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IDEOLOGIEN DER CHÉ DES PROPHETEN

Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 43/2001

Damals ging ein Bild um die Welt, das junge Menschen auf geheimnisvolle Weise befeuerte, ihren Protest auf die Straße zu tragen. Es wurde zur Ikone, die über den Köpfen von Hunderttausenden schwebte. Über 30 Jahre ist das her, doch einer ganzen Generation unvergesslich; der Schriftsteller Carl Amery, ein linker Katholik, erblickte in dem Bild »unter dem schwarzen Barett das bleiche Haupt des Nazareners«.

Heute geht ein Hemd um die Welt, und der Aufdruck des T-Shirts zeigt abermals einen Bärtigen, der seine Anhänger zu religiös anmutendem Personenkult, wildem Straßenaktivismus und grenzüberschreitendem Befreiungskampf inspirieren will.

Könnte aus Osama Bin Laden eine internationale Kultfigur werden, ein Ché Guevara des 21. Jahrhunderts? Kein kleiner Guerrillero mehr, sondern ein diabolischer Über-Ché, der mit den enteigneten Waffen der westlichen Hochtechnologie um sich schlägt? Werden die »Speerspitzen des Islam« (wie Bin Laden sie nannte), die sich am 11. September 2001 in die Türme des World Trade Center bohrten, weltweit die Vergeltungs- und Zerstörungsträume der Vernachlässigten und Beleidigten entzünden?

Blütenweiß sind die Gewänder des hoch gewachsenen, selbstverliebten Heilands der Berghöhlen, weich und fließend die Gebärden seiner schönen Hände, sinnlich die Lippen, die den Hass verströmen. Prophetenhaft wirkt sein wallender Bart, sanft und melodisch klingt seine Stimme, und die Gebrechlichkeit seines Körpers gibt ihm eine eigentümliche Würde.

Mit Ché Guevara hat Osama Bin Laden kaum Ähnlichkeit. Veteranen der Weisheitssuche, die vor einem Vierteljahrhundert nach Indien pilgerten, erinnern die Videoauftritte des Dschihad-Apostels eher an den verstorbenen Bhagwan Shree Rajneesh: den feinsinnigen Sex-Guru von Poona, der Tausende westlicher Glückssucher - darunter auffallend viele Deutsche - geistig zu unterwerfen und finanziell zu rupfen verstand.

Sollte aus diesem nur Arabisch (und ein wenig Paschtu) sprechenden Heiland tatsächlich eine internationale Ikone werden, die nicht nur die zeternden und fäusteschüttelnden Radikal-Islamisten zwischen Quetta und Peschawar mobilisiert, nicht nur die »lebenden Bomben« der Palästinenser auf ihrem letzten Gang seelenstärkend begleitet - sondern gleich die ganze islamische Welt, weite Gebiete der übrigen Dritten Welt, womöglich auch noch die nicht-muslimischen Globalisierungsfeinde und Amerika-Hasser im Westen mit dem Zerstörungsfieber infiziert?

Bildhaft präsent ist dieser selbst ernannte Ché des Propheten keineswegs überall. In Thailand und El Salvador, in Nigeria und Liberia, in manchen Großstädten des Nahen Ostens, in Afghanistan und beim einstigen Taliban-Sponsor Pakistan taucht er auf T-Shirts und Plakaten auf. Auf den Märkten in Bangkok ist das ein einträgliches Provokationssouvenir für Touristen. In Peschawar und Karatschi dient der Heilige mit dem brennenden Blick den Islamisten als Aufputschmittel neben dem üblichen Haschisch: wenn sie in ihrem Veitstanz der Gewalt die Strohpuppe zerfetzen, die den amerikanischen Präsidenten darstellt.

Neben der Barttracht gibt es noch eine Äußerlichkeit, einen Fetisch, den der geborene Saudi-Araber Bin Laden mit dem geborenen Argentinier Ché Guevara gemein hat: die angeberisch dicke Armbanduhr Marke Timex Ironman Triathlon; vor 40 Jahren hatte Fidel Castro seine jeweilige Sport-Rolex als Faustpfand und Erkennungszeichen an die Treuesten seiner Getreuen verteilt - einen revolutionären Männerorden der Uhrenträger schaffend. Auf Pünktlichkeit kam es in der Karibik weniger an.

