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PERSONALPOLITIK Der doppelte Entscheid

aus DER SPIEGEL 47/1957

Wie wendig Personalpolitik betrieben werden muß, wenn sie den Vorstellungen des Bundesverteidigungsministers Franz-Josef Strauß entsprechen soll - das zu studieren, hat der neue Leiter der Unterabteilung III C (Militärisches Personal) im Verteidigungsministerium, Brigadegeneral Hansen, der den Brigadegeneral Mueller-Hillebrand abgelöst hat, jetzt hinreichend Möglichkeiten.

Hinweise auf die Erfordernisse seines Amtes findet Hansen in den Unterlagen eines Prozesses, der in Kürze vor dem Landesverwaltungsgericht in Köln beginnen soll. In diesem Prozeß geht es um die Frage, ob der Hauptmann Konrad Knabe zu Recht aus der Bundeswehr entlassen worden ist oder nicht. Hansens Vorgänger im Amt, der abgehalfterte Brigadegeneral Mueller-Hillebrand, hatte sich über diese schwerwiegende Frage mit seinem Chef Strauß nicht einigen können - was zu dem Bruch zwischen beiden beitrug.

Bundesverteidigungsminister Strauß hatte dem Hauptmann Knabe am 1. März dieses Jahres knapp mitgeteilt: »Ihre Tätigkeit als eignungsübender Offizier in der Bundeswehr hat in der Öffentlichkeit starke Erregung hervorgerufen. Ich habe mich deshalb veranlaßt gesehen, nochmals die Untersuchung wegen Ihres Verhaltens gegen die Eheleute Freiherr von Massenbach in Marburg vor 1945 aufzunehmen. Abschließend bin ich zu dem Ergebnis gelangt, daß Sie als Offizier für die Bundeswehr wegen der festgestellten Unzulänglichkeiten in der Person untragbar sind... Ich entlasse Sie ... mit Ablauf des 30. Juni aus der Bundeswehr.«

Sei es nun, daß der Minister sich über den Fall nicht ausreichend unterrichtet hatte oder daß er einigen Bundestagsabgeordneten von der Opposition, die gegen Knabe schwere Beschuldigungen erhoben hatten, gefällig sein wollte - Tatsache ist, daß Knabe nach einem ersten Untersuchungsverfahren in derselben Sache für unbelastet erklärt worden war. Das war freilich noch zu der Zeit, da Theodor Blank Verteidigungsminister war.

Der heute 42 Jahre alte Knabe war im Kriege unter Generaloberst Dietl Hauptmann der Luftwaffe und Kettenführer einer Fernaufklärungsstaffel in Lappland gewesen. Knabe: »Ich hatte den Spitznamen ,das Auge Dietls'.« Als er in einer Nachtaufklärung den bevorstehenden Angriff zweier sowjetischer Korps rechtzeitig erkannt und gemeldet hatte, wurde Knabe für seine Aufmerksamkeit und Umsicht nach dem 250. Feindflug mit dem Ritterkreuz dekoriert.

Im September 1944 - Knabe war gerade bei der Frontfliegersammelstelle in Quedlinburg - bekam er einen Brief seiner Frau, die besorgt anfragte, was sie von Äußerungen halten solle, die sie von dem Oberstleutnant der Reserve und Tabakwarenhändler Freiherr von Massenbach und dessen Freundin, einem Fräulein Brinkmann, im Luftschutzkeller gehört habe. Der Freiherr von Massenbach habe zum Beispiel gesagt: »Der deutsche Soldat soll doch endlich die Waffen wegwerfen.« Und: »In der Zeitung steht immer: Der deutsche Soldat stirbt den Heldentod. In Wirklichkeit verrecken die da draußen doch nur.«

Hauptmann Knabe las diesen Brief von der Heimatfront im Offizierskasino und kommentierte die beunruhigenden Mitteilungen seiner Frau mit empörten Ausrufen wie: »Unerhört!« Neben Knabe saß zufällig ein Oberst Brauer, der sich sogleich erkundigte, was denn so unerhört sei. Knabe berichtete von den ketzerischen Äußerungen des Oberstleutnants in Marburg. Darauf Oberst Brauer: »Da müssen Sie unbedingt Meldung machen.«

