sie lag im zweiten Stock, wo eine »Vereinigung der Freunde der Gesellschaftskritik« residierte und Ex-Bürgermeister Pillitteri, ein Schwager des Sozialistenchefs Bettino Craxi, sein Büro hat.

Im obersten Stock des Hauses befindet sich das 358 Quadratmeter große Hauptquartier Craxis, dem gefallen haben dürfte, wie die Schmiergelder unter den regierenden Parteien der Stadt aufgeteilt wurden: Der Löwenanteil stand den Sozialisten zu, 25 Prozent waren den Kommunisten (heute Linksdemokraten) zugedacht, der Rest ging an die Christdemokraten, die freilich von ihrem Anteil noch etwas an die Republikaner abgeben mußten.

Die Schmiergeldkasse im Hause der Sozialisten erinnert an die Arbeit der Staatsbürgerlichen Vereinigung in Köln, die in den siebziger Jahren Zentrale des Bonner Parteispendenskandals war. Doch im Vergleich mit italienischen Verhältnissen ging es damals um kümmerliche Summen. 214 Millionen sammelte die Staatsbürgerliche Vereinigung zwischen 1969 und 1980 ein und unterstützte damit der Industrie genehme bürgerliche Parteien. In Italien dagegen kassierten die regierenden Parteien allein im Jahre 1990, 18 Billionen Lire, umgerechnet 23,6 Milliarden Mark - das sind über zehn Prozent des diesjährigen Haushaltsdefizits.

Die wesentliche Funktion des Schmiergeldkreislaufs bestand darin, bestehende Machtverhältnisse zu festigen - wobei die Allgemeinheit zu privatem Nutzen geplündert wurde.

Die Unternehmen hielten sich schadlos, indem sie ihre Abrechnungen aufblähten. So stieg der Preis für die Modernisierung des Mailänder San-Siro-Stadions von 90 Milliarden Lire (118 Millionen Mark) auf 140 Milliarden (183 Millionen Mark); Giorgio Strehlers neues Piccolo Teatro kostet jetzt 74,6 Milliarden statt der geplanten 47 Milliarden und ist noch lange nicht fertig.

In seiner Aussage formulierte Mario Chiesa es so: »Zwischen den Inhabern der Macht und den Lobbys, vor allem der Bauwirtschaft, gibt es eine wechselseitige Solidarität, eine Art Symbiose, die dafür sorgt, daß die Aufträge weiterlaufen und die Politiker an der Macht bleiben.«

Demokratie, das vom Wähler bestimmte Wechselspiel unterschiedlicher politischer Kräfte in der Ausübung von Regierungsmacht, wird in einem solchen System zur Fassade. Im besten Fall werden die Kulissen gewechselt, die Akteure bleiben.

Daß die gegenwärtige italienische Krise alle früheren übertrifft, erklärt sich nicht nur aus den maroden Verhältnissen im Innern des Landes, sondern vor allem aus den weltpolitischen Umwälzungen der vergangenen Jahre.

Schwerer als seine anderen westlichen Nachbarn findet sich Italien mit den neuen Verhältnissen nach dem Ende des Kalten Krieges zurecht. Viereinhalb Jahrzehnte sah sich Italien doppelt bedrängt: Von außen bedrohte das Sowjetimperium die östliche Flanke Italiens, im Inneren wuchs die Kommunistische Partei zur zweitstärksten politischen Kraft heran.

Antikommunismus war für die in Rom stets mit verschiedenen Koalitionspartnern regierenden Christdemokraten der Kitt ihrer Dauerherrschaft. Trotz ständiger Wechselspiele blieb immer die gleiche Gruppe von Männern oben - mit allen Verschleiß- und Degenerationserscheinungen, die Macht unter denen anrichtet, die sie zu lange besitzen.

Italien blieb eine Anomalie unter den Demokratien Europas - ein Staat, in dem es 45 Jahre lang keinen echten Machtwechsel gab, in dem ein Parteienklüngel nicht nur die Politik, sondern große Teile der Wirtschaft, der Presse, des öffentlichen Lebens fest im Griff hält.

Doch die historischen Wurzeln dieser Fehlentwicklung reichen weit zurück. Auf Sizilien hatte der Staufer Friedrich II. im 13. Jahrhundert eine Verfassung erlassen, die »jedem Untertanen den Schild Unseres Schutzes« gewährte: ein Ansatz bürgerlicher Rechte, garantiert vom Staat.

Doch in den Jahrhunderten der Fremdherrschaften, welche die Insel seit dem Untergang der Staufer überrollten, war der Staat nicht viel mehr als der Unterdrückungsapparat wechselnder Besatzungsmächte. Ihn zu überlisten gilt noch heute als Nachweis von aufrechtem Gang.

