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Spiegel Gespräch »Den Papst einen Monat lang ausspioniert«

aus DER SPIEGEL 32/1978

SPIEGEL: Herr Klein, seit zweieinhalb Jahren, seit dem Überfall auf die Wiener Opec-Konferenz, sind Sie auf der Flucht. Inzwischen sind Sie aus dem Terrorismus ausgestiegen. Sie verstecken sich nicht nur vor der Polizei, sondern auch vor den Genossen. Wen fürchten Sie mehr, die eigenen Leute oder die Polizei?

KLEIN: Keiner von beiden darf mich schnappen. Wenn meine ehemaligen Leute mich kriegen, legen sie mich um. Wenn dieses Interview gedruckt ist, habe ich nichts zu lachen. Und wenn die Bullen mich fangen, dann gehe ich in den Knast, wer weiß, vielleicht für ewig. In Terroristenprozessen wird doch nur nach Kollektivschuld abgerechnet.

SPIEGEL: Wie lange können Sie das Versteckspiel vor den eigenen Leuten und das Spiel Räuber und Gendarm überhaupt durchhalten?

KLEIN: Ewig, hoffe ich. Ich muß so weiterleben, in der Illegalität, mit gutgefälschten Papieren und mit der Hilfe von sogenannten Jemanden, Genossen, die mich unterstützen. Nur ganz wenige wissen, wer ich wirklich bin.

SPIEGEL: Ist diese Ewigkeit tatsächlich unabsehbar? Sie brauchen Geld, Sie wollen sich bewegen, Sie fallen anderen zur Last. Sind Sie in der Lage, selber Geld zu verdienen?

KLEIN: Die Reproduktionsmöglichkeiten sind nicht gerade rosig, und wo ich lebe, sind sie besonders schlecht. Da schlägt die Arbeitslosigkeit durch. Ich bin Autoschlosser von Beruf, hin und wieder repariere ich ein paar Autos oder mache andere Sachen. Außerdem schreibe ich gerade ein Buch, und da kommt schon mal ein Vorschuß.

SPIEGEL: Sie haben also schon einen Verlag?

KLEIN: Ja, einen deutschen, und ein ausländischer hat Interesse gezeigt. Aber es dauert und dauert. Ich bin ja nicht zum Schreiben geboren.

SPIEGEL: Wann erscheint das Buch?

KLEiN: Wohl schon bald. Eigentlich sollte ich heute Druckfahnen lesen.

SPIEGEL: Rechnen Sie mit Beschlagnahme?

KLEiN: Ausgeschlossen ist das nicht. Aber wer das Buch beschlagnahmt, der muß nicht ganz klar im Kopf sein, denn in dem Buch steht nicht drin: Baut die Rote Armee Fraktion auf oder so was. Da steht genau das Gegenteil drin. Wenn ich mit diesem Interview und mit meinem Buch zehn Leute von der Guerilla wegkriege, habe ich mehr erreicht als das BKA mit seinen hundert Millionen Mark.

SPIEGEL: Sie müssen jeden Tag damit rechnen, daß Ihre Untergrund-Anonymität auffliegt, daß jemand doch nicht dichthält. daß Sie gefaßt werden.

KLEIN: Zuerst, in den ersten Monaten nach Wien, war ich ungeheuer vorsichtig und auch sehr nervös. Wenn ich in irgendeinem Hotel die Zimmertür aufmachte, habe ich immer damit gerechnet. daß da was in die Luft fliegt oder mich einer wegfegt. Aber mit der Zeit schläft das alles ein. Und wenn wirklich was läuft, habe ich sowieso keine Chance. Also, wenn die den Buback kriegen oder den Schleyer, dann kriegen sie mich auch.

SPIEGEL: Sind Sie bewaffnet?

KLEIN: Vor einem Jahr habe ich ja meine Knarre dem SPIEGEL zugeschickt; seitdem bin ich unbewaffnet. Was nutzt es schon, wenn ich eine Knarre mit herumschleppe. Das einzige, was damit passieren könnte, daß ich vielleicht nachts, wenn irgend so ein popliger Einbrecher reinkommt, den über den Haufen fege, weil ich meine, daß es einer von der Guerilla ist. Bei den Jemands, wo ich jetzt bin, gab es allerdings eine riesige Diskussion, weil ich gesagt habe, ich will keine Waffe. Das hat überhaupt niemand verstanden.

SPIEGEL: Was sind das für Leute, diese Jemands?

KLEIN: Das sind auch Linke.

SPIEGEL: Haben die selber Waffen? KLEIN: Die haben keine, können aber leicht welche besorgen.

SPIEGEL: Haben sie Beziehungen zum Terrorismus?

KLEIN: Die? Nein, nein.

SPIEGEL: Können Sie nachts gut schlafen?

KLEIN: ich? Ach, eigentlich ja. In der ersten Zeit nicht so gut, da war das alles sehr nervös.

SPIEGEL: Der Fememord an Schmücker von der »Bewegung 2. Juni« macht Ihnen sicher zu schaffen?

KLEIN: Natürlich weiß ich, daß man mich umlegen will. Aber deshalb reise ich doch nicht in der Weltgeschichte umher, ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich will leben.

SPIEGEL: Was haben Sie damals von dem Fememord gehalten?

KLEIN: Als das passiert war, gab es bei mir Riesenhallo. Ich fand es richtig, daß sie den Schmücker erschossen haben. Der hat ja wohl tatsächlich mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet. Und da gibt es nur eins: umfegen. Es ging damals darum, allen klarzumachen, wer aussteigt, ist erledigt.

SPIEGEL: In Ihrem Brief an den SPIEGEL haben Sie im vorigen Jahr geschrieben, es gebe einen »klitzekleinen, aber wichtigen Unterschied zwischen Verrat und Verhindern«. Sehen Sie das auch heute noch so?

KLEIN: Ja, Verraten ist nicht mein Job. Ich bin kein Bulle.

SPIEGEL: Und wenn man nur durch Verrat verhindern kann?

KLEIN: Ich habe ja schon die Sache mit den beiden jüdischen Gemeindevorstehern in Berlin und Frankfurt platzen lassen.

SPIEGEL: Wie konkret waren die Vorbereitungen der Anschläge auf die beiden jüdischen Gemeindevorsteher schon gediehen, die Sie in Ihrem Brief an den SPIEGEL aufgedeckt haben?