Knabe meinte jedoch, es genüge wohl, wenn er dem Zweifler am Endsieg brieflich die Leviten lesen würde. Oberst Brauer hielt von solcher Milde wenig und verlangte den Namen des »Defaitisten« zu erfahren, um von sich aus Meldung zu machen. Knabe behauptet heute zwar, er habe sich dieser Forderung zunächst widersetzt. Schließlich gab er den Namen aber doch preis. Oberst Brauer erstattete Meldung bei seiner vorgesetzten Dienststelle.

Knabe schrieb postwendend an seine Frau, im Fall Massenbach sei Meldung erstattet worden. Bestürzt schrieb Frau Knabe zurück, eine Anzeige gegen Massenbach sei gewiß nicht ihre Absicht gewesen. Ihr Ehemann solle die Meldung unbedingt rückgängig machen. Die Meldung war aber bereits weitergeleitet worden und schon zur Marburger Gestapo unterwegs.

Knabe kam um Sonderurlaub ein und eilte nach Marburg. Bei der Gestapo-Außenstelle lag die Meldung über die Äußerungen des Oberstleutnants von Massenbach schon vor. Knabe bat dringend, ihm die Meldung auszuhändigen und die Sache zu vergessen. Doch die Gestapo erklärte, das sei unmöglich, die Angelegenheit sei bereits zu den Akten genommen.

Oberstleutnant von Massenbach und dessen Fräulein Brinkmann wurden in Untersuchungshaft genommen. Das Fräulein, das ein Kind erwartete, wurde alsbald wieder entlassen, Massenbach wurde erst im Frühjahr von amerikanischen Truppen aus der Haft befreit.

Als Knabe Ende Juni 1945 nach Marburg zurückkehrte, trat Massenbach, der das Fräulein Brinkmann inzwischen geheiratet hatte, an Konrad Knabe heran und forderte eine finanzielle Entschädigung für die Unbill, die ihm (Massenbach), seiner Frau und dem später geborenen Kind widerfahren war.

Knabe war bereit, ohne Anerkennung einer Schuld 22 000 Mark zu zahlen. Knabe: »Nur, um meiner Frau und meiner Mutter die seelische Ruhe wiederzugeben.«

Eine Einigung scheiterte jedoch daran, daß Massenbach den Konrad Knabe auch für alle Krankheiten schadenersatzpflichtig machen wollte, die das Massenbachsche Kind künftig erleiden würde und die mit der Inhaftierung seiner Frau zusammenhängen könnten. Als Knabe sich weigerte, mehr als 22 000 Mark zu zahlen, zeigte ihn Massenbach - er ist inzwischen verstorben - bei der Spruchkammer Marburg an. Die Spruchkammer verurteilte Knabe wegen Denunzierung der Eheleute Massenbach zu zwei Jahren Arbeitslager und zog 75 Prozent seines Vermögens ein.

Nachdem Knabe seine Strafe verbüßt hatte, trat er in das Textilgeschäft seiner Mutter ein. Bald versah er eine Reihe von ortsüblichen Ehrenämtern. So wurde er zweiter Vorsitzender der Marburger Oberstadt-Gemeinde und zweiter Vorsitzender des Marburger Einzelhandelsverbandes.

Knabe und Schweißhelm

Als dann die Bundeswehr entstand, bewarb sich auch der ehemalige Berufssoldat Knabe. Am 20. Februar 1956 teilte ihm Personalchef Mueller-Hillebrand mit, seinem Gesuch sei stattgegeben worden, und er könne am 11. März seinen militärischen Dienst im Bundesverteidigungsministerium antreten.

Knabe staunte freilich sehr, daß er sogleich dem Referat »Vorbeugende Maßnahmen« im Bundesverteidigungsministerium zugeteilt wurde. Dieser Dienststelle obliegt es, gemeinsam mit dem Militärischen Abschirmdienst, die Deutsche Bundeswehr vor der Infiltration kommunistischer und rechtsradikaler Elemente zu schützen.