Statt in übergeordneten staatlichen Strukturen haben Italiener Sicherheit stets in der Familie gesucht, einer »primären Solidaritäts- und Schutzgemeinschaft« nach der Definition des deutschen Politologen Peter Fritzsche. Das hatte zuweilen durchaus positive Folgen: Der Mussolini-Faschismus etwa konnte die italienische Gesellschaft nie so vollständig durchdringen wie Hitlers Nationalsozialismus die deutsche.

Auf der anderen Seite geriet das Festhalten an überkommenen Werten und Organisationsweisen in Konflikt mit den Strukturen einer modernen, pluralistischen Industriegesellschaft. Die Vorstellung, daß ein abstraktes Gemeinwohl dem eigenen und dem Familieninteresse übergeordnet sein sollte, erscheint vielen Italienern als ein Ausbund von Unmoral.

»Der wahre Dieb bist du«, rief ein der Korruption verdächtigter Abgeordneter in der Wandelhalle des römischen Parlaments einem Kollegen zu, »du bestiehlst deine Familie, indem du nicht für sie sorgst.«

Persönliche Beziehungen formen auch die Verbindungen zwischen Familie und Gesellschaft. Der Mächtige wird als »padrone« erlebt, der für seine »clientele« sorgt. Früher wurde er mit dem ersten frischen Gemüse oder dem zartesten Lamm entschädigt. Heute erhält er die Stimmen ganzer Familienclans.

Auch das Konzept einer parlamentarischen Opposition als legitimer Alternative zu den gegenwärtigen Inhabern der Macht blieb dem modernen Italien fremd. Die Kunst des »Transformismus«, die Hineinnahme oppositioneller Kräfte in die Gruppe der Regierenden bis zur Auflösung jeglicher Opposition - praktiziert seit Cavour und beschrieben in Lampedusas »Der Leopard« -, überdauerte den ersten italienischen Nationalstaat.

Zugleich untermauerten die Regierungsparteien ihre Dauerherrschaft mit einer Flut von Wohltaten für die Wähler - und führten so den Staat in die Finanzkatastrophe von heute.

Italiener wurden mit einem großzügigen Pensionssystem beschenkt, das ihnen erlaubt, sich mit 55 Jahren zur Ruhe zu setzen. Um Arbeitsplätze mußten sich die Getreuen der Regierungsparteien nicht allzusehr sorgen. Nach dem Zusammenbruch des Mussolini-Staates übernahmen die Parteien den Wiederaufbau der staatlichen Strukturen - die freilich fast von Anfang an eher als Versorgungseinrichtungen für ihre politische Kundschaft denn als Dienstleistung für die Allgemeinheit gedacht waren.

Und so begannen die Parteien, den Staat in Besitz zu nehmen. In dieser »partitocrazia«, der Parteienherrschaft, die, so schrieb kürzlich die Neue Zürcher Zeitung, in Italien »tiefer in die Institutionen und in das gesellschaftliche Gefüge eingedrungen ist als in anderen westlichen Staaten«, sind »Parlamente und Regierungen ihrer Funktion faktisch weitgehend entledigt und durch Konsenspraktiken zwischen den Parteizentralen ersetzt worden«.

Die friedliche Aufteilung von Schmiergeldern nach einem Schlüssel, der dem Mächtigsten den Löwenanteil sichert, wie in Mailand geschehen, ist die logische Folge solcher Parteiensolidarität, die zur Komplizenschaft ausartet. Viele Beamte und Verwaltungsangestellte sehen es inzwischen als ihr gutes Recht an, Provisionen zu fordern, und in Umkehrung der öffentlichen Moral halten sie _(* Nach seiner Festnahme. ) denjenigen für unanständig, der sie ihnen verweigert.

Vier Monate nach dem Bekanntwerden der Mailänder Skandale rief Lamberto Mancini, Handelsdezernent der Provinz Rom, der für den Brotpreis zuständig ist, einen Brotfabrikanten an, um diesen ungnädig nach dem Verbleib seines Anteils zu fragen: »Abkommen müssen eingehalten werden. Sonst senke ich den Brotpreis.« Der Fabrikant ging zum Schein darauf ein, doch sorgte er dafür, daß die Polizei im Büro Mancinis genau in dem Moment erschien, in dem er dem Dezernenten einen Umschlag mit 28 Millionen Lire überreichte.

Jahrelang hat das italienische Verfahren, möglichst alle Probleme unterderhand, mit Hilfe von Freunden oder Freunden von Freunden zu lösen, im Grunde gut funktioniert. Das Land gedieh; jeder war zufrieden.

Doch aus dem System des Klientelismus, von dem die meisten Italiener lange profitiert hatten, sproß der Keim seiner eigenen Zerstörung, als eine Gruppe begann, sich von der anderen ausgeplündert zu fühlen.

Seit dem Ende der siebziger Jahre wuchs Unmut im reichen Norden des Landes. Immer deutlicher war zu erkennen, daß die römischen Regierungsparteien ziemlich ungeniert öffentliche Gelder in Milliardenhöhe in den Süden transferierten: nicht um dessen Wirtschaft zu entwickeln, sondern um ihre eigene Wählerbasis auszubauen und zu sichern, oft mit Hilfe der Mafia.