KLEIN: Die waren soweit fertig. Die beiden sollten erschossen werden. Leute von den Revolutionären Zellen sollten das machen. Galinski ist normalerweise schwer bewacht, wenn er in seinem Office in der Synagoge sitzt. Von seinem Haus ins Büro geht er aber entweder zu Fuß oder fährt mit dem Fahrrad. Auf dem Weg von zu Hause zur Synagoge sollte er erschossen werden. Der Frankfurter praktisch auf dieselbe Weise. Die RZ mußten aber erst noch ein paar Autos klauen. Eine andere Sache sollte im März 1976 laufen. Da sollte eine JAL-Maschine runtergeholt werden, mit einem eingeschmuggelten Sprengstoffkoffer.

SPIEGEL: Wer hat den Anschlag geplant?

KLEIN: Geplant von Haddad. Leute vom »2. Juni« und von der RAF sollten es ausführen.

SPIEGEL: Wer?

KLEIN: Das sage ich nicht.

SPIEGEL: Sie wissen, wer?

KLEIN: Natürlich weiß ich das.

SPIEGEL: Laufen die heute noch frei herum?

KLEIN: Einige sind noch frei, einige sitzen. Das mit dem Flugzeug ist dann aber nicht gelaufen. Eine Stewardeß entdeckte den herrenlosen Kosmetikkoffer, brachte ihn raus, und in der Flughafenhalle von Bangkok ist er dann explodiert. Nach Mogadischu, das habe ich in der Presse gelesen, sollten angeblich drei Lufthansa-Maschinen runtergebombt werden. Nach allem, was ich erlebt hab«, konnte das stimmen. Ich hab? damals gesagt: Wenn die erste runterkommt, lasse ich den ganzen Laden hochgehen. Da gab es riesige Diskussionen mit den Jemanden. Aber was haben die Leute, die irgendwohin fliegen, mit den Toten von Stammheim zu tun, mit dem Wahnsinn von Mogadischu? Wer fliegt denn nach Mallorca? Rentner, jedenfalls keine reichen Fritzen.

SPIEGEL: Buback, Drenkmann, Schleyer darf man liquidieren, das ist Ihre Moral, ein Kindergarten, der ja auch schon mal eine Rolle gespielt hat, oder Rentner sollten verschont bleiben? War das damals Ihre Vorstellung vom Guerilla-Kampf?

KLEIN: Was 1972 in Frankfurt gelaufen ist oder in Heidelberg gegen die Amis, gegen den Vietnam-Krieg, das waren damals für mich die einzigen wirklich politischen Aktionen. Der Rest war Selbstdarstellung. Vor drei Jahren habe ich noch gesagt: Mit Bomben kann man was verändern. Wenn sie so nicht auf uns hören, dann hauen wir ein paar Bomben rein. Dann müssen sie reagieren. Heute sehe ich das nicht mehr so. Das einzige, was man verändert, ist jetzt das Klima in Deutschland -- und damit züchtet man eine neue Terroristengeneration.

SPIEGEL: Wann kamen die ersten Skrupel? Wann wurden Sie unsicher?

KLEIN: Nach Wien, nach Opec.

SPIEGEL: Was haben Sie empfunden, als Sie bei dem Oberfall auf die Opec-Konferenz Menschen mit der Waffe bedrohten, sie in Todesangst versetzten?

KLEIN: Ich will nicht anfangen, den großen Reuigen zu spielen. Aber es kotzt mich an, daß drei Menschen dabei getötet wurden, weil sie für nichts umgebracht worden sind. Für mich ist das Mord. Es gab überhaupt keinen Grund dafür. Wenn ich mich jetzt hinstelle und sage, ich bereue das aus tiefstem Herzen, dann hört sich das ungeheuer schleimig an. Aber wenn ich manchmal darüber nachdenke, wie ich diesen Iraki liegen gesehen habe.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich schuldig?

KLEIN: Schuldig eigentlich nicht. Ich fühle mich ein bißchen um den Rest des Lebens beschissen. Natürlich auch von mir selber beschissen, weil ich zu blindwütig daran geglaubt habe. Von der Opec-Operation, es war die erste, die ich mitgemacht habe, es war meine Feuertaufe, hin ich maßlos enttäuscht, betrogen in meinen politischen Erwartungen.

SPIEGEL: Vorher war nichts? Wie ist es denn zu erklären, daß Sie, damals unerfahren in der Terroristenszene, gleich an eine so heikle, spektakuläre Sache herangelassen wurden?

KLEIN: Ich gehörte zu den Revolutionären Zellen, und ich war der einzige, der bei der Bundeswehr war und mit dem ganzen Kram, mit Schießeisen und Sprengstoff, umgehen konnte. Eigentlich sollten die Leute für die Opec-Operation vorher in einem arabischen Land militärisch trainiert werden. Dazu war dann aber keine Zeit mehr.

SPIEGEL: In welchem Land?

KLEIN: Sage ich nicht.

SPIEGEL: Im Südjemen?

KLEIN: In einem arabischen Land. Mehr sage ich nicht.

SPIEGEL: Warum nicht?

KLEIN: Weil es meinen politischen Vorstellungen widerspricht und dann die arabischen Geheimdienste auf mich scharfmachen würden. Ich weiß zuviel. Sogar mit einem Außenminister von denen habe ich mal gegessen.

SPIEGEL: Wer hatte die Idee, die Opec-Konferenz in Wien zu überfallen, und von wem stammte der Plan?

KLEIN: Die Idee ist von einem arabischen Präsidenten.

SPIEGEL: In Libyen. von Gaddafi?

KLEIN: Kein Kommentar. Alle unsere Informationen über diese Konferenz, vor allem über die Sicherheitsmaßnahmen, erhielten wir von diesem Land, das selber ein Opec-Staat ist und teilnahm. Zum Beispiel sollte die Konferenz offiziell am Sonnabend zu Ende sein, hat dann aber noch einen Tag länger gedauert. Deswegen haben wir alles auf den Sonntag verlegt. Das kam uns sehr gelegen, denn wir waren noch nicht ganz fertig. Es gab nämlich ein riesiges Problem: Die Waffen kamen sehr, sehr spät, erst Freitag nacht.

SPIEGEL: Woher kommen die Täter, wo haben sie sich getroffen?

KLEIN: Ich kam aus Frankfurt, Anfang Dezember. Zusammen mit Böse. Es war das erste Mal, daß ich mit gefälschten Papieren Grenzen überquerte. Wir waren erst im Hotel, irgendwo in der Nähe vom Stephansdom, in einer Sackgasse. Der nächste, der kam, war Sánchez.

SPIEGEL: Genannt »Carlos«. Wann kam der?

