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»Den Kerlen einen auf die Nüsse«

Wie ein Kaufhausdetektiv Warendiebe fängt
aus DER SPIEGEL 33/1981

Ich wurde zum Kaufhausdetektiv, wie andere Zeitungsträger werden -- um in der Freizeit ein bißchen nebenbei zu verdienen. Während meiner Bundeswehrzeit hatte ich einen alten Schulfreund wiedergetroffen, der mir sagte, was man verdienen kann, wenn man zum Beispiel beim Kaufhof, bei Horten oder bei Karstadt Fangprämie macht statt Kartons zu schleppen, für einen erwachsenen Warenhausdieb bis zu 50 Mark pro Fang.

Nach der Bundeswehrzeit stieg ich ganz auf den Job um. Ich hatte ursprünglich Einzelhandelskaufmann gelernt, aber dazu hatte ich keine Lust mehr. Jetzt wurde ich Kaufhausdetektiv, dann erster Kaufhausdetektiv. Und schließlich zog ich als Testkäufer eines Großkonzerns durch die Häuser, um das Personal zu kontrollieren: das Höchste, was man da erreichen kann.

Man hat schnell raus, daß sich der Ladendieb zum Beispiel durch sein Verhalten vom normalen Kunden unterscheidet. Der Kunde, der kaufen will, guckt sich die Ware an, und wenn er mit der Ware zufrieden ist, wird er mit der Ware in der Hand sehen, wo eine Verkäuferin ist. Der Kunde, der klauen will, besieht sich nicht die Ware, sondern sieht nur die Umgebung.

Es klauen, wie man aus der Zeitung weiß, alle sozialen Schichten. Aber als Detektiv bekommt man doch den Eindruck, daß es vor allem die untere Mittelschicht ist, die das Zeugs rausholt, auch sehr viele Studenten.

Wir sagten immer: Parka, lange Haare, Poncho, Reisetasche, automatisch hinterhergehen. Dasselbe gilt für Rocker. Das sind vielleicht Vorurteile, aber dummerweise bestätigen sie sich immer wieder.

In Berlin liegt ein Großkaufhaus nahe bei einem Treffpunkt für Junkies. Wenn die Geld für einen Schuß brauchen, kommen sie mal eben ins Haus und klauen eine Bohrmaschine. Das galt lange Zeit als Währung: eine Bohrmaschine Black & Decker war ein Schuß Heroin.

Ein beliebter Trick ist die Sache mit der Dash-Packung. Da legen Leute in den Einkaufswagen eine Dose Heringsfilets, zwei Dosen echten Kaviar, etliche Pakete Kaffee und eine Tonne Dash. Dann fahren sie in eine wenig frequentierte Ecke und packen um.

Die Waschmittel-Tonne wird geöffnet, das Waschmittel im Plastiksack in ein Regal geschoben, dafür kommt der Kaffee in die Tonne. Falls man den Kaviar nicht auch noch darin unterbringen kann, wird die Büchse Heringsfilet aus dem kleinen Pappkarton genommen und dafür der Kaviar hineingesteckt. Das lohnt sich schon: Sie bezahlen eine Tonne Dash für 12,70 Mark an der Kasse und haben in der Tonne einen Warenwert von 110 Mark.

Sicherer allerdings ist der Doppelkauf. Zwei Partner kaufen mit zwei Wagen jeweils die gleichen Waren, meinetwegen für 300 Mark Lebensmittel, in beiden Körben absolut die gleichen. Der eine fährt schließlich durch die Kasse und bezahlt, der andere macht sich drinnen noch zu schaffen.

Derjenige, der bezahlt hat, übergibt draußen die Ware einem Kumpel, geht mit dem Kassenbon zurück, greift eine Kleinigkeit für 2,50 Mark aus dem Regal und übernimmt von seinem Partner den Wagen mit den nichtbezahlten Waren. Der Kassiererin hält er den Bon vor und sagt, er habe noch dies Päckchen Underberg vergessen. Die Kassiererin wird sich sogar noch an ihn erinnern, sie weiß ja, daß er gerade eben erst bezahlt hat.

Ich muß zugeben, es entwickelt sich zu einem richtigen Sport, solche Fälle zu knacken. So etwa, wenn man hinter einem Durchsichtspiegel sitzt, der für den Kunden wie ein Spiegel aussieht und hinter dem in Wirklichkeit jemand sitzt, der durch den Spiegel durchschauen kann.

Man hockt allerdings in einer kleinen stickigen Kammer, und das Blickfeld ist begrenzt. Deshalb werden Durchsichtspiegel fast nur noch im überschaubaren Boutique-Bereich benutzt. Wenn uns einer auf den Leim gegangen war, dann flitzten unsere Jungens los. Die Kollegen wurden per Funk alarmiert.

