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SEFTON DELMER Der Chef vom Chef

aus DER SPIEGEL 44/1962

Die Salve einer Maschinenpistole

schepperte in den Lautsprechern: »Hab' ich dich endlich erwischt, du Schweinehund«, klang es heiser aus dem Äther. Dann brach die Sendung ab. Der Geheimsender »Gustav Siegfried eins«. verstummte.

Zweieinhalb Jahre lang - vom Frühsommer 1941 bis zum Herbst 1943 - hatte die Ankündigung der Geisterstation »Es spricht der Chef« täglich Tausende deutscher Soldaten vor ihre Wehrmachtsempfänger gelockt. Im Jargon eines Gardeoffiziers waren vom »Chef« Geheimnisse aus dem Führerhauptquartier und Korruptionsskandale aus der Partei, Lageberichte aus zerbombten Städten der Heimat und Analysen der militärischen Lage ausgeplaudert worden.

Die deutschen Hörer des »Chefs« und auch US-Präsident Franklin D. Roosevelt vermuteten in ihm einen hohen deutschen Offizier, das Haupt einer Verschwörergruppe der Wehrmacht, die zwar Führer und Vaterland die Treue hielt, aber die Mißwirtschaft der NSDAP bekämpfte.

Nun hatten die Schergen der Gestapo den »Chef« erwischt und zum Schweigen gebracht. Doch bei seinem Tod beging der »Chef« von »Gustav Siegfried eins« den ersten und einzigen Fehler seiner Karriere. Er starb zweimal, aus Versehen.

Eine Stunde nach der Erschießung im Studio wurde - wie alle vorausgegangenen »Chef«-Sendungen »immer sieben Minuten vor voll« - die akustische Exekution noch einmal wiederholt. Der verantwortliche Toningenieur für »Gustav Siegfried eins« hatte das Programm routinemäßig nachgespielt, weil er das Ende des »Chefs« nicht mitbekommen hatte. Denn er konnte kein Deutsch. Er war Engländer.

»Gustav Siegfried eins«, dessen »Chef« schon vor seiner ersten Sendung am 23. Mai 1941 Churchill als einen »plattfüßigen Scheißkerl von einem besoffenen Juden« bezeichnet hatte, war keine geheime deutsche Militär-Station, sondern ein britischer Propagandasender.

Die Sendungen des »Chefs«, von Hitlers Dolmetscher, dem Gesandten Faul Schmidt, in seinem Nachkriegs-Bestseller"Statist auf diplomatischer Bühne« als »geschickteste Propaganda von englischer Seite« klassifiziert, waren der Auftakt einer geheimen alliierten Operation, die - wie Joseph Goebbels im Herbst 1943 seinem Tagebuch anvertraute - »uns große Sorgen bereitete und bei Hitler auf einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier einen seiner gefürchteten Wutanfälle auslöste:

Erstmals in der Geschichte wurde im Zweiten Weltkrieg von England aus in der psychologischen Kriegsführung auf breiter Front »schwarze Propaganda« eingesetzt - das heißt: Propaganda, die für den deutschen Gegner nicht ohne weiteres - oft nie - als Feind-Propaganda erkennbar war und damit ungleich wirkungsvoller wurde als alle offizielle Propaganda der Alliierten.

Nicht nur deutsche Landser und Roosevelt wurden vom »Chef« genasführt. Vorsätzliche Lügen, die der »Chef« und andere schwarze Propagandisten verbreiteten, sickerten als vermeintliche Wahrheit auch in die Tagebücher des italienischen Außenministers Graf Ciano (1941), veranlaßten den deutschen General von Schlieben (1944) zur Übergabe des Fort du Roule bei Cherbourg und zwangen Hitlers fettleibigen Arbeitsfront-Anführer Robert Ley (1943), im »Angriff' die Existenz von besonderen Lebensmittelrationen für Diplomaten abzustreiten.

Über die Schlachten dieses Schattenkampfes im Untergrund wurde kein Kriegstagebuch geführt. Bis heute gab es keinen umfassenden Bericht über Ausmaß und Intensität der »schwarzen« Propaganda. Jetzt aber hat jener Mann seine Autobiographie geschrieben, der den Alliierten diese Geheimwaffe schmiedete und sie führte. Es spricht der Chef vom »Chef": Denis Sefton Delmer, 58, (SPIEGEL 37/1954), einst Lord Beaverbrooks. ("Daily Express") höchstbezahlter und noch heute - als freier Mitarbeiter des »Sunday Telegraph« - Englands bekanntester politischer Reporter.

