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Der anatomische Imperativ

Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 27/1975

Am Anfang war die Botschaft, und sie war laut und klar und einleuchtend für jede halbwegs aufgeklärte Person gleich welchen Geschlechts: Aus Frauen und Männern sollen endlich Menschen werden! Nicht nur die Frauen, auch die Männer wurden aufgerufen, sich zu befreien aus dem engen, einseitigen sexuellen Rollenschema, das sie in stupider Polarität gegeneinanderstellt.

Der Kampf gegen die Klischees, die den Reichtum menschlicher Möglichkeiten in die starren Gegensatzpaare des Maskulinen und Femininen einsperren, in aktiv und passiv, Eroberung und Hingabe, kurzhaarig und langhaarig -- das war der Grundzug der Emanzipationsbewegung der letzten Jahre. Marshall McLuhan 1967: »Die Suche nach einer neuen Sexualität ist nicht zu trennen von der Suche nach einem neuen Selbstverständnis und neuen zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Suche hat begonnen. Ihre Ergebnisse werden uns alle überraschen ...«

Und ob. Denn das Streben nach Selbstbefreiung, nach Selbstfindung und einer neuen Identität jenseits der tradierten Rollen hat in eine nicht mehr zu übersehende Verwirrung geführt, in Selbstzweifel und Verhaltensunsicherheit, in Identitätskrisen und psychische Überanstrengung. Statt in »gemeinsamer Menschlichkeit«, wie McLuhan hoffte, treffen sich Frauen und Männer auch der jüngeren Generation in der gemeinsamen Misere der »Szenen einer Ehe«. Statt eines »neuen Selbstverständnisses« scheinen sich nur immer neue Mißverständnisse einzustellen.

Fordernde Frauen und verunsicherte Männer zermürben einander mit Ansprüchen, die sie nicht erfüllen können, verstricken sich in Ego-Fehden, bei denen der Mann außer seinem Überlegenheitsgefühl oft auch seine Potenz einbüßt und die Frau all den Zauber, der einstmals Leidenschaft und Liebe zu erwecken pflegte. »Wo ist die Sinnlichkeit geblieben?« fragt der amerikanische Filmkritiker Joel Siegel. Kein Wunder, meint er, daß Paul Newman und Robert Redford sich lieber ineinander verlieben als in die »emotional verkümmerten Mannequin-Typen«, in denen sich die »neue Frau« darstelle. Selbst konkrete Fortschritte in ihrem sozialen und beruflichen Status scheinen Mißbehagen und Ruhelosigkeit vieler Frauen nur noch zu steigern. »Je autonomer Frauen sind, desto größer wird ihr Ressentiment gegen die Männer«, bemerkt die renommierte englische Schriftstellerin Doris Lessing. »Es ist die Krankheit der Frauen in unserer Zeit. Ich kann es in ihren Gesichtern lesen, in ihren Stimmen hören ...«

Zurück also zur Weiblichkeit, in Mode und Ideologie? Zurück durch die Hintertür in das verhaßte Puppenheim, dessen Vordertür so viele Noras vor kurzem noch knallend hinter sich zugeworfen haben?

Sicher ist, daß die Emanzipation ihren eigenen Gründen nicht mehr traut. Und eine neue Suche hat begonnen -- die Suche nach den Fehlerquellen: ob wirklich nur männliche Sabotage und archaische Ängste der Frauen schuld sind an der Krise. Oder ob vielleicht doch etwas nicht stimmt an den Ansichten über die Natur des Menschen und seiner Geschlechterrollen, von denen die Emanzipationsbewegung ausgegangen ist.

Diese Ideologie stützt sich auf die Überzeugung, daß der Mensch das Gesellschaftstier schlechthin sei: Nichts außer dem bloßen Körper sei bei ihm angeboren, alles andere werde durch Milieu und Erziehung geprägt, auch die scheinbar instinktiven Formen des sexuellen Rollenverhaltens. Der echte Geschlechterunterschied beschränke sich auf die Fortpflanzungsorgane. Allein das männliche Herrschaftsinteresse habe die menschlichen Eigenschaften willkürlich in angeblich naturgewollt »mannliche« und »weibliche« zertrennt.

