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Briefe

Der blanke Haß
aus DER SPIEGEL 39/1972

Der blanke Haß

(Nr. 38/1972, SPIEGEL-Titel: »Das Massaker von München")

Für dieses beispiellos abscheuliche Verbrechen arabischer Terroristen gibt es keine Entschuldigung! Die Frage, wer die Schuld an diesem Blutbad trägt. wird noch lange unbeantwortet im Raum stehen. Müssen wir uns aber nicht auch fragen, ob dieses Verbrechen, wäre es nicht in München und nicht zur Zeit der »heiteren« Spiele der XX. Olympiade begangen worden, die gleiche Aufmerksamkeit und Anteilnahme gefunden hätte?

Düsseldorf HEINRICH LUDWIG

Die Olympischen Spiele in München hatte man durch den Ausschluß Rhodesiens aus politischen Gründen kurz vor ihrer Eröffnung (nach dem man Rhodesien vorher eingeladen hatte) von einem sportlichen Forum in ein politisches Forum verwandelt. Es war unter diesen Umständen zu erwarten, daß diese derart politisierte sportliche Veranstaltung auch zum Ort der Austragung weiterer, ungelöster politischer Gegensätze wird, an denen es in unserer Gesellschaft nicht mangelt.

La Garenne (Frankreich) DR. JOSEF LINTNER

Den Makel werden wir Jahrzehnte nicht mehr los.

Bochum JÜRGEN HOPPE

Sportler sind keine guten Politiker und Politiker als Sportler unmöglich. Man muß beides auseinanderhalten, nur dann hat man echten olympischen Geist begriff en, und nur dann führen wir ihn traditionsgemäß unserer kulturellen Entwicklung weiter. Hüten wir uns vor einer Verwässerung unserer Sitten. Boksburg (Südafrika) SIEGFRIED MÜLLER

Warum muß bei Nacht und Nebel immer gleich scharf geschossen werden? Ingenieure und Chemiker hätten der Polizei besser helfen können.

Göttingen HELMUT LUNGERSHAUSEN

Ich glaube, Herr Schreiber besitzt keinen Hut, denn sonst hätte er denselben längst genommen.

Göppingen (Bad.-Württ.) GÜNTHER EHRET

Die Antwort von Herrn Schreiber auf die Feststellung, daß für acht Täter fünf Scharfschützen zuwenig waren, entlarvt Münchens Polizei-Helden schon zu Beginn des Gesprächs als Kaschierer erster Ordnung. Seine weiteren Bemerkungen, zum Beispiel: würde ich auch nicht sagen, wenn ich"s wüßte«, weisen ihn darüber hinaus als arrogant und, als Polizeipräsident, geradezu gefährlich aus. Einen solchen Mann haben die Münchner Bürger denn doch nicht verdient. Mannheim

HEINER EBNER

Erfreulicherweise ist es Herrn Schreiber wohl endlich gelungen zu erkennen, welche Funktion seinen Fähigkeiten besser als

bisher gerecht werden könnte: die eines Ortspolizisten. Wenn Herr Schreiber nun auch noch erkennt, daß man München wohl als Stadt bezeichnen muß, steht seiner weiteren Laufbahn nicht mehr viel im Wege.

Bremen JÜRGEN ADOMEIT

Es zeigte sich zu allem Überfluß, daß die Einsatzleitung ihrer Aufgabe nicht gewachsen war. Wenn der die Aktion leitende Polizeipräsident meint: Nachtsichtgeräte waren »nicht notwendig«, weil die Licht-Giraffen »ausreichendes Licht« boten, dann muß er sich sagen lassen, daß von solch künstlicher Aufhellung der Nacht Freund und Feind in gleichem Maße profitieren. Nachtsichtgeräte aber begünstigen einseitig den Benutzer. Ich bin sicher, daß es in Hammelburg mehr als ein Dutzend Scharfschützen gibt, die bei Nacht auf Entfernungen von 150 bis 200 Meter jederzeit für einen Spiegelschuß gut sind. Warum hat man nicht daran gedacht. sie anzufordern? Meines Wissens kann (oder muß gar?) jeder Zivilist der Polizei auf Anforderung helfen. Warum nicht Angehörige der Bundeswehr? Fürstenfeldbruck ist dazu noch Bundeswehr-Territorium. und man hat dort das Hausrecht!

