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Rußland »Den Wahnsinn beenden«

Ein kranker Jelzin, der den Überblick verloren zu haben schien; Untergebene, die schon um die Nachfolge kämpften - durch das Machtvakuum im Kreml spitzte sich die Lage in Tschetschenien noch einmal bedrohlich zu. Doch Sicherheitsberater Lebed konnte den vorige Woche angekündigten Sturm russischer Truppen auf Grosny abwenden.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Sie bleiben einfach hier«, befahl der Vizechef des Verteidigungsrats seinem Präsidenten. Der hieß damals, vor fünf Jahren, Michail Gorbatschow und hatte sich geweigert, einen Ukas für Sondervollmachten zu unterschreiben - gegen das angeblich drohende Auseinanderfallen des Vielvölkerstaats.

Konservative Sowjetfunktionäre, die um jeden Preis das Imperium erhalten wollten, darunter Premier und Innenminister, hielten den Staatschef deshalb von Moskau fern, sie erklärten ihn einfach für krank und schnitten ihn von der Befehlsgewalt ab.

So ging es zu beim Putschversuch vom 18. August 1991 gegen Gorbatschow, der sich auf der Krim erholte.

Vorige Woche, exakt fünf Jahre später, sah es so aus, als ob sich der - damals nach drei Tagen gescheiterte - Griff nach der Macht im Kreml wiederholen würde. Boris Jelzin, der Präsident, war zu einem Kurzurlaub in die malerischen Waldai-Höhen südöstlich von St. Petersburg verschwunden; Gerüchte über eine lebensgefährliche Erkrankung kamen auf. Premier und Innenminister widersetzten sich einem Ende des Tschetschenien-Kriegs, der alle Völker des Kaukasus abschrecken sollte, sich von der Mutter Rußland loszusagen. Stand Moskau abermals vor einem Palast-Coup?

Doch diesmal ließ sich der Präsident nicht ausschalten. Jelzin hatte Alexander Lebed, seinen neuen Sekretär des Sicherheitsrats, damit beauftragt, die »blutende Wunde« zu stillen - allerdings empfing Lebed diese Order nicht von Jelzin persönlich, der Text der Anweisung lag auch nicht im Präsidialamt vor.

Danach bekam Lebed noch einen weiteren, widersprüchlichen Jelzin-Ukas. Der hieß ihn, bis zu diesem Montag einen Plan zur Befriedung der Kaukasus-Republik vorzulegen, aber auch in Grosny unverzüglich jene »Rechtsordnung« wiederherzustellen, die vor der Eroberung des Stadtzentrums durch die tschetschenischen Partisanen bestand - und das bedeutete: Vertreibung der Rebellen, äußerste Gewaltanwendung.

Lebed meldete sogleich Zweifel an, ob der Befehl, der ihm erst 20 Minuten vor seiner Veröffentlichung zugestellt worden war, echt sei: Die Unterschrift stammte aus einem Automaten.

Dann erlebte er noch, wie er sagte, eine Überraschung. Am vorigen Dienstag ließ Tschetschenien-Befehlshaber General Konstantin Pulikowski über Grosny Flugblätter abwerfen: Die Einwohner sollten sofort die Stadt verlassen - nach 48 Stunden breche die russische Gegenoffensive los, am Donnerstag früh um 6 Uhr Ortszeit.

Es gebe nichts mehr zu besprechen, dröhnte der General, der sich drei Tage zuvor nach Lebeds Vermittlung mit den Rebellen noch auf eine Feuerpause geeinigt hatte: »Grosny wird gesäubert - im Interesse Rußlands, mit allen Mitteln.«

Wer von den Einwohnern Grosnys den Weg durch Minenfelder und Granathagel nach draußen nicht mehr fand, verkroch sich in den Kellern der Ruinenstadt - Zehntausende. Nur damit es keinen Frieden gebe, seien die Generäle bereit, »Grosny in ein Guernica zu verwandeln«, klagte die Moskauer Iswestija.