»Trail Sinister« ("Dunkler Pfad") und »Black Boomerang« ("Schwarzer Bumerang") heißen die beiden ersten Bücher der als Trilogie angelegten Lebensbeichte, die diese Woche in der Bundesrepublik beim Nannen-Verlag in einem Band erscheint und demnächst von der größten westdeutschen Illustrierten, »Stern« (Auflage: 1,6 Millionen), als Fortsetzungsserie veröffentlicht werden soll*.

Als Verleger und »Stern«-Chefredakteur Henri Nannen seinen Autor um einen Titelvorschlag für die deutsche Ausgabe bat, kabelte der schwarze Propagandist in Anlehnung an den Hühnerfarm-Bericht »Das Ei und ich« zurück: »Vorschlage 'Die Deutscher und ich'. Besten Gruß Delmer.« Und dabei blieb es, selbst auf die von Delmer ins Auge gefaßte Gefahr hin, daß »in Anbetracht dieses Geständnisses über meine entfernte Ideen-Assoziation zwischer Eiern und Deutschen« die »'Deutsche Soldaten-Zeitung' und ähnlich gesinnte Blätter« ihn für arrogant halten könnten.

Den Verdacht der Arroganz hat Denis Sefton Delmer nie gescheut - auch nicht in seinem deutschen Vorwort. Dort gibt er seine Überzeugung kund ("Ich behaupte das mit aller Bescheidenheit"), bessere Voraussetzungen als die Mehrheit seiner Kollegen mitgebracht zu haben, »um über die Angelegenheiten einer Welt zu berichten, die während der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts von dem deutschen Problem beherrscht wurde«. Bessere Voraussetzungen auch, der Chef vorn »Chef' zu werden.

Denn Delmer wurde in Berlin geboren, wuchs dort auf und erlebte, wie sein Vater - ein Australier, der an der hauptstädtischen Universität als Dozent Vorlesungen über englische Sprache und Literatur hielt - im Ersten Weltkrieg zunächst interniert, später samt Familie nach England abgeschoben wurde. Seitdem ist Sefton Delmer von einer seltsamen Haßliebe zu Deutschland erfüllt.

Mitte der zwanziger Jahre kehrte er an die Spree zurück, wurde Korrespondent für Lord Beaverbrook, berichtete über Straßenschlachten und den Goldmacher Franz Tausend, über die schwarze Reichswehr und den Düsseldorfer Massenmörder Kürten, er planschte zwischendurch im Schwimmbecken des Berliner Finanziers Hugo von Lustig, wo auf der Wasseroberfläche kleine Fäßchen voll Kaviar schwammen, aus denen sich die badenden Gäste mit den Händen bedienten.

Durch den SA-Chef Ernst Röhm, mit dem er durch Berlins Homosexuellen-Kneipen zog, wurde Delmer in München Adolf Hitler vorgestellt, der ihn 1932 in seiner Lufthansa-Maschine D 2001 auf Wahltournee mitnahm. Ein Jahr später stapfte Lord Beaverbrooks Mann In Berlin als einziger Reporter und einziger Ausländer an der Seite des Führers durch den brennenden Reichstag (SPIEGEL 48/1959).

Nach der Erschießung Röhms 1934 veröffentlichte Delmer im »Daily Express« die Totenliste 46 Liquidationen waren amtlich zugegeben worden; Delmer nannte 108 Namen. Delmer: »Das war das Ende meiner schönen Freundschaft mit Hitler.« Der Brite erhielt einen Ausweisungsbefehl.

Delmer zog nach Paris und von dort in den spanischen Bürgerkrieg, mal auf die rote, mal auf die faschistische Seite. Aus dem belagerten Madrid fuhr er zur Hochzeit seines Duzfreundes Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld mit der heutigen Königin Juliana nach Holland (SPIEGEL 19/1962). Unter den Gästen war auch der Großherzog von Mecklenburg: »Bevor wir in den Bankettsaal gingen, bemerkte ich, wie er sein Gebiß auswechselte. Er erzählte mir, er habe eins zum Lächeln und Reden und eins für die ernstere Beschäftigung des Essens.«

So wie Delmer nach dem Krieg die Berlin-Blockade und den Korea-Konflikt, den Ungarn-Aufstand, die Suez-Landung und die Kongo-Krise als Frontberichter mitmachte, so trottete er in den zwei letzten Friedensjahren vor 1939 durch Österreich, Prag, die Tschechoslowakei, Italien und Moskau dem Krieg hinterher, bis er ihn schließlich in Polen einholte. Vierzehn Tage bevor Warschau fiel, ließ er sich zusammen mit den ausländischen Botschaften ausquartieren.

