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IRAK Den Machtwechsel im Visier

Energisch drängt Washington auf weitere Auskünfte über Saddam Husseins Waffenpotenzial. In London bereiteten sich unterdessen Exil-Iraker auf die Regierungsübernahme nach einem amerikanischen Einmarsch vor - die Fronten verhärten sich.
aus DER SPIEGEL 52/2002

Ein stiller Dezembertag beginnt im Bagdader Villenviertel Mansur. Dünner Frühnebel liegt über den Vorgärten und Palmen-Parks, Mädchen in adretten blauweißen Uniformen warten bibbernd auf den Schulbus. Alte Männer, frisch rasiert und eine Zeitung unterm Arm, grüßen einander über die Straße.

Da kommt, kaum hörbar zunächst, ein rhythmisch-dumpfes Schlagen näher, begleitet von einem immer schriller werdenden Alarmton. Sofort ist die Idylle hin: Was ist passiert? Die Feuerwehr? Ein Regierungskonvoi? Die Schulmädchen stehen wie erstarrt, die Männer zieht es in die Vorgärten zurück.

Es ist tatsächlich ein Regierungskonvoi, doch einer, wie er in Mansur gar nicht geschätzt wird. Eine Hand voll Propaganda-Autos rattert lärmend durch das noble Refugium des einst reichen irakischen Bürgertums: verbeulte alte Pick-ups, über und über mit Saddam-Plakaten beklebt, auf den Ladeflächen bärtige Männer, die Trommeln schlagen und Trompeten blasen.

Die Mädchen, die gerade noch entspannt miteinander gescherzt haben, rücken eng zusammen, die alten Männer schlagen unwirsch Gartentore hinter sich zu. Die Leute von Mansur, Unternehmer, hohe Beamte, sunnitische Araber die meisten und gewiss keine Gegner des Regimes, mögen keine unnötige Aufregung zur-zeit. Tiefe Unruhe hat die Oberschicht von Bagad erfasst.

An ihrer Morgenlektüre kann es kaum liegen. Denn die Nachrichten der Staatspresse sind besser denn je seit Ausbruch der jüngsten Irak-Krise vor gut einem Jahr. Franzosen, Briten und Deutsche, meldet die Nachrichtenagentur INA, demonstrierten tagtäglich für den Irak. »Vizepremier Tarik Asis trifft US-Delegation«, titelte die Tageszeitung »al-Dschumhurija« vergangenen Sonntag. »Hollywood-Star Sean Penn setzt sich in Bagdad für den Frieden ein«, schrieb ein anderes Blatt. Der Irak - ein Land mit vielen Freunden.

Tatsächlich, und das wissen die Bürger aus den Arabisch-Diensten von BBC und Radio Monte Carlo, dreht sich die Spirale der Eskalation mit jeder Woche ein Stück weiter. Wie Lauffeuer verbreiten sich die Meldungen der internationalen Medien in der winterlichen Hauptstadt.

Die Amerikaner, lautete Anfang Dezember ein Gerücht, drängten den Herrscher eines Golfstaates, Saddam Hussein bei der Flucht ins Exil behilflich zu sein - binnen Minuten sank der Kurs des irakischen Dinar um fast zehn Prozent. Im kurdischen Nordirak seien Lastwagen mit amerikanischen Waffen eingetroffen, verbreitete vor wenigen Tagen der arabische Fernsehkanal al-Dschasira - wahr oder unwahr, erneut stieg am Tigris der Dollar.

Washingtons Kalkül scheint aufzugehen. In Saddams Schaltzentralen sind die Nerven zum Zerreißen gespannt. Jeden Augenblick könne dem Regime ein Fehler unterlaufen, prophezeien westliche Diplomaten. »Ich weiß nicht«, seufzt ein hoher irakischer Baath-Funktionär, »was die Amerikaner eigentlich noch wollen. Mit der Uno-Resolution 1441 haben wir doch praktisch eine Kapitulation unterschrieben. Was sollen wir tun?«

Schwer vorstellbar, dass der Mann es tatsächlich noch nicht verstanden hat: Washington will den Regimewechsel, und um den herbeizuführen, braucht es einen triftigen Kriegsgrund. Je früher, desto besser.

