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DER BESCHÄMTE REBELL

aus DER SPIEGEL 44/1965

Unter Lesern und Buchhändlern, auch unter Verlegern und überhaupt hält sich ein alteingesessenes Gerücht, das behauptet, Romanciers müßten »naiv« sein, »vital«, jedenfalls nicht »intellektuell«. Dieses Vorurteil, kleinbürgerlich verdauter Nietzsche, hätte längst Gelegenheit gehabt, sich zu erschrecken, schon angesichts von Musil, Joyce, Proust, Huxley oder Kafka. Doch Vorurteile sind nicht leicht zu erschrekken, sie sind blind. Das neueste Entsetzen jedenfalls könnte der Autor Saul Bellow liefern, den die Klappentexte vital nennen, den seine Bücher als einen Intellektuellen verraten - eine Synthese offenbar aller Erwartungen.

Nichts, so scheint es, wäre nun einfacher, nichts fataler für einen »intellektuellen«, vitalen« Autor, als sich einen vitalen Intellektuellen zum redenden und erlebenden Protagonisten eines Romans zu wählen. Genau das hat Bellow getan, immer schon, doch nie so ungeschützt wie diesmal. Dieser Herzog steht offensichtlich als Stellvertreter des Autors in der Geschichte, die beiden reden sich nach dem Mund. Das scheint einfach, könnte aber auch fatal sein, denn es läßt keine Distanz zwischen dem, der erzählt, und dem, der erzählt wird.

Dazu kommt, daß der Roman anläuft aus einer konventionellen, abgekartet romanhaften Ausgangssituation: Herzog ist verlassen worden von seiner Frau, der zweiten, aber diesmal ist er getroffen. Er beginnt zu rekapitulieren, nicht nur diese Ehe, sondern auch ihre Vorgeschichte: auch seine (jüdische) Herkunft, seine (humanistischen) Hoffnungen, kurz, seine Lage, die eines im bürgerlichen Leben vielfach geschundenen und blamierten egg-head und Geistesgeschichtlers in den Vierzigern.

Nur fünf Tage werden ausführlich erzählt, durchkreuzt von wirren Reisen, quer durch New York, an die Ostküste, nach Chicago, in die Berkshires. Doch bewegter noch als die vorüberstürzende Außenwelt ist Herzogs Bewußtsein. »Wenn ich den Verstand verloren habe, soll's mir auch recht sein, dachte Moses Herzog« - so der erste Satz. Er beginnt Briefe zu schreiben an Scheidungsanwälte, Tanten, Psychoanalytiker, an Eisenhower, Heidegger und an Fachkollegen, Briefe, die er in keinen Postkasten wirft, aber auch Briefe, die keine Post befördern würde, an Spinoza, Gott und Nietzsche.

Herzog versucht Dialoge ohne Partner, mit seinen Erinnerungen, mit der amerikanischen Umwelt, mit der europäischen Geistesgeschichte, mit allem, was ihn und seine Lage auf dem Gewissen hat. Ihm fehlt, wie er weiß, der Sauerstoff des gesellschaftlichen Lebens: der »Realismus«. Das Leben als Geschäft und Karriere, der Verzicht auf alle den eigenen Egoismus übersteigenden Hoffnungen, dieser »Realismus« wird ihm gepredigt, wo er hinhört. »Diese Leute«, sagt er, »die noch kein einziges Buch über Metaphysik gelesen hatten, priesen das Nichts an, als sei es ein eminent verkäufliches Grundstück.«

Doch Herzog, Professor Herzog, fühlt sich untauglich für soviel Verzicht. Sein Herz und Hirn, wo sich Erinnerung an Ideen und Bücher, an eine zweitausendjährige Spekulation über »das Gute und

Wahre« festgenistet hat, wüten gegen die Doktrin des bloßen Vorteils. Nur, noch aufbegehrend, sieht er sich immer schon als Verlierer: »"Mein Gefühlstyp ist archaisch. Gehört in die landwirtschaftlichen und pastoralen Stufen.« Er sieht den »hedonistischen Scherz«, den die Konsumgesellschaft mit seinen zu groß geratenen Menschheitshoffnungen treibt: das »schmerzt sein Herz«, doch »in verächtlicher Weise«. Schon beginnt der Rebell sich zu schämen. Gibt es für ihn tatsächlich nur diese unmögliche Wahl, sich entweder lächerlich zu machen oder verächtlich, den Kopf in den Wolken zu behalten oder in den Sand zu stecken?