Die Lehre von der totalen Formbarkeit, die mit neuen verbesserten Normen neue verbesserte Menschen zu schaffen hofft, stieß von Anfang an auf Widerspruch. Da waren die Verhaltensforscher mit ihren am angeboreninstinktiven Gebaren der Tiere gewonnenen Beobachtungen, von denen sie rückschlossen auf ähnliche instinktfixierte Verhaltensmuster der Menschen in Aggression und Sexualität. Da gab es die Genetiker und Endokrinologen, die das sexuelle Rollenschema noch eingleisiger aus dem Hormonhaushalt erklärten: Das männliche Geschlechtshormon Androgen mache mobil, das weibliche dagegen, Östrogen, mindere Tatendrang und Selbstbehauptungswillen. Und da war ein Mann, der die von der Emanzipationsbewegung am heftigsten attackierte These Sigmund Freuds hervorzog: »Behaupte ich also, daß die Anatomie das Schicksal ist? Ja, sie ist Schicksal ...«

Der sich so erkühnt, ist ein aus Frankfurt stammender amerikanischer Psychoanalytiker namens Erich Homburger Erikson, 73. Was er sagt, ist mühelos mißzuverstehen und ist, wie Freuds ursprünglicher Satz, ausgiebig mißverstanden worden als ein besonders rüder Versuch, die Frau auf ihre Biologie und Anatomie festzunageln. Doch weder Erikson noch Freud vor ihm haben geglaubt, daß die Geschlechterrollen durch angeborene Instinkte oder Hormonausscheidungen determiniert seien.

Sie gehen im Gegenteil davon aus. daß die menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten in beiden Geschlechtern ziemlich gleichmäßig angelegt sind. Schließlich war der böse alte Sex-Chauvinist Sigmund Freud zugleich der erste Wissenschaftler überhaupt, der die »Bisexualität« definiert hat: »Weder im psychologischen noch im biologischen Sinn (wird) eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden. Jede Einzelperson weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit biologischen Zügen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von Aktivität und Passivität auf ...«

Progressiver konnte man das im Jahr

1905 kaum sagen. Trotzdem kamen Freud und sein Nachfahr Erikson zu ihrem anatomischen Schicksalsglauben. Erikson: »Im Erlebnis des Grundplans des menschlichen Körpers (besteht) ein tiefer Unterschied zwischen den Geschlechtern.« Oder wie es der amerikanische Autor Richard Woodley salopper formuliert: »Ein Mann kann einfach nicht wissen, was es heißt, mit einer weiblichen Ausstattung -- Vagina, Eierstöcke, Busen -- herumzulaufen. Und keine Frau kann wissen, was es bedeutet, als Männchen umherzutraben und mit so irritierenden Begleiterscheinungen wie Erektionen -- und Nichterektionen -- fertig zu werden ...«

Gerade die Organdifferenz, die von der Emanzipations-Ideologie heruntergespielt und im »Frauenkalender '75« sogar als »irrelevant« bezeichnet wird, gibt für Erikson den Ausschlag. Die anatomische Anlage der Geschlechtsteile »außen« oder »innen« und das scheinbar selbstverständliche Faktum, daß ein Mann »eindringen« muß und eine Frau »in sich aufnehmen«, erhebt Erikson in den Rang unvereinbarer und höchst problematischer Kategorien -- problematisch deshalb, weil für Menschen nicht einmal die Fähigkeit zum »Eindringen« oder »In-sich-Aufnehmen« selbstverständlich und automatisch verfügbar ist.

Denn um den jeweiligen anatomischen Imperativ zu erfüllen, sagt Erikson, müsse sich der heranwachsende Mensch erst eine eindeutige »geschlechtliche Identität« verschaffen, eine »Persönlichkeitsstruktur"« die mit den körperlichen Gegebenheiten harmoniert und sie »widerspiegelt«. Danach muß ein Mädchen, um als Frau mit sich und den Männern zurechtzukommen, nolens volens auf die feminine Seite ihrer Psyche bauen. Auf der anderen Seite sei ein wahrer Männlichkeitskult vonnöten, nicht aus Übermut und Chauvinismus, sondern aus dem eher ängstlichen Bestreben, »weibliche« und muttersöhnchenhafte Neigungen zu überwinden.

