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»Denn das war ihre Welt«

aus DER SPIEGEL 48/1977

Nie zuvor«, gedachte der Regisseur Josef von Sternberg später seiner Berliner Entdeckung, habe er »eine so schöne Frau gesehen, die derart verkannt und unterbewertet worden« sei. Und er habe ihr auch »nichts gegeben, was sie nicht schon gehabt hätte": »Ich habe lediglich ihre Wesenszüge dramatisiert und sie allen sichtbar gemacht; obgleich ich, da es vielleicht zu viele waren, einige verbarg.«

In einem sarkastischen Lobgesang hat der Memoiren-Autor Sternberg manche dieser im Film retuschierten Zuge bloßgestellt: Für ihn war Marlene Dietrich gern spottlustig und selbstironisch, dazu ein »übersprudelnder Wörterquell, wenn nicht zurückgehalten«, ein erstaunliches Gemisch von »äußerster Mondänität und fast kindischer Einfalt«.

»Sie war außerordentlich loyal gegenüber Freunden, von denen sich nicht jeder als loyal ihr gegenüber erwies, und half allen, die ihr für Eigenschaften schmeichelten, die nicht immer schmeichelhaft waren. Sie war frank und offenherzig bis zu einem

* Auf einem Kostümfest bei Basil Rathbone (l.) mit Dolores dei Rio und Douglas Fairbanks Junior.

Grad, den manche als Taktlosigkeit bezeichnen mochten. Sie zu erschöpfen war unmöglich; statt dessen trieb sie andere zur Erschöpfung. und das mit einer Begeisterung, der nur wenige gewachsen waren.«

Als Marlene ("Legs") Dietrich -- sprich: »Mar-lay-nah« -- 1930 im fabelumwobenen Hollywood voll trostloser Palmen eintraf, stellte Sternberg sein deutsches Wunder den Journalisten vor und rühmte: »Sie besitzt etwas bei Frauen ganz Rares -- Verstand.« Dann verschwand er mit ihr aus der Öffentlichkeit und verbarg sie eifersüchtig vor der Neugier der Welt.

Für Paramounts Produktions-Chef Sam Jaffe gab es keinen Zweifel: Der Regisseur war leidenschaftlich in seinen Star verliebt, der Star hingegen schien den Regisseur »physisch überhaupt nicht anziehend zu finden«. Aber »er war ja auch kein anziehender Mann. Er war klein und ohne Reiz, er war ein Exzentriker in viel zu großen Alpaka-Sakkos, er machte die Weiber nicht an«.

Dafür jedoch, und nicht nur laut Jaffe, empfand sie »tiefen Respekt vor ihm« die größte Hochachtung«. »ich bin nichts ohne Dich«, schrieb Marlene ihrem Jo als Widmung auf ein Photo. Sie pries ihn als »den Mann, dem ich am meisten gefallen wollte«, der »mich alles lehrte« was ich weiß«. Und mit blauäugiger Ergebenheit, ein schöner Teufelsbraten« der sich noch in der Hingabe verweigerte, machte sie ihm die Hölle heiß.

Marlene, schrieb Jahrzehnte später der englische Kritiker Kenneth Tynan, sei die Verkörperung von »Sex ohne Geschlecht«. So, kein Zweifel, muß es damals auch Sternberg empfunden haben.

In der Schwüle der Studios, umflattert von den Geistern Wedekinds« Sacher-Masochs und Scheherezades, erschuf er sich, ein Dürstender in der Wüste, seine Fata Morgana von der Blonden Venus -- ein romantisches, fatalistisches Geschöpf, das unter der Maske unendlicher Gleichgültigkeit aber vielleicht dennoch ein leidenschaftliches Herz verbarg; ein traumhaft herrliches Wesen, das (so urteilte die Münchner Filmkritikerin Frieda Grafe) »so synthetisch ist wie Sternbergs Kino

Unter Sternbergs rüdem Regiment erlebte Marlene ihre Metamorphose. Dreißig Pfund hungerte sie sich vom knackigen Leibe; die Augenbrauen wurden ihr gezupft, dafür künstliche hoch in die Stirn gemalt; das bleiche Gesicht wurde noch bleicher gepudert, das goldene Haar mit glitzerndem Goldstaub übersät, die Wangenknochen bekamen tiefe Schatten. Angeblich mußten sogar ihre Weisheitszähne heraus, damit ihr die hohlen Wangen noch wirkungsvoller einsanken.

