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Der edle Hecker

aus DER SPIEGEL 7/1998

Daß der edle Friedrich Hecker am 11. April abends ausgerechnet nach Konstanz kam, um hier die Republik auszurufen, kann daran liegen, daß Konstanz sich an den Thurgau schmiegt und der Thurgau Wegbereiter zur helvetischen Republik war; es kann auch daran liegen, daß es in Konstanz nicht nur die konservative Zeitung »Tagesherold«, sondern auch die geradezu unverschämt republikanisch tendierenden »Seeblätter« gab, deren Herausgeber und Redakteur Joseph Fickler am 8. April in Karlsruhe aus dem Zug heraus und ohne richterliche Anordnung verhaftet worden war. Das hat die Konstanzer aufgeregt. Das konnte die Ausrufung der Republik leichter machen.

Immerhin hatte Friedrich Wilhelm IV. in Berlin das königliche Haupt angeblich ein wenig neigen müssen, als die Leichen der am 18. März bei Straßenkämpfen Getöteten an ihm vorbeigefahren wurden. In Wien wurde Metternich davongejagt. Der trübe Bundestag in Frankfurt hat sich liberal verjüngt. Ein verfassunggebendes deutsches Parlament sollte gewählt werden. Aber als Hecker und Gustav Struve gleich auch noch die Republik ausgerufen haben wollten, scheitern sie im Frankfurter Vorparlament. Also ab nach Konstanz. Im Seekreis soll es glücken.

Überhaupt dürfte es nirgends so demokratisch gebrodelt haben wie in Baden. Schon im September ''47 eine Offenburger Erklärung: volkstümliche Wehrverfassung, gerechte Besteuerung, Abschaffung der Privilegien, und jetzt am 19. März ''48 wieder eine solche Versammlung in Offenburg, 20 000 diesmal, die Parolen: Wohlstand, Bildung, Freiheit für Alle. Und Hecker war dabei. In den Konstanzer »Seeblättern« stand am 2. April: »Nehmt aus den bluttriefenden Händen den Scepter, vernichtet, zertrümmert ihre teuflische Gewalt.«

Also am 11. April abends sechs kommt Hecker auf dem Umweg über die noch Rheinbayern genannte Pfalz, über Frankreich und die Schweiz nach Konstanz; im Badischen Hof sind schon Struve, Willich, Mögling, Doll und andere, bis morgens um drei wird gearbeitet. In Konstanz versammelte man sich ja schon seit Anfang März im Stadthaussaal, um »kräftig gehaltene Petitionen« zu verfassen, ein »permanentes Komitee« wird gegründet, jede Woche eine »Volksversammlung« gehalten, eine Liste wird ausgelegt, wo die Konstanzer sich als »Wehrmänner« eintragen können, ein »bewaffnetes Korps« soll den Beschlüssen Realität verschaffen, vom 13. März an Schießübungen, ein Frühling mit Bilderbogen, Flugschriften, Bänkelsängern, Karikaturenblättern, Katzenmusiken und aufregenden Anschlägen.

In den Dörfern verbrennen die Bauern Schuldbücher und Zehntakten. Hecker und seine Mitstreiter wollen noch in der Nacht zum zwölften die Bevölkerung des Seekreises aufrufen, sich zu erheben, bewaffnet. Die Konstanzer Republikaner: Bloß das nicht. Auf so etwas warten die Bundestruppen an der Grenze, Bayern und Württemberger. Abgesehen davon, daß man sich schon Mitte März darauf geeinigt hatte, in der Ausrufung der Republik dem Frankfurter Vorparlament nicht zuvorkommen zu wollen.

Hecker schimpft das Komitee Maulhelden, am nächsten Tag um 5 Uhr nachmittags Volksversammlung, die Leute wollen sich schon erheben, aber nicht auf Heckers Art, überhaupt soll man das nicht kollektiv entscheiden, lieber jeder für sich. Heckers Militärmann namens Sigel bildet vier Züge à hundert Mann, am 13. wird abmarschiert um 6 Uhr in der Früh. Mehrere hundert versammeln sich, so um acht ziehen aber nur 53 Wehrmänner hinter vier Trommlern zum Rheintor hinaus; Hecker in blauer Bluse, den Heckerhut mit Feder auf dem Kopf, im Gürtel gewaltige Pistolen, ein Säbel baumelt auch daran.

