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Briefe

DER DOKTOR GROLLT
aus DER SPIEGEL 5/1960

DER DOKTOR GROLLT

Blanks Gesetzentwurf dient in erster Linie den finanziellen Interessen der Krankenkassen. Er soll augenscheinlich die üblen Folgen des Lohnfortzahlungsgesetzes, Wahlschlager Nummer Eins des Jahres 1957, beseitigen. Daß die Zinsen für diesen politischen Kredit ausschließlich von den Ärzten bezahlt werden sollen, ist zumindest problematisch, wenn nicht gar suspekt.

Münster WILHELM GRATZNER

Nicht müde werden darf die Stimme der Vernunft. Sie muß immer wieder im Sinne eines Hippokrates darauf hinweisen, daß nur die individuelle Behandlung ein echtes Verhältnis Arzt-Patient schafft und erhält und daß dies nur erreicht werden kann durch eine liberale Lösung in Form einer freien Zulassung zur kassenärztlichen Tätigkeit. Allein hierdurch wird eine kollegiale Konkurrenz geschaffen, die zugunsten des Patienten eine Qualitätsverbesserung der ärztlichen Leistungen verbürgt.

Reutlingen DR. WILHELM LIPFERT

Überall in der zivilisierten Welt - auch und gerade in der DDR und in der Sowjet-Union - wird die »präventive« Medizin großgeschrieben, um die Volksgesundheit zu erhalten. In dem neuen Gesetzentwurf wird dieser Begriff bewußt ad acta gelegt.

Kirchhofen (Baden) DR. BENNO MÜLLER

Die Vorteile, mit denen Theo Blank seinen Krankenversicherungsentwurf garniert, erweisen sich bei näherer Betrachtung nur als Köder, mit denen der Sozialminister Öffentlichkeit und Ärzteschaft in die Falle Selbstbeteiligung locken will. Die Vorteile, daß etwa langwierig Kranke in Zukunft nicht mehr ausgesteuert werden, wiegen die finanziellen Nachteile, die der einzelne in Kauf nehmen muß, keineswegs auf. Schlimmer: Die Selbstbeteiligung ist ohne Zweifel der erste Schritt zur Auflösung des Sozialstaates.

Köln GERHARD WISMEHR

Minister Blank macht einen »Reform« -Entwurf, erwartet technische Schwierigkeiten und will den »Schiedsrichter« über die seiner Dekrete harrenden Arzt -Untertanen spielen. Bisher haben sich Patienten, Krankenkassen und Ärzte demokratisch zusammengerauft, um zu einem für alle Teile erträglichen Status

zu gelangen. Es war zu hoffen, daß bestehende Mißstände auf dem Verhandlungswege von Sachkennern der beteiligten Gruppen schrittweise beseitigt würden. Das Vertrauen dazu durfte man auch Dr. Voges entgegenbringen. Unsere sonst weidlich nach den USA blikkende Regierung dürfte kaum auf den Gedanken kommen, freie Arzt-Patient -Verhältnisse anzustreben, wie sie dort herrschen. Hier billigt man die Krankenkassenzugehörigkeit nicht nur den sozial Schwachen zu, wie es der eigentliche Sinn dieser Einrichtung war, sondern auch vielen Begüterten. Wir freien Ärzte zum Beispiel müssen mit Praxisbeginn unser Krankheitsrisiko durch eigenverantwortliche Vorsorge (private Krankenversicherung etc.) decken. Besteht vielleicht die hintergründige Absicht, den noch relativ freien Krankenkassenpatienten-Arzt an die Kandare der Ministerialbürokratie zu nehmen? Wird nicht damit ein Schritt in Richtung auf östliche Verhältnisse getan? Soll das wenigstens teilweise noch persönliche und freie Arzt-Patient-Verhältnis weiter beeinträchtigt und geknebelt werden?

Hamburg 20 DR. RUDOLF HELLMANN

Industriekurier

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