Es sei ein Jammer, klagte der französische Filmregisseur Jean Renoir, »welche Entbehrungen diese gut gepolsterte Deutsche hat auf sich nehmen müssen, um zu ihrem vorschriftsmäßigen Äußeren zu kommen. Sie wäre hinreißend als Mutter, die einem Dutzend Kindern die Brust gibt. Daß das Kino diese entzückende Mama in ein Knochenbündel verwandelt hat, ist wirklich unverzeihlich«.

Aber die Preußin, arbeitsam, zäh und pflichtbewußt, nahm klaglos ihre Befehle entgegen; und während ganz Hollywood die »bescheidene kleine deutsche Hausfrau« unter der Fuchtel des sadistischen Schurken bedauerte,

* Oben 1930: unten links 1930 mit Maurice Chevalier und Gary Cooper: rechts 1932 in »Shanghai Express mit Clive Brook.

sang sie freudig und unbeirrt das Lob des Herrn.

Mit Bitternis erinnerte sich Sternberg, Marlene habe ihre »Qualen«, die sie unter ihm erdulden mußte, als höchste Tugend hingestellt, sie sei sich »als Märtyrerin vorgekommen« und habe »die göttliche Gnade gepriesen, die sie mit ihren Wunden heimsuchte«. Bald konnte er deshalb schon »von weitem sehen, wen sie mit ihren Preisgesängen auf mich wieder mal beehrt hatte; ich erkannte es an den giftigen Blicken, die man mir zuwarf«.

Das alles jedoch konnte einen Sternberg nicht beirren. Er war der große Svengali, der seine Trilby, der Pygmalion, der seine Galathée, der Professor Higgins, der seine Eliza zur staunenden Welt brachte, und daß er dabei in Marlene weniger die Spielerin als das Spielzeug sah, kann kaum verwundern. Er glich jenem wahnwitzigen Gustave Flaubert, der sich einst für seine Madame Bovary gehalten hatte. »Ich«, sagte er, »bin Miss Dietrich -- Miss Dietrich ist ich.«

Und dementsprechend ging er auch um mit seiner Dame. »Sternberg«, erläutert Jaffe, »sorgte lediglich dafür, daß sie sich exquisit bewegte. Sie drehte sich um, sagte ein oder zwei Worte, paffte an einer Zigarette und sah aus dem Fenster, und er sagte nichts als: »Guck runter, guck rauf, guck zur Seite, guck hierher« -- es war, als ob jemand eine Puppe bewegt. Sie wurde »zusammengesetzt«, jede Einstellung von ihr war wie ein Schnipsel von einem Puzzle, und das Resultat war wunderbar.«

Das Resultat, zur Schau gestellt für wöchentlich 115 Millionen Kino-Besucher allein in den USA, war ein neues Sex-Idol, dessen Hexenzauber keineswegs nur von der klassischen Bildung seiner Beine ausging.

Zwar, schreibt Frieda Grafe, ist Marlene Dietrich »auf recht banale Weise, Sternberg würde sagen auf kinematographische, mysteriös; sie ist auskalkuliert. Und wenn die Männer ihre Opfer werden, dann sind sie das Opfer nicht einer Naturgewalt, sondern eines bloßen Effekts auf ihre Einbildung«.

Doch dieser Effekt männlich-romantischer Augenwischerei war gewaltig. Marlene, ausgeklügeltes Wunder der Illumination, das war diese mal in fließend weißem Satin, mal in schwarzem Frack unwahrscheinlich elegant gegen Türrahmen hingelehnte Figur, war das stets von Zigarettenrauch umwehte geheimnisvolle Gesicht mit dem rätselhaft kurzsichtig wirkenden aphrodisischen Blick.

Marlene, das waren (so Alfred Kerr) »diese einmaligen blassen Backenknochen mit ihrem himmlischen Schattenreich darunter«, war »dies Verachten mit dem Hauch einer Lippenveränderung«, »dies hohe Telegraphieren einer geringen Seelenwallung zu den Mundwinkeln«.

Marlene mit dem leicht lesbischen Hauch, das war nicht mehr Dame als Vamp, sondern Lady als Tramp -- eine Art mondäner Marketenderin mit dunkler Vergangenheit, verschlagen vielleicht aus internationalen Städten wie Macao oder Tanger in ein exotisches

Männer-Universum der Uniformen und Abenteuer, in dem sie dennoch, eine spöttische Herrin, nach ihren eigenen Regeln lebt.

