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Atomkraft Denken mit den Fingern

Russen und Ukrainer proben im Simulator des stillgelegten Atomkraftwerks Greifswald den GAU.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Beim ersten schrillen Pfiff der Alarmanlage hasten die fünf Männer an die wuchtigen Steuerpulte, rufen sich Kommandos zu, Meßwerte. Die Leistung des Atomreaktors sackt weg, die grünen Dioden zeigen nur noch 86 Prozent, dann 80. »Wir haben ihnen«, sagt Kerntechniker Peter Reibert, 44, »ein schönes Leck in einen Dampferzeuger gemacht.«

Das Leck dehnt sich aus. Die Alarmanlage pfeift nicht mehr, sie wummert drohend. Weitere Kommandos, die Techniker ziehen die Notbremse, lösen die Schnellabschaltung aus. Sie funktioniert. Leistung Null, die Sirene verstummt. _(* In der Simulator-Blockwarte des ) _(Atomkraftwerks Greifswald. ) »So einfach ist das nicht mit dem GAU hier«, freut sich Reibert über seine Schüler, »der wird so beherrscht, daß kein Furz rauskommt.«

Der Unfall im ostdeutschen Greifswald spielte sich nur in den Chips von Computern und auf den Skalen von Instrumenten ab. Die fünf Techniker sind Gäste aus dem ukrainischen Kraftwerk Rowno. Auf Kosten des Bundesumweltministeriums üben seit rund einem Monat im Simulator des stillgelegten Meilers Greifswald Mannschaften aus der GUS das Verhindern von Katastrophen.

Jeweils zu fünft absolvieren die Atomtechniker aus dem Osten ein dreiwöchiges Programm voller Unfälle. Die meisten sind routinierte Kraftwerksfahrer, »Leute, die ständig an den Öfen stehen«, meint Ausbildungsleiter Reibert: »Wir spielen hier nicht mit Anfängern.«

Insgesamt rund 50 Schüler wird Reibert in diesem Jahr durchschleusen. 1,5 Millionen Mark hat das Umweltministerium für dieses Jahr bewilligt und 1,1 Millionen Mark fürs nächste. Damit wird den Russen und Ukrainern vom Flug bis zum Tagegeld alles bezahlt. »Mit eigenen Mitteln«, weiß der Leiter des Simulators, Siegfried Gebhardt, 49, »schaffen die das nicht.«

Diese Entwicklungshilfe sei bestens angelegt, meint Gebhardt, »denn wenn da drüben was passiert, ist das auch hier zu spüren«. Außerdem müßte er sonst »die Anlage verschrotten« und die 15 Angestellten entlassen.

Denn der Simulator spielt den russischen Druckwasserreaktor vom Typ WWER-440. Nach der Wende wurden diese anfälligen Meiler in Deutschland schleunigst stillgelegt, den Simulator braucht hier niemand mehr.

Vor einem Jahr kamen die Greifswalder deshalb auf die Idee, ihr Können nach Osten zu verkaufen. »Auf die Tippel-Tappel-Tour«, so Reibert, klapperten sie Kraftwerksleiter in der ehemaligen Sowjetunion ab, »größtenteils alte Bekannte«. Als die Kollegen Interesse am Training zeigten, wandte sich Simulatorchef Gebhardt mit der Bitte um Finanzierung an das Bundesumweltministerium.

Die Greifswalder stoßen in eine Marktlücke: Der Reaktor gilt als Trabi unter den Atomkraftwerken - oft kaputt, bei Unfällen extrem gefährlich und trotzdem ein Verkaufsschlager. 42 dieser Anlagen stehen in der ehemaligen Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und der Tschechoslowakei. Auch der Horror-Reaktor im bulgarischen Kosloduj (SPIEGEL 10/1992) gehört zu der Bauserie.