»Die Scham über meine vorschnelle Abreise aus Warschau... wich erst ein Jahr später, als ich... bis zum Morgen jenes Tages in Paris aushielt, an dem abends die Deutschen in die Stadt einzogen.«

Am Freitag, dem 19. Juli 1940, richtete Adolf Hitler anläßlich des Sieges über Frankreich vor dem Reichstag in der Kroll-Oper einen »letzten Friedensappell« an England. Der Zufall wollte es, daß ausgerechnet für diesen Tag Delmers Debüt als Kommentator im deutschsprachigen Dienst der BBC angesetzt war.

Eine Stunde nach der Führerrede stieß Debutant Delmer ohne Konsultation irgendeiner politischen Instanz das Friedensangebot zurück - »mitten in Ihre übelriechende Führerfresse«.

William Shirer ("The Rise and Fall of the Third Reich") und Mussolinis Schwiegersohn Ciano, die sich zu jener Zeit in Berlin aufhielten, haben überliefert, wie enttäuscht Hitlers Umgebung über dieses Nein war, das in der ganzen Welt als offiziöse Erklärung der britischen Regierung angesehen wurde.

Im britischen Unterhaus verlangte der Labour-Abgeordnete Stokes von der Regierung zu wissen, wieso »eine ganz unbedeutende Person« - Delmer vermerkt an dieser Stelle seiner Autobiographie »schmeichelhafte Oh-Rufe von den Bänken der Tories« - Hitler habe antworten dürfen.

In Berlin wurde auf die »Sonderfahndungsliste G. B.« des Reichssicherheitshauptamtes - sie enthielt Namen von Personen, die unmittelbar nach der Besetzung Englands verhaftet und der Gestapo übergeben werden sollten - als Nr. 33 ein gewisser Sefton Delmer gesetzt.

Trotz solcher Episoden erkannte Delmer die offizielle Propaganda der BBC bald als »rechthaberisch und doof«. Er stieß für weniger als ein Drittel seines Beaverbrook-Gehalts zum Secret Service und begann seinen Vorgesetzten alsbald seine Pläne für eine »schwarze« Propaganda zu entwickeln.

»In meinen Augen waren alle diese Versuche, die Deutschen durch Aufrufe und Kritik gegen Hitler zu bekehren, eine Verschwendung von Atem und elektrischem Strom. Die Deutschen - davon war ich überzeugt - würden sich derartige Sendungen erst dann anhören und auf sie reagieren, wenn sie überzeugt waren, daß der Krieg verloren war.«

Delmer wollte seine Propaganda statt dessen auf einem Satz aufbauen, den Hitler ihm einmal gesagt hatte: »In jedem Menschen steckt ein innelensender »Gustav Siegfried eins«. Delmer: »Wir müssen uns im Namen seiner höchsten vaterländischen Ideale an diesen 'inneren Schweinehund' in jedem Deutschen wenden. Wir müssen ihm eine patriotische Rechtfertigung dafür verschaffen, das zu tun, was er gern aus purem Selbsterhaltungstrieb oder egoistischem Interesse tun würde.«

Erstes Medium dieser getarnten Propaganda wurde der geheime Kurzwellensender »Gustav Siegfried eins«. Delmer erinnerte sich, »mit welchem Interesse ich gelegentlich durch Zufall pikante Unterhaltungen von Schiffskapitänen mit angehört hatte, die auf See über Radiotelephon miteinander sprachen«. Um auch den Hörern von »Gustav Siegfried eins« diesen zusätzlich prickelnden Reiz des Belauschens einer nicht für sie bestimmten Sendung zu vermitteln, klangen die - ebenfalls mit Zoten gewürzten - Ansprachen des »Chefs« nie so, als wären sie an die Öffentlichkeit gerichtet, sondern erweckten stets den Eindruck, ein dem Führer ergebener, von der Partei angewiderter Offizier erteile den Zellen seiner über das ganze besetzte Europa verstreuten militärischen Geheim-Organisation neue Instruktionen.

