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BILDER-TIP Denken und gewinnen

aus DER SPIEGEL 1/1960

Seit einigen Wochen werden die mit 3,5 Millionen Exemplaren erscheinende

Hamburger Funk-Zeitung »Hör zu« und das nicht minder weitverbreitete »Bild« auch von Amts wegen bezogen und gelesen: von der Ersten Zivilkammer, von der Kammer für Handelssachen, von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Koblenz und vom Zweiten Zivilsenat des Koblenzer Oberlandesgerichts.

Was das Interesse der Justizbehörden an den beiden auflagestärksten Druckerzeugnissen aus den vereinigten Werkstätten des Zeitungs-Nabobs Axel Springer erregt, sind allwöchentlich erscheinende Inserate der »Bilder-Tip GmbH. Koblenz/Rhein«, in denen den bundesdeutschen Glücksrittern nach der Pferdewette, dem Roulette, der Klassenlotterie, dem Fußballtoto und dem Zahlenlotto eine neue Art von gewinnverheißender Freizeitgestaltung serviert wird: der Bilder-Tip.

Vier Monate nach der Premiere dieses neuen Unterhaltungsspiels sind bereits gegen die Koblenzer Bilder-Tip-Veranstalter anhängig:

- die Klage eines Wiesbadener Gerichtsreferendars auf Auszahlung je eines Gewinns im 1. und im 2. »Rang«,

- die Unterlassungsklage acht westdeutscher Toto- und Lotto-Gesellschaften und des Berliner Sporttotos wegen unlauteren Wettbewerbs,

- ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der unerlaubten Veranstaltung einer öffentlichen Lotterie nach Paragraph 286 des Strafgesetzbuchs und wegen unlauteren Wettbewerbs.

Am 9. August dieses Jahres empfahl sich das Unternehmen Bilder-Tip zum erstenmal den Lesern von »Hör zu«, und das gleich mit einem handfesten Versprechen. »Ob Sie bei diesem Spiel gewinnen«, wurde in einem zweiseitigen Inserat versichert«, hängt ganz allein von Ihnen ab. Das so oft berufene und schwer zu erhaschende Glück beim Spiel brauchen Sie bei diesem Rätsel nicht mehr! Was Sie aber brauchen, ist ein gutes Auge, eine Portion gesunder Menschenverstand und etwas Kombinationsgabe ... Sie sind selber Ihres Glückes Schmied!«

Die »Hör zu«-Leser, die des Zahlenlotto -Pechs müde - endlich einmal hoffen durften, nicht durch die Gunst des Zufalls, sondern durch eigene Verstandesleistung zu Geld zu kommen, konnten sofort mit dem Denken und Kombinieren beginnen. In dem Inserat waren zwölf numerierte Zeichnungen wiedergegeben, von denen jede zwei Unterschriften von je einem Wort trug. »Ihre Aufgabe ist es nun«, hieß es in der Gebrauchsanweisung, »herauszufinden, welches Wort am besten zu der darüberstehenden Abbildung paßt.«

Innerhalb des Inserats war außerdem eine Zahlkarte - zum Ausschneiden - mit abgedruckt, in deren leere Spalten die Lösungen von Bild 1 bis 12 untereinander eingetragen werden sollten: eine »1«, wenn der Teilnehmer die erste, eine »2«, wenn er die zweite Bildunterschrift für passender hielt, und eine »0«, wenn beide Unterschriften zuzutreffen schienen.

Eine Zeichnung beispielsweise zeigte einen Mann beim Apfelpflücken. Zwischen dem Mann und dem Baumstamm stand ein Bretterzaun, über den die Äste des Apfelbaums hinwegragten. »Ernte - Mundraub« - hießen die beiden Unterschriften. Wer »Mundraub« für das zutreffendere Wort hielt, mußte also eine »2« in der Zeile 7 der Tipreihe eintragen. ("Hör zu« Nr. 32, Bild 7). Auf einer anderen Zeichnung waren zwei Männer zu sehen. Der eine - hinter einer Registrierkasse hielt mehrere 20-Mark-Scheine und etliche Münzen in der Hand, der andere - vor der Registrierkasse - einen 100-Mark -Schein. »Herausgeben - Wechseln« stand darunter. Wer jetzt der Meinung war, es könne sich bei dem dargestellten Geschäft ebensogut um ein Geld-Herausgeben wie um ein Geld-Wechseln handeln, mußte auf seinem Tipschein eine »0« in die Zeile 12 malen ("Hör zu« Nr. 32, Bild 12).

