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CSU Der Chef ist böse

aus DER SPIEGEL 6/1965

Franz-Josef Strauß holte sich eine glatte Abfuhr, und der »Münchner Merkur«, dem CSU-Chef seit Jahren gewogen, wußte auch warum: »Heute gehören seine Stellvertreter Dollinger und Huber - dieser zugleich als Fraktionsvorsitzender -, gehört der Generalsekretär Jaumann nicht zu denen, die gewillt sind, anstelle von Kollegialbeschlüssen unbesehen eine Alleinherrschaft zu akzeptieren.«

Die Diagnose stimmte. Bei einer in der letzten Woche verkündeten Umgliederung der CSU-Parteileiturig gelang es Strauß nicht, den Parteiapparat fest in den Griff zu bekommen: CSU-Prominenz weigerte sich mit Erfolg, die Befugnisse des Generalsekretärs der Partei beschneiden zu lassen.

Das CSU-Generalsekretariat war ursprünglich ein Strauß-Gefechtsstand gewesen - zuerst, weil Franz-Josef Strauß dieses Amt (1949 bis 1952) selber innehatte; später, weil es Strauß gelang, seinen Intimus Fritz-Zimmermann in'diese Schlüsselposition zu bugsieren. Zimmermann fungierte als allgegenwärtiger Aufpasser, der seinen Herrn über alle Personalien und Vorkommnisse in der Partei informierte und öffentlich sagte, was sein Chef nicht sagen mochte.

»Wenn es je in der CSU einen allgemein unbeliebten Menschen gegeben hat, dann Fritz Zimmermann, den wahrhaften Prototyp des politischen Managers und Apparatschiks«, schrieb die »Zeit« 1963. Und auf die Dauer vermochte Parteichef Strauß diesen Generalsekretär denn auch nicht zu halten: Zimmermann ging damals, und es rückte eine Garnitur nach, die jedwede Alleinherrschaft über, die CSU ablehnte. Die CSU ersetzte binnen Jahresfrist

- Generalsekretär Zimmermann durch das Münchner Landtagsmitglied Anton Jaumann;

- den katholischen Stellvertreter des Landesvorsitzenden, Kissingens Oberbürgermeister Hans Weiß, durch den CSU-Fraktionschef im bayrischen Landtag, Ludwig Huber;

- den evangelischen Stellvertreter des Landesvorsitzenden, den damaligen bayrischen Finanzminister Rudolf Eberhard, durch Bundesschatzminister Werner Dollinger.

Folge der Umgruppierung: Huber und Dollinger bestanden darauf, vom Landesvorsitzenden nicht nur angehört, sondern mit ihren Wünschen auch berücksichtigt zu werden. Und Anton Jaumann fühlte sich, von den beiden Stellvertretern ermuntert, als Generalsekretär der Partei - und nicht, wie Zimmermann, als der von Strauß.

In dieser Situation suchte Strauß seinem Einfluß neue Wege zu bahnen: über eine Zeitung, deren Name bis dahin nur den CSU-Mitgliedern geläufig gewesen war, den parteieigenen »Bayern-Kurier«. Noch 1963 fand Strauß einen Chefredakteur nach seinem Herzen, Carl Schmöller, damals 28.

Alsbald diente Schmöller (journalistische Laufbahn bis dahin: »Oettinger Anzeiger«, »Vilsbiburger Zeitung«, »Freisinger Tagblatt") als offizielles Sprachrohr des Parteivorsitzenden. Ohne Strauß, posaunte Schmöller, sei »eine Politik in Deutschland nicht mehr vorstellbar«.

Aus der Parteizeitung wurde eine Strauß-Gazette, von deren Artikeln sich nacheinander die CSU-Führer Alois Hundhammer, Ludwig Huber und Werner Dollinger öffentlich distanzierten. »Der Chefredakteur des 'Bayern -Kurier'«, registrierte die »Zeit« im letzten Herbst trocken, »der so viel über die deutsche Außenpolitik schreibt, ... ist über die Grenzen der Bundesrepublik bisher noch nicht hinausgekommen.«

Schmöller machte das Manko wett: Ende letzten Jahres begleitete er den CSU-Anführer auf einer Ostasienreise. Und mit von der Partie war ein anderes Strauß-Talent - Walter Oberhorner, ebenso alt wie Schmöller, aber im Gegensatz zu diesem noch nicht exponiert. Oberhorner stammt aus der Textilbranche, wirkte dann als CSU-Geschäftsführer des Bundeswahlkreises 204 (München-Land) und ließ sich 1963 von der Bonner CSU-Landesgruppe als »wissenschaftlicher Assistent« engagieren.

