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»Der Dolch steckt in der Leiche«

Ein »Heilsglaube unserer Zeit« oder »handfeste Forschung« zur Lösung politischer Konflikte? Die westdeutsche Friedensforschung ist umstritten, der Parteienkonsens über diesen Wissenschaftszweig droht zu zerbrechen. Franz Josef Strauß kündigte Bayerns Mitgliedschaft bei der Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Wenn die Oberen vom Frieden reden, weiß das gemeine Volk, daß es Krieg gibt«, schrieb Bertolt Brecht 1938, als die Nazis nur noch vom Frieden redeten und das Münchner Abkommen mit Engländern und Franzosen zuwege brachten. Ein Jahr später war Krieg.

Über Frieden und seine Bedrohung wird bis zum Donnerstag dieser Woche in Königstein im Taunus geredet. Doch die 200 Diskutanten aus aller Welt, die sich dort für sechs Tage zur 8. Weltkonferenz der Internationalen Vereinigung der Friedensforscher (Ipra) eingefunden haben, zählen weder in der Bundesrepublik noch in ihren sonstigen Heimatländern zu den Oberen: Kriege zu machen, liegt so wenig in ihrer Macht, wie sie zu verhindern.

Viel Resonanz ist ihnen auch nicht gewiß. Friedensforschung hat kein sonderliches Renommee in der Bundesrepublik.

Die einschlägigen Bonner Ministerien -- Auswärtiges Amt, Wirtschaft und Verteidigung -- tun sich schwer, die öffentlich alimentierte Friedensforschung auch nur als Gesprächspartner ernst zu nehmen. Er sei bislang »häufiger von anderen westlichen Ländern zu Hearings und Expertengesprächen gebeten worden als von der Bundesregierung«, konstatiert der Berliner Politologe Ulrich Albrecht, der sich unter anderem mit Arbeiten über Waffenhandel und die Rolle des Militärs in der Dritten Welt einen Namen gemacht hat.

Andere westliche Regierungen haben ihre Friedensforscher längst in die Beratergruppen geholt, die für KSZE- und Abrüstungsverhandlungen bereitstehen. In der Bundesrepublik dagegen, so klagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Erwin Horn, scheine Friedensforschung oft nur »eine Alibifunktion einzunehmen«.

Zwar forscht der Ex-General Wolf Graf von Baudissin in Hamburg in Sachen Frieden: Sein der Universität angegliedertes Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) geriet in jüngster Vergangenheit vor allem mit kritischen Studien zum militärischen Kräfteverhältnis zwischen Ost und West ("Kommt der dritte Weltkrieg 1983?") in die Schlagzeilen. Zwar verfügt das Land Hessen über eine eigene Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), der zur Zeit der Frankfurter Politologe und USA-Spezialist Ernst-Otto Czempiel vorsteht. Aber keines dieser und der anderen Institute, auch nicht das von Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker und Jürgen Habermas geleitete »Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt« in Starnberg, hat bislang den Rang des Internationalen Friedensforschungsinstituts in Stockholm (Sipri) erreichen können:

Sipri-Veröffentlichungen zu Waffen-Technologien und Sipri-Jahrbücher zur Weltrüstung und Abrüstung zählen inzwischen zu den Standardwerken, die in multilateralen Verhandlungen häufig über tote Punkte hinweghelfen, wenn andere Quellen, vor allem für Vertreter des Ostblocks und der Dritten Welt, nicht akzeptabel sind.

Offensichtlich gehört die Bundesrepublik, so sieht es nicht nur der Vorsitzende der westdeutschen Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK), Egbert Jahn, in der Friedensforschung »zu den »verspäteten« Nationen«. Denn als die in der Ipra zusammengeschlossenen Friedensforscher vor 14 Jahren im niederländischen Groningen ihren ersten Weltkongreß abhielten, gab es in der Bundesrepublik überhaupt noch keine organisierte Forschung dieser Art.