Wenn jemand sich seiner Sache schließlich bei dem einen oder anderen Bild nicht ganz sicher war, konnte er auch mehrere Tipreihen ausfüllen und die Lösungen für die schwierigsten Aufgaben variieren. Mit jeder ausgefüllten Tipreihe waren 25 Pfennig nach Koblenz einzusenden. Mindesteinsatz: 50 Pfennig.

Die Paragraphen 8 und 9 der »Teilnahmebedingungen« verrieten endlich die Gewinnaussichten: »Von dem Bruttobetrag der Einsätze werden als Gewinn 60 Prozent an die Teilnehmer ausgeschüttet. Es werden zwei Gewinnränge gebildet. Von der Gewinnausschüttungssumme entfallen 66 2/3 Prozent auf den 1. Rang und 33 1/3 Prozent auf den 2. Rang. Gewinner im 1. Rang ist, wer alle Lösungen in einer senkrechten Reihe richtig getroffen hat. Gewinner im 2. Rang ist, wer eine Lösung nicht richtig getroffen hat. Bei mehreren Gewinnern in einem Rang wird die Ausschüttungssumme dieses Ranges gleichmäßig verteilt.«

Die richtige Tipreihe und die Höhe der Gewinne - so wurde angekündigt - würden fortan jeweils einige Tage nach Einsendeschluß in der »Bild«-Zeitung und drei Wochen später in »Hör zu« veröffentlicht

Die dem Toto und Lotto täuschend ähnliche Technik dieses »Bilder-Preisrätsels« hatten die Gesellschafter der Bilder-Tip GmbH. (Grundkapital 20 000 Mark), die Koblenzer Werbekaufleute Jupp Mönch und Toni Saftig, nicht etwa einfach den westdeutschen Toto-Gesellschaften abgeguckt. Die Lizenz für dieses Spiel hatten sie vielmehr - gegen sechs Prozent Umsatzbeteiligung - von dem Internationalen Preisausschreiben-Büro Laurens A. Daane N. V. in Brüssel erworben, das bereits in Holland, Belgien und der Schweiz allwöchentlich ähnliche Bilder-Preisausschreiben veranstaltet und sie demnächst auch in Österreich einführen will.

Ein Amsterdamer Gericht und das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement in Bern hatten den Erfindern dabei schon bescheinigt, daß es sich bei ihrem Bilderrätsel nicht etwa um ein Glücks-, sondern um ein Geschicklichkeitsspiel handele.

Dieser Unterschied ist wichtig, denn Glücksspiele sind in Deutschland generell verboten, ursprünglich wohl, damit labile Bürger gehindert werden, Haus und Hof am Spieltisch durchzubringen. Da jedoch der Spielleidenschaft mit Verboten nicht abzuhelfen ist, verband der Staat das Unvermeidliche mit dem Nützlichen: Wenn schon Glücksspiel, dann nur mit staatlicher Genehmigung und gegen eine saftige Steuer - 16 2/3 Prozent vom Umsatz.

Geschicklichkeitsspiele dagegen, bei denen die Gewinnchance nicht überwiegend vom Zufall, sondern wirklich vom Geschick des Spielers abhängt, sind weder verboten noch unterliegen sie der Lotterie -Steuer; Anlaß genug also für die Bilder -Tip-GmbH., ihr Spielchen als Geschicklichkeitsspiel zu deklarieren

Um vollends jeden Anschein des Unseriösen zu vermeiden, hatten sich die deutschen Lizenznehmer aus Koblenz einen respektablen dreiköpfigen Verwaltungsrat gewählt, dem angehören:

- der SPD-Bundestagsabgeordnete und Bürgermeister von Koblenz, Emil Bettgenhäuser,

- der Koblenzer Rechtsanwalt und Vorsitzende des »Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs«, Gau Mittelrhein, Dr. Fritz Schneider, und

- der Springer-Verlagsleiter ("Hör zu")

Ernst Naumann aus Hamburg.

