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NIGERIA »Denkt an General Pinochet«

Anarchie, Gewalt, Ausbeutung - Nigeria, das volkreichste Land Afrikas, droht auseinanderzufallen. Nun sollen Wahlen die jahrzehntelange Militärherrschaft beenden.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Wenn das Essen auf den Tisch kommt, vergißt der lebhafte Mann seine Umwelt. Er schiebt die Ärmel seines wallenden Gewandes zurück, beugt sich tief über den Teller und umschließt ihn besitzergreifend mit beiden Unterarmen. Dann schmaust er ohne aufzusehen, als wäre es seine letzte Mahlzeit für lange Zeit.

Das gierige Schlingen ist die einzige sichtbare Spur, die drei Jahre Haft an dem früheren General und Staatschef Olusegun Obasanjo, 63, hinterlassen haben. Unter dem Militärdiktator Sani Abacha war er als Staatsverschwörer eingekerkert und mußte von den Hungerrationen leben, die in Nigerias Gefängnissen üblich sind.

Nach Abachas plötzlichem Tod im Juni kam Obasanjo frei. Nun möchte er als Zivilist werden, was er schon einmal als Soldat war: Staatsoberhaupt von Nigeria, dem volkreichsten Land Afrikas und einem der wichtigsten Erdölproduzenten der Welt. »Nigeria soll wieder stark und international geachtet werden«, sagt der Kandidat der Demokratischen Volkspartei.

Sein Comeback bereitet er auf seiner Farm in Otta vor, 50 Kilometer nördlich der Handelsmetropole Lagos. Von der Fernstraße, die Lagos mit Porto Novo verbindet, führt ein ungeteerter Weg zu einem Gittertor. Den Eingang bewachen junge Männer in Zivil. Die Gebäude auf dem 28 Hektar großen Anwesen sehen nach der langen Abwesenheit des Hausherrn verwahrlost aus. Der Tropenwind streicht durch geborstene Fensterscheiben, in den Mauern klaffen Risse, überall wuchert Unkraut.

Jetzt herrscht reges Treiben in den schäbigen Räumen. Helfer stapeln Plakate, Sekretärinnen beantworten Telefonanrufe und geben Texte in Computer ein. Die Wahlkampfmannschaft will alles daransetzen, daß ihrem Chef der Sprung an die Macht gelingt. Viel steht auf dem Spiel: Die 118 Millionen Nigerianer sollen endlich von den Militärs befreit werden, die das Land seit 1966 nahezu ununterbrochen regieren.

Das Übergangsregime unter dem Abacha-Nachfolger General Abdulsalam Abubakar hatte für das vergangene Wochenende Kommunalwahlen angesetzt, im Februar soll dann der Präsident demokratisch gekürt werden. Neun Parteien wurden provisorisch registriert; sie müssen nachweisen, daß sie Anhänger im ganzen Land haben, also nationale Bewegungen und nicht nur Stammesvertretungen sind.

»Obwohl die Nigerianer die Militärs satt haben, stehen meine Chancen gut«, sagt Obasanjo, »denn ich habe als einziger Soldat die Regierungsgewalt freiwillig an Zivilisten zurückgegeben.« Das war 1979, doch schon bald darauf putschte sich wieder ein General an die Macht.

Jahrzehnte unangefochtener Herrschaft haben die Streitkräfte verdorben. Ihre militärischen Fähigkeiten verkamen, während sich die Offiziere hemmungslos bereicherten. Das Vermögen des Diktators Abacha wurde nach seinem Tod auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt - Kleptokratie im Mobutu-Stil.

Der brave Soldat Obasanjo dagegen hatte sich nach seiner Pensionierung die bescheidene Farm in Otta gekauft. Er züchtete Hühner und Schweine und engagierte sich für die Bürgerrechte in Nigeria. In den achtziger Jahren wirkte er als »elder statesman« an geheimen Verhandlungen über Nelson Mandelas Haftentlassung in Südafrika mit. Als er später selbst ins Gefängnis kam, setzten sich Mandela und Altbundeskanzler Helmut Schmidt für ihn ein; nach seiner Freilassung wurde der Nigerianer in der Londoner Downing Street und im Weißen Haus in Washington empfangen.

Daheim aber ist der international so geachtete Obasanjo höchst umstritten - gerade bei seinem eigenen Volk, den Yoruba im Süden, der zweitgrößten von über 250 ethnischen Gruppen in Nigeria. Der radikale Bürgerrechtler Gani Fawehinmi hat sogar ein Gericht angerufen, um Obasanjos Kandidatur zu verhindern, weil der Ex-General die Wahlkampagne seiner Partei mit 130 Millionen Naira (rund 2,6 Millionen Mark) finanziert. Die Herkunft des Geldes ist unklar, es stamme aus Spenden, rechtfertigt sich Obasanjo; im Sommer hatte er sich noch als »bankrotten Ex-Häftling« bezeichnet.