So betonte US-Außenminister Colin Powell erneut die notorische Skepsis gegenüber jeglichem Entgegenkommen des Saddam-Regimes. Sie sei nach der bisherigen Auswertung des Dossiers »wohl begründet«. Noch bevor Uno-Chefinspektor Hans Blix am Donnerstag den Bericht offiziell präsentierte, schwächte Powell allerdings ab und erklärte, die USA planten trotz offenkundiger »Mängel« momentan keine einseitigen Aktionen ohne Abstimmung mit dem Weltsicherheitsrat.

Als entscheidenden Hebel, den Irak an die Grenzen seiner Kooperationswilligkeit zu treiben, will US-Präsident George W. Bush vielmehr die Forderung nutzen, irakische Wissenschaftler zur Befragung ins Ausland zu schaffen. Widerwillig und nur im Tauschgeschäft gegen noch weiter gehende US-Pläne hat Blix nachgegeben und Bagdad zunächst aufgefordert, bis Ende des Monats eine vollständige Liste aller Biologen, Chemiker, Raketen- und Nuklearexperten vorzulegen, die an Saddams Waffenprogrammen beteiligt waren.

Während die Uno-Hierarchie Blix' Bedenken teilt, drängen die Falken in Washington energisch auf Einhaltung von Paragraf 5 der Resolution. Die Wissenschaftler-Klausel, so Pentagon-Berater Richard Perle, »war das einzig Neue an der ganzen Resolution. Wenn die Inspektoren die nicht benutzen, werden sie scheitern«.

Sollte die Uno, von den Bush-Kriegern unter Druck gesetzt, tatsächlich auf einer Vernehmung einzelner Wissenschaftler im Ausland bestehen, wäre dies für Bagdad wohl die ultimative Provokation. Manche der Kandidaten gehören zum engsten Umfeld von Präsident Saddam Hussein. Sie ziehen zu lassen und möglicherweise dem amerikanischen Geheimdienst auszuliefern, wäre vermutlich genau jener letzte Schritt, den das Regime nicht mitzumachen bereit ist.

Theoretisch könnten die Unmovic-Inspektoren gleich ihren wichtigsten irakischen Verbindungsmann zum Verhör bitten: General Amir al-Saadi, 64, ein in England ausgebildeter Chemiker, war in den neunziger Jahren Chef jener Kommission, in deren Zuständigkeit alle Waffenprogramme Iraks fallen. Heute koordiniert er Bagdads Kontakte mit den Inspektoren, und er war auch für den irakischen Rüstungsbericht zuständig.

Saadis Vorgänger als Kommissionschef, General Amir al-Raschid, wäre ebenfalls ein lohnender Interviewpartner. Doch Raschid ist inzwischen zum Erdölminister avanciert und damit wohl schwerlich ein Kandidat für eine Vernehmung im Ausland und ein anschließendes Zeugenschutzprogramm der westlichen Alliierten.

Sollten sich die USA mit ihrem Plan durchsetzen, die gesuchten Wissenschaftler samt ihren Familien mitzunehmen, hätten sie im Falle Raschids gleich einen besonders dicken Fisch im Netz. Der Ölminister ist mit der Mikrobiologin Rihab Taha, 46, verheiratet, der prominentesten Figur aus Saddams Wissenschaftler-Pool.

Die temperamentvolle Irakerin hat Mitte der neunziger Jahre mit zum Teil theatralischen Auftritten den Unscom-Inspektorenteams die Arbeit schwer gemacht. Kaum vorstellbar, dass eine hundertprozentige Saddam-Anhängerin wie sie sich freiwillig in die Hände der Uno begeben würde - ebenso wenig wie ihre Kollegin Huda Amasch, Dekanin der irakischen Akademie der Wissenschaften und einziges weibliches Mitglied des Revolutionären Kommandorats.