Als die Ausschüttungen für die Eröffnungspreisrätsel vom 9. August bekanntgegeben wurden, ergab sich, daß es um Auge, Verstand und Kombinationsgabe so ziemlich sämtlicher Teilnehmer sehr schlecht bestellt gewesen sein muß: Von 49 502 Teilnehmern, die »Wettscheine« mit über 200 000 Tipreihen eingesandt hatten, hatte nur ein einziger in einer senkrechten Reihe zwölf richtige Lösungen; er gewann im 1. Rang 21 127,60 Mark. Für zehn weitere Teilnehmer hatte es mit jeweils elf richtigen Lösungen noch zum 2. Rang (je 1056,35 Mark) gereicht. Die übrigen 49 491 Einsender waren offenbar sprachlich zu ungeübt und jedenfalls zu ungeschickt gewesen, die Bilder zu deuten.

Auch beim zweiten und dritten Bilderrätsel beteiligten sich - so schien es - größtenteils nur geistig Zurückgebliebene: Beim zweiten Wettbewerb gab es nur drei, beim dritten nur einen Gewinner im 1. Rang.

Die naheliegende Überlegung, daß der Ausgang der Wettbewerbe schwerlich allein an der Ignoranz des Publikums liegen könne, rief die westdeutschen Toto- und Lotto-Gesellschaften auf den Plan, die das Privileg, auch mit den ungeschicktesten Leuten Wettgeschäfte zu tätigen, in der Bundesrepublik dank staatlicher Genehmigung für sich gepachtet haben. Sie zahlen dafür Lotteriesteuer an den Staat.

Und da die Koblenzer Bilder-Tip-Akteure, die vorgeben, ein Geschicklichkeitsspiel zu betreiben, eine solche Steuer nicht abführen, beauftragten die Toto-Gesellschaften die für sie in gemeinsamen Angelegenheiten zur Zeit federführende »Staatliche Sportwetten G.m.b.H. Hessen«, gegen die Bilder-Tip-Veranstalter wegen unlauteren Wettbewerbs vorzugehen.

Der Hessen-Toto forderte die Koblenzer Gesellschaft und den Hamburger Verlag von »Hör zu« auf, die Veröffentlichung des Bilder-Tips »Sehen - denken und gewinnen« zu unterlassen. Als weder diese Aufforderung noch mündliche Verhandlungen im Wiesbadener Toto-Haus etwas fruchteten, zogen die Toto-Gesellschaften vor die Kammer für Handelssachen beim Landgericht Koblenz, um eine Einstweilige Verfügung gegen die Bilder-Tip-Gesellschaft zu beantragen.

Die Koblenzer Gesellschaft, so argumentierten die Antragsteller, veranstalte ohne staatliche Erlaubnis eine genehmigungspflichtige Lotterie. »Wenn die Antragsgegnerin in ihren Veröffentlichungen die Ansicht vertritt, es handele sich hier um kein Glücksspiel«, konstatierte der Koblenzer Rechtsanwalt Funke als Toto-Prozeßvertreter, »so versucht sie damit nur zu täuschen.« Hessen-Toto-Direktor Heinz Trojan formulierte es in Wiesbaden noch präziser: »Der Bilder-Tip ist- nur etwas für Leute, die nicht denken können, aber Glück haben.«

In der Tat ähneln die Preisrätsel im Bilder-Tip mitunter eher delphischen Orakeln als Denksportaufgaben. Die Mehrzahl der allwöchentlich erscheinenden Zeichnungen ist zwar - mit mittelmäßigem Geschick - verhältnismäßig leicht zu deuten. Zum Beispiel, wenn auf einem Bild ein Bett mit einem Schlafenden, daneben ein Nachttisch mit rasselndem Wecker zu sehen ist. »Wecken« und »Rasseln« sind als Unterschriftswörter zur Wahl gestellt. Der richtige Tip lautet »2«, denn - so heißt die Begründung - »fest steht, daß der Wecker rasselt. Ob der Schläfer dadurch geweckt wird, ist aus der Zeichnung nicht ersichtlich« ("Hör zu« Nr. 35, Bild 2).

Schwieriger, aber noch nicht unfair wird es, wenn etwa auf einer Zeichnung die Innenfläche einer Menschenhand abgebildet ist, auf der eine Ratte sitzt. »Maus« oder »Ratte« lautet die Frage. Die »richtige« Lösung »0« wird begründet: »Das abgebildete Tier ist zweifellos eine Ratte. Der sogenannte Handballen wird auch Maus genannt. Also ist beides richtig« ("Hör zu« Nr. 36, Bild 1).