Im Bonner Bundeshaus entwickelte er die Kunst mit Strauß umzugehen. Er zeigte politische Begabung und Anlagen als Taktiker; zunehmend gewöhnte sich Strauß daran, Oberhorner-Ideen in seine Referate einzuflechten.

Außerhalb der Landesgruppe in Bonn und der Parteigeschäftsstelle in München fast unbekannt, präsentierte sich Oberhorner im internen Zirkel als der Mann, der Straußens Vertrauen genießt und Straußens Vorzimmer beherrscht. In ihm lernte der CSU-Anführer die gleichen Qualitäten schätzen, die er auch bei Schmöller goutierte: bedingungslose Ergebenheit.

Der eine - laute - Jungmann machte eine Zeitung, wie Strauß sie sich wünschte, der andere - stille - sollte die Parteimaschinerie steuern. Im Spätherbst 1964 tastete Strauß behutsam vor: Der CSU-Apparat bedürfe dringend einer Straffung; seiner Meinung nach sei Walter Oberhorner der gegebene Generalsekretär. Die Reaktion war durchweg negativ.

Da laut CSU-Statut der Generalsekretär nicht einfach vom Landesvorsitzenden ernannt werden kann, disponierte Strauß um. Er erfand einen stellvertretenden Generalsekretär - der in der Pa a a zung nicht vorgesehen ist - und tat kund, einen solchen könne der Parteichef aussuchen.

Mittlerweile war es Weihnachten geworden, aber die Troika Huber, Dollinger und Jaumann sah keine Veranlassung zu einem derartigen Geschenk - um so weniger, als schon in einigen Strauß-freundlichen Blättern zu lesen stand, Jaumann sei »amtsmüde«. In eher sozialdemokratischen Zeitungen sickerte hingegen zu Anfang dieses Jahres Straußens höchst geheimer Oberhorner -Plan durch.

Und auf Straußens Hinweis, der Bundestagswahlkampf stehe vor der Tür und deshalb müsse die Partei einig hinter dem Landesvorsitzenden stehen, trat prompt die CSU-Landtagsfraktion zusammen und sprach demonstrativ Anton Jaumann ihr volles Vertrauen aus. Fraktionschef ist, obwohl mittlerweile zum Kultusminister aufgerückt, immer noch Ludwig Huber, der diese Mitteilung seiner Mannschaft an Strauß weitermeldete.

Registrierte die »Mittelbayerische Zeitung« in Regensburg am 22. Januar: In der 109 Mitglieder zählenden Landtagsfraktion hat (Strauß) kaum ein Dutzend zuverlässige Freunde. Hier ist sein Stellvertreter Dr. Ludwig Huber fast unumschränkter Gebieter.« Und: »Franz-Josef Strauß ist bitterböse.«

Am vorletzten Wochenende genehmigte eine CSU-Kommission Oberhorner das Referat Öffentlichkeitsarbeit in der CSU-Landesleitung. Damit keinerlei Mißverständnisse aufkommen können, wurde eine - bis dahin nicht existente - eigene politische Abteilung geschaffen, deren Leitung, zunächst kommissarisch, nicht etwa Oberhorner, sondern Anton Jaumann übernimmt.

Äquivalent für Oberhorners Einrükken in die Landesleitung war außerdem Carl Schmöllers Austritt aus diesem Gremium. Mit Nachdruck wurde zudem hervorgehoben: Die CSU hat keinen stellvertretenden Generalsekretär.

Strauß mußte nachgeben und durfte in der »Mittelbayerischen Zeitung«, deren Chefredakteur ein Freund Höcherls ist, lesen, daß Eingeweihte »kein Geheimnis aus ihrer Kenntnis der Dinge« machen. »Sie sagen rundheraus, daß es vielleicht schon in diesem Jahr zu einer Ablösung von Strauß durch Huber käme, wenn nicht Bundestagswahlen stattfinden würden.«

CSU-Prominente Strauß, Huber, Goppel: »Kaum ein Dutzend Freunde«

CSU-Funktionäre Jaumann, Schmöller

Stellvertreter und Talente

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