KLEIN. Am selben Tag. Er ging ins »Hilton«. Er liebt »Hiltons«. Dann kamen noch vier von den Revolutionären Zellen. Die haben, jeweils zu zweit, eine Wohnung gemietet, 70 Kilometer außerhalb Wiens. Die waren aber nur an den Vorbereitungen beteiligt.

SPIEGEL: Wußten aber von vornherein, wofür?

KLEIN: Ja. Das Kommando, also Halid, Jussif, Joseph und Nada, war zwei Tage vor der Aktion angekommen.

SPIEGEL: War jedem klar, welche Rolle er zu übernehmen hatte?

KLEIN: Das war klar. Als Carlos kam, haben wir das durchgesprochen. Böse hat mir alles übersetzt. Ich konnte damals noch kein Englisch.

SPIEGEL: Carlos war der Chef?

KLEIN: Ja.

SPIEGEL: Hatte er besondere Vorkehrungen getroffen, möglichst unerkannt zu bleiben?

KLEIN: Nein, der ist ganz locker rein. Die berühmte Baskenmütze hat er sich übrigens in Wien gekauft.

SPIEGEL: Wie verlief die Besprechung? Kamen Bedenken hoch? Waren alle einer Meinung? Haben Sie Carlos bei dieser Gelegenheit zum erstenmal gesehen?

KLEIN: Bedenken wurden nicht geäußert. Carlos hatte ich schon Mitte 1975 in Paris kennengelernt. Da war ich mit Böse zusammen. Von Carlos habe ich da nicht viel wahrgenommen. Die sprachen Englisch, was ich ja nicht verstand. Abends hat Carlos uns ein paar Waffen gezeigt, die »Skorpion« und andere Spezialpistolen, ägyptische Geheimpistolen. Die Revolutionären Zellen hatten gerade eine »Skorpion« bekommen und kannten sich noch nicht damit aus. Das ist eine klitzekleine tschechische MP, Kaliber 7,65. Wenn man die zusammenklappt, kann man sie wie eine Pistole in der Tasche tragen.

SPIEGEL: Haben Sie erst in Wien von dem geplanten Überfall auf die Opec-Konferenz erfahren?

KLEIN: Nein, vorher schon, in Frankfurt. Da wurde mir gesagt, daß die Opec-Minister gekidnappt werden sollen. Da habe ich erst gemeint das ist unmöglich, Erdöl-Minister erfordern einen wahnsinnigen Aufwand von Sicherheit, da kommst du nicht ran. Dann erfuhr ich, daß die Insider Informationen hatten. Da schien mir das schon ein bißchen einfacher. Und dann habe ich gesagt: Okay, ich mach' mit.

SPIEGEL: Wer hat Sie in Frankfurt eingeweiht?

KLEIN: Es war Brigitte Kuhlmann. Die traf ich in einem Wald. Ein schönes Plätzchen haben wir immer gehabt.

SPIEGEL: Warum haben die Palästinenser, wenn schon, den Überfall auf Opec nicht allein gemacht? Weshalb mußten Deutsche dabeisein?

KLEIN: Der Palästinenserführer Haddad, er soll kürzlich gestorben sein

ich glaube nicht daran -, der will was sehen für sein Geld. Die Revolutionären Zellen kriegen jeden Monat einen Batzen. Jedenfalls damals war das 50, ob das heute noch läuft, weiß ich nicht. Jeden Monat 3000 Dollar, manchmal auch mehr, und Waffen bringen die auch von ihm.

SPIEGEL: Durch Boten?

KLEIN: Nein, die machen ja ihre regelmäßigen Visiten in dem Land. Und wenn mal keiner kommt, wurde halt angesammelt. Die Kohle gibt?s.

SPIEGEL: Kommt das alles aus Libyen?

KLEIN. Kein Kommentar. Die Palästinenser haben in Europa Probleme mit der Logistik. Deshalb hat Carlos, er war übrigens der Finanzchef für Europa, zum Beispiel in Paris eine Riesen-Logistik-Zentrale aufgebaut, die ist ja dann hochgegangen. Aber die konnte Carlos auch nur mit Unterstützung von Deutschen machen, von Europäern. die sich mit den Verhältnissen auskennen.

SPIEGEL: Wie werden Waffen und Geräte nach Deutschland, nach Europa geschafft?

KLEIN: Im Diplomatengepäck, beispielsweise. Ich hab« das selber einmal mitgebracht. Als ich das erste Mal nach Wien aus dem Land zurückkam, habe ich einen riesigen Diplomatenkoffer voll mit Waffen, den ein Botschafter durch den römischen Zoll geschleppt hatte, mit Böse in der Privatwohnung des Botschafters abgeholt.

SPIEGEL: Welchen politischen Sinn sollte die Opec-Aktion überhaupt haben?

KLEIN: Die Widersprüche im arabischen Raum sollten verschärft, der palästinensische Widerstand gestärkt werden. Die Palästinenser wurden im Libanon schon wieder liquidiert, im Jordan waren schon viele draufgegangen. Für mich war das eine Operation zur Unterstützung des palästinensischen Freiheitskampfes.

SPIEGEL: Wie sah der Plan aus?

KLEIN: Wir schnappen uns die Ölminister. Dann liefern wir jeden in seinem Land ab, und bevor er rauskommt, muß eine propalästinensische Erklärung verlesen werden. Der persische Ölminister Amusegar und Jamani von Saudi-Arabien sollten umgelegt werden.

SPIEGEL: Ging es nicht auch um Geld?

KLEIN: Es ging nicht um Geld. Irgendwelche Zeitungen haben geschrieben, daß wir Massen von Millionen da abschleppen wollten. Es gab keine solche Forderung. Wir haben auch kein Geld gekriegt.

SPIEGEL: Auch keins gebraucht?

KLEIN: Der Plan war, diesen Brief in Wien zu verlesen. Das nächste war, aus Wien abhauen. Keiner sollte durchblicken, was da überhaupt abläuft -- außer, daß da ein paar verrückte Araber rumspringen. Erst wenn wir in der Luft sind, sollte der eigentlich politische Teil des Planes losgehen.

SPIEGEL: Eingeplant waren aber auch von Anfang an zwei Morde.

KLEIN: Bei Jamani hatte ich ein bißchen Bedenken, der sagte mir wenig. Aber Amusegar machte mir absolut keine Probleme. Der ist für mich nach wie vor ein Schwein par excellence, dem untersteht doch unter anderem auch die Savak*.

SPIEGEL: Wie sollten die beiden Minister getötet werden?