Doch der Bilder-Tipper muß, will er einen Gewinn einheimsen, noch ganz andere Hürden nehmen. Auf einem zugefrorenen Weiher, auf dem eifrig Schlittschuh gelaufen wird, sieht man im Eis ein großes Loch, in dem ein Schild mit der Aufschrift »Vorsicht« steckt. »Gefährlich« oder »Ungefährlich« heißt die Frage. Die »richtige« Lösung heißt »0«, und die Begründung ist schlechthin unsinnig: »Beides ist richtig. Das Bild zeigt eine gefährliche Stelle, die durch das Schild als ungefährlich angezeigt wird« ("Hör zu« Nr. 32, Bild 9).

Gelegentlich sind die Bilderrätsel sogar so geartet, daß - so die Toto-Gesellschaften in einem ihrer Schriftsätze - »der Teilnehmer durch logische Überlegungen oder durch sein Wissen von der (vom Veranstalter bestimmten) 'richtigen' Lösung geradezu abgelenkt wird.«

Beispiel: Ein Mann schleicht sich, mit den Schuhen in der Hand und einem Luftballon am Arm, ein Treppenhaus hinauf, durch dessen Fenster helles Tageslicht scheint. »Spät« oder »früh«, wollen die Veranstalter wissen. Mit ihrer Begründung für die Löung »1« begibt sich die Bilder -Tip-GmbH. auf die Ebene höheren Blödsinns: »Spät ist besser, da der Zustand des Mannes (Schuhe in der Hand usw.) darauf hindeutet, daß man im Hause noch schläft« ("Hör zu« Nr. 35, Bild 12).

Die Bilder-Tip-GmbH. ließ sich freilich nicht davon abhalten, vor der Koblenzer Kammer für Handelssachen zu behaupten: »Der neue Wettbewerb unterscheidet sich von dem bisherigen Wettbewerb (Zahlenlotto, Toto) entscheidend darin, daß die Richtigkeit der vom Spieler gewählten Lösung nicht von dem Zufall der Trommel beziehungsweise von dem zufälligen Ausgang eines Fußballspiels abhängig ist, sondern ausschließlich von dem Scharfsinn des Mitspielers.«

Sicherheitshalber trug der Rechtsvertreter der Bilder-Tip-Gesellschaft aber auch vor, daß es letztlich gar nicht darauf ankomme, ob bei dem Bilderrätsel der Zufall objektiv eine Rolle spiele, sondern vielmehr darauf, ob sich die Teilnehmer der Mitwirkung eines solchen Zufalls auch bewußt seien.

Er zitierte dazu eine Reichsgerichtsentscheidung aus dem Jahre 1926, in der es hieß: »Der Paragraph 286 (der die Veranstaltung von-Lotterien ohne staatliche Erlaubnis unter Strafe stellt) erfordert ein Unternehmen, das nicht nur seiner Einrichtung und seinem Zweck nach den Erfolg vom Zufall abhängen läßt und so gewollt ist, sondern das auch dem Dritten nach außen hin als eine solche vom Zufall abhängige Einrichtung erkennbar ist ...«

Die Kammer für Handelssachen, die über den Antrag - der Toto-Gesellschaften auf Erlaß einer Einstweiligen Verfügung gegen die Bilder-Tip-Veranstalter befinden sollte, drehte den Spieß auf diesen Vortrag hin kurzerhand um und konstatierte: Man könne es dahingestellt sein lassen, ob die im Bilder-Tip gestellten Aufgaben - was äußerst zweifelhaft sei - überhaupt logisch schlüssig »richtig« gelöst werden könnten. Aber allein die Möglichkeit, mit mehreren verschiedenen Lösungen, nämlich durch Ausfüllen mehrerer Tipreihen am Spiel teilzunehmen, mache für den Teilnehmer den Zufall in, diesem Spiel erkennbar.

Denn »es ist vom Zufall abhängig, ob eine der von ihm (dem Spieler) gewählten Kombinationen mit der von der Antragsgegnerin (Bilder-Tip) als richtig bestimmten Kombination übereinstimmt. Diese Konstruktion des Spielplans bedingt gerade ..., daß nach den Vorstellungen des Spielers weder der logische Schluß - der eindeutig sein müßte - noch seine Geschicklichkeit und Übung - die er ja nicht von. Tipreihe zu Tipreihe steigern kann, indem er seine 'Fehler' erkennt und verbessert -, sondern entscheidend der Zufall, ob er das richtige 'tippt', für den Erfolg maßgebend ist«.