Wichtig ist bei solchen Aktionen, daß das Detektiv-Büro möglichst im Erdgeschoß ist. Dorthin läßt sich ein Ladendieb am leichtesten schaffen. Vom Lebensmittel-Basement ist es relativ schnell zu erreichen, und einer, der im dritten Stock klaut, wird beschattet, bis er möglichst nahe dran ist. Wenn man einen dagegen im Parterre erwischt und ihn dann bis in die dritte Etage bringen muß, weiß man nie, wie man die Etagen übersteht. Kurze Wege sind die besten.

In diesen Momenten, bei der Festnahme und beim Abführen der Warenhausdiebe, S.44 beginnt ein weniger schönes Kapitel. Zwar gab es in meinem Großkaufhaus in Berlin mal eine Dienstbesprechung. Danach sind »Aggressivität in Worten und Taten vom Hausdetektiv zu vermeiden«. Aber schon die »Sachgebietsanweisung über das Verhalten bei Eigentumsdelikten« ließ manchen Spielraum.

Wie solche Anweisungen zu verstehen sind, hat mir ein Geschäftsführer beigebracht. »Irgendwie brauchen die Kerle einen auf die Nüsse«, pflegte der zu sagen, »aber es sollte nicht so aussehen, als ob das von uns käme.«

Wie wenig die Geschäftsleitung dazu beitrug, die Atmosphäre zu entspannen, empfand ich, als ich die Anlage 1 zur »Sachgebietsanweisung« für Hausdetektive in die Finger bekam. Dort ist aufgeschrieben und aufgezeichnet, wie ein »Besprechungsraum« für das Gespräch zwischen Warendieb und Detektiv auszusehen hat: »ca. 6 qm groß, nach der Planskizze fensterlos, keine gläsernen Zwischenwände und verglaste Türen oder leicht erreichbare und leicht zu öffnende Fenster«, die Möbel so angeordnet, »daß der Vernehmende den kürzeren Weg zur Tür hat«, mit Telephon und Alarmanlage, »Klingelleitung 6 V mit Alarmschelle«.

Man hatte den Eindruck, da würde ein Vernehmungszimmer im Knast beschrieben. Ähnlich waren auch die Aktionen. Wenn ein Verkäufer mit einem Kunden aneinandergeriet, wurde sofort der Detektiv gerufen. Und wenn der mit dem Kunden nicht fertig wurde, was häufiger vorkam, konnte er zum Beispiel die »700« ausrufen lassen.

Die »700«, das sind rauhe Jungs. Die darf man nur rufen, wenn man genau weiß: Alleine kriege ich den Kunden nie ins Büro.

Wenn die »700« über den Hauslautsprecher ausgerufen wird, dann kommt, wer dazugehört -- im Prinzip wirklich jeder, der gern mitmischt und der notfalls erst mal zuschlägt und dann fragt, was eigentlich los ist.

Ergänzt wurde die Truppe durch den Betriebsschutz. Das sind Leute in schwarzer Lederjacke, schwarzer Hose und mit Schlagstöcken, die nur durchs Haus laufen, um abzuschrecken. Die haben nichts anderes zu tun, als Schlägereien abzuwickeln. Das sind echte Spezialisten, die zupacken können. Bei uns hieß es immer: Wir holen uns die Metzger, wenn was los ist.

Ertönt jetzt aus dem Lautsprecher »700 bitte an 25«, dann sausen alle 700er, die Lust haben, los zu den Lebensmitteln, und wenn dann so ein Ertappter renitent wird, hat er nichts zu lachen. Die verstehen das. Die schubsen ihn, daß er die Treppe runterfliegt. Aber sie schubsen so raffiniert, daß es so aussieht, als ob er flüchten wollte. Und deshalb, weil er ja flüchten wollte, kriegt er dann noch eins in die Fresse.

Bei den meisten kamen wir mit bloßen Händen aus. Einer, den sie aus dem Restaurant geholt hatten, wurde zum Beispiel von zwei Detektiven links und rechts gepackt und nach oben gebracht. Dabei mußten die drei eine Eisentür passieren. Die hat der Klauer selber aufgemacht, aber mit dem Gesicht. Und als er aufmuckte, kriegte er eine Klatsche, patsch, patsch. Anschließend kam er ins Krankenhaus.

Als zwei junge Männer in der Lebensmittelabteilung zwei Hähnchen mitgehen lassen wollten und dabei entdeckt wurden, gab es erst ein Handgemenge -- bis die 700er alarmiert wurden. Es kamen die Hausdetektive, die Substituten des Personalbüros und des Hauptbüros sowie die Verkäufer aus zwei Abteilungen.

Bei der Schlägerei wurde der eine der beiden jungen Männer ohnmächtig. Ob aufgrund eines Schlages oder Würgegriffs, konnte nachher nicht mehr festgestellt werden. Die Feuerwehr holte ihn schließlich ab.

Im Vernehmungsbüro geht es denen, die dann immer noch aufmucken, nicht viel besser. Ich erinnere mich an einen Fall, da wehrte sich einer und kriegte eine Klatsche. Dann muckte er noch einmal auf und kriegte wieder eine Klatsche. Und selbst, als die Polizei kam, die man gerufen hatte, machte der immer noch Palaver.