Bei einem Auftritt in der Universität Ife, im Herzen des Yoruba-Landes, halten Studenten ihn fünf Stunden lang fest und veranstalten eine Art Tribunal: Sie beschuldigen Obasanjo, einst selbst die Menschenrechte verletzt zu haben, denn als Militärherrscher errichtete er auf einer Insel vor Lagos ein Straflager für Kriminelle. Und sie werfen ihm Verrat an seinem Volk vor, da er 1979 die Macht nicht an einen Yoruba übergab, sondern an einen Mann aus dem Norden, wo die Haussa-Fulani, Nigerias traditionelle Herrenschicht, zu Hause sind. Deshalb sei Obasanjo ein »Werkzeug feindlicher Kräfte«.

Viele Yoruba haben den Glauben an das vereinte Nigeria verloren. Die Bewohner des dichtbesiedelten Südens empfinden sich als Nigerias intellektuelle Elite, sie haben führende Künstler, Wissenschaftler, Ärzte, Juristen hervorgebracht; Wole Soyinka, Afrikas erster Literatur-Nobelpreisträger, gehört dazu.

Aber während die Militärclique aus dem muslimischen Norden im Aso Rock, der abgeriegelten Regierungsfestung in der Hauptstadt Abuja, die Staatskasse plünderte, verarmte der christliche Süden. Die meisten Menschen können sich weder Fisch noch Fleisch leisten, kinderreiche Familien das Schulgeld nicht bezahlen.

Der Riß vertiefte sich, als 1993 der Yoruba Moshood Abiola die Präsidentschaftswahlen gewann. Den Militärs paßte das Ergebnis nicht, sie warfen Abiola ins Gefängnis, wo er am 7. Juli, kurz vor seiner Freilassung, an einem Herzanfall starb. »Man sollte Völker nicht zwingen, zusammenzubleiben«, sagt heute Ore Falomo, der Hausarzt des zum Märtyrer gewordenen Abiola.

Yoruba-Zeitungen preisen ihr Volk als den »Stolz der schwarzen Rasse«. Das jährliche Fest zu Ehren der alten Volksgöttin Osun gerät immer mehr zu einer Demonstration nationaler Eigenständigkeit. Schon fordern Heißsporne einen unabhängigen Staat »Oduduwa« - genannt nach dem Urvater aller Yoruba, der einer Legende zufolge vom Himmel herabstieg.

Solche Parolen rühren an ein gefährliches Trauma. Schon einmal hatte eine Sezession die nigerianische Föderation in einen Bürgerkrieg gestürzt: Ende der sechziger Jahre spalteten sich die Ibo ab und riefen die Republik Biafra aus, über eine Million Menschen starben in dem Konflikt, der bis 1970 dauerte. Damals kämpften die Yoruba auf seiten der Bundestruppen.

Inzwischen gewinnen überall im Süden Separatisten an Einfluß. Im Ölfördergebiet an der Atlantikküste verlangt der Dachverband der Unzufriedenen, die Oppositionsbewegung »Chikoko«, den Austritt der Nigerdelta-Region aus dem Staatsverband.

Die Unruhe wächst, weil das Gebiet kaum Straßen, Krankenhäuser und Schulen hat, obwohl dort 90 Prozent von Nigerias Reichtum erwirtschaftet werden. Die Regierenden haben die Erlöse aus dem Ölgeschäft veruntreut oder im Norden ausgegeben. Im Ölgebiet aber können viele Kleinbauern nicht mehr von Fischfang und Ackerbau leben, die Industrie hat ihre Umwelt zerstört. Nun wollen sie sich mit Gewalt ihren Anteil zurückholen.

Banden junger Männer besetzen Förderanlagen, erheben Wegezölle, halten Arbeiter internationaler Gesellschaften als Geiseln fest oder überfallen Schiffe, die vor der Küste auf Reede liegen. Im Oktober starben in Jesse über 700 Menschen, als eine riesige Benzinlache in einem Flammeninferno explodierte.

Im Ölstaat Nigeria ist Treibstoff zu einem raren Gut geworden. Von vier Raffinerien arbeite meist nur eine - die Folge gezielter Vernachlässigung, heißt es, denn die Militärs verdienten prächtig an importiertem Sprit. Hunderte Autos blockieren die Tankstellen im ganzen Land, sobald es Nachschub gibt. Sogar in der auf dem Reißbrett entworfenen neuen Hauptstadt Abuja, dem untypisch ordentlichen Aushängeschild Nigerias, prügeln sich die Kunden, um ein paar Kanister zu ergattern.

Auf dem Schwarzmarkt kostet der Liter das Fünffache des offiziellen Preises - 55 Naira, etwa eine Mark, viel Geld für Nigeria, wo ein Lehrer 100 Mark im Monat verdient, ein Polizeibeamter noch weniger. Kein Wunder, daß die Ordnungshüter gern Straßensperren errichten, um ihren Tribut von den Autofahrern zu fordern. »Essen für die Kinder«, sagt ein Polizist und steckt einen 20-Naira-Schein in die Tasche.