Zahlen machen den Mißmut verständlich: Der Norden mit 44 Prozent der Bevölkerung erwirtschaftet 54,6 Prozent des Bruttosozialprodukts und zahlt 60 Prozent der Steuern. Der Süden mit 36,6 Prozent der Bevölkerung schafft nur 24,6 Prozent des Bruttosozialprodukts und liefert 13,8 Prozent der Steuern in den staatlichen Säckel. Den Rest steuert Mittelitalien bei. Doch mit den Steuern, die überwiegend aus dem Norden stammen, sind Hilfsprogramme in Höhe von Milliarden Dollar für den Süden finanziert worden, die vielfach in den Kassen der Mafia landeten.

Kein Wunder, daß sich viele Bewohner des Nordens mit dem Symboltier der regionalen Protestpartei Lega Lombarda identifizieren: einer Gans. Sie legt im Norden des Landes goldene Eier, die ihr die Finsterlinge aus dem südlichen Italien aus dem Nest klauen.

So kam es schon bei den Kommunalwahlen von 1990 zum Siegeszug der Ligen im Norden, die etwa in der Lombardei 18 Prozent der Stimmen errangen und die etablierten Parteien entscheidend schwächten.

Seitdem die Liga Nord mit ihrem Chef Umberto Bossi die erwiesene Korruption zu einem ihrer wichtigsten Themen erhob, wuchsen die Spannungen zwischen dem nördlichen und dem südlichen Italien wie niemals zuvor. Im Süden behielten die etablierten Parteien, vielfach mit Hilfe der Mafia, die Macht, während der rebellische Norden, kaum verhüllt, mit Sezession droht.

»Zum erstenmal seit der Gründung des italienischen Einheitsstaates im Jahr 1861 sind wir faktisch zur Existenz zweier Italien zurückgekehrt«, sagt der Politologe Angelo Bolaffi, »im Grunde muß jetzt nur noch der Grenzverlauf zwischen Norden und Süden bestimmt werden.« Drohender drückte es Bossi aus, der den Umbau Italiens in eine Föderation weitgehend unabhängiger Republiken will: »Wir ölen schon unsere Kalaschnikows.«

Freilich haben der Aufstieg der Ligen und die Machterosion der Etablierten die Aufdeckung der Korruptionsskandale erst möglich gemacht. Giancarlo Giambelli, Präsident des Mailänder Verbandes der Ingenieure: »Vor zehn Jahren wäre der Untersuchungsrichter sofort versetzt worden. Man hätte ihn befördert und weggeschickt. Aber jetzt ändern sich die Dinge.«

Nicht nur zum Guten. In Mailand ist Veränderung bisher nur als Lähmung zu erkennen. Auf den großen Baustellen der Metro oder des Flughafens Malpensa wird nicht gearbeitet. Entweder sitzen die Bauunternehmer im Gefängnis oder die zuständigen Politiker.

Die Boutiquen der Via Montenapoleone, in denen die Politiker früher ihre Freundinnen teuer einkleideten, klagen über drastischen Umsatzrückgang. Luxus ist in Lombardiens Hauptstadt verdächtig geworden. Zur Erneuerung einer Demokratie, die an ihren eigenen Tricks, dem An- und Verkauf von Macht, zugrunde geht, reicht Konsumverzicht freilich nicht aus.

Aber die Italiener haben, auch das ein Erbe ihrer schwierigen Vergangenheit, erstaunliche Resistenz in Krisen entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sie 1591 Tage, vier Jahre und 130 Tage, ohne Regierung und ohne Schaden verbracht.

Es erscheint deshalb nicht ausgeschlossen, daß ein derart pfiffiges, überlebenstrainiertes Volk eines Tages ein Verfahren entwickelt, das »padroni« und »clienti« in moderne Bürger verwandelt, die dann wirklich nach demokratischen Spielregeln miteinander umgehen.

Vorläufig sorgt italienische Findigkeit dafür, daß die Italiener ihren Politikern wenigstens in der ihnen heiligen Urlaubszeit nicht begegnen müssen. »Ich will sie nicht sehen«, hieß in der vergangenen Woche ein Artikel in der Wochenzeitschrift L''Espresso. Den Bericht begleitete eine Karte Italiens, auf der die Urlaubsorte der italienischen Politikerkaste eingetragen waren.

Das äußerst modische, teure und überfüllte Cortina d''Ampezzo müßte demnach am meisten Kundschaft verlieren. Zu den Politikern, die sich dort erholen, zählt nicht nur Giulio Andreotti, mehrmals Ministerpräsident und jetzt Senator auf Lebenszeit, sondern auch der notorische Disco-Held und in Sachen Korruption ebenfalls ins Gerede geratene Ex-Außenminister Gianni De Michelis.

* Bei der Trauerfeier für die ermordeten Leibwächter.* Nach seiner Festnahme.

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