Daß Menschenleben keine Rolle spielen würden, hatten die Militärs schon vor dem Sturm demonstriert: Bei einem Luftangriff auf einen Lkw-Konvoi töteten Flieger zwölf Zivilisten, die Sprengung einer Brücke am Stadtrand kostete mehr als hundert Flüchtlinge das Leben, vorwiegend Frauen und Kinder. Die Nowaja gaseta: »Grausame Säuberungsaktionen hitlerschen Typs.«

Die Tschetschenen fürchteten, daß Jelzins Truppen das Werk Stalins vollenden würden. Der hatte 1944 das gesamte Volk nach Mittelasien deportiert - erste Stufe eines geplanten Genozids. Der Vorwurf lautete, die Tschetschenen hätten mit den Deutschen kollaboriert. Dabei war Hitlers Wehrmacht nicht einmal bis Grosny vorgestoßen.

Stunden vor Ablauf des Ultimatums setzten die Rebellen nur noch auf einen russischen Politiker - den General a. D. Lebed. Sie baten Jelzins Sicherheitsberater, »all seinen Einfluß geltend zu machen, um dem drohenden Wahnsinn Einhalt zu gebieten«. Er kam am Mittwoch nachmittag nach Tschetschenien zu seinem dritten Blitzbesuch binnen zehn Tagen; er verkündete, die Gefahr der Großoffensive abzuwenden, das »Verbrechen zu beenden«, die Krise »mit gesundem Menschenverstand« zu lösen - und siegte.

Nach achtstündigen Verhandlungen im Dorf Nowyje Atagi besiegelte Lebed mit dem Militärführer der Tschetschenen, Aslan Maschadow, ein Abkommen, die Truppen auseinanderzuziehen und Grosny zu räumen.

Die umkämpfte Hauptstadt wird demnach wie einst Nachkriegs-Berlin in einen »Zentralrajon« und vier Sektoren geteilt und von einer gemeinsamen Kommandantur kontrolliert: 30 Russen und Tschetschenen im Zentrum, 60 in jedem Sektor sollen gegen Plünderer und »Provokateure« Ordnung wahren.

Stunden zuvor, am Donnerstag vormittag, war auch ein ausgeruhter Jelzin wieder in seinem Kreml-Kabinett aufgetaucht. Er amüsierte sich über die Medien, die schon spekuliert hatten, er sei zu einer Herzoperation in die Schweiz gereist. Und er stimulierte seinen Emissär, der zu diesem Zeitpunkt noch verhandelte: »Ich bin nicht voll zufrieden mit Lebed und seiner Arbeit in Tschetschenien«, sagte Jelzin und mahnte »sichtbare Ergebnisse« an.

Die waren schon erreicht, als der Fernsehsender NTW um 19 Uhr diese Worte Jelzins sendete und so den Eindruck verbreitete, der Präsident rüge Lebed trotz seines Erfolgs. Fünf Minuten später unterschrieben Lebed und Maschadow ihren Friedensschluß.

Jelzins Verhalten gab seinem Volk und seinen bangen Partnern im Westen Rätsel auf. Keiner schien zu wissen, was der Präsident wirklich wollte; das Machtvakuum ermunterte seine Untergebenen im Kreml zu chaotischen Machtkämpfen.

Seit der feierlichen Amtseinführung nach seiner Wiederwahl, bei der er wie »eine Figur aus dem Gruselfilm ,Das Kabinett des Doktor Caligari' wirkte« (Algemeen Dagblad), war Jelzin nur einmal noch mit Premier Wiktor Tschernomyrdin im Fernsehen erschienen. Zwar hätten seine Ärzte inzwischen die Herzrhythmusstörungen eindämmen und den Bluthochdruck senken können, berichtete ein Vertrauter aus dem Präsidentenstab. Doch der 65jährige leide zudem an Leberzirrhose, Nierenschwäche, chronischer Mittelohrentzündung, Schlafstörungen und voranschreitender Mangeldurchblutung des Herzmuskels - eine Operation sei unumgänglich.