Es war die fabelhafte, unwiderbringlich dahingeschiedene Kino-Welt der dreißiger Jahre voller Schmelz, Schmalz und Schmus:

In »Marokko« (1930) verläßt sie als Nachtklub-Sängerin Amy Jolly den kultivierten Zivilisten Adolphe Menjou, der nur zu deutlich an Sternberg erinnert, und folgt dem stoffeligen jungen Fremdenlegionär Gary Cooper auf Stöckelschuhen in die endlose Wüste.

In »Entehrt« (1931) ist sie eine strichelnde Wiener Mata Hari, die aus Liebe zum schönen Feind ihr Vaterland verrät und sich vor der spiegelnden Klinge eines Offiziersdegens noch einmal die Lippen schminkt, bevor sie gelassen vors Exekutions-Kommando tritt.

Und im unvergeßlichen »Shanghai Express« (1932), dem größten Hit ihrer gesamten Karriere, schlägt sie sich, abermals Abenteurerin mit dem Herzen aus Gold, durch gefährlichste chinesische Revolutions-Wirren, um ihren britisch-imperialistischen Captain mit dem Pomadenhaar (Clive Brook) aus asiatischer Rebellen-Hand fast bis hinein in die Ehe zu retten.

Marlene, so rühmte die amerikanische Filmkritik, das war »ein flammender Sonnenuntergang«. Und bereits der enorme Kassenschlager »Marokko«. der gleichzeitig mit dem »Blauen Engel« in Amerikas Kinos kam, machte klar, daß die Göttliche Garbo eine Rivalin hatte.

Kühl und urban, eine gewitzte Frau von dreißig Jahren, so verkörperte, ganz im Geschmack des jungen Tonfilms. der gern dem erfahrenen Weib huldigte, diese Miss Dietrich wie keine andere in Hollywood Eleganz und Stil zur Zeit der Reife -- allein schon bei der Art, wie sie das Wort »Ssigerätt« lässig vorstieß, geriet Alfred Kerr »aus dem Häuschen«, er schwärmte von Marlenes »Schwermut« und »witzigster Tragik«, ihrem »Schmiß im Verzweifeln« und ihrer »letzten Schönheit in der Trauer": »Nur diese Person hat das heut«

»Ein Geysir von Lobpreisungen, heiß und dampfend, schoß empor«, meldet Sternberg. »Enthusiastische Kritiken fluteten herein, für ihre Fan-Post wurde eigens eine ganze Abteilung auf die Beine gestellt, Männer wollten ihr ihre Vermögen zu Füßen legen, und Berühmtheiten umwarben sie, um mit ihr gesehen und photographiert zu werden.«

Marlene, schreibt ihr Biograph Charles Higham, »war der erotischste der Stars. Im Gegensatz zu ihr wirkte die Garbo weich und verwundbar, fast mütterlich. Dietrich war nie weich. Sie bot auch nicht den parodierenden Sex einer Mae West. Sie ließ ihren Blick über einen Gary Cooper oder James Stewart oder John Wayne schweifen -- armselig-tapsigen Ami-Typen -- und akzeptierte mit unendlicher mitteleuropäischer Gelassenheit ihre Kapitulation«.

Tallulah Bankhead, Carole Lombard, Mary Astor -sie alle haben, mit verschleiertem Auge und leicht hochgezogenen Schultern beim königlichenergischen Schreiten, diesen marlenischen Femme-Fatalismus nachzuahmen versucht, doch er blieb so unnachahmlich wie ihre ganze uniformdurchhuschte Aura von Adelsherkunft, Selbstdisziplin und parfümierter Verruchtheit, in der die schöne Hunnin nun vollends wie Junker Stroheims leibhaftige Tochter wirkte.

Ganz Amerika war fasziniert -- am fasziniertesten aber war Marlene selbst von dieser Sternberg-Kreation aus dem Hause Paramount. »Das Komische ist«, entsinnt sich ihr alter Freund Billy Wilder, »daß sie selbst daran zu glauben begann und zwar völlig zu Recht.«

Für Marlene, gar kein Wunder, hörte das Kino auch außerhalb der Studios nicht mehr auf. Mit mindestens 350 000 Dollar pro Jahr galt sie bald, nach jenem »Citizen Kane« alias William Randolph Hearst und nach Mae West, als Nummer drei auf der Gehaltsliste der Nation.