Es soll heftigst geregnet haben in diesen Apriltagen. Hecker wollte zuerst nach Stockach marschieren, sein Mitstreiter Struve war per Dampfboot nach Überlingen geeilt, um dort für Zuzug zu werben. In Stockach, hieß es, sei mit 3000 Mann zu rechnen. Aber schon bei Allensbach tritt ein Bote auf: Einladung nach Allensbach, bitte. Sofort hin.

Die Royalisten lassen das Gerücht verbreiten, die Erhebung sei abgeblasen, sogar Heckers und Struves Namenszug fälschen sie auf ihren Propagandablättern. Hecker spricht in Allensbach zum Volk, stimmt alle um und ein. Zuzug auch von der Insel Reichenau, und das sollen, sagt man Hecker, »scharfe Büchsenschützen« sein.

Mit »Trommelschall« ging''s durch die Dörflein, Glück und Segen wurde ihnen zugerufen. Auf einer Höhe machten sie halt, ein Rudel Rehe, das über den Weg stürzte, hätte ihren Proviant vermehrt, hätten ihre Schützen die Rehe nur rechtzeitig gewahrt! Aber Wahlwies wurde erreicht auch ohne solchen Proviant. Freudenrufe. Was wehrhaft sei, sei schon in Stockach. Mit immerhin schon hundert Wehrmännern zieht Hecker unter Trommelschlag in schönster Ordnung in Stockach ein. Aber dort stehen nicht, wie erwartet, dreitausend bereit. Struve hat zwar die Überlinger begeistert, aber nicht schlechthin mitgerissen.

Der massenhafte Zulauf aus all den Orten, in die Hecker seine Aufrufe zur Erhebung gesandt hatte, unterblieb. Hecker, später zur Rechtfertigung seiner Erhebung: »Nach den Erklärungen und Beschlüssen des Volkes in vielen Volksversammlungen, konnte man auf eine Erhebung in Masse, auf das lavinenartige Fortwälzen des aus der klaren Tiefe des Volkslebens hervorgebrochenen Stromes rechnen.« Sogar das »stehende Heer«, glaubte er, »belebte ein neuer Geist«, es war, schreibt er »mit dem Volke Eins«. »Alles sagte dem Politiker, das der rechte Moment gekommen seie und man war der festen Zuversicht, daß es keines Schwertstreichs und keines Schusses bedürfe, daß der Zug ein wahrer Festzug sein und ganz Deutschland dem Beispiele Badens, das immer vorangegangen, folgen würde.«

Es wurde kein wahrer Festzug, sondern ein unendlich mühsamer Marsch durch das oben verschneite, unten schon blühende Schwarzwald-Aufundab. Von Stockach über Eigeltingen und Aach ins steil aufragende Engen. Hinter sich ließen sie, grünwollig eingewachsen und immer noch kühne Figuren, die Hegau-Vulkanhoheiten. Freudenböller gab''s in Engen, als man mit gut 300 Mann einzog. Und Zuzüge noch und noch. Auch solche mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel. Als man von Engen nach Geisingen zog, waren''s achthundert. Und schön aufgeteilt in Flintenträger, Büchsenschützen und Sensenmänner.

Der Volksfreund Hecker hatte in Engen auf offenem Markte gesprochen, und zwar so, daß die Mütter sämtlich weinten. Und die Alten forderten die Jungen auf, sich »enrolieren« zu lassen. Wie es in Engen zuging und was man sich von Donaueschingen erhoffte, teilt Emma Herwegh mit, die ihr Mann dem Volksfreund Hecker entgegengeschickt hat, ihm zu melden, die Pariser deutsche demokratische Legion sei an den Ufern des Rheins angekommen und lasse sagen: »Die Armeen der Fürsten umgeben Euch von allen Seiten; schätzt Euch glücklich, daß auch eine Armee der Freiheit in Eurer Nähe steht.«