Nun hielt sich Hauptmann Knabe wegen seiner eigenen Vergangenheit selbst am wenigsten für eine derartige Verwendung geeignet. Noch am Tage seines Dienstantritts trug er seinem Vorgesetzten, dem damaligen Hauptmann und heutigen Major Grams, seine Bedenken vor. Knabe: »Auf Grund der gemachten Erfahrungen ist auf jeden Fall mit einem Schuß zu rechnen.« Grams: »Machen Sie sich keine Sorgen.« Nach kurzer Einweisung im Ministerium wurde Knabe zu einer Heeresannahmestelle nach Düsseldorf versetzt, wo er Bundeswehrbewerber auf ihre politische Unbedenklichkeit zu durchleuchten hatte.

Der von Knabe prophezeite »Schuß« ließ nicht lange auf sich warten. Anfang Mai erreichte ihn ein Schreiben des Oberstleutnants Schweißhelm, der das Referat III b 6 (Beschwerden und Disziplinarangelegenheiten) im Verteidigungsministerium leitet. Schweißhelm schrieb, die Einstellung Knabes in die Bundeswehr habe in der Öffentlichkeit Aufsehen erregt.

Tatsächlich war der SPD-Bundestagsabgeordnete Ritzel wegen der Wiederverwendung Knabes im Ministerium vorstellig geworden. Oberstleutnant Schweißhelm forderte Knabe auf, zu der Denunziationsaffäre Stellung zu nehmen und kündigte gleichzeitig eine offizielle Untersuchung an.

Knabe konnte mit gutem Gewissen geltend machen, daß er keineswegs verheimlicht hatte, von einer Spruchkammer verurteilt worden zu sein. Im Fragebogen für Offizierbewerber der Bundeswehr hatte er unter Ziffer 31 (Kriegsgefangenschaft oder Internierung) angegeben: Internierungs- und Arbeitslager Wetzlar und Darmstadt. Zudem hatte er in dem beigefügten Lebenslauf das Spruchkammerurteil aufgeführt.

Das Ministerium forderte nicht nur die Spruchkammerakten an, sondern schickte überdies einen Offizier nach Marburg, der sich an Ort und Stelle als Rechercheur betätigte. Aus den zahlreichen Zeugenvernehmungen, die er in Marburg anstellte, zog der Späher aus Bonn das Fazit, von einer Erregung der Öffentlichkeit könne schwerlich die Rede sein. Sogar bei Lokalmatadoren der SPD, so berichtete er, erfreue sich Knabe allgemeiner Wertschätzung.

Am 30. August 1956 ging dem Knabe schließlich das Endergebnis der vom Ministerium angestrengten Untersuchung zu. Es besagte, daß die Angelegenheit als abgeschlossen zu betrachten sei. Zwei Wochen später, am 13. September, wurde Knabe mitgeteilt, er sei endgültig in die Bundeswehr übernommen worden. Das entsprechende Dokument kam freilich nie in seine Hand. Erleichtert fuhr Knabe in Urlaub. Er durfte vermuten, daß sein Fall zu den Akten gelegt worden war.

Doch schon am 13. Oktober kam ein neuer Schuß. In der »Frankfurter Neuen Presse« erschien unter der Überschrift »Ein Knabe aus Marburg und die Bundeswehr« ein Artikel, der den Hauptmann Knabe jählings aus seiner Urlaubsruhe aufschreckte. Er rief sofort den Oberstleutnant Schweißhelm in Bonn an und bat um die Genehmigung, eine Gegendarstellung veröffentlichen zu dürfen. Schweißhelm hatte nichts dagegen, bedeutete dem Hauptmann Knabe aber, daß in Anbetracht des Ministerwechsels - Blank war durch Strauß ersetzt worden - der Beschluß

über seinen Verbleib in der Bundeswehr aufgehoben werden könnte und »daß eventuell ein politischer Entscheid gefällt wird«.