Der Katholik Carl Amery war gewiss nicht der Einzige, der sich durch das Bildnis des »Heroischen Guerrillero«, wie Ché Guevaras offizieller Titel im heutigen Kuba lautet, an Jesus von Nazareth erinnert fühlte. Gewalttäter mit idealistisch anmutender Motivation sind nicht einfach nur Helden; sie nehmen in der Vorstellungswelt ihrer Bewunderer auch die Züge des Heiligen oder Erlösers an, im Todesfall des Märtyrers. Pose und Habitus gehören bei charismatischen Revolutionären zu den wirksamsten Waffen: Damit weben sie am eigenen Mythos, an der Legende, die Gläubige und Glaubensbereite auf Dauer in ihren Bann zieht - auch und besonders über den Tod hinaus. Ernesto Guevara und Osama Bin Laden arbeiteten stets am eigenen Bild, sie sind Gestalter ihrer Ikonografie.

»In Heldengeschichten muss sogar der Märtyrer, vor allem der Märtyrer, fotogen sein«, dekretiert im Londoner Exil der kubanische Schriftsteller Guillermo Cabrera Infante, der als junger Mensch noch Ché und Fidel aus nächster Nähe erlebt hat. Was aber, wenn die Helden nicht heldenhaft aussehen? Sondern eher mickrig und unscheinbar? Wenn sie ein Durchschnittsgesicht haben, das man am liebsten gleich wieder vergisst?

Der »Subcomandante Marcos«, Guerrillaführer und medienwirksamer Globalisierungsfeind im südmexikanischen Chiapas, hat das Problem genial gelöst: mit der schwarzen Wollmaske, die er auch seinen indianischen Mitkämpfern aufzwingt. Marcos trägt diese Maske - wie seinen klangvollen nom de guerre - ohne Unterlass, obwohl der Regierung und den Medien sein wirklicher Name und sein wahres Gesicht durchaus geläufig sind. Aber als Rafael Guillén, Sohn eines Möbelfabrikanten in der Provinz und ganz ohne »nazarenische« Gesichtszüge, wäre der legendäre Subcomandante ein Niemand. Die Medien spielen sein Spiel mit und nennen ihn (und bilden ihn ab), wie es ihm beliebt.

Als früherer Chefredakteur der Literaturbeilage »Lunes de Revolución« in Havanna, die im November 1961, im dritten Revolutionsjahr, von Fidel Castro wegen lästiger Zwischenrufe abgestellt wurde, kann Guillermo Cabrera Infante über Legendenbildung und Ikonografie der Revolutionäre aus eigener Anschauung berichten. Das war nicht nur eine Spezialität Fidel Castros, sondern auch des 28-jährigen Ernesto Guevara, der nach der Sitte seines Herkunftslandes Ché angeredet wurde.

Der wusste sich schon als Schüler und Medizinstudent vor der Kamera in Szene zu setzen - auf einer Rohrleitung über einer Bergschlucht balancierend, vor einem nackten Leichnam in der Anatomieklasse freundlich grinsend, beim Motorrad fahren, Bergsteigen oder Segelfliegen. In der kubanischen Sierra Maestra zeigte der Guerrillero Ché seine bildwirksame Nonchalance als Pfeifen- und Zigarrenraucher und Mate-Trinker, und nach dem Sieg entblößte er bei der Erntearbeit gern seinen Oberkörper; anders als beim Comandante en Jefe Fidel Castro waren seine Hüften nie durch Fettwülste entstellt.

Als Ché Guevara - getarnt als grauhaariger, glatzköpfiger uruguayischer Wirtschaftsexperte »Adolfo Mena González« - 1966 nach Bolivien reiste, um, wie er hoffte, mit den Indios einen Guerrillakrieg zu entfesseln, hat er sich im Spiegel seines Hotelzimmers auch mal selbst fotografiert: Keine Episode seines Heldenepos - oder Opferganges - durfte unbebildert bleiben.

Cabrera Infante ist die Erkenntnis zu danken, auf welch verschlungenem Weg das bekannteste Ché-Foto, das »Nazarenerhaupt«, weltweit in Umlauf kam. Giangiacomo Feltrinelli, damals der bekannteste Verleger Europas, hat mit seinem Berater Valerio Riva den trotzig schönen Ché aus einem Stapel Bilder herausgefischt, die ein kubanischer Modefotograf gemacht hatte. Mit ihrem Sinn für die Macht des Designs haben die beiden Italiener das Ché-Gesicht zur revolutionären Devotionalie veredeln lassen. Die ging 1968 im Triumph um die Welt.

Offenkundig aber verliebte Feltrinelli sich in seine eigene Kreation. Wie anders wäre zu erklären, dass dieser Multimillionär, Erbe riesiger Wälder in Kärnten und ausgedehnter Viehfarmen in Brasilien, sich mitten im Wohlleben Italiens der Weltrevolution verschrieb, ihr mit der »Propaganda der Tat« dienen wollte? Man könnte sagen, Feltrinelli sei an einer Überdosis Ché Guevara gestorben. »In jedem Winkel Italiens schlummert ein kleines Vietnam«, phantasierte er - inspiriert von der Forderung des Ché, »zwei, drei, viele Vietnam« zu schaffen, »mit ihrem Sog von Blut und von Tod«, um das US-Imperium in die Knie zu zwingen. Ein Hund entdeckte Feltrinellis zerfetzten Leichnam am 14. März 1972 bei Mailand unter einem Hochspannungsmast. Den hatte er in die Luft sprengen wollen.

