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Der antiliberale Reflex

Ob bei Botho Strauß' »Bocksgesang«, der Walser-Bubis-Debatte oder der Polemik um Peter Sloterdijk - stets zielt die intellektuelle Provokation auf den linksliberalen Mainstream.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 39/1999

Peter Sloterdijk auf allen Kanälen: Sloterdijk, das Opfer »linksfaschistischer Agitation«, einer »Starnberger Fatwa« von Ajatollah Habermas und seinen »Mudschahidin der Kritischen Theorie«. Sloterdijk, der tapfere Philosoph, als Objekt von »Paparazzotum« und »Erregungsjournalismus« - tagaus, tagein präsentierte sich der Vordenker der »Regeln für den Menschenpark« während der vergangenen Wochen in einem wahren Interview-Feuer als kämpferischer Visionär, der von einer Verschwörung der Ewiggestrigen, den skrupellosen Adepten einer linksliberalen »political correctness« gnadenlos verfolgt wird.

In der Sendung »Kulturzeit« (3Sat) kam er vergangene Woche noch einmal auf den Kern seiner skandalträchtigen Intervention zurück - natürlich in Form einer »Prophezeiung": Nach der gegenwärtigen Schmutzkampagne werde sich die Debatte wieder auf die Fragen der gentechnologischen Perspektiven konzentrieren, um dann aber, so Sloterdijk, in eine »sehr harte« Auseinandersetzung über die Kritische Theorie von Habermas & Co. zu münden.

Dem philosophischen Angreifer schien es nichts auszumachen, dass er dabei den Kampf um einen Leichnam annoncierte - denn dass die Kritische Theorie tot sei, hatte er schon Anfang September erklärt. Sei's drum, die Stoßrichtung seiner publizistischen Attacken ist klar: Es geht um die seit den sechziger Jahren bestehende Vorherrschaft der Kritischen Theorie und ihres Alterspräsidenten Habermas - mit dem, pikant, Sloterdijk auch noch im selben verlegerischen Boot sitzt, dem Suhrkamp-Verlag in Frankfurt.

Freilich hat die kritische Gesellschaftstheorie der Gründerväter Adorno und Horkheimer ("Dialektik der Aufklärung") sich längst ihrer Radikalität entledigt und ist, nicht selten auch in einem verwaschenen Mainstream-Konsens, als diffus-linksliberales Dauerunbehagen an der Wirklichkeit tendenziell mehrheitsfähig. Es scheint gerade diese eher verhaltene Ratio von reformistischer Kritik und kommunikativer Skepsis zu sein, die den Unwillen nachdrängender, vorauseilender oder sonstwie unzeitgemäßer Denker erregt. Dies umso mehr, als die »light version« der Kritischen Theorie in all ihren Popularisierungen unterdessen eine Art Nationaleigentum, Common Sense der westlich orientierten »neuen Mitte« geworden ist wie »1968« und Woodstock.

Sämtliche deutsche Großdebatten des vergangenen Jahrzehnts - ob der Walser-Bubis-Streit vor einem Jahr, die Polemik um Botho Strauß' »Anschwellenden Bocksgesang«, der Historikerstreit über die Singularität von Auschwitz und die Auseinandersetzung über das Holocaust-Mahnmal in Berlin - drehten sich um die Interpretationshoheit über die Gegenwart, die sich in Deutschland immer noch und unweigerlich im Verhältnis zur jüngsten Vergangenheit, vor dem Hintergrund des Völkermords an den Juden entscheidet: Wer sagt, wie die Lage ist - und mit welchen Worten?

Es ist kein Zufall, dass die großen intellektuellen Auseinandersetzungen der letzten Jahre stets eher von »rechts« denn von »links« angezettelt wurden - von einem aus alten Tiefen schöpfenden Kulturpessimismus, der an der ökonomistisch-profanen Massendemokratie westlichen Zuschnitts irre wird und, grüblerisch-raunend, nach neuen (oder ganz alten) Ufern sucht. Jede geistige Provokation muss sich daher auf gleich zwei Objekte stürzen: auf die vermeintlich vorherrschende Denkweise (samt ihrer Theoretiker) und auf ihre Interpretation der nationalsozialistischen Vergangenheit - samt ihren Folgerungen.

Es ist offenkundig, dass Sloterdijk beide Ziele ins Visier genommen hat, indem er mit Begriffen wie »Selektion« und »Menschenzüchtung« hantierte und die Kritik an seiner frivolen Fascho-Semantik als hysterische Anfälle eines jakobinischen Antifa-Alarmismus denunzierte, dessen Denken sich in Reflexen erschöpfe. Dass sich seine eigene Denkweise in raunender Andeutung künftiger Horizonte der »Menschenproduktion« unterm Banner fortgeschrittener »Anthropotechniken« erschöpft, spielt dabei keine Rolle.

Schon vor einigen Jahren hat der geübte Provokateur des Zeitgeists in einem Bändchen unter dem Titel »Selbstversuch« darüber räsoniert, »was ein Autor tut, indem er gefährliche Ansichten von gefährlichen Stoffen ausprobiert« - er sucht die »Chance zum Metaskandal« in Erwartung altlinksliberaler »Entrüstungsreflexe«, die im Handumdrehen seine These beweisen sollen: Ein letztes Mal heult hier, vom Heranrauschen des Neuen schwer getroffen, das alte morsche Denken auf - doch seine Zeit ist abgelaufen. Quod erat demonstrandum.