Washingtons Drängen bringt Hans Blix, dem vor allem an einem reibungslosen Ablauf der Inspektionen bis zum 21. Februar gelegen ist, in höchste Not. Wie soll die Uno etwa an Forscher wie den 1998 inhaftierten Abd al-Nassir Hindawi herankommen, eine Führungsfigur der Waffenprogramme in den achtziger Jahren? Und, so gibt der Schwede zu bedenken: Was passiert, wenn einzelne Wissenschaftler tatsächlich bereit wären auszupacken, Saddam sie aber nicht herausrückt? Blix: »Wir sind schließlich keine Armee.«

Washington will die Provokation und nicht ihre Verhinderung. Und Saddams innerer Machtzirkel habe diesen Punkt genau verstanden, sagen europäische und nahöstliche Diplomaten in Bagdad. Das Regime, so interpretieren sie seine jüngsten Manöver, spiele auf Zeit, drohe mit apokalyptischen Szenarien und versuche, eine Vielzahl von Themen zu setzen, die nach außen politische Beweglichkeit und nach innen Versöhnung und Geschlossenheit signalisieren sollen.

Dazu zählen etwa die überraschende Entschuldigung für die Kuweit-Invasion 1990, die Saddam vor zwei Wochen im Fernsehen verkünden ließ, sowie die Rückgabe einst geraubter kuweitischer Staatspapiere oder die Einladung an den amerikanischen Uno-Beauftragten, sich selbst im Irak auf die Suche nach den angeblich verschollenen 600 kuweitischen Kriegsgefangenen zu machen.

Der Westen unterschätze die Rolle, die Saddam seinen arabischen Nachbarn im gegenwärtigen Konflikt zugeteilt habe, sagt ein hochrangiger Nahost-Diplomat. Maßnahmen wie die Öffnung des Grenzübergangs Arar oder die Wiederaufnahme der Telefonverbindung nach Saudi-Arabien zwölf Jahre nach ihrer Stilllegung seien diplomatisch wohl kalkuliert. Eben-so wie der Schmusekurs gegenüber Iran und Syrien, das dem Irak als Unterzeichner von Resolution 1441 doch gerade in den Rücken gefallen war, seien dies Signale an verunsicherte Nachbarn, die sich selbst im Fadenkreuz der Amerikaner wähnen.

Auch im Inneren taktiere Saddam, trotz aller Bedrängnis. Die Aufhebung der horrenden Passgebühr im Oktober zum Beispiel habe der bekannt reisewilligen, aber verarmten Mittelschicht gegolten. Die unerwartete Generalamnestie, die selbst langjährige Irak-Beobachter vor ein Rätsel stellte, sei wahrscheinlich ein Zugeständnis an einflussreiche Stammesführer aus dem Süden des Landes gewesen. Viele der Ende Oktober Entlassenen waren politische Häftlinge aus den Schiitenhochburgen Nadschaf, Kerbela und Basra.

Den Schiiten, mit etwa 60 Prozent Bevölkerungsanteil die absolute Mehrheit im Lande, gilt seit längerem Saddams Augenmerk. Ihre bis zu 10 000 Mitglieder umfassenden Stämme im Südirak waren bereits zu Beginn des Iran-Irak-Krieges Anfang der achtziger Jahre vom Regime gehätschelt worden. Sie stellten schließlich das Gros der Soldaten.

Nach dem Golfkrieg 1991 kam es zwar zu schweren Aufständen der Schiiten, aber mittlerweile steige ihr Kurs wieder, berichten Insider. Regimetreue Scheichs werden mit Geld, Autos, Waffen und wichtigen Posten im Regierungsapparat geködert.