KLEIN: Unterwegs. Nicht in Wien. Hinter denen steckt ja Macht, und da hätte man uns in Wien vielleicht nicht starten lassen. Es war einfach nur kurz besprochen, daß Carlos das selbst macht, die beiden umfegen. Das ist üblich, daß der Leader das macht.

SPIEGEL: Wie wurden in Wien die Rollen verteilt? Hat Carlos Ihnen gesagt, du stehst in der Halle mit der Maschinenpistole und sicherst Ein- und Ausgänge?

KLEIN: Ich hatte keine Maschinenpistole. Ich hatte eine Pistole und einen Revolver und zwei Eierhandgranaten.

SPIEGEL: Was war das für eine Pistole?

KLEIN: Es war der tschechische Revolver, den ich dann an den SPIEGEL geschickt habe. Außerdem eine Beretta, 9 mm, nagelneu, und russische oder chinesische Handgranaten.

SPIEGEL: Wie kommt man denn so schwer beladen ...

KLEIN: ... ja, das war problematisch. Wahrscheinlich wird die Wiener Polizei immer noch rätseln. mit wel-

* Iranischer Geheimdienst.

chem Gefährt wir zur Opec-Zentrale gefahren sind. Wir sind mit der Straßenbahn dahin gefahren, bis vor die Haustür.

SPIEGEL: Das ganze Kommando in einer Straßenbahn?

KLEIN: Ja, in einer. War ein lustiges Bild. Wir konnten uns gar nicht setzen mit all dem Klunkerkram. Und der Schaffner, der guckte, denn es war sonntags, frühmorgens, die Straßenbahn war total leer. Speziell der Jussif, der sieht ja wirklich aus wie ein Vollblutaraber. Direkt vor der Opec sind wir ausgestiegen.

SPIEGEL: Was hatten Sie zu tun?

KLEIN: Meine Aufgabe war es, zusammen mit Joseph reinkommen, absichern, die Leute durchsuchen und in den Konferenzraum schicken.

SPIEGEL: Welche Leute?

KLEIN: Die im Vorraum. Wir wußten, daß es einen Vorraum gab mit einer Telephonanlage. Wir hatten mit einer Riesenschießerei im Konferenzsaal gerechnet, schon beim Reinkommen. mit den Leibwächtern und Geheimdienstlern. Amusegar ist ja ein Busenfreund vom Schah. Wir wollten erst einfach nicht glauben, daß der da ohne Leibwächter rumspringt. Doch die Insider-Informationen waren hundertprozentig richtig.

SPIEGEL: Notfalls hätte das Kommando die Opec-Zentrale gestürmt?

KLEIN: Ja, damit war aber nicht zu rechnen.

SPIEGEI.: Und wenn doch: War das Kommando dazu in der Lage?

KLEIN: O ja, wir hatten reichlich. Aber dann lief alles zunächst ganz gemütlich ab. Der Polizist, der am Eingang stand, hat zu uns noch schön »Grüß Gott« gesagt. Als wir drinnen waren, gab Carlos das Startsignal: Er öffnete seine Reisetasche und holte die Maschinenpistole raus. In dem Moment sind wir alle hochgestürmt. in einer vorher abgesprochenen Reihenfolge. Ich war der vorletzte, dann Joseph, der den Sprengstoff dabeihatte. Als erster Carlos, dann Halid, dann kam diese Nada ...

SPIEGEL: Gabriele Kröcher-Tiedemann, die in der Schweiz gerade zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.

KLEIN: Kein Kommentar. Carlos« Halid und Nada sollten sofort in den Konferenzraum rein. Die sind auch rein. Joseph auch, mit dem Sprengstoff. Logisch, der sollte sofort hinten in der Ecke aufbauen, hat er auch gemacht. Nada hatte noch die Aufgabe, die Fahrstühle zu blockieren.

SPIEGEL: Und dann ist es ja passiert.

KLEIN: Dann hat es drinnen geknallt. Da habe ich mich nicht drum gekümmert. Ich hatte ja auch draußen zu tun.

SPIEGEL: Warum wurde im Konferenzraum geschossen?

KLEIN: Das hab' ich erst später erfahren. Ein libyscher Opec-Angestellter hatte Carlos angegriffen, ihm anscheinend die MP entrissen. Es gab ein kurzes Hin und Her. Da ist das Magazin aus der MP gefallen. In dem Moment hat Carlos seine Pistole rausgenommen, die im Hosenbund steckte, und hat ihm eine verpaßt -- in die Schulter. Er hat das Magazin wieder in die MP eingeführt und ihm dann den Rest aus der Pistole in den Kopf oder Brustkorb gejagt.

SPIEGEL: Noch einmal sieben Schuß?

KLEIN: Ja, um ein Exempel zu statuieren. wie er gesagt hat. Das war absolut nicht notwendig. Ein Schuß in die Schulter langt. Der war doch nun wehrlos. Einer der Ölminister hat später erzählt, er habe geglaubt, es seien Israelis, die die Attacke auf Opec machten. Carlos jammert immer über seine große Nase; er wird oft für einen Juden gehalten.

SPIEGEL: Sie haben draußen die Schüsse gehört. Wie haben Sie reagiert?

KLEIN: Ich hab' mich mal kurz umgeguckt. Aber ich war ja in diesem schmalen Gang ziemlich sicher. Die Leute standen mit den Gesichtern zur Wand. Das war alles sehr kompliziert, weil ich kein Englisch konnte. Ich habe immer nur gebrüllt: Jacket out, jacket out. Ich wollte die nicht abtasten, das war zu gefährlich für mich.

SPIEGEL: Waren Sie maskiert?

KLEIN: Ja, als einziger. Ich wollte wieder zurück nach Frankfurt. Ich trug eine Skimütze, die nur vor den Augen einen Streifen frei läßt.

SPIEGEL: Sie haben aber auch geschossen. Warum? Auf wen?

KLEIN: Das erste Mal auf Telephone. Die Sekretärin hat ständig telephoniert. Das wollte ich unterbinden. Ich habe immer nur »finish« gebrüllt; deutsch wollte ich nicht reden, die sollten nicht wissen, daß ich Deutscher bin. Aber die Sekretärin hat ungerührt weitertelephoniert, und da habe ich das Telephon kaputtgeschossen.

SPIEGEL: Das Telephon, an dem die Sekretärin saß?

KLEIN: Ja, ich war echt perplex. Denn ich schieß? in das eine Telephon rein, und die nimmt das nächste. Dann hab' ich sie zur Seite geschoben und das ganze Magazin in die Telephonanlage reingeschossen.

SPIEGEL: Ging es Ihnen auch durch den Kopf, die Sekretärin zu erschießen?