Faust in New York - der Entwurf eines

solchen Ideenromans führt unweigerlich ins Groteske. Wer im Taxi und in der Badewanne, selbst während eines erotischen Soupers nicht aufhören kann, einer menschenwürdigeren Zukunft nachzuspekulieren, dem gelingt immer nur der flattrige Höhenflug des gründlich Zurechtgestutzten. Unermüdlich läßt also Bellow das geträumte und das gelebte Leben sich gegenseitig in die Parade fahren, zeigt den großherzig Philosophierenden als einen kleinlich Verstrickten. »Moses«, kann es dann heißen, »wollte sein möglichstes tun, um den Stand des Menschen zu verbessern, und nahm schließlich Schlaftabletten, um sich zu erhalten.«

Solche Risse scheinen zunächst schmale Scherze, doch sie ziehen sich als System kreuz und quer durch das Romangebäude. Mokant beschädigt die Realität Herzogs Wunschentwürfe, pathetisch räumen diese den Geltungsanspruch der Realität immer wieder aus. Der Wechsel von Aufflug und Absturz hält den Roman in Bewegung, der Widerspruch zwischen Objektwelt und Reflexion konstituiert ihn.

Da wird, anders als je in deutsch entworfenen Ideenromanen, ein wahrer Überfluß an Beobachtungen, Dinglichkeit, aktuellem Leben angeschwemmt. New York und Chicago, Anwälte, Gerüche, Polizisten, Witterung, jüdisches Milieu, mondäne Atmosphären - das alles türmt sich hier so wuchernd übereinander, daß europäische Realisten daneben aussehen wie kühne Schrebergärtner.

Das Unmaß der Wahrnehmung, das Unmaß der Spekulation halten sich gegenseitig und unverkennbar amerikanisch in Balance. Denn in die Tradition dieser Literatur gehört ebenso ein kaum noch durch Stil zu unterdrückender Naturalismus wie auch der pragmatische Zug des Philosophierens, die nie in bloßer Diagnose erstickte Frage nach dem Sinn, nach einer menschenwürdigen Interpretation der Erfahrung.

Trotzdem gedeiht Bellows Protokoll

am Ende nicht etwa zum Bildungsroman, zur beispielhaften Karriere auf eine vorbildliche Endstation hin. Herzog ist am Ende eingekehrt in ein vom Verfall fast zugrunde gerichtetes Landhaus. Außen- und Innenwelt entsprechen sich. Er wird keine Briefe mehr schreiben, weder an erreichbare noch an unerreichbare Adressaten. In dieser Minute«, so lauten die letzten Sätze, »hatte er für niemanden eine Mitteilung. Nichts. Nicht ein einziges Wort.« Ruhe herrscht, Ruhe nach und vor dem Sturm, gefährliche und gefährdete Ruhe, nicht zu verwechseln mit Idylle.

Denn nichts kann diesem Bewußtsein die groteske Spannung zwischen erfahrenem und erhofftem Leben ersparen. Herzogs Ideen werden unpraktisch bleiben, je besser sie gemeint sind. Die Praxis des um ihn Gelebten wird brutal bleiben, je besser sie funktioniert. Der Roman formuliert eine Frage, liefert keine Antwort, und die Frage gilt dem Stand des Intellektuellen in einer westlichen Gesellschaft. Bellows Humor, seine sogenannte Vitalität ist nur die robustere Kehrseite einer gründlichen Melancholie: Dieser Herzog behält den Kopf hoch in den Wolken, die Füße tief im Sand.

Saul Bellow:

»Herzog«

Verlag

Kiepenheuer

& Witsch

Köln

416 Seiten

20 Mark

Bellow

Reinhard Baumgart
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