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Geheimdienste Der dritte Mann

Ein Brite hat die Hintergründe der Lavon-Affare aufgedeckt: Der israelische Verteidigungsminister fiel einem Intrigenspiel des militärischen Geheimdienste zum Opfer.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Der Polizei-Hauptmann Saki el-Manawi schrak auf, als er das Schreien hörte. Durch den Eingang des Rio-Kinos in Alexandria stürzte ein junger Ägypter, dessen Jackett Feuer gefangen hatte. Manawi sprang hinzu, warf den Mann nieder und wälzte ihn so lange am Boden, bis die Flammen erstickt waren.

Als Manawi dem Mann aufhelfen wollte, fiel aus dem halbverbrannten Jackett ein Brillenetui. Es sprang auf, schwarzes Pulver rieselte auf den Bürgersteig. Instinktiv beugte sich der Polizist nieder und schnupperte. Das Pulver roch nach Phosphor.

Dem Hauptmann kam ein vager Verdacht: Pbosphor benutzte auch eine Gruppe unbekannter Brandstifter, die seit drei Wochen Ägyptens Polizei in Alarmstimmung hielt. In Alexandria und Kairo hatten Phosphor-Brandsätze Bibliotheken, Kinos und Postämter in Flammen aufgehen lassen, von den Tätern fehlte bislang jede Spur.

Die Polizei vermutete, die Brandstifter seien Kommunisten oder Nationalisten, da sich die Anschläge fast immer nur gegen den Besitz britischer und amerikanischer Staatsbürger richteten. Auch das Rio-Kino gehörte einem Amerikaner -- Grund genug für Manawi, seinen Schützling näher in Augenschein zu nehmen.

Der Mann wies sich als Philippe Herman Nathanson aus, 24 Jahre alt und Maklergehilfe an der Börse. Er hatte es offenkundig eilig, den lästigen Frager abzuschütteln. Als sich Manawi erkundigte, ob er Brandwunden erlitten habe, wehrte Nathanson ab: »Mein Vater ist Arzt und wird sich um die Verbrennungen kümmern.«

Doch der Hauptmann blieb hartnäckig und ließ Nathanson auf das Polizeirevier Manschieh bringen. Dann alarmierte er die Kriminalpolizei. Schon die erste Vernehmung verriet den Kriminalisten, daß sie den Brandstiftern auf die Spur gekommen waren. Anfangs leugnete Nathanson jede Zusammenarbeit mit Saboteuren, doch die Schläge der Vernehmer und die Entdeckung belastender Briefe und Photos in Nathansons Wohnung weichten seinen Widerstand auf.

Schließlich gestand Nathanson, er gehöre einer Sabotage-Gruppe des israelischen Geheimdienstes an; er sei beauftragt gewesen, das Rio-Kino in Brand zu setzen, doch der Brandsatz habe sich vorzeitig entzündet. Der Protokollbeamte notierte Tag und Stunde der Aussage: 23. Juli 1954, 23.30 Uhr.

Noch in derselben Nacht schwärmten ägyptische Polizisten aus, Nathansons Komplizen zu verhaften. Um 4 Uhr schnappten sie den Agenten Victor Levi, später wurde Agent Dassa abgeführt. Anfang August war die gesamte Sabotage-Gruppe ausgehoben, insgesamt elf Personen.

Nur einer lief der Polizei nicht ins Netz: der Anführer der Gruppe. Selbst unter den Folterungen der Polizei hatten die Häftlinge nicht verraten können, wer ihr Chef war. Sie kannten ihn nur unter seinem Decknamen »Robert«.

In der Tat war Chefagent Avri El-Ad, Oberstleutnant der israelischen Armee, so gut getarnt, daß er seine Mission gelassen abschließen konnte. Er sprengte noch eine Pipeline in Mex Beach bei Kairo in die Luft, warf in Ismailia eine Handgranate auf die Wachtposten eines britischen Militärlagers und buchte dann zur Tarnung bei der Greek Line in Kairo eine Urlaubs-Kreuzfahrt auf der »Agamemnon«.

Als Ausstieg aus dem Ägypten-Abenteuer hatte er sich einen anderen Weg erwählt. Am 6. August bestieg er auf Kairos internationalem Flughafen Almasa eine Maschine der Trans-World-Airlines nach Rom. Wenige Stunden später war er in Sicherheit.