Auch Martin Walser bediente sich vor Jahresfrist dieses assoziativen Zirkelschlusses - auch er attackierte den linksliberalen Common Sense, auch er führte die »Unschärfe im Umgang mit dem Skandalösen als Pose« vor, wie die »taz« über Sloterdijk urteilte, auch er fühlte sich missverstanden und von den »Meinungssoldaten« in den Medien gar mit »vorgehaltener Moralpistole« verfolgt.

Auch Walser kokettierte mit Grenzüberschreitung und Tabubruch, ohne sie tatsächlich zu begründen, das heißt, mit guten Argumenten zu belegen und vor allem: das neue, angeblich befreite Terrain zu skizzieren.

Auch bei ihm schwebte allzu vieles zwischen den Zeilen und im Raume, als rhetorische Frage formuliert und letztlich doch als Bekenntnis in die Welt gestoßen: »Bestimmt schon zwanzigmal« habe er »weggeschaut«, wenn im Fernsehen Filme über den Holocaust liefen, jene »Dauerpräsentation unserer Schande«, die das Schreckliche nur »zu gegenwärtigen Zwecken« instrumentalisiere.

Wie Sloterdijk vermischte Walser in seiner literarischen Selbst- und Fremderkundung Analyse und Behauptung auf kaum entwirrbare Weise. Begriffsgranaten wie »Gewissenswarte der Nation«, »Meinungsdienst« und »Moralkeule« wirbelten durch die Hirne des Publikums, doch eine neue Klarheit, gar eine neue Wahrheit hinterließen sie nicht. Marcel Reich-Ranicki nannte Walsers Paulskirchen-Bekenntnis schließlich eine »unseriöse Provokation«, eine »verantwortungslose Rede": »Das ist der eigentliche Skandal: Sie nennt nicht Ross und Reiter« - stattdessen wimmele es in ihr »von unklaren und vagen Darlegungen«, mit denen sie »Argumente für die Stammtische« liefere. Ein höchst aktuelles Urteil.

Jene eigentümliche Verbindung von »Antiliberalismus«, »Angst-, Gefährdungs- sowie Erlösungsdenken«, »Elitarismus« und »Einzelgängertum« fiel auch Kritikern von Botho Strauß' Essay »Anschwellender Bocksgesang« auf, der 1993 über Monate die Gemüter der Nation erregte.

»Von der Gestalt der künftigen Tragödie wissen wir nichts«, schrieb der Schriftsteller und Theaterautor ahnungsvoll. »Wir hören nur den lauter werdenden Mysterienlärm, den Bocksgesang in der Tiefe unseres Handelns«. Irgendwann, so prophezeite er in apokalyptischer Rede, werde es zu einem »gewaltigen Ausbruch gegen den Sinnenbetrug« kommen.

Auch er polemisierte wie die Romantiker, Antimodernisten und Gegenaufklärer des 19. und 20. Jahrhunderts gegen die »Totalherrschaft der Gegenwart«, gegen die »öffentliche Intelligenz« der »gewitzten und zerknirschten Gewissenswächter«, gegen den »Drill des Vorübergehenden« und das »Ausmerzen mythischer Zeit«.

Auch bei ihm gipfelt die konservative Kulturkritik im maßlosen Urteil über die westlich-konsumistische Mediengesellschaft: »Das Regime der telekratischen Öffentlichkeit«, so Strauß, »ist die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der Geschichte.« Ein Passepartout, das auch Peter Handke immer wieder gern benutzt, um gegen die Verheerungen des »Amerikanismus« zu Felde zu ziehen.

Es liegt in der Logik der intellektuellen Skandaldebatte, dass die Lesarten und Interpretationen verschieden, ja gegensätzlich sind, dass mit unzähligen Worten und Invektiven aufeinander eingedroschen wird, ohne dass Argumente zum Zuge kämen, denen alle Kontrahenten Geltung und Plausibilität zubilligen könnten - mit deren Hilfe gar ein gewisses Einvernehmen zu erzielen wäre. Stattdessen geht es allein um die Macht des Diskurses, Positionskämpfe und die Bastionen des Zeitgeists. Für Esprit, für Clarté oder gar Humor ist da kein Platz. Die Sache ist bitterernst.

Im Berliner »Tagesspiegel« ließ Sloterdijk schon mal erkennen, dass er sich seine Kritiker, blitzgescheite und niveauvolle Burschen wie er selbst, für die nächste Großdebatte lieber gleich im Biolabor heranzüchten werde: »Wenn ich an meine völlig naturbelassenen Denunzianten denke«, so Sloterdijk wörtlich, »würde ich allerdings wünschen, die Kunst, gebildete und sympathische Menschen hervorzubringen, wäre doch schon ein wenig weiter.«

Voilà, Züchters Traum, tomorrow's world. It's just a zombie. REINHARD MOHR

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