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DER ARZT DES STIERKÄMPFERS

aus DER SPIEGEL 1/1954

Aus: Wilhefm Lukas Kristl, »Kampfstiere und Madonnen. Ein Spanien-Buch« - Verlag Pohl & Co., München*)

Der Matador Carlos Arruza erlitt eine Verwundung durch das Stierhorn auf der Vorderseite des rechten Oberschenkels, von der Haut, Zellengewebe und Sehnenhaut betroffen werden, eine neun Zentimeter lange Bahn nach oben bildend, die den Schneidermuskel abtrennt und die Hülse der Schenkelgefäße öffnet. Die Schenkelschlagader liegt in einer Länge von sechs Zentimeter bloß. Prognose: ernst. - Doktor Jimenez Guinea.«

Der Unfall, von dem das Kommuniqué der ärztlichen Station berichtet, kam folgendermaßen zustande:

Die Corrida war zunächst unsäglich langweilig. Die Leute gähnten; die Stiere auch. Widerwillig setzten sie sich in Bewegung, minutenlang glotzten sie auf das rote Tuch des verzweifelten Matadors, ohne es anzugreifen. Was anfangen? Die Toreros hielten es andererseits nicht für ratsam, viel mit ihnen anzufangen. Ein Stier, der sich nicht reizen läßt, der nicht blindlings losschießt, ist um so gefährlicher. Daher machten die beiden ersten Matadoren zum Mißvergnügen der Zuschauer mit ihren Gegnern kurzen Prozeß.

Als dritter war der Mexikaner Arruza an der Reihe. Seinetwegen hatte sich das Publikum stundenlang um die sündhaft teuren Eintrittskarten angestellt. Zwar erwies sich sein Stier um kein Haar besser. Aber Ruhm verpflichtet. So kniet er vor dem kampfunlustigen und unberechenbaren Bullen hin, faßt ihn mit der linken Hand am Horn und schubst ihn unter der erhobenen Rechten durch, die das rote Tuch hält. Den Scherz wiederholt er. Immer mehr nimmt er sich heraus. Der Stier muß angreifen, ob er will oder nicht. Jedesmal spüren die hingerissenen Zuschauer vom Magen her eine Schwäche aufsteigen.

Das heißt das Schicksal herausfordern. Und richtig! Plötzlich hängt der Matador mit einem Bein am Horn und fällt dann rücklings auf den Sand. Der Stier stutzt. Geistesgegenwärtig rollt sich Arruza aus dessen Bereich, während Toreros herbeistürzen und mit roten Mänteln seinen Körper decken. Nach dem ersten Schreck erhebt er sich, tritt mehrmals versuchsweise mit dem rechten Bein auf und sieht sich nach Degen und rotem Tuch um. Auf der Kniehose malt sich ein dunkler Flecken. Die Kameraden bemerken es und versuchen ihm den Degen zu entwinden. Der Meister schiebt sie zur Seite. Er hinkt entschlossen auf den Gehörnten zu. Und er rechnet ab mit ihm, mit einem wundervollen Stich. Dann läßt er sich zur Unfallstation tragen.

Am anderen Tag las Madrid, las Spanien das Kommuniqué des Doktors Jimenez Guinea über aufgerissene Zellengewebe und Schenkelgefäße wie die Schlußstrophe eines Heldenepos.

Wie oft hat dieser Doktor Jimenez Guinea das letzte Wort! Innerhalb der Zunft europäischer Chirurgen, der Spezialisten für Herz, für Knochenbrüche, für Kröpfe, ist er ein Unikum. Er hat Fälle wie kein anderer Arzt. Seine Spezialität sind Stierkampfwunden.

Seit Jahren wohnt er, der Chefchirurg des Madrider Hospital Provincial und Leiter des Stierkämpfer-Sanatoriums, von Amts wegen jeder Corrida bei. Dort, wo unmittelbar am Ring die polizeilich vorgeschriebenen Plätze für médicos vorgebaut sind,

*) 350 Seiten, 14,00 Mark. dort sitzt er und verfolgt jede Phase. Er sieht mehr als die Aufmerksamsten; seinem Röntgenblick offenbart sich hinter Grazie und Seide die menschliche Anatomie.

Die Unfallstation des Madrider Stierzirkus liegt sozusagen zwischen Diesseits und Jenseits, Triumph und Tod. Sie befindet sich zwischen den Tribünen und der Kapelle, worin der Torero vor dem Auftritt ein letztes Stoßgebet zum Himmel hinaufschickt.