Doch statt der erwarteten Anerkennung und Beförderung bereiteten ihm die Vorgesetzten einen kühlen Empfang. Die Führer des Agaf Modiin ("Nachrichtenabteilung"), des militärischen Geheimdienstes Israels, schoben El-Ad alsbald auf einen Beobachtungsposten in Westdeutschland ab. Bald kam es El-Ad vor, als sei er für den Modiin so etwas wie ein lastiger Zeuge -- Zeuge eines fragwürdigen Geheimdienst-Unternehmens, dessen abruptes Ende Israel vor aller Welt als Anstifter einer antiwestlichen Terror-Kampagne entlarvt hatte.

Die Affäre hatte denn auch sofort in Israels Kabinett die Frage provoziert, wer das Unternehmen befohlen habe. Der Initiator des Coups, Modiin-Chef Oberst Benjamin Givli, gab an, der Verteidigungsminister Pinhas Lavon habe auf einer Zusammenkunft am 16. Juli die Aktion genehmigt. Lavon aber wehrte sich leidenschaftlich: Er habe dem Sabotage-Unternehmen niemals zugestimmt.

Der Zusammenprall zwischen Geheimdienst-Chef und Verteidigungsminister löste einen erbitterten Streit aus, der unter dem irreführenden Stichwort »Lavon-Affäre« in die Zeitgeschichte eingegangen ist. Lavon mußte zurücktreten, der Ministerpräsident stürzte später, die Regierungspartei spaltete sich. Die Affäre trennte Israel in zwei feindliche Lager.

Die interne Geschichte der Lavon-Affäre hat jetzt der britische Journalist Leonard Shearer, Mitarbeiter des New Yorker Pressedienstes »Transworld Feature Syndicate«, rekonstruiert. Er entdeckte dabei, daß die Schlüsselfigur dieses Skandals der »dritte Mann« ist, dessen Namen Israels Presse bisher nicht nennen durfte: Avri El-Ad. Shearer untersuchte El-Ads Lebensgeschichte, interviewte Zeugen und wagte sich in das Dickicht der Modiin-Geheimnisse vor.

Was er herausfand, schrieb er in dem Report »Sabotage in Ägypten« nieder, der in diesem Monat in New York erscheinen wird. Sein Bericht und einige Erhebungen anderer Rechercheure ermöglichen zum erstenmal, die wahre Geschichte der Lavon-Affäre zu erzählen: die Geschichte eines Skandals, der in fast klassischer Form dokumentiert, wohin eine Regierung gerät, der die Kontrolle über ihre Geheimdienste entglitten ist*.

Die Geschichte begann im Jahr 1951, als der Agaf Modiin, die Nachrichtenabteilung des Verteidigungsministeriums in Tel Aviv, einen neuen Chef erhielt. Oberst Benjamin Givli war ein ehrgeiziger Offizier. der davon träumte, eines Tages Generalstabschef der Armee zu werden; er sehnte sich an die Spitze eines Heeres, dazu berufen, den endgültigen Sieg über den Erzfeind Ägypten zu erzwingen.

Der Modiin sollte Givli helfen, solche Tagträume in die Wirklichkeit umzusetzen. Doch die Institution war zu klein für den übermächtigen Ehrgeiz des Obersten Givli. Von den drei wichtigsten Geheimdiensten des Landes,

* dem Mossad, dem Auslandsnachrichtendienst,

* dem Modiin, dem militärischen Geheimdienst, und

* dem Shabak, dem Staatssicherheitsdienst,

kam damals dem Modiin die geringste Bedeutung zu. Er führte ein recht kümmerliches Dasein; was in der israelischen Feindaufklärung allein zählte, waren die Meldungen und Analysen des Mossad -- seinem Chef stand denn auch immer als »Memunne« (Verantwortlicher) der Vorsitz im Verbindungskomitee der Geheimdienste zu.

Givli aber war entschlossen, seinem Dienst die Vorrangstellung zu erobern. Er entwarf ein Expansionsprogramm, das dem Modiin die alleinige Feindaufklärung gegen Ägypten sichern sollte. Das Programm sah vor, am Nil ein Agentennetz aufzuziehen, das jede belangvolle militärische Meldung liefern und im Kriegsfall Sabotageaufgaben übernehmen konnte.

* Leonard Shearer: »Sabotagc in Egypt«. Transworld Feature Syndicate, Inc., New York 1972.