Die einzigartige Crux der Menschen besteht nämlich gerade darin, daß sie aufgrund ihrer »bisexuellen« Ausgangslage imstande sind, Persönlichkeitsstrukturen zu entwickeln, die mit den Forderungen der Anatomie nicht in Einklang, sondern im schreiendsten Widerstreit stehen. Aus solchem Konflikt entspringt, solange er gebändigt bleibt, die wundersame Vielfalt menschlicher Charaktere, ihre Phantasie und Schöpferkraft. Im Extremfall aber erzeugt er neurotische Zerrissenheit und verzweifelten Hader eben mit -dem anatomischen Schicksal.

Das gilt, verkürzt gesprochen, für den Mann, der sich mit dem Zwang zum Eindringen nicht abfinden kann und mit Impotenz oder Homosexualität reagiert. Und es gilt für die beklemmende Folgerichtigkeit, mit der militante Feministinnen zur totalen Verweigerung gegenüber dem Mann und zum Lesbianismus gelangen: Ihr Selbstbewußtsein, ihr Selbstgefühl, ihr Stolz sind in einen unüberwindlichen Gegensatz zur anatomisch vorgezeichneten Frauenrolle geraten. Sie sind so unfähig geworden, sich einem Mann zu öffnen, wie ein »normaler« Mann unfähig ist, sich einem anderen Mann zum Analverkehr hinzugeben.

Allzu sorglos hat die Emanzipations-Ideologie vorausgesetzt, daß die körperlichen Beziehungen zwischen Frauen und Männern schon irgendwie weiterfunktionieren würden, unbeschadet aller Wandlungen im sozialen Rollenverhalten. Aber gerade damit hapert es. »Wenn er nicht ein sehr edler und starker Mann ist«, schreibt die New Yorker Journalistin Julie Baumgold. »kann er nicht verkraften, wie sie sexuell mit ihm umspringt. Er verkraftet nicht ihre Forschheit und diese schreckliche Nonchalance ... Sie treffen sich auf einer Party, reden miteinander, und plötzlich sagt sie: »Denkst du, daß wir's heut nacht treiben ...« Und er ist demoliert, am Boden zerstört. Er wird zum Opfer der »Neuen Impotenz' und bricht in Angstschweiß, Schauder und Depressionen aus ...«

In seinem Buch »Der sexuelle Selbstmord« klagt George Gilder, daß es in dieser technisierten, überorganisierten komfortablen und verweichlichten Massenzivilisation ohnehin schon schwer genug sei, ein »Gefühl der Männlichkeit« zu erwerben und zu bewahren. Wenn es den Männern nun auch noch von Frauen bestritten und geraubt werde (und den Knaben von ihren Müttern), dann »drohen beide Geschlechter zu verlöschen«. Zur Kräftigung des Ichgefühls braucht der Mann aber nicht nur Statussymbole und Erfolgserlebnisse in Beruf und Sport, sondern vor allem »Frauen, die ihn durch ihr feminines Anderssein in seiner eigenen Identität bestätigen«.

Auch liberierte Frauen sind ernüchtert von ihrem Ideal, dem sensiblen, geschwisterlichen, sozusagen bisexuellen Mann, der auch mal weinen kann. Julie Baumgold resümiert sarkastisch: »Brigitte Bardot sprach voll Abscheu von dieser Mutation eines Geschlechts in das andere, und daß es weder wahre Männer noch wahre Frauen mehr gebe ... Diese Entwicklung zur Fusion hin konnte man an den Gesichtern ablesen, am androgynen Gesicht des spiegelbildlichen Paares: John Lennon und Yoko Ono, Mick Jagger und Bianca mit ihren Panamahüten und Spazierstöcken ... Es sah aus, als habe er eine transvestitische Ausgabe von sich selbst geheiratet, und sie ihr männliches Äquivalent.«

Daß dabei viel von der alten Faszination und Spannung verlorengeht, bekundet die Jet-Set-Prominente Diane von Fürstenberg: »Erregt es Sie, wenn Ihre rechte Hand Ihre linke Hand berührt?«