Trainingsgeräte aber fehlen im Osten. »Wir haben immer nur im Rollenspiel geübt«, sagt Alexander Rybtschuk, 31, Schichtleiter einer Blockwarte in Rowno. Daheim probt er mit seinen Leuten trocken, die Phantasie muß den Simulator simulieren. Dazu würden die »Älteren ihre Erfahrungen an die Jüngeren weitergeben«. Erst bei realen Störfällen konnten Ukrainer und Russen bislang testen, ob die Tips der Älteren auch funktionieren.

Doch bei dem russischen Reaktortyp sei es besonders wichtig, »das Denken mit den Fingern zu üben«, sagt Reibert. In den meisten westlichen Atommeilern greifen Automaten ein, sobald die Katastrophe droht. »Wenn hier was passiert«, so Reibert, der selbst in Greifswald 15 Jahre lang am Pult stand, »müssen Menschen handeln.«

Kernstück des Simulators ist ein Elektronikkoloß, zusammengebaut aus mehreren Robotron-Computern vom Kaliber Kleiderschrank. Der Rechner kann jedes einzelne der rund 4000 Schaltelemente und Meßinstrumente auf den Pulten im Nebenraum ansteuern. Die Blockwarte wurde konstruiert für den moderneren Typ des Druckwasserreaktors, taugt aber auch zum Training für die Vorläufermodelle.

Fest programmiert sind 150 Standardunfälle - bis hin zum schlimmsten, dem Abriß der Hauptumwälzleitung. Zudem können die Ausbilder ihre Schüler mit exotischen Störfällen traktieren.

Der Schwachpunkt der Kollegen aus dem Osten, sagt Trainer Reibert, sei die Disziplin: »Wir müssen ihnen kernkraftmäßige Ordnung beibringen, ein bißchen der deutschen Strenge.«

So gibt es etwa in Rußland keine vorgeschriebene Kommandosprache, allenfalls Empfehlungen. Bei Alarm gehen entscheidende Sekunden verloren, weil die Techniker die Befehle ihres Schichtleiters nicht eindeutig verstehen.

Auch Atomkraftgegner meinen, das GAU-Training bringe einen gewissen Nutzen. Bei den Druckwasserreaktoren müsse »das Personal die Schwachstellen der Technik ausbügeln«, weiß der Physiker Detlef Rieck, 35, der die Greifswalder Bürgerinitiative Kernenergie berät und im dortigen Kraftwerk gearbeitet hat.

Die Ausbildung, meint Rieck, trage andererseits dazu bei, »daß im ganzen Osten all das weiterbetrieben wird, was in Deutschland aus Sicherheitsgründen abgeschaltet wurde«. Bei manchen Störfällen in diesen Reaktoren helfe auch das beste Training wenig.

Die vier alten Greifswalder Reaktorblöcke, die von 1973 an stufenweise ans Netz gingen, schrammten mehrfach knapp am GAU vorbei. Der modernere und mit besseren Notfallsystemen ausgerüstete fünfte Block schaffte es nur bis zum Probelauf. Die bundesdeutschen Sicherheitsnormen konnte auch er nicht erfüllen. So fehlt den Sowjetreaktoren zum Beispiel das im Westen übliche Containment, der Panzer aus Stahl und Beton.

Ein Flugzeugabsturz kann den GAU auslösen, ebenso ein Erdbeben. Bei den Greifswalder Reaktoren reichte schon ein leichtes Absacken der Fundamente, um beispielsweise die Schnellabschaltung massiv zu behindern. Die Steuerstäbe, die bei Alarm schlagartig in den Reaktorkern rasseln und so die Kernreaktion unterbrechen sollen, fielen langsamer als vorgesehen, weil ihre Führungsschienen nicht mehr lotrecht standen.

»Wir können alle Vorgänge simulieren, Signale ausfallen lassen und Pumpen«, sagt Anlagenchef Gebhardt, »alles wie in Wirklichkeit.«

* In der Simulator-Blockwarte des Atomkraftwerks Greifswald.

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