Givli fand in dem Oberstleutnant Mordechai »Motke« Ben Zur einen Operationschef, der ebenfalls die Ausweitung des Modiin betrieb. Ben Zur unterstand die »Einheit 131«, eine Kampfgruppe junger Israelis, die schon im ersten Palästinakrieg Sabotage-Unternehmen hinter der feindlichen Front ausgeführt hatte. Sie sollte auch jetzt wieder in Aktion treten: in Ägypten.

Ben Zur beauftragte den fähigsten Offizier der Einheit 131, Hauptmann Avraham Dar, mit dem Aufbau des Ägypten-Netzes. Dar ließ sich einen britischen Paß auf den Namen John Darling ausstellen, schloß sich im Spätsommer 1951 in London einer britischen Touristengruppe an und fuhr mit ihr nach Ägypten.

Als Vertreter einer Elektrofabrik in Manchester stieg er in einem Luxushotel des Kairoer Stadtviertels Samalek ab und setzte sich sofort mit einer »Forscherin« (Kontaktanbahnerin) in Verbindung, die in dem Ruf stand, zuverlässige Zionisten ägyptischer Staatsangehörigkeit für den Modiin anwerben zu können. Die attraktive Victorine Ninio, ehemalige Olympiateilnehmerin, Anhangerin des Zionismus und Freundin ägyptischer Offiziere, versprach, Dar zu helfen.

Ein paar Tage später legte sie ihm eine Liste von Personen vor, die als V-Männer in Frage kamen. Dar überprüfte die Kandidaten, dann warb er sie für den Geheimdienst an. Er stellte zwei Agentengruppen zusammen:

* Den tunesischen Arzt Dr. Moise Lieto Marzouk, Chirurg am Hôspital Israélite, rückte er an die Spitze eines Informanten-Ringes in Kairo, dem der Angestellte Naim, der Bankbeamte Cohen, der Handelsreisende Mejuhas und der Architekt Saafaran angehörten.

* Den Rabbiner-Sohn Samuel Bachur Asar ließ er in Alexandria eine Agentengruppe mit dem Maklergehilfen Nathanson, dem Angestellten Dassa, dem Kaufmann Levi und dem Fabrikanten-Sohn Eh Cohen bilden.

Victorine Ninio hielt den Kontakt zwischen beiden Gruppen aufrecht. Dar hinterließ ihr 1000 Pfund Sterling für den Notfall, dann reiste er nach Israel zurück. Die beiden Agentenringe begannen mit ihrer Arbeit: der geheimen Ausforschung des ägyptischen Militärs.

Bald waren sie in der Lage, halbwegs zuverlässige Nachrichten nach Tel Aviv durchzugeben. Ihre Methoden waren freilich noch so dilettantisch, daß Dar die Nil-Agenten systematisch ausbilden ließ. Fünf V-Männer aus Alexandria und Kairo reisten 1953 auf komplizierten Umwegen nach Israel zum Spezialtraining. Feldwebel Rachel, Ausbilderin des Modiin, nahm sich der Geheimdienst-Eleven in einer Konspirativen Wohnung Jaffas an.

Rachel schrieb den fünfen so gute Zeugnisse, daß die Modiin-Zentrale den vollen Einsatz der Agentengruppen in Ägypten befahl. Ende 1953 erhielt Victorine vom Modiin zwei Funkapparate, Chiffrierschlüssel und Sprengmaterial.

Blieb nur die Frage, wer das Ägypten-Netz leiten solle. Dar hatte einen Bekannten, mit dem ihn gemeinsame Kriegserlebnisse verbanden: Avri El-Ad. Ihm bot er die Leitung der beiden Agentengruppen an.

Avri El-Ad schien für den Posten besonders geeignet: Sohn eines Wiener Sozialisten, Jahrgang 1925, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Palästina geflohen, dann in die Dienste des Mossad getreten, in den Palmach-Stoßtruppen der zionistischen Untergrundbewegung (Haganah) mit Sabotageaufgaben betraut, hatte El-Ad die militärische Laufbahn eingeschlagen; er diente als Hauptmann im 128. Infanterie-Bataillon, wurde Major und Chefinstrukteur der Infanterieschule.

Doch das Militär befriedigte ihn nicht, 1950 nahm er den Abschied. Die Arbeit im Kaiser-Frazier-Automobilwerk bei Haifa konnte ihn freilich auch nicht begeistern, er suchte nach neuer Betätigung. So kam ihm 1952 das Angebot von Dar gerade recht.