Als Ché 1967 in Bolivien gefangen und ohne Prozess erschossen wurde, waren westliche Intellektuelle erschüttert: »Ich sitze in meinem Büro, umringt von Büchern, im falschen Frieden und falschen

Wohlstand Europas; ich nehme mir einige Minuten Zeit, um ohne Risiko über den Mann zu schreiben, der alles riskierte.« So melancholisch wie Italo Calvino ging auch der Uruguayer Mario Benedetti mit sich ins Gericht: »Es ist schändlich, auf Bilder, Sessel, Teppiche zu blicken ...« Der Dramatiker Peter Weiss hingegen schlug sich mit der Flagellantenpeitsche auf den nackten Rücken: »Sind wir mitschuldig an diesem Tod? Sind wir die Verräter?« Und er fragte, ein deutscher Schriftsteller: »Haben wir es vermieden, Stellung zu nehmen?«

Der irritierende Fakt jener Zeit war indessen: Statt geknechteter bolivianischer Bauern hinter Maschinengewehren gingen freie europäische Schriftsteller hinter Schreibmaschinen in Stellung. Die Guerrilla-Revolution, welche die Dritte Welt entflammen sollte, war ein Rohrkrepierer. Die Indios, die Ché durch sein Beispiel und seinen Opfergang aufrütteln und revolutionieren wollte, blieben in seinen Worten »stumpf wie Steine«.

Das kann von den Adressaten, an die Osama Bin Laden sich wendet, nicht gesagt werden. Dabei ist sein Aufruf dem des Ché durchaus verwandt. »Es ist die Pflicht jedes Revolutionärs, die Revolution zu machen«, lautete die tautologische Parole Guevaras, der von Jean-Paul Sartre als »höchste Stufe der menschlichen Entwicklung« gefeiert wurde. Nicht weniger phantasielos, doch erfolgreicher verkünden die muslimischen Fundis, die für Bin Laden geistige Rekrutierungsarbeit leisten: »Der Heilige Krieg ist für jeden Muslim Pflicht, und jeder muslimische Mann ab dem 15. Lebensjahr ist zum Dienst an der Waffe verpflichtet.«

Osama und Ché huldigen wahrlich nicht dem gleichen Gott, doch sie bekämpfen denselben Satan, verkörpert von den USA. Während der karibischen Raketenkrise von 1962 hatte Guevara sicher keine Einwände, als Castro von den Sowjets den Atomwaffeneinsatz gegen Washington forderte. But the empire strikes back: Die Amerikaner haben vor 34 Jahren keine Mühe gescheut, das gefährlich attraktive Idol so vieler ihrer jungen Idealisten, diesen Mörder mit der Blume im Mund im bolivianischen Urwald aufzuspüren und umbringen zu lassen. Letzteres ein schwerer Fehler: In einem langen Gerichtsverfahren wäre das Charisma des Ché schneller abgeblättert als in der geheim gehaltenen Grabstelle.

Für Amerika und den Westen wäre auch im Falle Osama Bin Ladens eine gründliche Entzauberung wünschenswerter als der Märtyrertod oder gar das spurlose Verschwinden. Eine Traumlösung für Pragmatiker: Der Messias der afghanischen Berghöhlen wird eingefangen wie der peruanische Guerrilla-Apostel Abimael Guzmán, der sich in schönem Größenwahn das »Vierte Schwert des Marxismus« (nach Lenin, Stalin und Mao) nannte. Guzmán war der Begründer und Führer der Terror-Guerrilla vom »Leuchtenden Pfad«, die der Machteroberung recht nahe kam.

Jener Guzmán, auch »Presidente Gonzalo« genannt, wurde unter dem Regime des gewählten Diktators Alberto Fujimori gefangen und vor Gericht gestellt. Vor allem aber: Er wurde in eine klassische Sträflingskluft mit schwarzen und weißen Streifen gesteckt und der Presse in einem Gitterkäfig vorgestellt. Dort machte der Revolutionär sich mit seinen Wutausbrüchen vor der Öffentlichkeit und den eigenen Verehrern lächerlich. Abimael Guzmán lebt zwar noch, ist aber viel toter als Ché Guevara.

* Oben: in Karatschi am 8. Oktober; unten: in Lüttich am 22.September.

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