Was sich dann ereignete, geht aus der Antwort des Bundesverteidigungsministeriums auf die Klageschrift Knabes hervor. Dort heißt es: »Aufgrund des Untersuchungsergebnisses wurden zunächst keine Folgerungen aus der Handlungsweise des K. gezogen. Die Angelegenheit wurde nach dem Ministerwechsel erneut von Bundestagsabgeordneten aufgegriffen. Es wurde auf die Erregung der Öffentlichkeit über die Einstellung des Klägers in die Bundeswehr hingewiesen und eine baldige Entscheidung verlangt. Auch von seiten des hessischen Ministers des Innern wurde dem Kläger sein Verhalten gegenüber dem Ehepaar von Massenbach vorgeworfen und seine Entlassung aus der Bundeswehr erwartet.«

Minister Strauß, durch die wiederholten SPD-Attacken gegen Knabe beunruhigt, nahm sich des Falles selbst an. Er empfing die Marburger Stadtoberen, Oberbürgermeister Gassmann (SPD) und dessen Vertreter Dr. Schilling, um deren Meinung über ihren Mitbürger Knabe zu hören. Obwohl Gassmann und Schilling sich für Knabe einsetzten, beschloß Strauß, Knabe zu entlassen. Der Bundeswehr-Personalchef, damals noch Mueller - Hillebrand, opponierte gegen diesen Entscheid seines Ministers: »Der Mann hat doch keinen führenden Posten.«

Knabe wurde zunächst in das Referat »Vorbeugende Maßnahmen« im Ministerium zurückversetzt. Am 26. November 1956 wurde ihm eröffnet, er sei für die Bundeswehr untragbar. Knabe hätte nach Meinung von Strauß im September 1944 den Befehl des Obersten Brauer, Massenbachs Namen anzugeben, nicht ausführen dürfen. Der Minister erkenne jedoch an, daß sich Knabe in der Bundeswehr bewährt habe und sei deshalb auch bereit, ihm einen ehrenvollen Abgang zu verschaffen, wenn Knabe selbst um seine Entlassung nachsuche.

Knabe lehnte diesen Vorschlag ab, mit dem Erfolg, daß er zur Truppe, zum Stab des Luftwaffenausbildungs-Regiments 4, versetzt wurde. Wenige Tage später wurde Knabe zu seinem Vorgesetzten zitiert, der ihm eröffnete, Minister Strauß habe ihn aus der Bundeswehr entlassen.

Grollend schied der Hauptmann Knabe aus der Bundeswehr aus. Er beschloß, gegen den Entscheid des Ministers anzugehen. Knabes Anwalt, der Marburger Professor der Rechte Dr. jur. Erich Schwinge, der inzwischen auch die Interessen des Generals Mueller-Hillebrand wahrnimmt, erhob Beschwerde gegen die Entlassungsverfügung.

Da man im Verteidigungsministerium diese Beschwerde zunächst sang- und klanglos zu den Akten legte - sie wurde erst am 30. Oktober als unberechtigt abgewiesen - klagte Knabe vor dem Landesverwaltungsgericht Köln.

Das Ministerium konterte mit einem Vollziehungsantrag, um dem Hauptmann Knabe nicht bis zum Entscheid über dessen Klage seine Bezüge weiterzahlen zu müssen. Knabes Rechtsanwalt antwortete mit einem Aussetzungsantrag, den das Landesverwaltungsgericht am 17. September so beschied: »Die Vollziehung der Entlassungsverfügung wird bis zum Entscheid über die Anfechtungsklage insoweit ausgesetzt, als dem Antragsteller ab 1. September 1957 bis zu dem genannten Zeitpunkt die Hälfte seiner bisherigen Dienstbezüge zu belassen sind.«

Die Richter des Kölner Landesverwaltungsgerichts müssen nun die delikate Frage klären, ob Konrad Knabes Eignung als Bundeswehroffizier nach dem ersten Untersuchungsergebnis des Verteidigungsministeriums oder nach dem entgegengesetzten Entscheid des Ministers Strauß zu beurteilen ist.

Entlassener Hauptmann Knabe

Es ist mit einem Schuß zu rechnen

Mueller-Hillebrand-Nachfolger Hansen

Eventuell ein politischer Entscheid?

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