Ein paar Wochen später war er bereits in Modiin-Diensten unterwegs, zunächst auf der Suche nach einer Legende, die ihn bei seiner Arbeit in Ägypten schützen sollte. In westdeutschen Wehrmachtsakten stieß er auf die Personalien des Abwehr-Majors Paul Frank, der 1942 bei einem Einsatz in Palästina umgekommen war. El-Ad beschloß, die Rolle des Toten weiterzuspielen.

Er ließ sich von einer Züricher Kontaktstelle des Modiin einen deutschen Reisepaß auf den Namen Paul Frank ausstellen, beschaffte sich in Frankfurt eine Taufbescheinigung und ließ sogar die Merkmale seiner Beschneidung operativ beseitigen. Die Anstellung bei einer deutschen Firma vervollkommnete El-Ads Tarnung; er ging als ihr Vertreter nach Kairo.

Anfang 1954 brach er zu seinem ägyptischen Abenteuer auf. Ein Zufall erleichterte ihm den Start: Auf dem Schiff, das ihn von Genua nach Alexandria brachte, lernte er Bonns Ägypten-Botschafter Dr. Günther Pawelke kennen, der an dem vermeintlichen Abwehr-Major Gefallen fand. Pawelke lud ihn zu einer Cocktail-Party der Botschaft ein -- Beginn einer erfolgreichen Karriere in Ägyptens High Society.

Bald durfte sich der israelische Chefagent Freund engster Nasser-Mitarbeiter wie des Geheimdienst-Chefs Osman Nouri und des Innenministers Sakaria Muhieddin nennen; selbst der exilierte

* Von der deutschen Botschaft in Kairo ausgestellte Beglaubigung auf den Namen Paul Frank.

Großmufti von Jerusalem. Erzfeind Israels, zählte ihn zu seinen Vertrauten.

Beziehungen zu der Exkönigin Nariman und zu einem begehrten Photomodell Kairos öffneten ihm weitere Bereiche der Gesellschaft. Wo immer es ihm opportun erschien, gebärdete er sich als Juden-Feind und Briten-Gegner: Er warnte in ägyptischen Offizierskasinos vor der jüdischen Gefahr, er säuberte in El-Alamein die Holzkreuze gefallener Soldaten des Afrikakorps, er schwärmte von den Tagen gemeinsamen Kampfes gegen die Briten.

Seine Informationen aus der führenden Funktionärsschicht ermöglichten den Agenten-Ringen in Kairo und Alexandria, immer präzisere Meldungen nach Tel Aviv zu funken. Die weißen Flächen auf den Feindlagebildern der Modiin-Zentrale schrumpften zusehends zusammen; so genau war Israels militärischer Geheimdienst noch nie über den Gegner informiert gewesen.

Da lief bei Modiin-Chef Givli im Frühjahr 1954 die Meldung ein, England und die USA planten ein militärpolitisches Arrangement mit Ägypten. Die britische Regierung -- so besagte die Meldung -- wolle ihre Truppen vom Suezkanal abziehen, während Washington bereit sei, Ägypten Waffen zu liefern; entsprechende Verhandlungen seien bereits eingeleitet. Eine solche Abmachung mußte das Kräfteverhältnis im Nahen Osten zuungunsten Israels verändern.

In diesem Augenblick kam Givli eine phantastische Idee: Man mußte versuchen, die angelsächsisch-ägyptischen Verhandlungen zu torpedieren. Das erschien Givli möglich, wenn es dem Modiin gelang, Bombenanschläge gegen britisches und amerikanisches Eigentum in Ägypten so zu inszenieren, daß sie wie die Taten ägyptischer Nationalisten aussahen --

Für diese Aktion kam nur eine Einsatzgruppe in Frage: El-Ads Agentenschar am Nil. Die Aktion hatte allerdings einen Konstruktionsfehler -- der Dienstherr Givlis, Verteidigungsminister Pinhas Lavon, würde ihr schwerlich zustimmen. Lavon galt als »Taube unter den Ministern Israels, er glaubte wie der Ministerpräsident Scharret an die Möglichkeit eines friedlichen Ausgleiches mit den arabischen Staaten.