Und während ihre einzige ernsthafte Rivalin, die Garbo, völlig zurückgezogen lebte und sich nie herausputzte, berichtet Higham, »warf sich Marlene Hals über Kopf in das öffentliche Leben eines berühmten Stars« mit Rolls-Royce und Cadillac, mit riesigen Telephonrechnungen und gigantischen Steuerschulden -- in das luxuriöse Dasein einer reichen Frau, die laut Paramounts Werbe-Slogan »sogar Frauen bewundern« konnten. »Mitten in den Jahren der Depression, mit Millionen-Schlangen vor den Brotläden, bedeutete sie für unzählige Geschlechtsgenossinnen die Erfüllung des Wunschtraums von grenzenlosem Reichtum.«

Den Typ, den Sternberg in ihr entdeckt, auf den er sie festgelegt hatte -- in ihrer Privat-Existenz kultivierte sie ihn, ein »Glamour-Girl mit Grips« (so der Intim-Freund Douglas Fairbanks Junior), zu höchster Vollendung und sorgte in Hollywood für Sensation.

Marlene in weißen Slacks und marineblauem Blazer, die Jachtmütze flott auf dem Blondkopf; Marlene in zweireihigen Jacketts und weiten Aufschlaghosen, unter Herrenhüten und Baskenmützen, mit Manschetten. Jabots, Krawatten, gepunkteten Fliegen; Marlene im Frack, begleitet von Dolores del Rio in der Rolle als weißer Braut, zog den Beiles von Bel Air und Bevenly Hills die Hosen an.

Auf einer Party der Contessa di Frasso erschien sie, innig umschlungen

* Mit Ehemann Rudolf Sieber und Tochter Maria 1931 in Hollywood.

von flaumig-weichem Schwanengefieder, als wandelnde Leda im Verkehr mit göttlichem Geschlecht. Und bald schon, so klatscht der amerikanische Regisseur Kenneth Anger in seinem (bei Rogner & Bernhard unlängst auf deutsch erschienenen) »Hollywood Babylon« (SPIEGEL 42/1976), entzündete sie, umgeben von »Marlenes Nähkränzchen«, die Phantasie all jener Damen, die »in beide Richtungen schwangen« -- »eine fröhliche Bisexuelle mit Appetit auf möglichst viele Affären«, die »den Klatschvögeln die ganzen dreißiger Jahre hindurch genug zu zwitschern gab«.

Claudette Colbert, Lili Damita, die Schriftstellerin Mercedes d"Acosta, die Rennen fahrende Millionärin Jo Carstairs -- sie und noch manch andere dazu, so zwitscherte es aus der Gegend einer Hedda Hopper und Louella Parsons, bekamen Marlenes romantisch-stürmische Zuneigung ebenso zu spüren wie, unter vielen, vielen anderen, Maurice Chevalier, Gary Cooper, Fritz Lang, Bryan Aherne und der beharrlich sich ums Leben saufende Ex-Stummfilm-Star und -Garbo-Geliebte John Gilbert.

Doch zugleich wisperte es auch von dieser hellen Deutschen, die so kluge Bücher las, von der unermüdlichen Samariterin, die jedem Freund in Krankheit und Not mit Pillen, Süppchen und Scheuerlappen zu Hilfe eilte, von der züchtigen Hausfrau am heimischen Herd. die so schmackhaft Kost bereitete und so eine fürsorglich liebende Mutter war.

Denn längst hatte Marlene ihre Heidede herübergeholt und sie mit Kindermädchen, Zofen, Dienern, Chauffeuren, Hunden, Katzen, Affen und Vögeln, nach einer mysteriösen Kidnapper-Drohung auch noch mit zwei schwerbewaffneten Leibwächtern umgeben -- in der Abgeschiedenheit des schönen Hauses zu Beverly Hills, ohne Freundinnen und Spielgefährten, suchte die kleine Gefangene Trost bei Schokolade, Kuchen und Eiskrem-Sodas und wuchs zu einem dicken Kind heran.

In Europa zurückgeblieben war Ehemann Rudi Sieber, der mittlerweile in Paris die russische Tänzerin und Marlene-Freundin Tamara Matul betreute, jedoch stets sich zur Stelle meldete, wenn er gebraucht wurde.