Auch nach den Plänen der irakischen Exil-Opposition, die sich vor einer Woche auf amerikanische Vermittlung in London traf, sollen die Schiiten demnächst eine wichtigere Rolle spielen im politischen Machtgefüge Iraks. Die mehr als 300 Delegierten einigten sich darauf, dass 32 der insgesamt 65 Plätze in einem gemeinsamen Ausschuss auf Angehörige der religiösen Mehrheit entfallen sollen. Ein Fünftel der Plätze erhalten die Kurden, den Rest die beiden religiös nicht gebundenen Dachorganisationen INC und INA, die Monarchisten sowie kleinere Gruppen.

Ob die Exil-Iraker mit ihrem Beschluss tatsächlich den Grundstein für eine Übergangsregierung nach dem erwarteten Sturz Saddams gelegt haben, ist freilich umstritten. Nach Bagdads Lesart haben sie mit ihrer Anlehnung an das »libanesische Modell« lediglich die Koordinaten eines »libanesischen Bürgerkriegs« am Tigris festgeschrieben.

»Wer immer dieses Land nach Saddam führen sollte - er muss mit eiserner Hand regieren«, warnen westliche Diplomaten in Bagdad. Viele bezweifeln, dass Washington in seinem ungestümen Kriegsdrängen die Muße gefunden hat, alle Risiken eines Waffengangs präzise durchzurechnen.

Die Szenarien sind dramatisch. Unschwer lassen sich in den großen Städten die künftigen Sektorengrenzen verfeindeter ethnischer, religiöser und Stammesgruppen erahnen. Selbst hartgesottene Kriegsreporter, die derzeit in Bagdad weilen, möchten ungern dabei sein, »wenn es hier richtig losgeht«.

Im Irak sei in den vergangenen Jahren ein »gigantisches soziales Verschiebungsprojekt« umgesetzt worden, stellt Peter Bouckaert von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fest. Etwa eine Million Menschen seien unter Saddam aus ihrer Heimat vertrieben worden, schätzt die renommierte Brookings Institution, die in Washington auch Flüchtlingsfragen nachgeht.

»Wenn diese Leute wieder nach Hause kommen, werden sie andere vertreiben«, warnt Bouckaert. Betroffen sei vor allem der ölreiche Norden des Landes, wo viele Kurden durch vermeintlich regimetreuere Araber ersetzt wurden.

In der Stadt Kirkuk, dem Zentrum der fruchtbaren Hochebene südlich des Sagros-Gebirges, sind bis auf die Schiiten fast alle Ethnien und Religionen Iraks vertreten. Tief sitzt hier der Hass. »Uns Turkmenen«, sagt ein Basarhändler leise, »unterdrücken heute die Araber, morgen sind es womöglich die Kurden.«

Die etwa 600 000 meist sehr gut gestellten Christen des Irak zählen zu den besonders gefährdeten Minderheiten im Fall eines Bürgerkriegs. Ihr Bekenntnis zu Saddam kommt häufig auch ohne Zwang: 3800 Flugstunden habe er als Hubschrauberpilot für die irakische Luftwaffe geleistet, erzählt Oberst Salim Dschamil stolz, ein regelmäßiger Kirchgänger der St. Josephs-Gemeinde in Mossul.

Anders als Turkmenen und Schiiten haben die Christen keine logische Schutzmacht unter den Nachbarn Iraks. Die von historisch bewanderten Gläubigen oft zitierte Klage König Feisals I. über die Unregierbarkeit des Irak mag manchem Strategen im Pentagon wie ein düsteres Menetekel erscheinen:

»Es gibt - und das sage ich mit einem Herzen voll Sorge - kein irakisches Volk, sondern nur eine unvorstellbare Masse von Menschen ohne jede Idee von Vaterlandsliebe, verleitet von religiösen Herkömmlichkeiten und Absurditäten, verurteilt zur Anarchie und jederzeit willig, gegen jede Art von Regierung aufzubegehren.« BERNHARD ZAND

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