Givli entschloß sich, ohne Zustimmung Lavons zu handeln. Da Lavon ohnehin im Verteidigungsministerium isoliert war. befehdet von den meisten Militärs, glaubte es der Geheimdienst-Chef wagen zu können, seinen Minister zu übergehen. Anfang Juni weihte Givli seinen Operationschef Ben Zur ein, der sofort nach Paris aufbrach, wo er sich mit El-Ad traf.

In einem Café in St. Germain des Pres erläuterte Ben Zur die Befehle des Obersten: sofortige Übernahme der Agentengruppe in Alexandria durch El-Ad, Auswahl lohnender Sabotage-Ziele in Alexandria und Kairo, Bereitstellung des Sprengstoffes. Weitere Instruktionen, so Ben Zur, würden verschlüsselt im täglichen Kochprogramm des israelischen Rundfunks gesendet werden.

El-Ad war von der Givli-Order wenig erbaut, denn die befohlenen Sabotageaktionen mußten seine nachrichtendienstliche Arbeit gefährden. Dennoch gehorchte er. Nicht einen Augenblick kam ihm der Verdacht, die Aktion sei nicht von höchster Stelle genehmigt worden.

Am 31. Juni berief El-Ad die Agenten Nathanson und Levi nach Kairo und informierte sie. Auch diese beiden Mitarbeiter hatten Bedenken, doch der Agentenführer hielt ihnen vor, sie stünden unter der gleichen Gehorsamspflicht wie jeder Soldat der israelischen Armee.

Dann arbeiteten sie einen Aktionsplan aus. Das Unternehmen sollte in zwei Phasen ablaufen: zunächst Anschläge gegen öffentliche Gebäude, dann gegen amerikanischen und britischen Besitz. Im Appartement 104 der Government Hospital Street Nr. 18 kamen am Nachmittag weitere V-Männer zusammen und besprachen den Sprengstoff-Einsatz. Agent Dassa demonstrierte, wie man Phosphor-Brandsätze in Brillen-Etuis und Zeitbomben in Waschpulver-Schachteln versteckt.

Am 1. Juli konnte El-Ad nach Tel Aviv funken, alle Mitarbeiter seien einsatzbereit. Die Modiin-Zentrale gab daraufhin Order, in 48 Stunden die Aktion auszulösen. Der Privatkrieg des Obersten Givli gegen Ägypten und die Westmächte begann.

Erstes Angriffsziel war Alexandrias Hauptpostamt am Ismail-Platz. Am 2. Juli gegen 11.40 Uhr näherten sich ihm Levi, Dassa und Asar, jeder einen Karton mit einer in braunes Packpapier eingewickelten Bombe unter dem Arm. Sie warfen ihre Kartons in drei Briefkästen auf dem Hof des Hauptpostamtes und liefen davon. Kurz vor 12 Uhr drang dicker Qualm aus den Postkästen -- das Feuer vernichtete die gesamte Post des Tages.

Die Modiin-Zentrale sendete ein neues Kodewort: »Englischer Kuchen«. Das war das Signal für El-Ad, die Büchereien des US-Informationsdienstes in Kairo und Alexandria in die Luft zu sprengen. El-Ad schickte jeweils Zwei-Mann-Teams los, wieder zündeten die Bomben: in der Amerikanischen Bibliothek in der Kairoer Sheik-Barkat-Straße Nr. 6 und in der Amerikanischen Bibliothek in Alexandrias Fuad-Straße -- beide am Abend des 14. Juli.

Dann waren Kinos und Bahnhöfe an der Reihe. El-Ad erteilte die nächsten Befehle: Dassa und Asar nach Kairo, um dort im Hauptbahnhof und im Radio- und Rivoli-Theater Brandsätze zu legen, Levi und Nathanson nach Alexandria, um im Metro- und im Rio-Kino Feuer zu entfachen. Die Anschläge in Kairo gelangen, doch der Attentäter Nathanson verbrannte sich die Jacke und lief der Polizei in die Arme. Ägyptens Spionejäger hatten leichtes Spiel, die Saboteure aufzuspüren.

Deprimiert telegraphierte El-Ad an eine Kontaktstelle in Westdeutschland: »Pierre bankrott. Bleibe, um Investition zu retten.« Es gab nichts mehr zu retten, auch die an der Sabotageaktion nicht beteiligte Kairoer Agentengruppe war längst von den Ägyptern erkannt.