KLEIN: Nein, das ist doch Quatsch. Ich erschieße doch keine Sekretärin, nur weil sie telephoniert. Aber es gab hinterher riesige Diskussionen, warum ich es nicht gemacht hab'. Mir wurden auch Vorwürfe gemacht, daß ich den irakischen Sicherheitsbeamten nicht umgelegt habe. Ich hab' gesagt: Ich leg' den nicht um. Der wollte doch nur weg, ist rückwärts rausgegangen, die Hände hoch.

SPIEGEL: War vor der Aktion abgesprochen, wann geschossen wird?

KLEIN: Natürlich, aber auch dabei gab's Krach. Carlos sagte, jeder, der raus will, wird erschossen, denn sonst erfahren die Bullen, was drinnen los ist. Aber wir haben ja selber Leute rausgeschickt, damit die unsere Informationen weitergeben, also erfahren es die Bullen ja sowieso. Na ja, der irakische Sicherheitsbeamte ist dann raus. Daß der von der Sicherheit war, wußte ich in dem Moment noch gar nicht.

SPIEGEL: Wenn Sie es gewußt hätten?

KLEIN: Ich hätte nur geschossen, wenn der mich angegriffen hätte.

SPIEGEL: Gabriele Kröcher-Tiedemann hat sich verhalten, wie Carlos es befohlen hatte.

KLEIN: In unserem Kommando gab es nur eine Frau, und die nannte sich Nada und sprach etwas deutsch. Auf jeden Fall sah ich, wie einer rückwärts rausmachen will. Na gut, laß ihn gehen, hab« ein bißchen geguckt. In dem Moment kommt die Nada aus dem Konferenzraum und rennt auf den zu. Sie setzt ihm die Pistole auf die Brust. Absolute Idiotie. Der Typ, und das war wirklich ein Brocken, hat sie genommen. an sich gepreßt und mitgeschleppt. Da hat es geknallt, und da war der um. Da lag er. Das Jackett war verrutscht. Da hab' ich gesehen, daß er eine Knarre trug. Die hab' ich ihm weggenommen. Da hat er noch gelebt. In einer fürchterlichen Soße hat er gelegen. Ich hatte überhaupt keinen Dampf mehr.

SPIEGEL: Weiterzumachen?

KLEIN: Ich war total konfus.

SPIEGEL: Vom Anblick des tödlich getroffenen Mannes?

KLEIN: Es muß ein Kopfschuß gewesen sein. Jedesmal, wenn er einen Ton von sich gab, kam das Zeug raus, aus dem Mund.

SPIEGEL: Es wurde noch mehr geschossen. Dabei gab es wieder einen Toten.

KLEIN: Das hab« ich gar nicht mitgekriegt. Das habe ich erst später gehört. Das muß ein ziemlich alter Kerl gewesen sein. Der ist in den Fahrstuhl rein und wollte wohl abhauen.

SPIEGEL: Nada hat auf ihn geschossen?

KLEIN: Ja, in den Rücken.

SPIEGEL: Und dann haben auch Sie noch einmal geschossen.

KLEIN: Ja, plötzlich sprangen da vier Einzelkämpfer auf der Treppe herum. Sie gehörten zu einer österreichischen Truppe, die erst zwei Jahre zuvor aufgebaut worden war, nachdem Palästinenser in Marchegg einen Zug mit Israelis gekapert hatten. Die Polizisten trugen Stahlhelme und hatten Knarren. Die machten ein Riesengetöse. Da bin ich zurückmarschiert, und in dem Moment ging es auch schon los. Ich hatte Glück, der Gang war ein ziemlich schmaler Schlauch, und ich stand im toten Winkel, die mußten also um die Ecke schießen oder sich so weit vorwagen, daß ich hätte zurückschießen können. Joseph stand mir gegenüber, auch in einem toten Winkel, und gab mir Feuerschutz, mit der MP.

SPIEGEL: Dann haben Sie geschossen.

KLEIN: Ja.

SPIEGEL: Wieviel Schuß?

KLEIN: Fünf, sechs, bis meine Pistole leer war. Als ich wieder laden wollte, hab? ich das Ding verpaßt gekriegt.

SPIEGEL: Bauchschuß.

KLEIN: Bauchschuß, Querschläger an die Schulter, Streifschuß am Oberschenkel. Ich hab' mich ein paar Meter weiter in die Küche geschleppt. War nichts mehr. Jussif hat mit der MP ein bißchen um die Ecke gehalten. Später hat Carlos was gerufen. Da flog eine Handgranate, dann war Ruhe.

SPIEGEL: Wurde von den österreichischen Polizisten jemand verletzt?

KLEIN. Einer hat einen Schuß in den Hintern bekommen. Den hab« ich später kurz mal wiedergesehen, als ich in Wien im Krankenhaus lag.

SPIEGEL: Wie lange waren Sie in der Küche?

KLEIN: Weiß der Teufel. Irgendwann kam ein Petro-Minister, ich glaube, der von Gabun. Der ist Doktor, hat sich das angeguckt. und mir ist erklärt worden, daß ich unbedingt ins Hospital muß oder ich würde draufgehen. Die Wunde hat ganz schön gebrannt. Blut ist überhaupt keins rausgekommen, ein paar Tropfen vielleicht. Das ganze Ding sah aus, als hätte man mal kurz mit dem Messer reingestochen.

SPIEGEL: Verloren Sie das Bewußtsein?

KLEIN: Nach dem Schuß habe ich überhaupt nichts mehr aufgenommen. Ich weiß nur noch, daß Carlos mir die Knarren abgenommen hat und die Handgranaten und meine Brieftasche, er hat meine Taschen quasi leergemacht. Ich hab« dann noch meine Zigaretten wieder eingesteckt und das Feuerzeug, das ist ein Geschenk von jemand.

SPIEGEL: Wie lange dauerte da« Blackout?

KLEIN: Ziemlich lange. ich weiß noch, wie ich im Opec-Haus die Treppe runter bin, die Jacke über den Kopt gezogen. Daß mich zwei am Arm haben, davon weiß ich nichts. Irgendeiner hat mich gefragt, ob ich Terrorist oder Geisel bin. Da hab' ich nur gebrüllt: »My fight name is ?Angie?« -- nach dem gleichnamigen Song der Rolling Stones, auf den ich stand. Daß ich ins Krankenhaus gebracht worden bin, habe ich gar nicht gemerkt. Im Krankenhaus kam ich einmal kurz zu mir, als man mir Fingerabdrücke abnahm und mich photographierte.

SPIEGEL: Wurde erwogen, daß die Genossen ohne Sie Wien verlassen? Der Transport hätte für Sie ja lebensgefährlich sein können.