Weinheim (Rhld.-Pf.) WILHELM OSTERHOLD

Wie die Erfahrungen der Vergangenheit gezeigt haben, gibt es gegen politische Attentate und Geiselnahmen keinen umfassenden Schutz. Diese wahrlich weise Erkenntnis darf jedoch nicht dazu führen, daß man wie im vorliegenden Fall von vornherein auf jegliche Sicherungsvorkehrungen verzichtet. Auch bei der geistigen Unbedarftheit der »zu- beziehungsweise nun nicht mehr zuständigen« Stellen, hätte man wohl den schüchternen Versuch erwarten dürfen, die offensichtlich gefährdete israelische Mannschaft im bescheidenen Rahmen der Spiele wenigstens etwas zu schützen. Ein fußkranker (deutscher) Schäferhund aus einem Münchner Tierasyl, der die israelischen Sportler beim Herannahen der Araber vielleicht noch rechtzeitig aus dem Schlaf gekläfft hätte, wäre als lächerlich anmutender »Sicherheits-Beitrag« immerhin mehr gewesen, als der deutsche Polizei- und Regierungsapparat samt Krisenstäben nach unzählgen Planspielen anzubieten hatte.

Mannheim RAINER SCHMITT

Nein. Es war nicht zu vermeiden. Höchstens zu mindern. Aber gegen zukünftige derartige Fälle kann sehr leicht etwas getan werden, damit es gar nicht erst soweit kommt. Nämlich, indem mit gleicher Waffe zurückgeschlagen wird. Genauer gesagt, indem die Länder, die von diesen Terroristenorganisationen geschädigt werden, solche Untergrundorganisationen unterstützen. die jene arabischen Regierungen schädigen, die das Massaker von München mit verschuldet haben. Und wehe. die Uno oder Rußland regen sich darüber auf, wenn wir Untergrundorganisationen unterstützen. Denn, das Massaker von München haben sie nicht verurteilt. Aber zu diesen einfachen Gegenmitteln werden es die Regierungen des Westens nicht kommen lassen, weil sie wissen, daß dieses Gesindel am Benzinhahn Westeuropas sitzt.

Frankfurt FROWALD HECKER

Vergessen in der Eile schöner Trauerworte ist das Grundübel: die höchst problematische Gründung des Staates Israel 1948 mit der Vertreibung von 800 000 palästinensischen Arabern und vor allem jetzt die widerrechtliche Einbehaltung ganzer arabischer Gebiete nach dem israelischen Präventivkrieg von 1967.

Kassel GERHARDT LEISTIKOW

Was mich am meisten schockierte, war der ständig lachende und grinsende Heath bei seinem Treffen (nach dem Mord!) mit dem Bundeskanzler. Und wer ist schließlich an der ganzen Misere schuld ... Jawoll, genau England!

Nagold (Bad.-Württ.) V. M. ROSINA

Selbstverständlich aber gingen die fröhlichen Spiele weiter. Schließlich müssen wir es doch noch unseren Brüdern und Schwestern aus der Zone so richtig zeigen! Was also, frage ich da, muß erst passieren, bevor diese olympische Show der Potenzgestörten und der so erschreckend naiven »Völkerverständiger« beendet wird. Muß vielleicht erst die deutsche Equipe erschossen werden? Oder reicht die Ausradierung einer kompletten Mannschaft einfach nicht aus dafür? Ich bin voll Abscheu über die Sportler, die immer noch weitermachen. Nun, zu guter Letzt wird »Bild« es wohl nicht versäumen, auf die Parallelen zwischen München und der BRD-Linken hinzuweisen.

Voerde (Nrdrh.-Westf.)