Am Abend des 23. Mai 1941 meldete sich »Gustav Siegfried eins« zum ersten Mal. Der »Chef« an diesem Tag über den gerade nach England geflogenen Führer-Stellvertreter Rudolf Hess:

»Ich muß mich gegen eine Stinklüge verwahren, die einige von den Speichelleckern im Führerhauptquartier in Umlauf gesetzt haben. Die Lüge, daß diese Nulpe auf Befehl des Führers nach Großbritannien geflogen sei. So was kommt überhaupt nicht in Frage. Niemals hätte der Führer einem Mann, der unsere Aufmarschpläne so genau kennt, gestattet, sich ins feindliche Ausland zu begeben.«

Bald darauf erhielt der »Chef« einen Adjutanten, der ihn von nun an ankündigte ("Es spricht der Chef"), und eine Vorspannmusik, die vor jeder Gustav-Siegfried-eins-Sendung als Erkennungssignal geklimpert wurde: Die Anschlußtakte des Deutschlandsender-Pausenzeichens »Üb' immer Treu und Redlichkeit...": »... bis an dein kühles Grab.«

Ein Delmer-Mitarbeiter, der Oxford -Professor für Alte Geschichte C. E. Stevens (Spitzname: Tom Brown), war es auch, der das historische Pausenzeichen für die BBC erfand, das der Gestapo das Aufspüren von Schwarzhörern erleichterte: Dem V-Komitee der BBC, das eine propagandistische Victory -Kampagne planen sollte, schlug Stevens vor: »Schon mal überlegt, wie sich der Buchstabe V als Morsezeichen anhört? Tam, tam, tam, taa. Paßt übrigens genau zu den Anfangstakten der Fünften von Beethoven.«

Delmer selbst trat nach Gründung von »Gustav Siegfried eins« nur noch in einer Sendung auf: Er antwortete jede Woche über den deutschsprachigen Dienst der BBC auf den »Kommentar zur Lage« des Goebbelschen Chef-Propagandisten Hans Fritzsche, sobald dieser geendet hatte.

Als Hans Fritzsche nach der Kapitulation in Nürnberg freigesprochen wurde, weil ihm die Richter bescheinigten, er selbst habe die Lügen geglaubt, mit denen er das deutsche Volk irreführte, saß sein siegreicher Rivale im Zuschauerraum und meditierte, welche Strafe bei vertauschten Rollen wohl ihn getroffen hätte, »den Mann mit dem Wahlspruch: Alle unsere Lügen müssen wohl überlegte Lügen sein«.

Nach der Urteilsverkündung schüttelte Delmer seinem Gegner Fritzsche die Hand. Die Szene wurde photographiert. Liberale und Linke empörten sich tags darauf über Delmer, der »dem Mord die Hand gereicht« habe. Delmer heute: »Das war Spiel, Satz und Sieg für Fritzsche.«

Die einfachste und wirkungsvollste Art, schwarze Propaganda zu betreiben, so bleute es Delmer seinen Mitarbeitern im Kriege ein, sei es, »einem Mann in die Suppe zu spucken und dabei Heil Hitler zu rufen«.

Nie ließ der« Chef« die wahre Absicht seiner Sendungen durchblicken, aber er erregte sich - so detailliert über Vorteile, die sich »Parteibonzen« auf Kosten der deutschen Kriegswirtschaft ergaunert hatten, daß jeder Hörer das -angeprangerte Rezept-leicht"nachahmen konnte. Oder der »Chef« entrüstete sich zu Beginn des Rußlandfeldzuges über Textilien-Hamsterkäufe von wohlinformierten Frauen hoher Parteifunktionäre, um - angesichts des dringenden Truppenbedarfs im Osten - auch bei seinen Hörern einen Run auf die Kleidergeschäfte auszulösen.

Mit besonderer Genugtuung erinnert sich Delmer an die Alfieri-Story. Delmer hatte erfahren, daß der italienische Botschafter in Berlin, Dino Alfieri, in Kürze zur Berichterstattung nach Rom reisen sollte, und ließ daraufhin den »Chef« fabulieren:

Ein deutscher Offizier, dessen Name und Dienstgrad angegeben wurde, sei unvermutet von der Ostfront auf Urlaub in die Heimat gekommen. In seiner Berliner Wohnung (Straße und Hausnummer) habe er seine Frau in flagranti mit Alfieri ertappt. »Der Kamerad«, so der »Chef«, »zog seine Pistole und hätte den Makkaronifresser niedergeknallt, wenn der Feigling nicht auf die Knie gefallen wäre.« Da habe der Kamerad den Jämmerling nur windelweich geschlagen, in seinen Wagen gepackt und bei der italienischen Botschaft abgeliefert...