Als Frau Riza Sternberg bei Frau Marlene Sieber eine halbe Million Dollar wegen Ehezerrüttung einklagen wollte, war Rudi auch schon in Hollywood, um das friedliche Trio Marlene-Heidede-Jo zum idyllischen Quartett zu vervollkommnen, umsonst: Frau Riza ließ sich scheiden und giftete, ihretwegen solle Jo getrost die Dietrich heiraten. Sternberg: »Lieber teile ich eine Telephonzelle mit einer verschreckten Kobra.«

Irgendwann, so scheint es, muß es dem Regisseur schließlich doch gedämmert haben, daß dieses Wesen, das er schuf, für ihn nicht geschaffen war. Die heiß liebende Seele, die er hinter der schönen, kalten Maske vermutete, er konnte sie einfach nicht entdecken, nicht erwecken. Und so zeigte er denn seine Kreatur zum Schluß als herzlose, männerverschleißende »Scharlachrote Kaiserin« Katharina die Große (1934) und abgründig-böse Verführerin Concha Perez ("Der Teufel ist ein Weib«, 1935).

Fünf Jahre währte Sternbergs Passion. insgesamt sieben Filme hat er in dieser Zeit mit seiner Marlene gedreht. Doch schon seine »Blonde Venus« (1932) konnte das Publikum nicht mehr so recht reizen, es fing verstohlen an zu gähnen. Als das Paar sich schließlich nach der andalusischen Weibsteufel-Beschwörung trennte, war Jos große Zeit als Regisseur vorbei. »Seine Karriere«. schreibt Higham, »hat sich vom Verlust seiner größten Inspiration nicht wieder erholt.«

Aber auch mit Marlenes Laufbahn stand es nun nicht mehr zum besten. »Wo bist du, Jo?« so hallt ihr Ruf dumpf klagend durch die Legende -- allein, es kam keine Antwort. Marlene * Oben mit Ernest Hemingway, unten mit Erich Maria Remarque in den späten dreißiger Jahren.

erschien mit Charles Boyer in einem von Selznick bestellten »Garten Allahs«, es war ein Flop. Sie liebte den von Alexander Korda gerüsteten »Rittter ohne Rüstung« -- Flop. Der durchtriebene Lubitsch zeigte sie als mysteriösen »Engel« -- Flop.

Marlene ("Legs") Dietrich schien am Ende. Der Stab war gebrochen, das Urteil lautete: Box Office Poison. Kassengift. Auf der Star-Liste des Jahres 1937 rangierte sie auf Platz 126.

Und dennoch flimmerte der Glamour ihres Lebens dabei unbeeinträchtigt weiter wie durch Tausendundeine Nacht, durch ein »Movable Feast«, ein einziges Fest in Bewegung, mit einer pausenlosen Folge von Partys, Romanzen und Reisen, mit Apartments in Paris und Manhattan, Hotelsuiten in London und Beverly Hills.

In dieser alten, längst versunkenen, von Zigeuner-Kapellen durchwimmerten, von Tango- und Tauber-Klängen durchschluchzten, von Benny Goodmans Big Band durchswingten Welt, in der noch die legendären Ozean-Riesen elegisch durch den Nebel tuteten, dominierte Marlene als überragender, souveräner Star seiner Zeit.

Auf der »Normandie«, wo sie, eine Prominenz mit 36 Koffern, ihre private Terrasse hat, macht sie unter den bewundernden Blicken der Zwischendeck-Passagiere im Pyjama ihre Morgenpromenade.

Auf der »Ile de France« lernt sie, vollendetste aller Hemingway-Heldinnen, die er sich nur nie erträumt hat, den romantischen Krieger Hemingway kennen und schließt mit ihm Waffenbrüderschaft fürs Leben. Sie nennt ihn »meinen persönlichen Felsen von Gibraltar«, er tauft sie derb, aber herzlich »Kraut«. »Heil, Kraut, voller Gnaden«, schreibt er ihr aufs Photo und rühmt: »Kraut ist das Beste, das je in den Ring stieg.«

»Aber«, sagt Hem, »wir sind nie zusammen ins Bett gegangen. Immer wenn ich grad mal aus einer Liebe hochkam, steckte Kraut tief in irgendeinem anderen romantischen Leiden, wenn aber Dietrich wieder aufgetaucht war und mit ihren wunderbaren suchenden Augen auf der Oberfläche schwamm, dann war ich untergetaucht.«

In den späten dreißiger Jahren hatte sich Marlene, immer wieder auf Reisen in ein verträumtes Europa, das längst schon dem Zweiten Weltkrieg entgegendämmerte, in eine Romanze mit dem Romancier Erich Maria Remarque gestürzt. Sie umsorgte den Autor mit dem großen Durst nach Calvados in seinem Haus am Lago Maggiore, di-nierte an seiner Seite in Paris bei Fouquet"s (wo sie mit James Joyce artige Komplimente wechselte), bezog mit ihm Quartier im exklusiven »Eden Roe« am Cap d"Antibes.