Der Polizist sah die Lage und sagte zu den Detektiven: »Ach, holt mir doch mal eine Schachtel Zigaretten.« Sie gingen raus und hörten hinter der geschlossenen Tür nur patsch, patsch. Der Polizist hat dem gezeigt, was eine Harke ist.

Wir hatten ein Bombenverhältnis zu den Polizisten. Wir wußten sogar über deren Dienstplan Bescheid, wer gerade dran war. Da gab es Polizisten, die uns sehr geholfen haben. Wenn sich zum Beispiel so ein Kunde beim Polizisten beschwerte, er sei vom Hausdetektiv geschlagen worden, sagte der Polizist nur: »Das kann doch nicht wahr sein.« Und zu uns sagte er: »Gehen Sie doch mal einen Moment vor die Tür, meine Herren.« Als wir dann wieder reindurften, hieß es: »Der Herr hatte sich geirrt, er ist nicht geschlagen worden.«

Man redet immer nur davon, was die Kunden klauen. Aber noch emsiger und umfangreicher klaut nach meiner Erfahrung das Personal.

Am meisten mußten wir auf die Kassierer und Kassiererinnen aufpassen. S.46 Einmal habe ich sechs Stunden lang auf dem Rost einer Zwischendecke unter der Lüftungsanlage gelegen. Morgens um sechs bin ich da raufgeklettert, per Funk mit einem Substituten verbunden. Es ging darum, eine Kassiererin im Personalkasino zu überführen. Die stand im dringenden Verdacht, Geld in die eigene Tasche zu stecken.

Die Kollegen da unten bedienten sich selber und legten abgezähltes Geld häufig einfach neben die Kasse. Die Kassiererin kam gegen halb zehn und warf das Kleingeld erst einmal in einen Plastikbecher, den sie neben der Kasse stehen hatte. Um 9.45 Uhr hatte sie schon ein paar Zwei-Mark-Stücke beiseite geschafft, ohne Bon. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Immer, wenn ein Mitarbeiter kam, abgezähltes Geld auf den Tresen legte, warf sie einige Münzen in den Becher. Das war richtig am Klingeln.

Später wechselte sie das Kleingeld gegen Scheine aus der Kasse. Als sie um 13.30 Uhr abgelöst wurde, hatte sie drei Scheine zu zehn, einen zu fünf und einen zu zwanzig Mark geschafft. Sie wurde ganz höflich ins Personalbüro gebeten.

Im Lauf der Zeit habe ich mich immer mehr aufs Personal spezialisiert. Als Personaldetektiv agiert man in aller Regel allein, nicht zuletzt, weil vieles nicht ganz koscher ist.

Zum Beispiel eine Verkäuferin in der Süßwarenabteilung, die immer so komisch guckte, hatte ich im Verdacht, daß sie klaute. Man entwickelt da einen siebten Sinn. Ich habe sie stundenlang beobachtet, ohne daß sie mich sah, vergeblich.

Dann habe ich mir einen Neuen aus dem Hauptbüro gegriffen und ihm den Auftrag gegeben, bei ihr für 2,45 Mark Nuß-Cracks zu kaufen. Der legte das Geld abgezählt auf den Tresen, griff die Packung, sagte noch »Ich brauche keinen Zettel, ich esse das gleich« und verschwand. Die Kassiererin hatte nur 45 Pfennig gedrückt, zwei Mark ließ sie unauffällig in die Kitteltasche fallen.

Oder -- fast eine Verleitung zum Diebstahl -- ein Testkäufer kauft für fünf Mark Obst, ohne den Bon zu nehmen, und beim Weggehen macht er lange Ohren, wird nun getippt oder nicht, kommt das Kassengeräusch oder nicht.

Aber selbst wenn gebont wird, wird nicht immer der richtige Preis gedrückt. Ich schicke -- mal angenommen -- drei Testkäuferinnen auf Tournee. Die haben den Auftrag, dasselbe Teil zu kaufen. Sie werden unmittelbar hintereinander an die Kasse treten, ohne einen Zettel zu verlangen. Der Versuchung, dann nur einmal oder zweimal den Betrag zu drücken, erliegen manche.

Den Leiter einer Fleischerei-Abteilung haben wir zur Strecke gebracht, indem wir einen ehemaligen Metzger bei ihm einschleusten. Der hat drei Wochen unerkannt in der Abteilung gearbeitet, hat mit der Abteilung gesoffen und Skat gespielt, auch nach Feierabend. Endgültig überführt wurde der Chef schließlich durch einen Testkäufer, der mit dem eingeschleusten Detektiv zusammenarbeitete.

Trotzdem hat sich das Unternehmen von ihm in »beiderseitigem Einvernehmen« getrennt, eine schlichte Verkäuferin wäre fristlos gefeuert worden.

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