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ALLIIERTE Der dunkle Sog

Hamid Karzai und seine Mentoren in den USA haben sich entfremdet. Die neue US-Regierung will das Land befrieden und schickt noch mehr Soldaten, baut aber nicht mehr auf den Mann in Kabul.
aus DER SPIEGEL 8/2009

Für Hamid Karzai beginnt der Tag gewöhnlich um acht Uhr mit einem Frühstück, das er im Präsidentenpalast mit seinen eleganten hohen Räumen, verzierten Spiegeln und Kristallleuchtern einnimmt, meist gemeinsam mit einem seiner Stellvertreter oder einem Gesandten aus einer der Provinzen. Karzai lächelt, ergreift die Hände des Besuchers und verströmt die fürsorgliche Autorität eines Stammesfürsten.

Seinen Gästen schlägt Karzai kaum je einen Wunsch ab. Dafür erwartet er von ihnen Loyalität, selbst wenn er von ihnen abhängig ist wie von den Amerikanern. Da können Enttäuschungen nicht ausbleiben.

Amerika und Karzai, das war einmal große Harmonie. Ohne Amerika wäre Afghanistan nicht zur Demokratie geworden, ohne Amerika wäre Karzai nicht Präsident. Karzai hat Amerika fasziniert, mit seinem vorzüglichen Englisch, seinem Optimismus, seiner Eleganz und Dankbarkeit.

Die Harmonie ist Vergangenheit. Heute herrschen Entfremdung und Enttäuschung vor, auf beiden Seiten. Karzai übt offene Kritik an den Amerikanern, die Amerikaner haben den Präsidenten abgeschrieben.

Und der Tag, seit dem Karzai und seine amerikanischen Mentoren ziemlich offen schlecht übereinander sprechen, lässt sich genau datieren.

Am 17. September 2008 rief US-Außenministerin Condoleezza Rice in Kabul an und machte dem Präsidenten schwere Vorwürfe: »Wenn Sie weiterhin uns Amerikaner kritisieren, dann beenden wir die Zusammenarbeit mit Ihnen«, soll die damals mächtigste Frau der Welt kühl gesagt haben. Karzai antwortete stolz: »Ich werde nicht schweigen und nicht aufhören, die Interessen meines Volkes und seiner Kinder zu vertreten.«

Das ist die Version des September-Telefonats, die im Kabuler Palast kursiert.

Karzai zog sich den ungnädigen Anruf zu, weil er den amerikanischen Truppen, wie schon öfter, Rücksichtslosigkeit gegenüber afghanischen Zivilisten vorgeworfen hatte. Diesmal ging es um ein Bombardement in einem Ort namens Azizabad im Nordwesten des Landes, bei dem, wie die Afghanen behaupteten, 90 Zivilisten gestorben waren. Die Amerikaner behaupteten, es seien nur 7 gewesen.

Nach dem Telefonat sagte Karzai zu Vertrauten, die er zusammenrief: »Diese Amerikaner verstehen nicht, dass wir zwar ihre Freunde sind, aber nicht ihre Knechte. Sie wollen uns behandeln wie kolonialisierte Generäle. Sie begreifen nicht, dass wir eine stolze Nation sind. Lieber sterbe ich in Würde, als ihr machtloser Vasall zu sein.«

Das war ein Wendepunkt in der Beziehung zwischen der Schutzmacht und dem Schützling. Die neue Regierung in Washington lässt Karzai fallen, was ihm das Regieren in Kabul deutlich erschwert.

Am vorigen Mittwoch griffen Taliban-Kämpfer mitten in Kabul an. Zwei Selbstmordattentäter sprengten sich am Eingang des Justizministeriums, nicht weit entfernt vom Präsidentensitz, in die Luft. Andere Extremisten stürmten den Hintereingang, töteten Küchenpersonal, Wächter und Beamte. 19 Zivilisten starben, dazu die 8 Attentäter, mindestens 54 Menschen werden verletzt. Die Gefechte zwischen den Terroristen und der Polizei dauerten Stunden. Zugleich griff ein weiteres Taliban-Kommando die Gefängnisverwaltung im Norden der Stadt und das Bildungsministerium an. Die Botschaft der Taliban lautet: Wir sind überall und schlagen überall zu. Nirgends seid ihr sicher, nicht einmal in Kabul, auch wenn ihr die stärkste Armee besitzt. Dies ist der Friedhof der Weltmächte, und auch ihr werdet untergehen.

33 000 Soldaten der amerikanischen Streitkräfte sind momentan in Afghanistan, bis zu 30 000 will Präsident Obama noch einmal ins Land schicken. Amerika, das ist die Botschaft, meint es ernst in Afghanistan und ist bereit, für den Erfolg große Anstrengungen zu unternehmen und auch einen hohen Preis zu bezahlen. Die nächsten Monate werden darüber entscheiden, was aus diesem Land wird, das seit 30 Jahren Invasionen und Kriege erleidet.

Die Regierung Obama will sich vom dunklen Sog, der von Afghanistan ausgeht, nicht in die Tiefe reißen lassen. Afghanistan sei »Obamas Vietnam«, schrieb »Newsweek«. Soll heißen: Der Präsident versucht jetzt, wie einst Lyndon B. Johnson in Vietnam, mit mehr Soldaten das Land unter Kontrolle zu bringen - und falls das nicht klappt, wird Amerika resignieren und die Truppen heimholen.