In seinem »Arc de Triomphe«, so glaubt Higham entschlüsseln zu können, habe Remarque »der Schauspielerin Joan Madou (im Film später dargestellt von Ingrid Bergman) erkennbar marlenische Züge verliehen -- »das blasse Gesicht«, »starr und maskenhaft«, »mit hochliegenden Wangenknochen und weit auseinanderstehenden Augen«, ein Gesicht, das so wirkt, »als sei es eingestürzt«.

Und sicher wird er auch noch weitere Reminiszenzen in sein Pariser Emigranten-Epos voller »Musik und Blumen, Gelächter und Trauer, Geigenklang und durch tropfende Bäume nieselnden Regen« (Higham) eingeflochten haben. Denn Marlene im Paris der Vorkriegszeit, in neuester Schiaparelli-Kreation, umgeben von Männern ohne Visum noch Paß, von deutschen Flüchtlingen wie Peter Lorre, Billy Wilder, Friedrich Hollaender, Max Colpet -- das allein war schon »Arc de Triomphe« genug.

Nach 1933, schreibt Higbam, »sollte Marlene zum Symbol eines freien Deutschlands im Exil werden«. Seit dem Machtantritt Hitlers« bestätigt der noch heute im belgischen Exil lebende Essayist Jean Améry, wurde Marlene, »wahrscheinlich wider ihren Willen, gewiß entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung«, ein »Politikum«; sie ist es wohl für ihre Landsleute bis heute geblieben.

»In den im freundlichen Flachland gelegenen Gefilden der »leichten« Kunst«, erläutert ernst und feierlich der Intellektuelle Améry, »bedeutet sie das, was auf den Höhen von Davos und Sils-Maria, dort also, wo es todernst und feierlich zugeht, Thomas Mann war. Beide, die zierliche Frau mit den dokumentarisch belegt hübschen Beinen, und der Dichter mit dem strengen Patrizierkopf« hätte herzlich gern das Dritte Reich in dessen Anfängen als verlorene, aber wiedergefundene Kinder Deutschlands an seinen Busen gedrückt. Beide blieben sie unzugänglich -- die Künstlerin Dietrich noch etwas energischer als der Schriftsteller Thomas Mann.«

Schon im Mai 1933 hatte sich die Berliner »Licht-Bild-Bühne« über die »heute in der Welt berühmteste deutsche Filmdarstellerin« beklagt, die »den Staub des Vaterlandes von ihren Füßen zu schütteln vorgezogen« habe: »Diese Künstlerin weiter in den Händen eines amerikanischen Unternehmens zu wissen, kann nicht restlos begeistern, wenn man an die Fülle von Kitsch denkt, für den diese deutsche Frau in den letzten Jahren mißbraucht worden ist.«

Doch die Künstlerin, die man so gern »in deutschem Geist und in deutscher Produktion tätig zu sehen« wünschte, blieb abweisend, sowohl den Annäherungsversuchen eines Goebbels als eines Ribbentrop gegenüber.

Auch der deutsche Weihnachtsbaum, den der Ober-Unhold Hitler ihr in die Fremde geschickt haben soll, lockte sie nicht heim ins Reich. Später allerdings, erinnert sich wiederum Billy Wilder, habe sie nachdenklich zu ihm gesagt: »Wenn ich, statt Eva Braun, diejenige welche »gewesen wäre, hätte ich dem idiotischen Tapezierer vielleicht den ganzen verdammten Krieg ausreden können.«

So holten sich schließlich die Deutschen. ungeachtet des nicht ganz koscher wirkenden Vornamens, die Schwedin Zarah Leander ins Land, die

»Kann denn Liebe Sünde sein?« -- den Mythos von der Frau mit dem großen Herzen und der obskuren Vergangenheit auf brünette Art variierte.

Zarahs blondes Vorbild hingegen legte 1939, ein Vierteljahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, den Eid auf die Verfassung der Vereinigten Staaten ab, und Julius Streichers Antisemiten-Stürmer« kommentierte dazu: »Die deutsch geborene Filmschauspielerin Marlene Dietrich hat so viele Jahre unter den Juden in Hollywood zugebracht, daß sie jetzt amerikanische Staatsbürgerin geworden ist.« Im nächsten Heft

Marlene zieht in den Krieg -- Triumph in Las Vegas -- Ärgernis im Vaterland -- Die Stürze einer Sängerin

Gunar Ortlepp
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