Der Schlosser Bumni Bakare in Akute bei Lagos muß fünf Kinder verköstigen, zwei eigene und drei von Verwandten, die er aufgenommen hat. Wer etwas einnimmt, muß andere aus der Sippe mit durchfüttern - soziale Sicherung auf afrikanisch.

Bakare arbeitet in einer Wachstumsbranche. Nach Vorbildern aus internationalen Katalogen schweißt er Panzerschränke zusammen. Auch Eisentore mit Sicherheitsschlössern gehen gut. Die Besitzenden verbarrikadieren sich, die Kluft zwischen Arm und Reich ist in den letzten Jahren erschreckend gewachsen und mit ihr die Gewaltkriminalität. Auch drakonische Strafen - Verbrecher werden manchmal in Massenexekutionen öffentlich erschossen - schrecken nicht ab.

Auf seinem ummauerten Grundstück steigt Bakare morgens über Bleche und Stahlplatten in die Werkstatt. Unlängst mußte er einen Generator anschaffen, weil es schon seit mehreren Wochen keinen Strom gibt. Die Siedlung, in der er wohnt, ist typisch für Nigeria: Zuerst bauten Unternehmer am Fluß Ogun Villen für berufstätige Aufsteiger, die ins nahe Lagos pendeln. Neben dem vornehmen »Riverside Estate« siedelten sich sofort Ärmere an, kinderreiche Familien errichteten Hütten aus Holz und Wellblech. Am Ende entstand ein wildes Gewirr von Wohnhäusern, Werkstätten, Garküchen, kleinen Geschäften und privaten Schulen. Stinkende Abwässer fließen durch offene Gräben in den Fluß.

Über die unbefestigten Wege holpern Gemeinschaftstaxen, sie tragen Aufschriften wie »No Event - no History« oder »No Money - no Woman«. Die Kleinbusse verlieren zunehmend Kunden an Mopedfahrer, die sich als Billigtaxi anbieten. Sonntags karren die Zweiräder feierlich herausgeputzte Menschen zu den zahllosen Kirchen und Gebetshäusern.

Vor dem Kirchgang diskutiert Bakare gern mit Nachbarn über Politik. Die meisten mißtrauen dem derzeitigen Staatschef Abubakar: Von einem Militär aus dem Norden sei nichts Gutes zu erwarten, noch sei nicht ausgemacht, ob das Offizierskorps hinter Abubakar wirklich eine demokratische Wende zulasse.

Eine junge Anwältin wünscht sich den Literatur-Nobelpreisträger Soyinka an der Spitze des Staats. Der Dichter bekämpfte das Abacha-Regime zuerst daheim, dann aus dem Exil. Den General Abubakar hält er zwar für einen Ehrenmann, aber dem Druck seiner Kameraden könne sich der Staatschef schwerlich entziehen. Noch immer befinden sich unter Abacha verurteilte Dissidenten in Haft - für Soyinka ein Beweis, daß die alten Kommißköpfe das Feld nicht so leicht räumen werden.

Die Sanktionen, die Uno und EU gegen das Abacha-Regime verhängten, müßten deshalb beibehalten werden, fordert Soyinka. Im Magazin »Tell« ermahnte er ausländische Regierungen und Unternehmen, sich nicht zu Huren der Herrschenden zu machen: »Behaltet eure Büstenhalter und Schlüpfer vorerst noch an und begnügt euch mit dem Vorspiel, wenn ihr mit dem Übergangsregime ins Bett steigt.« Und die heimischen Militärs warnte der Dichter: »Irgendwann werdet ihr zur Rechenschaft gezogen. Denkt an General Pinochet.«

Von solchen Drohungen hält Präsidentschaftskandidat Obasanjo wenig. Wenn die Offiziere Bestrafung zu fürchten hätten, würden sie sich erst recht an die Macht klammern, meint er: »Wir brauchen keine Prozesse, sondern eine Wahrheits- und Versöhnungskommission wie die Südafrikaner.«

Immerhin muß der Abacha-Klüngel unterschlagenes Geld jetzt an den Staat zurückgeben. Der abgelöste Sicherheitschef des verstorbenen Diktators, Ismaila Gwarzo, gab sein Vermögen mit 250 Millionen Dollar und 37 Grundstücken an. Der Abacha-Witwe Maryam entzogen die Behörden den Reisepaß; die einstige First Lady hat bislang 750 Millionen Dollar zurückgezahlt.

Findige Betrüger nutzen die Klemme der Mächtigen von gestern als Köder und faxen Briefe an Empfänger in Westeuropa: »Mein Name ist Maryam Abacha; ich bin die Witwe des früheren Präsidenten. Ich wollte Nigeria in den letzten Wochen mit meinem hart verdienten Geld verlassen, wurde aber am Flughafen daran gehindert. Nun suche ich einen Partner im Ausland, dem ich Beträge überweisen kann.«

Die Nigerianer amüsieren sich über die falschen Abacha-Briefe: Wenigstens die Gauner kämen mit jeder politischen Wende zurecht. HANS HIELSCHER

[Grafiktext]

Kartenausriß Nigeria

[GrafiktextEnde]

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