KLEIN: Es stand fest, sobald das Flugzeug startet, fliege ich mit. Ausgemacht war auch, daß mir einer den Rest gibt, wenn es sich herausgestellt hätte, daß ich querschnittgelähmt bin.

SPIEGEL: Wer hätte das besorgt?

KLEIN: Carlos.

SPIEGEL: Die Maschine mit den Opec-Ministern flog zuerst nach Algier. Sie kamen dort wieder in ein Krankenhaus. Wie lange haben Sie da gelegen?

KLEIN. Neun Tage.

SPIEGEL: Länger nicht?

KLEIN. Nein, die haben mich dann rausgeschmissen, nachdem ich transportfähig war. Nach fünf Tagen haben sie mir sämtliche Schläuche rausgeholt und die Fäden gezogen. Und dann Spritzen in rauhen Mengen. Eines Morgens kam ein Sicherheitsbeamter rein und sagte, daß am Mittag das Flugzeug bereitstehe.

SPIEGEL: Wohin?

KLEIN: In ein arabisches Land.

SPIEGEL: Welches?

KLEIN: Sag ich nicht.

SPIEGEL: Haben Sie Ihre Kumpane wiedergetroffen?

KLEIN: Ja, sogar noch mehr. Viele von den Revolutionären Zellen waren auch da, die erhielten gerade militärische Ausbildung.

SPIEGEL: Carlos auch? KLEIN: Der war schon lange da.

SPIEGEL: Wurden Ihnen Vorwürfe gemacht?

KLEIN: Es gab Krach, weil ich den Iraki hab' ziehen lassen.

SPIEGEL: Wer war der Wortführer? Carlos?

KLEIN: Nein, der Wortführer war Haddad. Da unten ist Haddad der Chef.

SPIEGEL: Dirigierte Haddad die Carlos-Truppe?

KLEIN: Es gibt keine Carlos-Truppe. Carlos ist Mitglied der Haddad-Truppe. Aber jetzt ist er ausgestiegen.

SPIEGEL: Carlos ausgestiegen? Wann?

KLEIN: Kurz vor Entebbe, etwa Mai 1976.

SPIEGEL: Warum?

KLEIN: Das ist schwer zu sagen, jedenfalls hängt alles mit der Opec-Geschichte zusammen. In einem arabischen Land, das die Opec-Maschine anflog, hat Carlos sich kaufen lassen. Er muß eine Masse Geld gekriegt haben. Er hat dann die Aktion gestoppt. Die haben ihm gesagt: Beende die Operation, ohne Amusegar und Jamani zu killen und ohne noch das ganze Brimborium zu machen.

SPIEGEL: Wieviel Geld hat Carlos bekommen?

KLEIN: Weiß der Teufel. Es muß ganz schön viel gewesen sein. Als Carlos aus der Haddad-Truppe ausstieg, hat er eine Riesenangst gehabt, daß sie ihn umlegen. Deswegen hat er einen Brief geschrieben und ein paar Kopien davon gemacht. Böse mußte in ein bestimmtes Land fliegen und den Brief irgend so einem Regierungsfritzen bringen. Eine Kopie ist auch bei den Revolutionären Zellen in der Bundesrepublik hinterlegt worden.

SPIEGEL: Was steht drin?

KLEIN: Daß Carlos aus der Truppe aussteigt und sich aus dem Land absetzt, wo er momentan lebte.

SPIEGEL: Ist der Brief ernst zu nehmen?

KLEIN: Ja, sicher. Carlos hat auch Haddad von dem Brief erzählt, damit der nicht auf dumme Gedanken kommt. Und der hat gesagt: »Okay, geh deine Wege.«

SPIEGEL: Heißt das, der Super-Terrorist Carlos ist seit dem Frühjahr 1976 nicht mehr aktiv?

KLEIN. Fest steht, er ist damals ausgestiegen, und ich glaube nicht, daß er noch einmal wieder einsteigt. Und Super-Terrorist? Die Zeitungen und die Bullen haben ihn dazu gemacht, und ihm hat"s gefallen. Er sagt, je mehr Histörchen die über mich schreiben, um so gefährlicher die mich machen, um so besser für mich, um so weniger sind normale Bullen bereit, mich zu catchen. Für ihn ist das irgendwie Sicherheit.

SPIEGEL: Wie kleidet er sich, wie spricht er?

KLEIN: Er spricht immer englisch oder arabisch, eigentlich immer ungeheuer cool. Der ist die ersten anderthalb Wochen in Wien unbewaffnet rumgelaufen. Dann haben die RZ eine Pistole und ein paar Handgranaten gebracht, und die hat er gekriegt.

SPIEGEL: Ist er eitel?

KLEIN: Ja, es gibt da so Histörchen. Er ist ungeheuer anal. Er wäscht und

Um den Rückzug zu decken, zerstörte das israelische Kommando auf dem Flughafen Entebbe abgestellte MiG-Düsenjäger.

duscht sich pausenlos. Wir haben ihn immer verarscht, denn der pudert sich von oben bis unten. Nun hat er so einen leichten Ansatz von Brüsten. Einmal hat ihm Haddads Stellvertreter vorgeschlagen, er soll sich ein neues Gesicht verpassen lassen. Doch ihn hat nur interessiert, ob Ärzte ihm vielleicht die Titten wegmachen können.

SPIEGEL: Wie verhält er sich in der Gruppe?

KLEIN: Er ist ungeheuer solidarisch, er hat aber auch wirklich Chefgebaren drauf. Er hat eine Leader-Mentalität. Er hat immer wieder versucht, in die Revolutionären Zellen reinzukommandieren, obwohl das eine intakte deutsche Guerilla-Gruppe ist.

SPIEGEL: Hat Carlos ein politisches Konzept?

KLEIN: Ein politisches Konzept? Auf alle Fälle hat er von Politik viel Ahnung. Selbst über Deutschland, über die Sozialdemokraten und Christdemokraten weiß er Bescheid, da blickt er durch.

SPIEGEL: Hat er von seinem Aufenthalt in Moskau erzählt?

KLEIN: Ja, ich kenne jetzt den feinen Unterschied zwischen Beluga- und Malossol-Kaviar.

SPIEGEL: Was hält er von der Sowjet-Union, vom sowjetischen Kommunismus?

KLEIN: Darüber hat er in meiner Gegenwart nicht gesprochen. Aber er hofft immer noch, daß er wieder nach Moskau zurückgehen kann. Er sagt, sie hätten ihn wegen seiner Teilnahme an einer Ausländer-Demonstration nur von der Uni geschmissen, aber nicht ausgewiesen.