Als Alfieri später, wie lange vorgesehen, nach Rom abreiste, bestätigte er damit für alle Gustav-Siegfried-Eins-Hörer indirekt die frei erfundene Erzählung des »Chefs«. Und Mussolini -

Schwiegersohn, Außenminister Graf Ciano, notierte in seinem Tagebuch, der Duce habe herzlich gelacht, als er gehört

habe, daß Dino von einem deutschen Offizier verprügelt worden sei.

Daß er seine beiden wichtigsten Ziele, Tarnung und Wirksamkeit von »Gustav Siegfried eins«, erreicht hatte, dafür erhielt Sefton Delmer im Herbst 1941 einen eindrucksvollen Beweis. Das britische Foreign Office bekam vom amerikanischen State Department den Bericht eines US-Militärattachés aus Berlin, in dem es hieß, die Spannung zwischen Partei und Wehrmacht hätte außerordentlich zugenommen. Die Wehrmacht sei so weit gegangen, einen Kurzwellensender zu installieren, über den ein namenloser »Chef« täglich heftige Angriffe gegen bestimmte Dienststellen der NSDAP führe.

So lieblich diese Nachricht in Delmers Ohren »klang, so gefährlich erschien sie dem Foreign Office: Womöglich fühlte Roosevelt sich nun bestärkt, neutral zu bleiben, da - offensichtlich die Wehrmacht selbst das Geschäft übernommen hatte, den Führer zu stürzen.

Der Bruder der Königin, David Bowes-Lyons, der damals den britischen Geheimdienst in Washington vertrat, übernahm es, Roosevelt unter vier Augen einzuweihen. Der US-Präsident schüttelte sich vor Lachen. Doch leider, erinnert sich Delmer, »hatte Roosevelt weniger strenge Ansichten über die Notwendigkeit der Geheimhaltung als wir. Und bald war 'Gustav Siegfried eins' in ganz Washington ein bekannter Begriff«.

Im Herbst 1943 arrangierte Sefton Delmer die Erschießung des »Chefs«. Er hatte mit dem Toten größere Dinge vor. Der schwarze Propagandist vergrößerte sein Geschäft. Er baute Sender für Italien und Bulgarien, für Arbeiter und Katholiken auf.

Die unmittelbare Erbschaft von »Gustav Siegfried eins' trat wenig später die starke Mittelwellenstation »Soldatensender Calais« an, die ein vollständiges Programm mit Sport, Nachrichten, Unterhaltungssendungen, Ausschnitten aus Führer-Reden und Musik ausstrahlte.

Fünf Wochen nach dem Start von Calals notierte Goebbels am 28. November 1943 in sein Tagebuch: »Große Sorge bereitet uns am Abend ein sogenannter Soldatensender Calais, der offenbar in England betrieben wird und sich auf die Welle des Deutschlandsenders setzt, wenn der bei Luftangriffen ausgeschaltet wird. Er betreibt eine sehr geschickte Propaganda, und man kann aus den dort gemachten Angaben entnehmen, daß die Engländer ganz genau wissen, was sie vor allem in Berlin zerstört haben und was nicht.«

Der »Soldatensender Calais« wurde von der deutschen Bevölkerung lange für eine offizielle deutsche Wehrmacht -Station gehalten. Warum, das geht aus einem Bericht der SD-Leitstelle München vom 16. März 1944 an den SS -Obergruppenführer und General der Polizei Freiherr von Eberstein hervor:

»Daß die Berichte des Soldatensenders Calais häufig eine Schärfe aufweisen, die sonst im deutschen Nachrichtendienst nicht üblich ist, erklärt sich die Bevölkerung in einzelnen Fällen mit der folgenden Überlegung: Immerhin kann man den Frontsoldaten nicht die gleiche Propaganda bieten, die man uns in der Heimat verkauft. Man muß dem Frontsoldaten gegenüber ehrlicher verfahre

Das war genau, was Delmer hatte erreichen wollen: Seine Lügen wurden von den Deutschen für glaubhafter ge halten als die des Joseph Goebbels. Und selbst hohe deutsche Offiziere, denen der wahre Charakter des Soldatensenders bekannt war fielen noch auf Delmers Bluff herein.

Der »Soldatensender Calais« hat detailliert über eine neue alliierte Wunderwaffe berichtet, eine Phosphorgranate von nie gewesener Durchschlagskraft, die auch den stärksten Bunker verbrennen könnte.