Die eine Tür der Station öffnet sich zur Kapelle, die andere zu einem Gang, der unterhalb der Zuschauertribünen auf das Rondell hinausführt.

Staub und Hitze belagern das Zirkusrund; ein Gewimmel von hastenden Menschen, hupenden Autos und brüllenden Händlern umbrandet es. In einer guten Viertelstunde wird der Präsident den weißen Wimpel zum Zeichen des Anfangs über die Logenbrüstung hängen. Hier auf der Station herrschen Stille und keimfreie Sachlichkeit. Überall blinkt Nickel, spiegelt Glas; überall hängt ein Geruch von Jod. Herren in hochgeschlossenen weißen Mänteln wandeln zwischen weißgestrichenen Möbeln.

»Leider sieht es nicht auf allen Stierkampfplätzen so aus, sonst wäre manches Unglück nur halb so schlimm«, gesteht Jimenez Guinea, ein schwarzhaariger kräftiger Mann, mit den ruhigen, sicheren Bewegungen desjenigen, der viel mit geschliffenen Messern umgeht. Um so stolzer führt er den Gast durch sein Reich. »Diese Station soll jedenfalls ein Vorbild sein.«

In einem Klapprahmen hängt jeweils das ärztliche Kommuniqué für die Presse. Aus der Unterhaltung wird ein Kolleg über Stierkampf-Chirurgie. »Das Stierhorn kann ziemliche Verheerungen anrichten. Es zerreißt und zerfetzt die Gewebe meistens nach verschiedenen Richtungen hin. Gleichzeitig erhöht sich dadurch die Infektionsgefahr. Bedenken Sie, wie schmutzig so ein Stierhorn ist! Die Infektionskeime werden in der Wunde weit herumgetragen. Oft ist nicht die Verwundung als solche lebensgefährlich, sondern die Infektion lebenswichtiger Organe. Immer muß man auf Brand und Starrkrampf achten. Hauptsache ist, daß unsereiner sofort eingreifen kann.«

Der Stier hat in seinem wulstigen Nacken eine ungeheure Muskulatur. Er stemmt ein Pferd samt Reiter hoch und balanciert es auf dem Kopf. Erwischt er den Torero, so spielt er mit ihm Ball, wie er Lust hat.

»Denken Sie jetzt an die Form des Horns. Sie ist konisch. Spitz bohrt es sich in den Körper und verbreitert sich dann. Das heißt also, es reißt die Wunde auseinander. Ein Stierhorn ist gewiß keine Klinge. Aber scharf wie eine Klinge dringt es ins Fleisch. Das zeigt Ihnen, welche Wucht der Stier beim Stoß entwickelt.«

Ein weiterer Faktor: »Der Torero wird meistens vom Stier an der unteren Hälfte des Körpers erwischt und hochgerissen. Schwerer ist bekanntlich die obere Hälfte des Menschen. Also folgt der aufgespießte Körper dem Gesetz der Schwerkraft. Er macht am Horn eine Drehung, die obere Hälfte sackt nach unten, der Körper schlägt ein Rad. Das hat zur Folge, daß dieser das Horn mit seinem eigenen Gewicht, mit seinem eigenen Schwung

tiefer hineindrückt und jetzt in die entgegengesetzte Richtung. Nun ist die natürliche Reaktion jedes Stiers, sich von dem Objekt, das an seinem Horn hängt und ihn belästigt, zu befreien. Er versucht, den Körper abzuschütteln. Durch diese Bewegung kann das Horn in eine dritte Richtung gestoßen werden. Daher haben wir es manchmal mit schauderhaften Wunden zu tun.«

Welche Partien des Körpers besonders gefährdet sind, erklärt sich aus der Kampftechnik des Toreros. Der Stier senkt beim Angriff meistens den Kopf. Das rote Tuch wird ja niedrig gehalten. Deshalb sind die häufigsten Verletzungen die am Oberschenkel.

Anders beim Picador*). Solange dieser auf dem Pferde sitzt, kann ihm nichts geschehen. Gamaschen aus Eisenblech schützen seine Beine, die Füße stecken in festen schweinsledernen Schuhen, und den rechten Fuß umschließt außerdem ein eiserner Überschuh, denn rechts hält der Picador die Lanze und von rechts her erwartet er den Stier. Jedoch Knochenbrüche und Quetschungen beim Sturz vom Gaul und unter den Gaul sind so unvermeidlich wie beim Skilaufen.