Für Afghanistan sind jetzt vor allem zwei Männer verantwortlich, denen Barack Obama vertraut: James Jones, der Nationale Sicherheitsberater, ist General a. D. und war zuvor Oberbefehlshaber der Nato in Europa; David Petraeus gilt als der General, der im Irak für ein gewisses Maß an Stabilität sorgte, er soll jetzt in Afghanistan ein kleines Wunder vollbringen.

Auf den Präsidenten in Kabul dagegen baut das Weiße Haus nicht mehr. »Karzai soll in Rente gehen«, sagte auf der Sicherheitskonferenz in München am vorvergangenen Wochenende ein amerikanischer Diplomat. Dennis Blair, der neue Chef der US-Geheimdienste, meinte ungeschminkt, die afghanische Regierung sei schwach, korrupt und unfähig, den Vormarsch der Taliban zu stoppen. »Die Regierung ist in sich zerstritten und hat nicht einen großen Drogendealer festgenommen«, beklagt Richard Holbrooke, der US-Sondergesandte für Pakistan und Afghanistan. Er traf am vorigen Donnerstag erstmals in seiner neuen Funktion in Kabul ein.

Karzais Auftritte sind im Ausland imposanter, als es sein Regieren daheim ist. Kaum jemand behauptet, er bereichere sich persönlich. Aber dass seine Familie, vorneweg Bruder Ahmed Wali, mitunter dunkle Geschäfte dank der Verwandtschaft im Palast vorantreiben kann, gilt in Kabul seit langem als offenes Geheimnis.

Karzai ist ein konservativer, frommer Mann, tief verwurzelt in den Loyalitäten seiner Stammesgesellschaft. Er trinkt keinen Alkohol, betet fünfmal am Tag und hält seine Frau, eine Ärztin, aus dem öffentlichen Leben heraus. Er sucht Aussöhnung mit den Taliban und will jene in die Regierung aufnehmen, die sich von al-Qaida lossagen. Es stört ihn nicht, dass die Taliban unabhängige Gerichte verabscheuen und die Scharia als einzig geltendes Recht einführen wollen: »Afghanistan ist eine islamische Republik, deshalb gibt es keinerlei Probleme damit«, erklärt er.

Viele Entscheidungen, die in Afghanistan getroffen werden, entziehen sich westlichen Maßstäben. In der Drogenhölle Helmand zum Beispiel, einer der größten Provinzen Afghanistans, regierte bis zum Dezember 2005 ein Gouverneur namens Sher Mohammed Akhundzada. Er war bekannt als Opiumdealer, und er war ein Freund des Präsidenten.

Unter der Regierung dieses Gouverneurs, sagte Karzai, konnten die Kinder zur Schule gehen, und nur ein Drittel der heutigen Opiummenge sei produziert worden; die Provinz habe halbwegs unter Kontrolle des Gouverneurs gestanden.

Auf Druck der internationalen Gemeinschaft, vor allem der Briten, wurde eines Tages Akhundzadas Besitz durchsucht. Dort fanden sich neun Tonnen Opium. Der Gouverneur wurde abgelöst.

Mittlerweile wird der größte Teil Helmands von den Taliban und den Drogenbaronen beherrscht. Die Taliban brannten Schulen nieder, Drogenbosse und Kidnapperbanden haben sich mit Qaida-Kämpfern und Taliban zusammengetan und bedrohen sowohl die Regierung in Kabul als auch die westlichen Soldaten. Karzai macht den Westen dafür verantwortlich.

Auch Helmand war eine Zäsur in der Entfremdung zwischen dem Präsidenten und seinen Verbündeten, die ihn jetzt seine Abhängigkeit spüren lassen. Das könnte Folgen haben.

Im August soll die Präsidentschaftswahl in Afghanistan stattfinden - ob denn die Obama-Regierung überhaupt noch Karzai unterstützen werde, wurde US-Sonderbotschafter Holbrooke gefragt. Seine Antwort: »Es gibt jede Menge qualifizierter, eindrucksvoller Afghanen dort im Land.«

So viele sind es nicht. Der ehemalige Innenminister Ali Ahmed Dschalali, 68, arbeitete 20 Jahre für den Radiosender Stimme Amerikas. Er verfügt über gute Verbindungen ins konservative Lager Washingtons und schied im Streit mit Karzai aus dem Amt. Seither empfiehlt er sich als Reformer im Kampf gegen die Korruption, woran ihn der Präsident gehindert habe.

Auch Ashraf Ghani fühlt sich berufen. Er ist wie Dschalali im Besitz eines US-Passes. Er war Berater der Weltbank und später Finanzminister im Kabinett Karzai. Er steht allerdings selbst unter Korruptionsverdacht. Oder der Gouverneur der Ost-Provinz Nangahar: ein ehemaliger Mudschahidin-Kommandeur, er will die Drogenindustrie bekämpfen und macht das gut, doch es heißt, er sei selbst durch Opiumhandel zu Geld gekommen. In der Gunst westlicher Alliierter steht derzeit Innenminister Mohammed Hanif Atmar: Er besticht durch Organisationstalent und gilt als guter Manager.

Und Karzai? Vermutlich ist er unschlüssig, ob er noch einmal antreten soll. Er wartet wohl ab, ob sich eine Alternative zu ihm herausschält, offen oder heimlich unterstützt vom Westen. Die Afghanen seien stolz und wüssten einen guten Kampf zu schätzen, sagt einer seiner Vertrauten.

SUSANNE KOELBL

* Am vergangenen Mittwoch vor dem Justizministerium.

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