Nach damaligem Mehrheitsverständnis Bonner Politiker wäre sie auch überflüssig gewesen: Fast zwanzig Jahre lang hatte die Schablone von der Freien Welt genügt, die den Frieden vor allem durch jene bedroht sah, die das Wort ständig im Munde führten: die Kommunisten. »Friedensforscher«? sagt ein Hamburger Friedensforscher, »das klang für viele eben wie Friedensfreund« -- und als »westdeutscher Friedensfreund« wurde begrüßt, wer sich in den 50er Jahren ("Deutsche an einen Tisch") zu gesamtdeutschen Volkskongressen in die DDR locken ließ.

Noch im Apo-Jahr 1968 erschien Friedensforschung »selbst als Begriff dubios«, wie der heute im niederländischen Nijmegen lehrende Politikwissenschaftler und AFK-Mitbegründer Kurt Tudyka sich erinnert. Erst nachdem der Sozialdemokrat Gustav Heinemann ins Bonner Präsidenten-Palais eingezogen war, erhielt die junge Wissenschaftsdisziplin Friedensforschung einen institutionellen Schubs: Am 30. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen forderte Heinemann öffentlich wissenschaftliche Schützenhilfe für den Frieden.

»Der Krieg ist kein Naturgesetz«, redete Heinemann 1969 den damals bereits anderthalb Jahrzehnte lang wieder bewaffneten Westdeutschen ins Gewissen, »sondern Ergebnis menschlichen Handelns.« Dem gelte es auf die Spur zu kommen, und dazu täte nicht nur »eine Friedensforschung« not, sondern als deren mittelbare Ergebnisse auch »neue Ordnungen und neue Gewohnheiten, neue Spielregeln und neue Verhaltensweisen«.

Seither gilt 1969 unter bundesdeutschen Friedensforschern als das Jahr null. Daß diese Zeitrechnung, wenn auch mit dreißigjährigem Abstand, Bezug zum Zweiten Weltkrieg aufweist, ist den Deutschen historisch ähnlich angemessen wie den Schweden das Jahr 1964 als Beginn ihrer Friedensforschung: Damals hatte der sozialdemokratische Regierungschef Tage Erlander 150 Jahre ununterbrochenen Friedens im skandinavischen Königreich zum Anlaß genommen, die Gründung des Sipri-Instituts anzuregen.

Das Stockholmer Institut hatte von Anbeginn zwei entscheidende Vorteile gegenüber der westdeutschen Friedensforschung: Es vereint Forscher unterschiedlicher Disziplinen aus allen Teilen der Welt, und es hat klare Adressaten.

Analysen von Sipri richten sich fast ausschließlich an Regierungen und internationale Organisationen -- getreu dem Ziel, das sein erster Vorsitzender Gunnar Myrdal, Nobelpreisträger der Ökonomie, Ex-Diplomat und Ex-Minister, Ende der 60er Jahre so skizziert hatte: »Handfeste Forschung ... keine generellen Theorien, keine Sandkastenspiele, keine strategischen Studien.«

Präzise listete Sipri in sechs Bänden die Probleme chemischer und bakteriologischer Kriegsführung auf, sorgfältig registrierte es den Waffenexport in Entwicklungsländer. Erst vor drei Jahren, als das Institut sich »das nötige Ansehen erworben« hatte (Myrdal), legte es Untersuchungen zu einzelnen Konflikten oder deren Folgen vor: zu Südafrika und zu den ökologischen Auswirkungen des Zweiten Indochina-Krieges.

Eine solch klare Linie fehlt der westlichen Friedensforschung, in der sich unterschiedliche Zielvorstellungen, unterschiedliche Forschungsansätze und auch unterschiedliche Begriffe von Wissenschaft mischen. Dementsprechend unentschieden ist bis heute, ob mögliche Arbeitsergebnisse eher auf konkrete Politikberatung der Bonner Administration oder mehr basisorientiert auf eine breitgefächerte Friedenspädagogik zielen sollen.

Solche Orientierungsschwierigkeiten haben zwar auch Friedensforscher anderer Länder -- Anlaß auch dort zu mancherlei Kritik -, aber nirgendwo kam bislang eine parlamentarische Opposition auf den Gedanken, die interdisziplinär organisierte Friedensforschung finanziell auszutrocknen; darum bemühen sich lediglich Westdeutschlands Unions-Christen.