So entschied die Kammer am 8. September, daß es sich »bei dem Unternehmen der Antragsgegnerin um eine mit den Antragsstellerinnen unmittelbar in Wettbewerb tretende Veranstaltung einer Lotterie« handelt, die nach Paragraph 286 Strafgesetzbuch »verboten und damit rechts-, gesetz- und sittenwidrig« sei.

Über die gleichzeitig ausgesprochene Einstweilige Verfügung, die der Bilder -Tip-GmbH. die weitere Veranstaltung des Bilder-Tips untersagt, sollten sich die Toto-Gesellschaften allerdings nicht allzu lange freuen: Schon wenige Tage später hob der Zweite, Zivilsenat des Koblenzer Oberlandesgerichts die Verfügung vorläufig und am 9. Oktober endgültig auf.

»Charakteristisch für ein Glücksspiel ist«, begründete der von der Bilder-Tip -Gesellschaft angerufene OLG-Senat sein Urteil vom 9. Oktober, »daß die Entscheidung über Gewinn und Verlust nicht wesentlich von den Fähigkeiten und dem Grade der Aufmerksamkeit des Spielers, sondern überwiegend vom Zufall abhängt ... Ob die Richtigkeit der Lösungen in den vorgelegten Nummern von 'Hör zu!' immer ausschließlich von dem Scharfsinn des einzelnen Spielers abhängt, darf allerdings bezweifelt werden. Dagegen spricht die relativ geringe Zahl der Gewinner.

»Es ist jedoch zu berücksichtigen, daß aus den bisherigen Ergebnissen noch keine endgültigen Schlüsse auf den rechtlichen Charakter der Veranstaltung der Beklagten gezogen werden, können. Das läßt sich mit genügender Sicherheit mathematisch erst berechnen, wenn eine größere Anzahl von Ergebnissen vorliegt. Mithin ist es verfrüht, jetzt schon zu sagen, die Zuerkennung eines Gewinns für den, der sich am Preisausschreiben der Beklagten beteiligt, hänge überwiegend von einem Zufall ab ...«

Urteilte der Senat: »Die Beklagte hat auch unwidersprochen vorgetragen, die Lösungen würden von anerkannten Fachleuten, darunter Philosophen, Sprachforschern, unter anderem dem Herausgeber des 'Großen Brockhaus', ermittelt und erst nach reiflicher Überlegung festgelegt. Es kann also keine Rede davon sein, die Festsetzung der richtigen Antworten erfolge willkürlich ...

Dazu der Chef des Verlagshauses Brockhaus in Wiesbaden, Dr. Hans, Brockhaus: Bis zur Anfrage des SPIEGEL habe in seinem Hause niemand etwas von der Existenz des Bilder-Tips gewußt.

Immerhin, nach dem Willen der Oberlandesrichter durften die Bilder-Tip -Akteure ihr einträgliches Geschäft vorerst weiterführen. Derweil lief vor derselben Kammer für Handelssachen, die sich im September für ein Verbot des Bilder-Tips entschied, bereits das Hauptverfahren gegen die Bilder-Tip-GmbH.

Die Kammer ließ sich dabei von der OLG -Entscheidung nicht beeindrucken: Sie entschied abermals, daß die Bilder-Tip-GmbH. kein Geschicklichkeitsspiel, sondern ein Glücksspiel betreibe und dabei in sittenwidriger Weise den Toto-Gesellschaften Konkurrenz mache, was nach Paragraph 1 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb nicht statthaft sei. Das Gericht untersagte deshalb der Bilder-Tip-Gesellschaft, »das sogenannte Bilderpreisrätsel 'Sehen - denken und gewinnen' weiterzubetreiben«.