Kein erfreuliches Bulletin für den Führer einer Weltmacht, deren Armee gerade an der Südgrenze um den Zusammenhalt des russischen Reiches kämpfte - aber ein Startschuß für das Gerangel um Jelzins Nachfolge.

Hatte einer der Jelzin-Getreuen den Chef vielleicht absichtlich in die Provinz bugsiert, um selbst Hand ans Staatsruder zu legen - so wie einst im Falle Gorbatschow, den seine nächsten Mitarbeiter auf seinem Feriensitz in Foros blockiert hatten?

War Pulikowskis Angriffsbefehl gegen Grosny zur Einschüchterung der Rebellen gedacht oder vielmehr gegen jenen Mann gerichtet, der auf Jelzins Geheiß Frieden schaffen sollte? Moskaus Truppen kämpften nicht mehr gegen die Separatisten, befand die Iswestija, »sie kämpfen dafür, daß Lebed nicht die Lorbeeren des Kaukasus-Befrieders bekommt«.

Der Haudegen mit Afghanistan-Erfahrung, von Jelzin als Stimmenfänger ins Kreml-Team geholt, hatte erreicht, daß sich Rebellenführer Selimchan Jandarbijew zu »ernsthaften Kompromissen« bereit zeigte, die »voll und ganz die staatlichen Interessen der Russischen Föderation« wahren würden.

Schon Jandarbijews Vorgänger Dudajew hatte angedeutet, man könnte sich mit den Russen auf eine gemeinsame Verteidigung, einen einheitlichen Wirtschaftsraum und eine gemeinsame Außenpolitik einigen, bei weitgehender Autonomie im Innern.

Doch für Moskauer Chauvinisten sind allein schon Lebeds Kontakte zu den bislang als »Banditen« gebrandmarkten Rebellen ehrenrührig. »Lebed, Du wirst in den Schützengräben verflucht«, schrieb ein Hauptmann im Nationalblatt Sawtra. »Du hast den Soldaten das heilige Recht geraubt, Rache für die gefallenen Kameraden zu üben.«

Demonstrativ beriet sich Premier Tschernomyrdin mit dem moskautreuen Tschetschenien-Verwaltungschef Doku Sawgajew über die »sozialökonomische Entwicklung« Tschetscheniens. Lebed hatte Sawgajew »Fürst ohne Volk« und »Kriegsgewinnler« genannt.

Selbst dem Präsidenten, der seine wichtigsten Helfer gern miteinander konkurrieren läßt, ging der machthungrige Lebed offenbar zu weit: Innenminister Anatolij Kulikow, den Lebed als einen der »Hauptschuldigen« am Tschetschenien-Desaster eingestuft hatte, blieb entgegen Lebeds Forderungen ("Er oder ich") im Amt. Mühsam korrigierte sich der Sicherheitsberater: Als Soldat würde er sich nie erlauben, dem Präsidenten ein Ultimatum zu stellen.

Lebeds neue Sondervollmachten erwiesen sich zudem als recht begrenzt: Zwar darf er verantwortliche Personen bis zum Rang eines Vizeministers entlassen, aber über militärische Weisungsbefugnis verfügt er nicht.

Engste Vertraute hielten vergangene Woche für möglich, daß die Gegner des Generals zum Äußersten greifen würden. Ein von Lebed während dessen dritter Tschetschenien-Reise in Moskau zurückgelassener Mitarbeiter unkte: »Vielleicht schießen die gar seine Maschine ab« - ein früherer Unterhändler, General Anatolij Romanow, war im vorigen Oktober Opfer einer Mine geworden. »Jemand möchte«, erkannte Lebed, »daß ich mir mit der Regelung der Krise den Hals breche.«