Sie haben sich mit den Konflikt-Theoretikern, Waffenzählern und Friedenspädagogen nie recht befreunden können. Und mitunter reagierten sie, als hätten sie unter ihnen den vom Protestsänger Dieter Süverkrüp einmal besungenen »Krypto-Kommunisten« entdeckt, der morgens seine »Unterwanderstiefel« anzieht, Kirchen ansteckt und derweil mit »Schwester Theres«? diskutiert, »bis die auch für den Weltfrieden ist«.

Für den CSU-Haushaltsexperten Walter Althammer war Friedensforschung schon vor Jahren »intellektuelle Selbstzerstörung«. Und die Bonner CDU/CSU-Fraktion hielt dafür, die Förderungsmittel besser in der Krebsforschung anzulegen. Deutlicher waren da eigentlich nur westdeutsche Waffenhändler, die, wie Gerhard Mertins »Schreibtischlobbyisten« am Werke wähnten, »deren Ziele unbestreitbar mit denen des russischen KGB identisch« seien.

Schon als die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK) als zentrale Förderinstitution im Herbst 1970 gegründet und unter der Nummer 20 VR 3531 ins Vereinsregister des Amtsgerichts Bonn eingetragen wurde, war es den CDU-regierten Bundesländern gelungen, das ursprüngliche Heinemann-Konzept zu verwässern. Noch heute spiegelt die komplizierte Organisationsform der DGFK die komplizierten Kompromisse der Gründungsphase wider. »Der Dolch«, urteilt Professor Albrecht aus heutiger Sicht, »steckte von Anfang an im Gewande -- man kann auch sagen, in der Leiche.«

DGFK-Mitglieder sind laut Satzung neben dem Bund und den Ländern (außer dem Saarland) sieben »gesellschaftliche Gruppen«, hübsch im Proporz: zweimal die Arbeitnehmer (DAG und DGB), zweimal die Arbeitgeber (BDA und BDI), dazu dreimal die Religion -- der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, Katholische Bischofskonferenz und Jüdischer Zentralrat.

Diese staatlichen und gesellschaftlichen Mitglieder warfen im vergangenen Jahr gemeinsam 3,5 Millionen Mark für die DGFK-Förderung aus -- weniger als den Gegenwert eines bundesdeutschen Panzers vom Typ »Leopard II«. Unternehmer, Gewerkschaften und Kirchen hielten sich mit 60 000 Mark zurück, von den Ländern kamen 624 000 Mark, und den Löwenanteil bestritt der Bund mit 2,7 Millionen.

Ein etwas höherer Betrag als der Bundeszuschuß, 2,9 Millionen Mark, wurde 1978 für die Förderung von Friedensforschungs-Projekten an Wissenschaftler verteilt. Der Rest, immerhin noch 14,8 Prozent des Gesamtbudgets, blieb in Personal- und Verwaltungskosten stecken.

Dieser hohe Verwaltungsanteil war denn auch eines der Argumente, mit denen der Freistaat Bayern Ende März dieses Jahres die DGFK-Mitgliedschaft aufkündigte -- mit einem Vier-Zeilen-Brief von Franz Josef Strauß. DGFK-Kuratorin Mathilde Berghofer-Weichner, Strauß-Stellvertreterin im CSU-Vorstand und Staatssekretärin im bayrischen Kultusministerium, ließ sich im »Bayernkurier« vernehmen, solche hohen Verwaltungskosten könne nur der tolerieren, »dem es in Wirklichkeit nicht um die Förderung dieser Forschung, sondern um die Förderung der linken Schlagseite der DGFK geht«.

Daß der relativ hohe Verwaltungsaufwand der DGFK unmittelbar mit der komplizierten Organisationsstruktur zusammenhängt, die wiederum ein Resultat politischer Proporztüfteleien ist, ließen die Christsozialen unerwähnt -die ganze Richtung paßte nicht.