Gravitätischer sagt"s Erik Erikson: »Wo ein gesichertes Gefühl für Identität fehlt, werden selbst Freundschaften und Affären zu verzweifelten Versuchen, die verwischten Umrisse der Identität durch wechselseitiges narzißtisches Bespiegeln abzugrenzen; dann bedeutet sich verlieben oft den Sturz in das eigene Spiegelbild, wobei man sich selber weh tut und den Spiegel zerstört ...«

Die Identität aber als Zusammenklang von Anatomie, Persönlichkeitsstruktur und sozialer Rolle, für Männer schon schwer zu finden, bringt Frauen in ein tragisches Dilemma. Ungleich tiefer sind die Gegensätze, in die sie gestellt sind. Als Gebärerinnen sind sie so elementar in eine unerbittliche Natur eingebunden, daß moderne Mädchen zutiefst davor erschrecken -- geschweige denn Männer, wenn sie sich vorstellen, daß es ihnen widerfahren könnte: »Eine Frau zu sein ist so schwierig, daß nur eine Frau damit fertig wird« (Philosoph Sören Kierkegaard vor 130 Jahren).

Schon bei der ersten Emanzipationsbewegung um die Jahrhundertwende tauchte der Verdacht auf, daß sich der Protest nicht nur gegen die soziale Benachteiligung richte, sondern auch gegen Anatomie und Sexualfunktion schlechthin. Kein Aufschrei aus den Reihen der Women"s Lib war so ehrlich und überzeugend wie die Empörung darüber, ein »Sexobjekt« zu sein, kein Vorwurf enthüllender als der, ein Mann sei zu plump zur wahren Zärtlichkeit und außerstande, einer Frau zu einem ordentlichen Orgasmus zu verhelfen -- den sie, laut Erikson, hauptsächlich wegen ihrer gestörten Hingabefähigkeit nicht bekommt.

Unausweichlich kollidieren Ehrgeiz, Talent, Initiative und Selbstbestimmungswille der jungen Frau mit dem »feindlichen Element in ihrem Körper«, wie die kinderlose Simone de Beauvoir das weibliche Geschlechtsorgan nannte: ein feindliches Element, das ihre Initiative behindert und ihr erschwert zu tun, wozu sie nicht minder begabt und bereit wäre als der zufällig männliche Teil der Spezies. Zwiefach in sich gespalten, fühlt sie sieh ihrem Leib entfremdet, wenn sie sich mit ihren Ambitionen identifiziert; die sie aber, wenn sie sich umgekehrt zu ihrem Leib und seiner Gebärfähigkeit bekennt, oft als widersinnig, hohl und aufoktroyiert empfindet.

»Je mehr Erfolg (in Beruf und Ehe) zur Gewohnheit wird, um so eher gerät die Tüchtige an jenen Punkt, wo auf einmal nichts mehr stimmt. Endstation mit Ausblick auf das Nichts, es sei denn Verzweiflung«, schreibt Leona Siebenschön über die Malaise, die der Karrierefrau die Freude über das Erreichte verdirbt. »Bis dahin war sie überzeugt davon, je mehr Chancen sie ergreifen und Herausforderungen sie bestehen würde, um so reicher und wahrhaftiger würde sie sich selbst verwirklichen. Tatsächlich hat sie Rollen verwirklicht, Aufgaben bewältigt und sich dabei verloren oder nie entdeckt ...«

Die wachsende Furcht, durch radikale Emanzipation zu einem »verlore -- nen Geschlecht« ohne Identität und Selbstgefühl zu werden, hat schließlich die jähe Umkehr vieler Feministinnen zum neuen Mutterkult, die Rückbesinnung auf die tradierten weiblichen Qualitäten mitbewirkt. »Es ist immer noch besser, sich an einem stereotypen Rollenverhalten zu orientieren, als die Ängste einer verschwommenen oder verlorenen Identität auszustehen«. schreibt der Psychiater Ralph Luce.

»Eine Frau ist niemals nicht-eine-Frau, was immer sie sonst auch sein kann«, meint Erik Erikson. Deshalb könnten Frauen für sich selbst und die Menschheit nur dann etwas erreichen, wenn sie nicht -- bewußt oder unbewußt -- aus Protest gegen ihre Anatomie handelten, sondern sich mit ihr versöhnten: »Wahre Gleichheit kann nur das Recht bedeuten, in eigener und einzigartiger Weise schöpferisch zu sein.«

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