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Martin Morlock DER BAHNHOF-KILLER

aus DER SPIEGEL 49/1964

Kerkergrau der Himmel über der Wupper, kohlensackfarben die Säulenfassade der königlich preußischen Staatsbahndirektion von 1850, heute »Bahnhof Wuppertal -Elberfeld« genannt; spukschloß düster der Seitentrakt, in dessen Zimmer 106 ich erwartet werde.

»Kommen Sie um halb neun, und frühstücken Sie vorher in unserem ausgezeichneten Bahnhofsrestaurant«, hatte mir der Killer am Telephon gesagt, und ich bin seinem Geheiß gefolgt.

Nun schießen mir, dieweil ich im Vorzimmer stehe, die broschierten »Vorstellungen des Vorstandes zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Deutschen Bundesbahn« in den Sinn: Schluß endlich, so mahnen sie, mit der aufwendigen »Deckung kleiner und kleinster Verkehrsbedürfnisse«! Fort mit den Bimmelbahn-Strecken, den Liliput-Bahnhöfen, den unrentablen Expreß- und Stückgütern! Die Zukunft gehört dem gewinnbringenden Schienenverkehr!

Vollstrecker dieser Vorstellungen, soweit

sie Bahnhöfe und Güterabfertigungen betreffen, ist Dr. Gerhard Preiser, 57, Vorsitzender einer vierköpfigen, auf Bundesebene wirkenden »Arbeitsgemeinschaft für Konzentration und Rationalisierung der Verkehrsbedienung«. Den »Bahnhof-Killer« heißen ihn seine DBB Komplicen.

Ich bin auf einen Richard Widmark gefaßt, doch als die Tür sich öffnet, steht ein Mann vor mir, der so aussieht, als sei ihm bislang das Folgende unterlaufen: ein abgeschlossenes Jurastudium, eine kurze Anwaltstätigkeit, eine Einstellung bei der Deutschen Bundesbahn, eine Berufung ins Reichsverkehrsministerium, ein Weltkrieg nebst Gefangenschaft, eine Wiedereinstellung bei der Deutschen Bundesbahn, ein Aufstieg vom Presse -Dezernenten über den Güterverkehrs-Dezernenten zum Vizepräsidenten der Bundesbahndirektion einer verkehrsreichen Industriestadt, sagen wir Wuppertal.

Dieser Eindruck erweist sich als richtig.

Auch in seinem Gehabe ist Gerhard Preiser kein ausgesprochener Killertyp. Mit sanfter Eloquenz verscheucht er den Argwohn, die Bundesbahn neige zur Herzensroheit: »Es wird alles genau geprüft. Wir arbeiten nach einer Methode, die im einzelnen individueller Behandlung Raum läßt.«

Rationalisierung tue not, weil die DBB, nach § 28 BbG, ein »nach kaufmännischen Gesichtspunkten

zu führendes Unternehmen« sei. Daher, bei aller Behutsamkeit: »Keine Romantik! Wir haben ohnehin einen jährlichen Unterschuß von 900 Millionen Mark, wegen der Preisermäßigungen im Berufsverkehr, und unsere 470 000 Bediensteten wollen nicht länger das Odium des Defizit-Betriebs tragen. Deshalb heißt es die dürren Äste abschneiden.«

Ein dürrer Hauptast ist der Stückgutverkehr. Er soll in Gegenden, wo er »allzusehr streut«, abgeschafft oder durch »Punktrationalisierung« aufgefrischt werden. Will heißen: Kleine Diesel-Loks holen das Stückgut aus verkehrsarmen Landstrichen und bringen es zwecks Weiterbeförderung zu verkehrsdichten »Schwerpunkten«.

Zweiter Ast: die kleinen Bahnhöfe. Entstanden zu einer Zeit, da es noch keine Landflucht und keine Motorisierung gab, ermangeln sie empfindlich der Rentabilität und sollen geschlossen werden. Nach und nach. »Wenn der Stationsvorsteher Bienen züchtet, warten wir natürlich, bis er das Pensionsalter erreicht hat.«

Hinweise auf eine zu befürchtende Mehrleistung des Straßennetzes pariert Preiser souverän:

»Wir ziehen nur die Konsequenzen

aus der bereits eingetretenen Verödung. Wo wir nicht mehr fahren, da fährt auch kein Privatunternehmer.«

»Und die Leidtragenden solcher Rationalisierung?« frage ich. »Hat eine Staatsbahn nicht auch soziale Pflichten?«

»Sie meinen Tante Emma, die ihr Klavier verschicken will? - sie kann es dem Milchmann mitgeben.«

»Nehmen wir an, sie wolle Tante Berta zum Siebzigsten besuchen.«

»Dann muß man uns den Aufwand bezahlen und einen Posten 'Entschädigungen für soziale und wirtschaftliche Auflagen' einräumen. Wir müssen als Kaufleute eine betriebswirtschaftlich klare Rechnung aufstellen, und die lautet: Durch diese Einschränkungen, einschließlich der Streckenstillegungen und sonstiger Maßnahmen, die der DBB-Vorstand vorgeschlagen hat, sparen wir jährlich 500 Millionen Mark. Erst muß einmal Ordnung geschaffen werden, dann hat die Bundesbahn das Ihre getan und kann sagen: Tut ihr das Eure.«

Ehe wir scheiden, verrät mir der Killer, zugleich Leiter des »kommerziellen Dienstes«, wo ich Im Raume Wuppertal am vorzüglichsten zu Mittag speisen könne: im Bahnhofsrestaurant.

Preiser

Martin Morlock

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