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BUNDESBANK / BLESSING Der Bremser geht

aus DER SPIEGEL 43/1968

Westdeutschlands oberster Währungshüter gibt auf. Nach monatelangem Zögern vertraute sich der Präsident der Deutschen Bundesbank, Karl Blessing, 68, einem alten Bekannten an. Während der Washingtoner Weltbanktagung Anfang dieses Monats nahm er den ehemaligen Frankfurter Bankier und jetzigen Leiter der Abteilung Geld und Kredit im Bundeswirtschaftsministerium Dr. Wilhelm Hankel zur Seite und sagte: »Ende des Jahres trete ich zurück. Ich habe die Möbelpacker schon bestellt.«

Spätestens im Januar wird Bankchef Blessing in ein Eigenheim im Schwarzwald retirieren.

Hankels Dienstherr Karl Schiller kam die Kunde vom bevorstehenden Rücktritt Blessings sehr gelegen. Lange schon hatte sich der expansionsfreudige SPD-Wirtschaftsminister von der hausväterlich sparsamen Kreditpolitik des Schwaben Blessing gehemmt gefühlt. Denn entgegen Blessings Rat möchte Schiller auch im Wahljahr 1969 Wachstumspolitik betreiben, um den mühsam in Gang gekommenen Wirtschaftsaufschwung nicht wieder zu gefährden.

Schiller fürchtet vor allem ein Nachlassen der Auslandsnachfrage, die seit Monaten den neuen deutschen boom in Gang hält. Bis einschließlich Dezember werden deutsche Unternehmen voraussichtlich Waren im Wert von 100 Milliarden Mark im Ausland verkaufen (1967: 87 Milliarden Mark).

Für den Fall, daß Deutschlands Industrie -- etwa durch drohende US-Importsperren -- einen Teil ihrer Auslandskunden verliert, will der Minister die heimische Konjunktur durch eine aktive Lohnpolitik absichern. Geplante Lohnerhöhungen für 1969: 6,5 bis acht Prozent,

Blessing hingegen hält Lohnerhöhungen von höchstens vier bis fünf Prozent für vertretbar. Wie stets seit seinem Amtsantritt im Januar 1958, sieht der Bundesbankchef auch jetzt am Ende seiner Karriere seine Berufung darin, die Mark knapp und die Preise stabil zu halten. Mit der Mehrheit seiner Landsleute teilt Deutschlands einflußreichster Bankier und höchstbezahlter Staatsdiener (Jahresgehalt 200 000 Mark) die Furcht vor einer dritten Inflation.

Bereits einmal hatte ihn die stete Warnung vor einer Politik des leichten Geldes einen Job gekostet. 1939 feuerten die Nationalsozialisten den damaligen Reichsbankdirektor Blessing, weil er ein Dokument mitunterschrieben hatte, in dem Experten davon abrieten, die Kriegsausrüstung des Dritten Reiches mit Krediten zu finanzieren.

Die Kriegs- und Nachkriegsjahre überstand der Diplomkaufmann in der Privatwirtschaft. Bei dem holländisch-britischen Konzern Unilever stieg er bis zum Chef der deutschen Tochter Margarine-Union ("Sanella«, »Rama") auf. 1957 empfahl ihn Ludwig Erhard, damals Wirtschaftsminister in Bonn, auf den Frankfurter Bankposten.

Die Stärke des Bundesbankpräsidenten lag darin, den Wert der Mark gegen Pumpversuche des Staates und der Wirtschaft zu verteidigen. Gemeinsam mit Erhard wertete er 1961 lieber die Mark auf, als die grassierende internationale Inflation nach Deutschland übergreifen zu lassen. 1965 und 1966 verteidigte Blessing als einziger mit einer drastischen Kreditsperre die deutsche Währung gegen die Ausgabenflut des Erhard-Kabinetts.

Blessings Schwäche lag darin, daß er die Kreditbremse auch dann noch nicht lockern wollte, als -- im Herbst 1966 -- Auftragsschwund. Investitionsstopp und Arbeitslosigkeit bereits den Stillstand der Konjunktur signalisierten.

Er blockierte sogar noch die ersten Versuche der neugebildeten Regierung Kiesinger, die deutsche Wirtschaft mit gezielten Milliarden-Schulden und öffentlichen Investitionshilfen aus der Stagnation herauszuführen. Schillers Instrumentarium der antizyklischen Finanzpolitik und der globalen Steuerung war dem alten Mann aus der Reichsbankschule nie geheuer.

Nur mit Mühe machten Schiller und Strauß jene acht Milliarden Mark bei Blessing locker, mit denen sie den Wiederaufschwung der Konjunktur einleiteten. Gleichwohl traute sich Sozialdemokrat Schiller nicht, den pensionsreifen Währungshüter sofort aufs Altenteil zu schicken und durch einen kooperationswilligeren Bundesbankpräsidenten zu ersetzen.

Als Blessings Vertrag im Herbst letzten Jahres abgelaufen war, votierte Schiller nur halben Herzens für eine Verlängerung um weitere zwei Jahre, um sich vor dem CDU-Vorwurf allzu leichtfertiger Wirtschaftspolitik zu schützen. Insgeheim aber nahm er Blessing das Versprechen ab, den Zweijahresvertrag nur zur Hälfte zu erfüllen. Noch ehe das Jahr vollendet war, präsentierte der Wirtschaftsminister dem Kanzler vor sechs Wochen schriftlich genehmere Kandidaten:

* das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG Dr. Karl Klasen, 59, Sozialdemokrat wie Schiller und mit ihm aus gemeinsamen Jahren des Hamburger Wiederaufbaus -- Schiller war damals Wirtschaftssenator der Hansestadt, Klasen ihr Zentralbankchef -- verbunden;

* das Direktoriumsmitglied der Bundesbank Dr. Otmar Emminger, 57, dem der führende britische Wirtschaftstheoretiker Sir Roy Harrod nachrühmt, seit Keynes habe »keiner die schwierigen internationalen Geldprobleme so begriffen wie er Die Kandidatur des Genossen Klasen stieß bei Kanzler Kiesinger und seiner CDU auf Widerspruch, bei Klasen selbst auf geringes Interesse. Durch den Wechsel von der Deutschen Bank zur Bundesbank würde er 300 000 Mark Jahresentgelt einbüßen. Kandidat Emminger gilt zwar als der CDU nahestehend, ist wegen seiner fachlichen Qualifikation aber auch bei der SPD wohlgelitten.

Der promovierte Volkswirt und Sohn des Weimarer Justizministers Erich Emminger gehört seit 1953 dem Direktorium der Frankfurter Notenbank an und vertrat seitdem die Bundesrepublik auf ungezählten

* Mit Wirtschaftsminister Schiller.

internationalen Währungskonferenzen. Als Vorsitzender der Stellvertretergruppe des sogenannten Zehnerklubs der reichsten Industrieländer organisierte er in den vergangenen Jahren mehrfach Milliardenkredite für das britische Pfund und half damit, das Währungssystem der westlichen Welt vor dem Untergang zu bewahren.

Als im vergangenen Jahr Blessings Vertrag ein weiteres Mal verlängert werden sollte, vertraute Emminger seinem Freund, dem damaligen britischen Schatzkanzler James Callaghan, an: »Nun habe ich wohl keine Chancen mehr, jemals Bundesbankpräsident zu werden.«

Ein Jahr danach sind Emmingers Chancen besser als je zuvor.

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