SPIEGEL: Was sollte Carlos denn in Moskau?

KLEIN: Leben, weil er überall gesucht wird.

SPIEGEL: Sie sagten, Haddad sei der eigentliche Chef, nicht Carlos. Spielt Haddad in der internationalen Terroristenszene die Rolle, die Carlos zugeschrieben wird?

KLEIN: Eindeutig tut er das. Über jedes Gespräch, das der mit einem von uns führte, macht der sich cm genaues Wortprotokoll und legt es in seinem Archiv ab.

SPIEGEL: Wie nimmt Haddad Einfluß auf einzelne Terror-Aktionen?

KLEIN: Er hat die Ideen, und dann schickt er die Leute zur Planung los. Opec, Entebbe -- sein Werk.

SPIEGEL: Was ist sein politisches Ziel?

KLEIN: Er hat mir erzählt, wie es war, als die Israelis sein Dorf zerstört und ihn rausgejagt haben. An diesem Tag hat er sich geschworen, gegen Israel zu kämpfen, solange er lebt. Zu fast allen Guerilla-Gruppen hat er Kontakt, und er paßt immer auf, daß die einzelnen Gruppen nicht untereinander Verbindung aufnehmen. Das ging nur mit seiner Genehmigung. Lange war Haddad Mitglied im Zentralkomitee der Palästinenser-Organisation PFLP. Dann gab es dort einen Riesenkrach. vielleicht im Zusammenhang mit Opec. Sie haben ihn rausgeschmissen und zum einfachen Mitglied degradiert.

SPIEGEL: Aber gleichwohl läßt die PFLP ihn gewähren?

KLEIN: Ja, das ist ja auch extra nicht offiziell gemacht worden. Er geht mit seinem Köfferchen in verschiedene arabische Länder und läßt ihn sich füllen. Und er kriegt ihn nur solange gefüllt, wie er die Position der PFLP vertritt.

SPIEGEL: Woher holt er denn sein Geld?

KLEIN: Von einigen arabischen Ländern. Ab und zu kriegt er auch von Deutschland was -- unfreiwillig. Zum Beispiel 1972 bei der Flugzeugentführung der Lufthansa-Maschine nach Aden, im Südjemen. Da haben sie fünf Millionen Dollar lockergemacht. Auch das war ein Kommando von Haddad.

SPIEGEL: Hat Haddad auch Geld von Gaddafi gekriegt?

KLEIN: Da sollten Sie den Gaddafi mal fragen. Der streitet es ja immer ab.

SPIEGEL: Wenn von internationalem Terrorismus die Rede ist, muß also der Name Haddad fallen?

KLEIN: Es heißt immer, daß die einzelnen Gruppen, also die RAF, die »Bewegung 2. Juni« oder die Revolutionären Zellen, absolut unabhängig sind. Stimmt überhaupt nicht. Ohne Haddad läuft nichts. Die spektakulärste Aktion, die die Revolutionären Zellen überhaupt gemacht haben, haben sie für Haddad gemacht. Das war ungefähr 1970/71, einer der ersten Bom-

* Palästinenser-Mitteilung über den angeblichen Tod Haddads im März dieses Jahres in einem Ost-Berliner Krankenhaus.

benanschläge, die Einäscherung einer ganzen Fabrik in Berlin. Die muß irgendwas mit den Israelis zu tun gehabt haben.

Dann ein anderer Plan, auch von Haddad -- nie bekannt geworden. Betrifft den el-Tadschir. Privatvermögen 13 bis 14 Milliarden Dollar. Der wollte mal halb London aufkaufen. Er sollte entführt werden. Wir wollten 40 bis 60 Millionen Dollar für ihn haben, das war im Frühjahr 1975, da war ich in London.

SPIEGEL: Wer sollte den Plan ausführen?

KLEIN: Carlos, Michel Moukarbel und ich. Böse sollte auch mit dabeisein, Brigitte Kuhlmann, jemand von den RZ, der gut photographieren kann, und noch ein Araber, der inzwischen in Beirut erschossen worden ist.

SPIEGEL: Und wie sollte die Sache vor sich gehen?

KLEIN: Das war eine reine Lösegeld-Aktion. Die notwendigen Informationen, die wir von einem Diplomaten kriegen sollten, blieben aber aus. Erst nach drei Wochen haben wir el-Tadschir überhaupt zum erstenmal vor der Tür seines Hauses in Kensington Road gesehen, mit zwei Leibwächtern. Der war dauernd unterwegs. Carlos hat die Sache dann abbrechen lassen.

Wenn Haddad was nicht wollte, lief das auch nicht. Beispiel: Der »2. Juni« wollte den Papst entführen, das war im April 1976. Der »heilige Vater« ist einen Monat lang genau ausgecheckt worden, wie er mit seinem Stuhl immer zu diesen komischen Audienzen hingehuppelt wird. Mit ihm sollten deutsche Gefangene freigepreßt werden, RAF und »2. Juni«. Haddad hat gesagt, wenn ihr den Papst entführt, müßt ihr eine Selbstmordaktion machen. Kein arabisches Land kann das offiziell dulden, daß ihr danach wieder frei rumlauft.

SPIEGEL: Sie erwähnen immer wieder die Revolutionären Zellen. Anscheinend sind sie in der Terroristenszene von weit größerer Bedeutung als bisher bekannt, auch bei der Polizei.

KLEIN: Mich wundert das sehr, sehr. Die Revolutionären Zellen werden immer noch mächtig unterschätzt. Schließlich haben die ja schon beim Olympia-Massaker von München logistische Hilfe geleistet. Böse hat mir selbst erzählt, daß er die Finger drin hatte bei der Quartiermache für das Palästinenser-Kommando »Schwarzer September«.

SPIEGEL: Und Böse war RZ-Chef?

KLEIN: Ja, Böse war ja auch bei Entebbe dabei; er ist draufgegangen.

SPIEGEL: Warum war Böse nicht bei der Opec-Aktion dabei?

KLEIN: Eines ist klar, daß die Leader von Gruppen niemals bei Operationen mitmachen, das hat Haddad so bestimmt. Ich sollte bei Entebbe mitmachen. Aber da kam mir meine Schußwunde sehr gelegen. Ich hab« mich in ein Hospital abgesetzt.

SPIEGEL: Sie wurden aber immer noch dazugezählt. Sonst hätte man Sie wohl nicht in so mörderische Pläne eingeweiht.