Der Banderillero**) ist gefährdeter. Er darf zwar - was dem Matador verwehrt ist - notfalls über die Brüstung springen. Aber er kommt den Hornspitzen mit dem Gesicht - und mit dem Hals verflixt nahe. Wird die Halsschlagader getroffen, so bleibt für den Chirurgen nichts mehr zu tun ... Im übrigen geht es nur darum, flinker zu sein als der Stier, wenn er nachsetzt. Daher rühren die oft bösen Wunden an den Gesäßmuskeln.

»Das sind, wie gesagt, die häufigsten Verletzungen. Aber es kommen natürlich die unwahrscheinlichsten Fälle vor. Und ich kriege sie nicht nur von der Madrider Arena, sondern von weither. Man muß auf das Unmögliche gefaßt sein.«

Der Stolz des Doktors ist ein Banderillero. Damals hatte ihn selber die Hoffnung verlassen; ein geradezu unglaublicher Fall.

»Beim Davonlaufen erwischt diesen Banderillero der Stier von hinten. Er durchbohrt ihn buchstäblich. Das eine Horn geht vom Rücken bis vor zum Magen und durch den Magen hindurch.

*) Der Picador (Lanzenreiter) reizt in der ersten Runde des Kampfes durch drei Lanzenstiche den Stier zum Angriff. **) Der Banderillero (Pfeilwerfer) stößt in der zweiten Runde des Kampfes drei Wurfpfeile in den Nacken des Stiers. Der arme Kerl hängt am Stierhorn wie an einem Metzgerhaken! Und niemand kann ihm helfen. Ein grauenvoller Anblick. Für mich gab es allerhand Arbeit, aber ich habe ihn durchgebracht. Wohnt gleich in meiner Nähe. Mit der Stierkämpferei ist''s freilich aus. Immerhin, er lebt und ist gesund.«

Vor einigen Jahren ist in dieser Arena der 27jährige Matador Pascual Marquez tödlich verunglückt. Drei Minuten hatte er mit dem Stier gekämpft. Elf Tage kämpfte er mit dem Tod. Der Tod war stärker.

Marquez gehörte zu jenen Toreros, welche den Triumph in der Arena durch ihren Wagemut erzwingen wollen. Doch Mut allein genügt nicht. An jenem Nachmittag hatte der Unglückliche mit zwei Gegnern fertig zu werden: neben dem Stier mit dem Wind, dem tückischen Feind des Toreros. Just in dem Augenblick, als der Stier angriff, wehte der Wind das rote Cape beiseite und entblößte so den Körper des Matadors. Der Hornstoß, der zuerst dem Rot galt, traf den Mann.

Schon das ärztliche Kommuniqué trug die Farbe des Nekrologs: »Während des Kampfes mit dem dritten Stier wurde der Matador Pascual Marquez in diese Station eingeliefert. Eine Verwundung zwischen der linken fünften und sechsten Rippe öffnete Haut und Gewebe, brach zusammen mit dem Brustknochen den Knorpel zwischen der vierten und der fünften Rippe, riß Brustfell und Herzbeutel auf und legte das Herz bloß. Neben Quetschungen von Herz und linkem Lungenflügel ist eine starke Quetschung in der Magengegend festzustellen. Prognose: äußerst ernst. - Doktor Jimenez Guinea.«

Der Doktor erinnert sich gut. »Von vornherein bestand wenig Aussicht, ihn zu retten. Schreckliche Sache. Die ganze linke Brustseite aufgerissen. Es ist doch gleich am Anfang passiert, als der Stier noch in seiner ganzen Vollkraft stand. Das Horn grub sich unter mehreren Rippen hindurch bis hinauf zum Herzen. Ich hielt das zuckende Herz in der Hand! Fast hoffnungslos. Schon ein Wunder, daß er mir nicht gleich bei der ersten Operation geblieben ist, die über eineinhalb Stunden dauerte. Fünf Tage lag er hier auf der Station. Es ging ihm so schlecht, daß ich ihn nicht einmal ins Sanatorium überführen lassen konnte. Bei einer zweiten Operation wollte ich den Infektionsherd entfernen; alles vergeblich. Ja, hätten wir damals schon unsere modernen Mittel gehabt! Er starb schließlich an der Infektion.«

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