Als kurz nach der alliierten Invasion in Frankreich 1944 amerikanische Truppen das von Generalleutnant Karl Wilhelm von Schlieben kommandierte,Fort du Roule eingeschlossen hatten, verweigerte der deutsche General die Übergäbe.

Er habe Befehl, bis zur letzten Patrone

zu kämpfen. Es sei denn, man könne ihm beweisen, »daß unsere Lage tatsächlich hoffnungslos ist. Wenn Sie zum Beispiel eine dieser Phosphorgranaten abfeuern könnten«. Die nächste US-Batterie feuerte eine gewöhnliche Granate ab; über dem Fort ging die weiße Fahne hoch.

Je länger der Krieg dauerte, desto umfangreicher und zynischer arbeitete Delmers schwarze Propaganda. Neben seinem halben Dutzend Sendern betrieb er - nach dem gleichen Prinzip - von 1944 an eine tägliche Zeitung »Nachrichten für die Truppe«, die jede Nacht hinter den deutschen Linien abgeworfen wurde - insgesamt über 152 Millionen Exemplare.

Darüber hinaus startete Delmer zahllose Einzel-Operationen. So wurde ein Reclam-Band gedruckt: »Dr. med. Wilhelm Wohltat: Krankheit rettet« und in vielen tausend Exemplaren auf den Kontinent geschleust. In dem Buch waren brauchbare Ratschläge erteilt wie Soldaten simulieren konnten, um krank geschrieben zu werden. Delmer hoffte nicht so sehr, daß die Landser diesen Vorschriften folgen würden, als vielmehr darauf, daß fortan Truppenärzte echte Kranke zu Simulanten erklären und an die Front schicken würden, wo sie Schwäche, Defätismus oder gar Infektionskrankheiten verbreiten könnten.

Durch das Abhören von Funkverkehr

zwischen Lazaretten in Italien und örtlichen Parteidienststellen erfuhr Delmer Namen und Anschriften von Eltern, deren Söhne im Hospital gestorben waren.

Nun ließ er diesen unglücklichen Eltern von einer »Krankenschwester« oder einem »Kameraden« rührselige Briefe über die letzten Stunden des Toten schreiben, in denen beiläufig eingeflochten wurde, unter dem in die Heimat gesandten Nachlaß habe sich auch ein erst kürzlich erworbenes, besonders kostbares Gold- oder Juwelengeschenk befunden - das die Eltern natürlich nie erhalten hatten und dessen Verschwinden sie dem korrupten Staat zur Last legen mußten, der so über das Erbe der Gefallenen wachte.

Noch skrupelloser war der Trick mit Eltern, die, wie aus Briefen über das Internationale Rote Kreuz hervorging, nicht an den Tod ihres gefallenen Sohnes glauben wollten und ihn In alliierter Gefangenschaft wähnten.

Sie erhielten aus dem neutralen Ausland den Brief eines »Freundes«. Ihr Sohn sei auf neutrales Gebiet desertiert, ihm ginge es gut. Delmer hoffte, die Eltern würden diese frohe, defätistische Botschaft weiterverbreiten.

Um sein »Gewissen ein bißchen zu erleichtern« und der Aktion zugleich noch mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, ließ Delmer den Eltern außerdem ein Lebensmittelpaket aus dem neutralen Ausland zugehen, dessen Absender den Vornamen des Toten, aber einen anderen Nachnamen trug, als ob der desertierte Sohn sich tarnen wolle.

Delmers Plan, die deutsche Lebensmittelversorgung durch Abwurf gefälschter Marken zu stören, scheiterte. Goebbels ließ ein Gerücht verbreiten, das in Deutschland bis heute geglaubt wird: Die Fälschungen seien so plump, daß sie sofort erkannt und der Schuldige bestraft werden könnte. Obgleich es nicht wahr war - es waren nicht zu unterscheidende Fälschungen -, wirkte es. Delmer: »Ich war damals voller Bewunderung für die Genialität des kleinen Doktors und bin es noch heute.«

Auf die Delmer-Operation »Braddock« hingegen fiel die Reichsregierung prompt hinein. Flugzeuge warfen nachts Tausende von Brandplättchen mit angehefteten Bedienungs- und Sabotage-Vorschriften in den Sprachen der in Deutschland beschäftigten Fremdarbeiter ab.