Doch noch ehe El-Ad seine Flucht vorbereitete, hatte Givli schon eine Absetzbewegung eingeleitet, die ihn vor den gröbsten Konsequenzen des gescheiterten Unternehmens bewahren sollte.

Bereits Mitte Juli hielt es der Modiin-Chef für opportun, seine Alleinverantwortung für die Operation auf andere Schultern zu verteilen. Vorsichtig zog er den ahnungslosen Verteidigungsminister in die Affäre hinein: Ohne Lavon darüber aufzuklären, daß die Aktion seit Wochen lief, informierte ihn Givli über das angeblich bevorstehende Unternehmen und erbat die Genehmigung Lavons. Givli will sie auf einer Geheimdienst-Konferenz am 16. Juli erhalten haben, Lavon bestreitet das.

Wer auch immer gelogen haben mag -- Tatsache ist, daß Givli drei Tage später dem in Amerika weilenden Generalstabschef Mosche Dajan in einem Zwei-Seiten-Brief meldete: »Wir haben das Unternehmen auf Befehl Lavons in Gang gesetzt.« Auch der Lavon-Gegner Dajan erfuhr zum erstenmal von dem Ägypten-Abenteuer.

Mit zwei so verschiedenen und unfreiwilligen Komplizen konnte Givli hoffen, den Sturm in Kabinett und Öffentlichkeit, der dem Fiasko am Nil unweigerlich folgen mußte, zu überleben. Zunächst ging Givlis Rechnung auf: Als er am 26. Juli Lavon das Ende des Unternehmens mitteilte, schwieg der Verteidigungsminister. Mehr noch: Er informierte weder den Ministerpräsidenten noch das Kabinett.

Die Regierung blieb ahnungslos, da die Ägypter auch in den nächsten Tagen die Verhaftung der israelischen Saboteure und Agenten nicht bekanntgaben. Givli durfte sich in Sicherheit wähnen.

In seinen Kalkulationen gab es nur einen Unsicherheitsfaktor: El-Ad. Er war den ägyptischen Spionejägern entkommen und hatte gleich nach seiner Landung in Rom einen Bericht über das mißglückte Unternehmen geschrieben. Diesem Bericht aber ließ sich unschwer entnehmen, daß die Terror-Kampagne allein das Werk des Obersten Givli gewesen war.

El-Ad paßte in Givlis Pläne so wenig. daß der Modiin-Chef ihn sofort aus dem Wege räumen wollte. Am 11. August ließ er den Agentenführer kommen und eröffnete ihm, El-Ad müsse noch einmal nach Kairo zurückkehren, um die noch nicht verhafteten Mitglieder des Netzes aus Ägypten herauszuschleusen. Ben Zur beruhigte El-Ad: Die Aktion sei durchführbar, da die Ägypter noch immer nicht wüßten, wer Paul Frank sei.

El-Ad erkannte später: »Sie wollten mich absichtlich in eine Falle laufen lassen.« Gleichwohl gehorchte er. Nach dreiwöchiger Vorbereitung -- El-Ad sollte den Agenten-Star Victorine Ninio über die südägyptische Grenze schmuggeln -- fuhr er nach Bari, Geld und eine vom Modiin verordnete Selbstmord-Kapsel im Gepäck.

Durch einen Zufall verpaßte er das Schiff nach Alexandria, kurz darauf erreichte ihn die Nachricht, die Aktion sei abgesagt worden. Eine britische Zeitung hatte soeben gemeldet, Ägyptens Spionageabwehr wisse, daß hinter den Bombenanschlägen ein israelischer Agent mit dem Decknamen Paul Frank gesteckt habe.

Oberst Givli fand eine humanere Methode, den lästigen Zeugen untertauchen zu lassen. El-Ad wurde in die Bundesrepublik abgeschoben; von einer bundesdeutschen Tarnfirma aus sollte der Agent die Arbeit der ägyptischen Spionage in Mitteleuropa beobachten.

Givli hatte einige Wochen Ruhe, dann brach der Sturm los. Am 5. Oktober veröffentlichte die Kairoer Regierung erste Details über die aufgeflogene Agenten-Organisation und schockierte damit Israels Ministerpräsidenten. Ärgerlich verlangte Mosche Scharett von seinem Verteidigungsminister eine Erklärung; doch der bekannte, er wisse ebensowenig wie der Premier. Lavon orderte den Geheimdienst-Chef herbei.