In der überaus sorgsamen Begründung dieses Urteils wird unter anderem darauf hingewiesen, daß die Bilder-Tip-GmbH. »die nach ihren eigenen Angaben beträchtliche Investitionen in die Einführung des Spieles gesteckt hat und laufend noch stekken muß, aus den ihr ... verbleibenden 40 Prozent der Einsätze diese Investitionen amortisieren, die laufenden Unkosten dekken und den Unternehmergewinn herauswirtschaften will. Das ist nur möglich, wenn das Spiel attraktiv ist«, was es nur dann sei, »wenn für einen kleinen Einsatz eine hinreichend verlockende Chance auf einen namhaften Gewinn geboten wird. Das bedeutet aber, daß die Veranstaltung der Beklagten darauf abgestellt sein muß, einen überwältigend großen Anteil von falschen Lösungen zu produzieren, um zu funktionieren. Das ist in der Tat durch die Anlage und Ausgestaltung des Spieles gewährleistet«.

Trotz dieses Urteils geht die Bildertipperei vorerst weiter, weil die. Bilder-Tip -GmbH. Berufung eingelegt hat und das Urteil folglich noch nicht rechtskräftig ist.

Auch die Erste Zivilkammer des Koblenzer Landgerichts muß sich unterdes mit der Bildertipperei befassen: Sie hat darüber zu entscheiden, ob sie dem 26jährigen Wiesbadener Gerichtsreferendar Hans Reiter das Armenrecht gewähren will. Reiter will vier »richtige« Lösungen im achten Bilder-Tip-Wettbewerb gerichtlich anfechten und die Bilder-Tip-Veranstalter auf Auszahlung je eines Gewinns im ersten und zweiten Rang verklagen.

Schon vom ersten Wettbewerb an hatten Hans Reiter die »richtigen« Lösungen etlicher Bilderrätsel in Harnisch gebracht. So etwa die Darstellung eines Milch trinkenden Jungen mit der Frage »Getränk« oder »Nahrung« und der »richtigen« Lösung: »Getränk«, denn: »Getränk ist besser, weil für ein größeres Kind die Milch nicht ausschließlich Nahrung ist (wie beim Baby). Das Kind löscht mit der Milch seinen Durst, benutzt sie also als Getränk« ("Hör zu« Nr. 35, Bild 6). Reiter: »Die Lösung ist objektiv falsch. Sie hätte einwandfrei 'Null' heißen müssen, denn Milch ist in allen Fällen auch Nahrung.«

Hans Reiter erwägt auch, ob er wegen einiger Lösungen im Bilder-Tip bei der Staatsanwaltschaft Koblenz Strafanzeige wegen Betrugs erstatten soll. In einem bereits laufenden Ermittlungsverfähren wegen unerlaubter Veranstaltung einer Lotterie und wegen unlauteren Wettbewerbs hat die Koblenzer Staatsanwaltschaft inzwischen ein Gutachten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig eingeholt. Gutachteten die Braunschweiger Physiker: Glücksspiel.

Während Gerichte und Staatsanwaltschaft solcherart an der Frage Glücksspiel oder Geschicklichkeitsspiel rätseln, zeichnete sich, was die Verstandeskräfte der Bildtipper anlangt, ein geradezu wundersamer Wandel ab, der zeitlich mit der Feststellung des Koblenzer Oberlandesgerichts zusammenhing, »die verhältnismäßig geringe Anzahl der Gewinner« spreche dagegen, daß ein Erfolg im Bilder -Tip stets »ausschließlich von dem Scharfsinn des einzelnen Spielers abhängt«.

Seit das OLG mit dieser Feststellung einen losen Zusammenhang zwischen Gewinnerzahl und Glücksspielcharakter der Bildtipperei postulierte, ist die Anzahl der Gewinner rapide gestiegen, was durch entsprechende Gestaltung der Aufgaben und der Lösungen unschwer zu bewerkstelligen ist, jedoch - wie die Kammer für Handelssachen richtig erkannte - das Spiel total unattraktiv macht.

Beim 16. Wettbewerb wurden beispielsweise 1460 Gewinner im ersten und 19 765 Gewinner im zweiten Rang ermittelt. Die Folge war, daß sich die Gewinner im zweiten Rang mit der Ehre begnügen mußten

- ihr materieller Gewinn betrug nicht einmal eine Mark, weshalb er, laut Wettbestimmungen, nicht ausgezahlt wurde. Der Scharfsinn der 1460 Gewinner im ersten Rang wurde mit je 32,60 Mark honoriert.

Koblenzer Bilder-Rätsel: Zufall oder Logik?

Toto-Direktor Trojan

Für Leute, die nicht denken können?

Bilder-Tip-Kläger Reiter

Die Lösung heißt »Null«

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