Zweck der Operation war es nicht - wie die Deutschen vermuteten -, die Fremdarbeiter wirklich zum Auslegen der Brandplättchen zu ermuntern. Die Mehrheit von ihnen arbeitete willig in der Rüstungsindustrie.

Delmers Absicht war es vielmehr, In den deutschen Sicherheitsbehörden Mißtrauen gegen die Fremdarbeiter zu säen und sie zu strengeren Bewachungs-Maßnahmen gegen die Hiwis zu veranlassen. Und das geschah auch. Der Druck aber erzeugte Gegendruck: Die Arbeitsleistung der zu Unrecht plötzlich hart angefaßten Fremdarbeiter sank jäh ab.

Nicht zur Ausführung gelangte Delmers größter Coup. Einige Monate vor Kriegsende hatte er so starke Sender zur Verfügung und seine Programm-Fabrikation so perfektioniert, daß seine Stationen im Bruchteil einer Sekunde jedes deutsches Mittel- und Langwellen -Programm ablösen konnten, sobald die deutschen Sender bei Luftangriffen abschalteten, ohne daß die Hörer es merkten.

Darauf basierte Delmers Idee, durch pausenlose Anflüge alle Reichssender gleichzeitig für längere Frist zum Abschalten zu zwingen und in dieser Zeit in »Sondermeldungen aus dem Führerhauptquartier« der Wehrmacht, der Heimat und aller Welt die deutsche Kapitulation zu verkünden.

Der Plan wurde von Delmer dem britischen Kriegsministerium unterbreitet. Nach erbitterten Diskussionen verwarf man ihn aus zwei Gründen:

- Man fürchtete auch bei den eigenen Truppen gefährliche Verwirrung, weil sie aus Geheimhaltungsgründen nicht vorher ins Vertrauen gezogen werden konnten.

- Man fürchtete bei einem Gelingen des Coups eine neue Dolchstoß-Legende in Deutschland: Das Dritte Reich sei nicht militärisch, sondern durch einen Trick besiegt worden.

Für alle Unternehmen der schwarzen Propaganda - von den Rundfunksendungen über die Truppenzeitung bis zu den Sonderaktionen - war ein hervorragender Nachrichtendienst notwendig. Delmer hatte viele Quellen erschlossen. Er erhielt Informationen vom Secret Service. Die Luftwaffe lieferte unmittelbar nach jedem Angriff Photos der verursachten Schäden ab, damit aufgrund deutscher Stadtpläne die Bombeneinschläge genau ausgemacht und ihre Wirkung in »Funk-Reportagen aus Deutschland« beschrieben werden konnten.

Die Armee schickte erbeutete Wehrmachtsdokumente. Kuriere zu den Partisanen in den besetzten Gebieten beförderten Post hin und her. Alle Briefe an deutsche Gefangene in England wurden geöffnet und auf verwertbare Informationen gesichtet.

In deutschen Kriegsgefangenenlagern selbst wurden versteckte Mikrophone angebracht, um Delmer über den gängigen Front-Jargon auf dem laufenden zu halten. Delmer: »Ausdrücke wie z.B. 'abgesoffen', 'am Arsch', 'Goldfasan' und andere wären uns aus der bloßen Zeitungslektüre nie bekannt geworden.«

Eine der wichtigsten Informationsquellen war das großdeutsche Propagandaministerium; auf dem Hellschreiber des ehemaligen Londoner Vertreters der amtlichen deutschen Nachrichtenagentur DNB lief bis zur Kapitulation der volle deutsche Dienst. Berlin hatte vergessen, den Empfänger abzuschalten.

Anfang 1945 beschäftigte Sefton Delmer in seinem Stab im kleinen Dorf Aspley Guire in Bedfordshire etwa 300 Mitarbeiter, die meisten von ihnen Deutsche, Emigranten, Überläufer und Kriegsgefangene. In richtiger Einschätzung der deutschen Nachkriegsmentalität gab Delmer jedem von ihnen einen Decknamen, damit sie sich später nicht gegenseitig wegen antideutscher Tätigkeit denunzieren konnten.

Zu Delmers Team gehörten der 20. -Juli-Verschwörer und spätere Bonner Verfassungsschutzpräsident, Grenzgänger Otto John (Deckname: Oskar Jürgens), und der ehemalige AA-Diplomat Wolfgang Gans Edler zu Putlitz (Deckname: Mr. Potts), der nach dem Krieg seinen britischen Paß zerriß, in die Ostzone übersiedelte und 1954 als erster versuchte, Otto John zum Frontwechsel zu bewegen.