Givli wich aus: Erst wollte er hinter den verhafteten Agenten kommunistische Spione vermuten, dann hielt er es für möglich, daß es eigene Leute gewesen seien. Einmal sollte es sich um eine zwar geplante, nicht aber ausgelöste Aktion gehandelt haben, ein andermal war die Aktion auf ein Mißverständnis zurückgegangen.

Den Ausweichmanövern Givlis machte Generalstabschef Dajan ein Ende, als er Lavon am 11. November die Kopie eines Givli-Memorandums für den Generalstab zuschickte. Mosche Dajan war klug genug, das Spiel des Modiin-Chefs zu durchschauen. Ihm war jedoch fast jedes Mittel recht: den bei den Militärs unbeliebten Verteidigungsminister zu stürzen. Und in dem Memo Givlis stand, was Lavon zu Fall bringen konnte: Er habe am 16. Juli das Unternehmen gebilligt.

Lavon verbat sich diese Unterstellung und nahm den Geheimdienstler ins Kreuzverhör. Er wollte wissen, wo und bei welcher Gelegenheit die angebliche Genehmigung erteilt worden sei. Givli: bei der wöchentlichen Geheimdienst-Konferenz im Verteidigungsministerium, am 16. Juli. Lavon wies nach, daß der 16. ein Freitag gewesen sei, die Konferenz aber finde immer am Samstag statt.

Lavon verlangte, Givil solle angeben, wer bei der Konferenz zugegen gewesen sei. Givli nannte Namen. Der Verteidigungsminister holte einen Terminkalender hervor und dokumentierte, daß einer der von Givli genannten Teilnehmer am 16. Juli im Ausland gewesen sei.

Givlis Position war so erschüttert, daß Premier Scharett, bedrängt von Parlament und Öffentlichkeit, eine offizielle Untersuchung anordnete. Sie brachte den Geheimdienst-Chef in arge Verlegenheit. Noch gab zwar Dajan vor, an die Givli-Darstellung zu glauben, doch dem Modiin-Chef fehlte jeder Beweis, mit dem er seine Version erhärten konnte.

Jetzt konnte nur noch einer helfen: der kaltgestellte Agentenführer des Kairoer Terror-Unternehmens. Am frühen Morgen des 31. Dezember scheuchte das Klingeln des Telephons Avri El-Ad aus dem Schlaf. Eine Stimme sagte: »Reisen Sie sofort nach Straßburg und tragen Sie sich im Picadilly-Hotel ein. Warten Sie dann auf weitere Befehle.«

Der Weg führte ihn weiter nach Paris, wo ihn ein Oberstleutnant des Modiin erwartete und ihm einen von Givli und Ben Zur unterschriebenen Brief überreichte. Sie baten um seine Unterstützung im Kampf gegen Lavon. Der Modiin-Chef erläuterte, welche Art von Unterstützung gemeint sei: El-Ad müsse seinen alten Bericht über das Ägypten-Debakel so formulieren, daß den Modiin nicht die alleinige Verantwortung treffe. Vor allem müsse er betonen, daß die Sabotageakte erst Mitte Juli begonnen hätten.

El-Ad zögerte keinen Augenblick. dem Modiin auch diesen Dienst zu erweisen. Er wußte wie jeder andere Eingeweihte, daß die Ägypten-Aktion Anfang Juli gestartet worden war -- auf Befehl Givlis. Dennoch schrieb er aus Loyalität zum Chef seinen Bericht um: er änderte sogar sein persönliches Tagebuch.

Bevor ihn jedoch Givli als Kronzeugen vor den Untersuchungsausschuß schickte, mußte er vor Dajan eine Probe seiner Standhaftigkeit leisten. Dajan stellte nur eine Frage: »Haben Sie vor dem 14. Juli in Ägypten losgeschlagen, ja oder nein?« El-Ad: »Wir haben weder an diesem Tage noch an einem Tag davor gehandelt.«

Dann trat er vor den Untersuchungsausschuß und gab zu Protokoll, was ihm sorgfältig einstudiert worden war. Seine Aussagen verführten den Ausschuß, am 12. Januar 1955 ein seltsames Urteil zu fällen:

Wir sind nicht über einen logischen Verdacht hinaus davon überzeugt, daß Oberst Benjamin Givli keinen Befehl von Pinhas Lavon erhalten hat. Dennoch sind wir nicht sicher, daß der Verteidigungsminister den Befehl gab.