KLEIN: Ich steig' doch nicht einmal aus und dann wieder ein, und wenn ich aussteigen will, hänge ich das doch nicht an die Glocke.

SPIEGEL: Wann kam Ihnen zum erstenmal die Idee, aus dem Terrorismus auszusteigen?

KLEIN: Kurz nach Wien, im Februar 1976. Daß die mir da die dicksten Vorwürfe machen, weil ich den irakischen Bullen hab' laufen lassen, das war schon mal ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich hab' dann einen Brief nach Deutschland gehen lassen wollen, wo das ziemlich drin stand, 30 bis 40 Seiten lang. Aber so einfach war das Aussteigen nicht. Ich wußte zu viel, und ohne Hilfe geht das nicht. Noch nach Entebbe mußte ich ja für Carlos neue Kontakte machen. Ich wußte, wo der »2. Juni« sitzt und kannte die Verbindungen zu den RZ. Da mußte ich rumreisen. Und außerdem, die haben meinen Brief abgefangen, gelesen und vernichtet.

SPIEGEL: Haben Sie nach dem Brief Mißtrauen gespürt?

KLEIN: Ich mußte höllisch aufpassen. Bevor ich ausstieg, mußte ich sogar ab und zu noch was einbringen in die Sache. Da habe ich vorgeschlagen, Prinzessin Caroline von Monaco zu entführen, um an Geld zu kommen. Die lebte damals in Paris. Aber da war für mich schon klar, daß ich in den nächsten zwei, drei Wochen einen Satz machen kann, endgültig. Ich hatte sogar schon die ersten sechzig Seiten für mein Buch geschrieben, in der Hütte von den RZ in den italienischen Bergen, aber nicht, wie oft vermutet wird, im Aostatal.

Vor den Leuten vom »2. Juni« muß ich mich am meisten in acht nehmen. Die haben mir noch einen Monat bevor ich abgehauen bin, alle Einzelheiten von ihren Sachen erzählt, die Lorenz-Entführung zum Beispiel. Wie der Lorenz sein Nasi-goreng gekriegt hat, wie sie ihm die Apfelsinen geschält haben. Natürlich auch noch ganz andere Sachen, aber dazu sag' ich nix.

SPIEGEL: Haben Sie mit den durch die Lorenz-Entführung freigepreßten Häftlingen später Kontakt gehabt?

KLEIN: Nein, aber mit den Leuten, die in Berlin aus dem Knast abgehauen sind, also mit der Viett, der Rollnik und der Plambeck. Die habe ich einen Monat lang in dem militärischen Camp in jenem arabischen Land trainiert. Manchmal haben sie sich etwas dusselig angestellt, aber mit Waffen umgehen haben die gelernt. Bei diesem Training geht es zu wie beim Militär. Es gibt da drei Grundpositionen. Die erste ist Schießen über Kimme und Korn, bei der zweiten muß man den Lauf auf den Handrücken legen und verbrennt sich dabei regelmäßig die Knochen, bei der dritten muß man irgendeinen Ausfallschritt machen, das taugt aber überhaupt nichts. Aus der Hüfte schießen ist verboten.

SPIEGEL: Worauf wird geschossen?

KLEIN: In die Landschaft, auf Steine. Außerdem gibt es einen Riesenschießplatz, da wird gesprengt und mit Panzerfäusten geschossen -- auch mit den englischen Flugabwehrraketen, die allerdings fast nie funktionierten.

SPIEGEL: War es nicht gefährlich, mit so brisantem Zeug zu hantieren?

KLEIN: Nein. Aber ich habe mal die Inge Viett beinahe erschossen. Der große Schießplatz für die schweren Waffen ist in der Wüste. Da blieben wir ein paar Tage, und ein Zelt war aufgebaut. Ich habe im Zelt die Waffen vorbereitet und bei einer ausgeleierten englischen Sten-MP das Magazin reingeführt und den Schlitten zurückgeführt. Da hat sich plötzlich der Schlitten gelöst. Eine ganze Salve ist rausmarschiert, durchs Zelt durch. Die Viett kam kreidebleich rein, es war ihr ein paar Zentimeter am Kopf vorbeigegangen, sehr peinlich. Ich war mindestens genauso bleich wie sie.

SPIEGEL: Wie bewerkstelligten Sie schließlich den Absprung?

KLEIN: Ich konnte mich ja erst absetzen, als ich Kontakt hatte zu Leuten, die mir helfen. Ich hatte so gut wie kein Geld in der Tasche und nur geklaute Papiere, die nicht viel taugten. Außerdem bin ich doch ein ganz Stinke-Frankfurter Typ. Ich kannte praktisch nur Leute aus Frankfurt.

SPIEGEL: Wann haben Sie die ersten Kontakte anknüpfen können?

KLEIN: Im Februar 1977 -- mit den Leuten, die mir heute noch helfen, mit den Jemanden.

SPIEGEL: Sind Sie schon einmal auf den Gedanken gekommen, sich der Polizei zu stellen?

KLEIN: Nein, ich will nicht in den Knast.

SPIEGEL: Angenommen. Sie wüßten, Sie erhielten zehn Jahre Gefängnis.

KLEIN: Nein. Ich hab? mal, da war ich 19, acht Monate im Jugendknast in Einzelhaft gesessen. Wegen Autodiebstahls. Da ging es mir nicht so gut wie heute manchen politischen Gefangenen. Da werden zwar einige schreien, wenn sie das lesen. Aber es stimmt. Selbst zehn Jahre halte ich nicht aus. Selbst wenn sie mich nach drei Jahren wieder rausließen -- was denn dann? Dann habe ich meine »Freunde« von damals immer noch am Hals. und dann erst recht.

SPIEGEL: Aber einen Feind, die Polizei, wären Sie los.

KLEIN: Ach, die ist doch heute nicht mehr mein Feind. Die sind heute für mich nur noch ein Problem. Wenn ich hinginge und würde alles sagen, auch das, was ich jetzt hier und in meinem Buch nicht sage, vielleicht gäb"s dann eine Amnestie. Aber ich mache das nicht. Ist nicht mein Job. Ich hab« die Guerilla nicht erfunden, ich war nur kurz dabei. Und meine Freunde, die mir heute helfen, bin ich dann auch noch los. Von denen würde das auch keiner verstehen, obwohl keiner von diesen Jemanden heute etwa einen decken würde, der noch Terrorismus macht. Ich könnte das auch vor mir selber nicht verantworten. Der Weg nach Wien war ein Scheißweg. Das habe ich inzwischen eingesehen.

SPIEGEL: Herr Klein, wir wünschen Ihnen, daß Sie das Richtige tun.

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