PETER VORDERSTEMANN

Politische Erpressung und Terrorismus haben sich also zu neuen olympischen Disziplinen gemausert. Anwärter auf Goldmedaillen sind, neben den palästinensischen Weltrekordhaltern, aus Irland, Jugoslawien, Uganda, Moçambique, mehreren arabischen und lateinamerikanischen Ländern, den USA und Vietnam zu erwarten -- die Bundesrepublik könnte als ihre große Olympiahoffnung für 1976 die Baader-Meinhof-Gruppe trainieren. Der unabhängige Amateurstatus der Wettkämpfer ist im allgemeinen gewährleistet, zumindest erfolgt staatliche Förderung (nicht immer durch die eigene Regierung) auf diskreteste Weise ...

Nairobi (Kenia) FRANZ RADER

Die Deutschen kennen die Mentalität der Araber nicht. Sonst hätten sie anders reagiert und die Israelis gerettet: Die Regierung Israels sollte die Aktion starten: 200 gefangene Palästinenser mit hochbewaffneter Polizei ins Olympiadorf einfliegen -- den Terroristen kurze Bedenkzeit stellen. Entweder in 10 Minuten die Israelis frei -- abziehen lassen oder Niedermähen aller ihrer Freunde. Nur das hätte Erfolg gehabt, aber nicht Verhandlungen mit Paragraphen und staatspolitischen Gesetzen, ohne sonst etwas zu haben.

Fechingen (Saarland) ANNE GROUVEN

Fragen an Dajan: Haben Sie die 200 Gefangenen freigelassen? Sie hatten dazu wiederholt Gelegenheit! Oder stimmt die »Stückzahl« nicht mehr? Das sollte Sie nicht hindern, die noch lebenden Gefangenen in ihre Heimat zu entlassen. Gefangene, die zum Teil, ähnlich einer Geiselnahme durch Ihre Organisationen, nach Israel entführt wurden. Waren Sie nicht vor einigen Monaten schon einmal bereit, das Leben von einer großen Anzahl unschuldiger Fluggäste bedenkenlos aufs Spiel zu setzen? Damals gelang das Heldenstückchen. Sie legten damit den Keim zu neuen Vergeltungsmaßnahmen. Und wieder hat es Unschuldige getroffen, von allem anderen zu schweigen.

Oberstdorf (Bayern) G. MAASBERG

Es wäre wohl an der Zeit, die Bundesrepublik Deutschland, die ein Tummelplatz von ausländischen Terror-Organisationen und Asyl von undurchsichtigen Elementen geworden ist, zu säubern.

Duderstadt (Nieders. FRANZ LINKHORST

Die Deutschen sind natürlich schuld daran, daß die Olympiade in München stattfand, so wie sie schuld daran sind, daß die Nazis an die Macht kamen. Aber, auf die Ereignisse. die sich daraus zwangsläufig ergaben, hatten die Deutschen einfach keinen Einfluß mehr. Diesen Sachverhalt müßte man doch auseinanderhalten können und die Deutschen nicht schließlich auch noch dafür verantwortlich machen wollen, daß die Frösche keine Schwänze haben.

Stetternich (Nrdrh.-Westf.) DR. ANTON MAAS

Ich halte weiß Gott nichts von Deutschtümelei. Doch wenn Herr Springer in einem Beileidstelegramm an Frau Golda Meir seine Verzweiflung über »die Unfähigkeit sowohl der deutschen Behörden wie der olympischen Funktionäre, kraftvoll diese schreckliche Situation zu meistern«, zum Ausdruck bringt, halte ich diese seine Verzweiflung für Nestbeschmutzung. Welche »kraftvolle« Patentlösung hätte denn Herr Springer in diesen Stunden, wo andere Persönlichkeiten ihr Leben einsetzten, wohl parat gehabt?

Berlin HELGA WENZEI

Und wir wähnten uns gefeit, imprägniert mit Melancholie und geimpft mit Zynismus. Nun wallt er wieder auf: Der blanke Haß. Die würgende Ohnmacht.

Hamburg ERICH KROHN

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