Das klang nicht nach einer Verurteilung Lavons, und doch genügte das Hearing, den Verteidigungsminister unmöglich zu machen. Denn vor dem Ausschuß malten die Dajan-Anhänger ein so düsteres Bild von Lavons Mißwirtschaft im Verteidigungsministerium, daß man ihn für die unklaren Befehlsverhältnisse im Militärapparat und damit letztlich für das ägyptische Unternehmen verantwortlich machte. Immer heftiger drängten die Militärs den Ministerpräsidenten, Lavon seines Postens zu entheben.

Scharett gab schließlich nach, am 17. Februar hatte Dajan sein Spiel gewonnen: Lavon trat zurück, Alt-Falke Ben Gurion zog in das Verteidigungsministerium ein. El-Ad durfte wieder in Westdeutschland untertauchen.

Benjamin Givli konnte sich freilich nicht lange seines Triumphes erfreuen. Im Modiin drängte im Sommer 1955 eine Reformergruppe an die Macht, die den alten Chef für eine allzu bedenkliche Belastung hielt und seinen Rücktritt forderte. Dajan ließ Givli fallen und versetzte ihn in das Kommando der Nordfront; auch Ben Zur mußte den Geheimdienst verlassen.

An die Spitze des Modiin trat der Oberst Jehoschafat Harkabi, entschlossen, den militärischen Geheimdienst von allen Givli-Anhängern zu säubern. Der Modiin wurde reorganisiert, sein Apparat modernisiert und ausgeweitet. Sein professionelles Ansehen stieg von Jahr zu Jahr, bald galt er als mächtiger denn Shabak und Mossad.

Givli indes hoffte noch immer, an die Spitze des Modiin zurückkehren zu können. Im Herbst 1957 witterte er eine echte Comeback-Chance: Dajan schien ihm wieder günstiger gesonnen, Nachfolger Harkabi mußte ernsthaft befürchten, seine Position zu verlieren: Oberst Harkabi und seine engsten Mitarbeiter entschlossen sich zu einem Manöver, mit dem sie Givli endgültig die Rückkehr in den Modiin verhauen wollten. Ihr Plan: das Spiel des Ex-Chefs gegen Lavon so rücksichtslos aufzudecken, daß Givli für alle Zeit diskreditiert war. Dazu bedurften sie des Kronzeugen El-Ad, der wie kein anderer die Geheimnisse der Lavon-Affäre kannte.

Am 14. Dezember 1957 wurde Avri El-Ad in das Modiin-Hauptquartier in Tel Aviv bestellt und von Beamten des Staatssicherheitsdienstes unter der Anklage verhaftet, er sei dringend verdächtigt. Doppelagent zu sein und unerlaubte Beziehungen zu dem ägyptischen Militärattaché unterhalten zu haben.

Tatsächlich hatte der Modiin Gerüchte aufgefangen, die besagten, El-Ad habe in Westdeutschland ägyptische Agenten kontaktiert. Zudem waren in El-Ads Wohnung Dokumente gefunden worden, die offenbar aus dem Modiin-Hauptquartier stammten.

In siebenstündigen Tages-Verhören wollten die Vernehmer immer wieder wissen, wie El-Ad mit den Ägyptern zusammengearbeitet habe. Dann aber nahmen die Verhöre eine jähe Wendung; von nun an interessierte nur noch, welche Rolle El-Ad in dem Givli-Lavon-Duell gespielt hatte. Nach Monaten qualvoller Vernehmungen gestand er, auf Befehl Givlis habe er vor dem Untersuchungsausschuß falsch ausgesagt.

In einem Geheimprozeß wurde El-Ad am 20. November 1960 zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, Givlis Renommee war zerstört. Pinhas Lavon aber, inzwischen Generalsekretär der Gewerkschaften Israels, konnte seine Chance nutzen: Er wurde 1960 rehabilitiert.

Nur der dritte Mann der Lavon-Affäre mußte noch ein weiteres Jahrzehnt für seine Loyalität zu einem fragwürdigen Geheimdienst-Boß büßen. Erst 1969 öffneten sich vor Avri El-Ad die Tore des Gefängnisses von Jaffa. Seither arbeitet er an einem Enthüllungsbuch, das Ende dieses Jahres in dem US-Verlag Random House erscheinen soll. El-Ad zum SPIEGEL: »Da werden sich ein paar Leute wundern.«

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