Die katholische »Neue Bildpost« qualifizierte die deutschen Friedensforscher als »einäugig« und »gar nicht so friedlich«, »kalte Krieger gegen unsere Gesellschaftsordnung«, mit der »Mies-Machung der Bundesrepublik« beschäftigt. Gewichtiger war freilich, daß Wissenschaftler wie der Tübinger Soziologe Friedrich Tenbruck solcher Kritik kaum nachstanden.

Friedensforschung, befand Tenbruck, sei »alles in allem keine Wissenschaft«, sondern ein »Heilsglaube unserer Zeit«. Besonders dort, wo sie sich kritisch nenne, habe sie »falsche Luft« und rieche nach »billigem Jakob«.

Keine Frage, daß Friedensforschung für linke Leute attraktiv war und in den letzten Jahren besonders bei Jungsozialisten und Jungdemokraten Widerhall fand. Nach der These dieses linken Flügels, der »kritische« Friedensforschung zu betreiben beansprucht, sind die derzeitigen Industriegesellschaften so weit zu demokratisieren, daß sie ihre »strukturelle Gewalt« (so der norwegische Friedensforscher Johan Galtung) verlieren. Die Gesellschaft, wie sie ist, sei nach innen wie außen bestenfalls zu einem »negativen Frieden« fähig, zur Abwesenheit von Krieg.

DGFK-finanzierte Arbeiten dieser Richtung beschäftigen sich mit der »Krise des Kapitalismus und der Zukunft Lateinamerikas«, »Rüstung und Unterentwicklung« ebenso wie mit »konfliktorientierter Gemeinwesenarbeit«, mit »Feindbildern in Regierungserklärungen und Bundestagsreden«. Und in einem Aufsatz des Friedensforschers und Bochumer Theologieprofessors Hans-Eckehard Bahr heißt es beispielsweise, das »gewaltfreie Handeln« der Bürgerinitiativen entspreche einer »neuen Didaktik der Befreiung": Die »gewaltfreie Aktion« bringe den »sozial Ohnmächtigen ein neues Gefühl der Würde«.

Solche Bekenntnisse förderten rechts von der Mitte das innenpolitische Negativ-Image der westdeutschen Friedensforschung -- und den Argwohn, hier werde von Frieden geredet, aber systemverändernde Gewalt gemeint. Daß jedoch gerade die »kritische« Konfliktforschung am frühesten auf die Sprengkraft von Umweltschutz und Kernkraft als Bürgerinitiativ-Themen hingewiesen hatte, läßt jene Kritik meist unberücksichtigt, die Friedensforschung als »regelrechte Kapitulationsideologie« (so der konservative Soziologe Ernst Topitsch) begreift.

Freilich, die »kommunistische Propaganda«, wie die Union die Friedensforschung immer wieder abqualifizierte, kam bei den Kommunisten nicht an. Kaum eine Studie westlicher Wissenschaftler wurde bislang in Osteuropa veröffentlicht. Im Gegenteil: Der Ost-Berliner Gesellschaftswissenschaftler Alfred Bönisch etwa rügte an westdeutscher Friedensforschung, ihre Kritik sei »oft sehr nebulös, so daß sie sich unterderhand nicht selten in Apologetik des Kapitalismus verwandelt«.

Damit mochten solche Analysen gemeint sein, die von der traditionellen Sicherheitspolitik ausgehen und durch den Pragmatismus der amerikanischen Rüstungskontrollschule geprägt sind; etwa der Kölner Politologe Karl Kaiser, der 1973 das bis dahin von Karl Carstens verwaltete Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik übernommen hat und die Themen »mittelfristiger« Friedensforschung so beschreibt: »Probleme der Rüstungskontrolle, der Rüstungsbeschränkung, der Zähmung des Rüstungswettlaufs, Vermittlungsmechanismen bei Konflikten.«

Mit ähnlichem Ansatz arbeitet auch der Hamburger Graf Baudissin bei seinen Vorschlägen für vertrauensbildende Maßnahmen zwischen den Militärblöcken. Maßgeblich vom Baudissin-Institut betreut wurde etwa ein »Grünbuch zu den Folgewirkungen der KSZE«, in dem journalistische Arbeitsmöglichkeiten im Ostblock genauso analysiert werden wie die Verarbeitung der KSZE-Folgen in Osteuropa. Die beiden Richtungen, personell wie von der wissenschaftlichen Produktion her etwa gleich stark und nur unzulänglich mit »rechts« und »links« zu qualifizieren, bestimmen den Spannungszustand innerhalb der westdeutschen Friedensforschung:

Jede »mittelfristige Friedensforschung«, die Ursachen und Folgen von sicherheitspolitischen Konflikten untersuche und Systemveränderungen »nur in äußerst gradualistischer Weise« anstrebe, so hatte Kaiser als erster Vorsitzender des DGFK-Kuratoriums vor Jahren konstatiert, drohe »zur Dienerin des Status quo zu werden, die zwar fürs erste das Überleben sichern hilft, aber den Versuch der Überwindung des heutigen Zustandes aufgegeben hat«.

Um diese Gefahr zu meiden, brauchten die Gradualisten (vom rechten Flügel) die Konfrontation mit der »kritischen Position« (vom linken Flügel) und die »weitertreibenden Fragestellungen und Entwürfe der langfristigen Friedensforschung« (Kaiser).

Nachdem solche Worte lange in den akademischen Wind gesprochen wurden und die Friedensforschung der Rüstungskontroll-Experten mit der Friedensforschung der Systemkritiker unversöhnbar schien, »ist der Dialog« nach Meinung des Heidelberger Friedensforschers Hans Günter Brauch »heute durchaus wieder möglich«. Die konkreten Probleme, etwa das durch Rüstungskontrollverträge kaum gebremste Wettrüsten der Großmächte, führten »beide Richtungen zusammen«.

Praktischer wurde die Friedensforschung derweil allerdings nicht, obwohl die Förderungsrichtlinien der DGFK »Relevanz der Forschung für die politische Praxis« verlangen. Auch die Ministerpräsidenten der Länder haben nach einer Prüfung der DGFK-Arbeit im Herbst vergangenen Jahres gefordert, bei der Förderung stärker auf die Praxisbezogenheit der beantragten Forschungsobjekte zu achten.

Nun existiert kaum ein Friedensforschungs-Papier, in dem sich die Produzenten nicht selber Gedanken über die praktische Umsetzung machen. Was freilich die Realisierbarkeit angeht, so ähnelt die Lage westdeutscher Friedensforscher ein wenig derjenigen Imker Spontis, die ihre Politik nach der Formel bestimmen: »Wir haben keine Chance -- aber wir nutzen sie.« Der Heidelberger Religions-Philosoph Georg Picht hat dieses Dilemma unlängst treffend auf den Punkt gebracht, als er einräumte, »daß die Friedensforschung bislang keine Konzepte anzubieten habe, die politisch ernst genommen werden könnten«. Andererseits, so Picht, sei »ebenso sicher, daß solche Konzepte, wenn es sie gäbe, keinen politischen Rückhalt finden würden«.

Um ihre Praxis-Auflage besser kontrollieren zu können, sollen die Länder in Zukunft zwei stimmberechtigte Vertreter in die Förderungskommission entsenden. Und um die unionsregierten Länder milde zu stimmen, unterschrieben die SPD-Ministerpräsidenten sogar eine Forderung nach mehr »politischem Pluralismus« in der Förderungspolitik -- in der Hoffnung, die Bayern dadurch bei der Stange zu halten. Doch ehe die DGFK, die noch bis zum Jahresende Zeit zu einer Stellungnahme hat, berichten konnte, lag die Strauß-Kündigung auf dem Tisch.

Noch hoffen die westdeutschen Friedensforscher? daß es nur beim Rückzug Bayerns bleibt. Kuratoriums-Vorsitzender Werner Link, Politologe in Trier, sieht jedenfalls einstweilen noch keine »geschlossene Phalanx von CDU und CSU« und damit auch noch nicht die Gefahr »der Amputation einer ganzen politischen Richtung«.

Wenn sich freilich Kanzlerkandidat Strauß mit seiner Polarisierungs-Strategie in der Union durchsetzen sollte, dann, sagt Link, »wäre das das Ende der Gesellschaft«.

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