Daß auch der ostzonale Fernseh-Kommentator Karl Eduard von Schnitzler ("Der schwarze Kanal") bei Delmer diente, ist ebenfalls bekannt. Viele sind unerkannt in der Bundesrepublik untergetaucht, ohne daß ihre Umwelt von ihrer Vergangenheit weiß - seien es Bundestagsabgeordnete, Porzellan -Fabrikanten oder Gewerkschafts-Führer.

Wie recht Sefton Delmer mit Vorsichtsmaßregeln und Decknamen-Verteilung hatte, erwies sich schon bald nach Gründung der Bundesrepublik. Im Krieg war ihm vom Secret Service ein geflohener Offizier der Waffen-SS namens Zech-Nenntwich gesandt worden, der angab, mit polnischen Partisanen Geschäfte gemacht und mit Eva Brauns Schwager, dem SS-General Hermann Fegelein, eine SS-Widerstandsgruppe gegründet zu haben.

Delmer taufte ihn Dr. Nansen, übertrug ihm Sendungen für die SS, aber mißtraute ihm von Anbeginn. Er ließ Zech-Nenntwich zwar mit Putlitz zusammenziehen, isolierte ihn jedoch von allen anderen Mitarbeitern.

Delmer: »Im Januar 1950 wurde Zech-Nenntwich, alias Dr. Nansen, von Bundeskanzler Adenauer zu einer Privataudienz in Rhöndorf empfangen. Zwei Stunden lang saß Zech-Nenntwich, wie er sich später rühmte, bei dem alten Kanzler und erzählte ihm alles, was er über die Leute wußte, die mit mir gearbeitet hatten, insbesondere über diejenigen, die, wie einige der Sozialdemokraten, nach dem Krieg aktiv am politischen Leben in Deutschland teilnahmen und nun in Opposition zu Adenauer standen.«

Damit ist Delmer bei der Schlußthese seiner Autobiographie- angelangt: dem Wiedererstehen des Nationalismus in Deutschland. Als Musterfall für die neue Gesinnung in Deutschland seziert Delmer den Fall seines ehemaligen Mitarbeiters Otto John. Er führt neue Indizien für die Unschuld des Grenzgängers an - darunter die Aussage von US-Geheimdienstchef Allen Dulles, daß John kein Geheimnis verraten habe - und bezeichnet Johns Verfolgung und Verurteilung durch einen Gerichtshof der ersten und zugleich letzten Instanz als Justizirrtum - erklärbar nur aus der grundsätzlich feindseligen Haltung des bundesrepublikanischen Staates gegen alle Anti-Hitler-Kämpfer.

Sefton Delmer, der als einziger ausländischer Journalist nach dem Krieg den westdeutschen Geheimdienst-General Reinhard Gehlen sah und sprach, zitiert den ehemaligen Ost-Aufklärer Hitlers und heutigen »lieben General« des Kanzlers über Otto John: »Einmal ein Verräter, immer ein Verräter.«

Daß diese Mentalität weitgehend westdeutsche Staatsgesinnung werden konnte, dafür macht sich Sefton Delmer - arrogant wie immer - mitverantwortlich. Vier Jahre lang habe er im Krieg durch den Äther, in Schrift, Bild und Gerücht das Gift der Zersetzung ins deutsche Volk geträufelt: Heimat und Wehrmacht, die unter dem Führer für Deutschland kämpften, beständen aus anständigen Kerlen; schädlich seien nur die Parteibonzen. Diese These konnte - laut Delmer - nur dazu beigetragen haben, daß heute das deutsche Volk die eigene Haltung im Dritten Reich als durchweg normal, anständig und gerechtfertigt betrachte, Emigranten und Widerständler aber als Verräter ansehe. »Die schwarze' Propaganda«, resigniert der Chef vom 'Chef', »hat sich als schwarzer Bumerang erwiesen.«

* Sefton Delmer: »Die Deutschen und Ich«. Nannen-Verlag, Hamburg; 1962; 816 Seiten; 38 Mark.

Reporter Delmer (r.), Reisegefährte (1932), Nr. 33 auf der Sonderfahndungsliste

Delmer-Gegner Fritzsche (1946) Spiel, Satz und Sieg in Nürnberg

Delmer-Flugblatt: In die Suppe spucken und Heil Hitler rufen

Grenzgänger John (r.), Ex-Chef Delmer (l., Ostberlin, 1954), »Bleichen Sie Ihr Haar?«

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