Pulikowskis Ultimatum an die Rebellen hätte jedenfalls für Lebed das Aus bedeuten können. Aber wer hatte den General dazu angestiftet? Verteidigungsminister Igor Rodionow, dem Lebed zu seinem Amt verholfen hatte, erklärte: »Mit mir hat er diese Sache nicht abgestimmt. Pulikowski hat damit seine Kompetenzen überschritten und einen Fehler gemacht.«

Womöglich hatte der eigenmächtige Militär, der vor kurzem seinen Sohn im Oberleutnantsrang an der Tschetschenien-Front verlor, seinem privaten Haß gegen die Rebellen freien Lauf gelassen. Pulikowski wurde abgesetzt, sein Vorgänger General Tichomirow, einst in Moldawien Lebeds Stabschef, übernahm den Posten.

Vielleicht suchten aber auch drei Todfeinde Lebeds mit dem Schachzug an vorderster Front die alte Machtbalance in Moskau wiederherzustellen. Jelzins früher allmächtiger Ex-Leibwächter Alexander Korschakow und sein Freund, Ex-Geheimdienstchef Michail Barsukow, wurden beide nach Lebeds Amtsantritt vom Präsidenten entlassen, haben aber Amtszimmer, Staats-Datscha und finanzielle Gönner behalten.

Zu den Olympischen Spielen in Atlanta flogen sie gemeinsam als »Ehrengäste« ein, danach hatten sie Gelegenheit, am politischen Comeback zu arbeiten - in den Kreml-Fluren gleich neben Jelzins vorübergehend leerstehender Zimmerflucht, vielleicht mit Zugang zu seinem Unterschriftsautomaten. Der neue Kanzleichef Anatolij Tschubais, der jeden Jelzin-Ukas gegenzeichnen müßte, weilte auf Urlaub in Dänemark.

Rachegelüste hegte sicher auch Innenminister Kulikow: Der geschmähte Polizeichef hat noch immer den Oberbefehl über alle Tschetschenien-Truppen. Die Kreml-Führung habe sehr wohl von der bevorstehenden Grosny-Offensive gewußt, glaubt Jelzins Ex-Berater Emil Pain.

Gestützt auf seine Generäle Rodionow und Tichomirow, gelang es Lebed, seinen Hals zu retten. Das Ultimatum nannte er einen »verunglückten Scherz, das war doch aller Welt klar«. Das weckte nun auch noch den Verdacht, der geschickte Taktiker Lebed habe selbst die Ankündigung eines Vernichtungsschlags als Druckmittel benutzt, und zwar weniger gegen die ohnehin verhandlungsbereiten Tschetschenen als zur Beruhigung seiner kriegslüsternen Widersacher.

Schon einmal hatte sich der General auf ähnliche Weise als Schlichter profiliert - 1992 im Konflikt zwischen Moldawien und der prorussischen Dnjestr-Republik. Mit Panzereinsatz gegen moldawische Positionen trat er damals den flackernden Kriegsherd aus.

Sein Kompromiß von Grosny allerdings kommt einer Aufwertung der Unabhängigkeitskämpfer gleich; Separatisten in anderen Provinzen Rußlands könnten sich ermuntert fühlen. »Wir haben verloren«, beschwerte sich Moskowskij Komsomolez, Lebed habe »Kapitulationsbedingungen« unterzeichnet.

Nach seiner Unterschrift flog ein fröhlicher Lebed in der Donnerstagnacht vom Militärstützpunkt Mosdok nach Moskau zurück (wo Jelzin ihn nicht sogleich empfing). Lieber wäre er zu seiner Mutter Jekaterina, 79, nach Nowotscherkassk gereist, die Geburtstag hatte, so Lebed.

Dann delektierte er sich an Würstchen mit Gemüsesalat und begoß seinen Triumph, wie es seine Art ist, nicht mit russischem Getränk, sondern mit türkischem: schwarzem Kaffee.

Auf dem Roten Platz vor dem Kreml feierten derweil Tausende Moskauer den fünften Jahrestag des Jelzin-Sieges über die Putschisten gegen Gorbatschow.

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