In den Botschaften, die Emma Herwegh überbringt, hört man den Lyriker. Falls Hecker und die Seinen Deutschland unglücklicherweise für die vollständigste Staatsform der Freiheit: die Republik, noch nicht reif wähnen, sind sie weit entfernt, ihm und den Seinen ihre Überzeugungen aufzudringen oder sie zu zwingen, freie Republikaner zu werden, wenn sie Untertanen bleiben wollen. Dann werden sie eben Polen helfen, gegen Rußland kämpfen oder für Schleswig-Holsteins deutsche Rechte in den Kampf ziehen, als Freiheitsarmee des deutschen Volkes. Gruß und Bruderschaft. Im Namen der deutschen demokratischen Legion von Paris, das Comité Georg Herwegh.

Marx und Engels haben verlauten lassen, daß sie mit dieser »soidisant« Revolution nichts zu tun hätten. Engels nennt die Hecker-Herwegh-Kämpfer das »demokratische Lumpenpack in Baden und der Pfalz«. Diese »langweilige Philisterposse, die man deutsche Revolution nennt«, schreibt Engels im September ''48. Immerhin haben beide, Marx und Engels, Anfang April doch Paris, Fortschritt erhoffend, verlassen, in Köln gibt Marx vom 1. Juni an die »Neue Rheinische Zeitung« heraus, fast ein Jahr lang schreibt auch Freiligrath mit, liefert eifrig revolutionären Text.

Hecker hat in der Antwort, die er Emma Herwegh in Engen mitgab, keinesfalls gejubelt über den Zuzug aus Paris. Obwohl Herwegh hatte melden lassen, daß die hilfswillige Legion aus lauter Deutschen bestehe, fürchtete Hecker doch, daß diese Hilfe als ausländische Einmischung gewertet werden könnte, und aus einem gerade republikanisch gewordenen Land kam sie auch. Es sei immer sein Wunsch gewesen, die Erhebung von ganz »von Innen heraus« zu leisten, wenn sie denn Resultate vorweisen könne, sei ihm jener Zuzug von über dem Rhein willkommen.

Und weiter ging''s von Engen Richtung Donaueschingen. Nächste Station Geisingen. Schon von Stockach einen Boten an den vorauseilenden Struve, daß der in Donaueschingen die Fürstenberger als Geiseln nehme. Daß man etwas in der Hand hätte, im Fall die Württemberger eingriffen.

Zwei Kanonen führte man jetzt mit, zwei kleine zwar, aus dem Dreißigjährigen Krieg stammende, aber brauchbar seien sie noch, hatten die in Engen, wo man sie geschenkt bekommen hatte, gesagt. Hauptsache Kanonen. Aber auch flatternde Fahnen, grüne Reiser, heitere Gesichter, ein heller Himmel, so erinnert sich Hecker an diesen Tag zwischen Engen und Geisingen.

In Geisingen erläßt Hecker eine Ordre an die Ortsvorstände im Seekreis: Bis morgen, Sonntag, den 16. April, früh um 8 Uhr, stoßen die waffenfähigen Bürger vom 18. bis zum 30. Jahr, nebst allen Freiwilligen späterer Jahre, mit den nötigsten Geldmitteln und Proviant für sechs Tage versehen, zu dem Volksheere in Donaueschingen. Unterzeichnet: die provisorische Regierung. Hecker. Geldmittel und Proviant sollte jeder mitbringen, daß man nicht den Leuten zur Last falle, wenn man durch ihre Ortschaften zog.

Struve aber war viel zu gefühlvoll, als daß er mit seinen 200 Mann in Donaueschingen hätte durchgreifen, das vom Hof lebende Städtchen hätte unterwerfen können. Er spürte, wie feindselig die Beamtenbevölkerung war, er erfuhr, daß die Fürstenberger schon die württembergischen Truppen in Schwenningen um Hilfe gebeten hatten, gut 2000 Württemberger rückten mit Reiterei und Geschütz heran, Struve handelte freien Abzug aus und zog ab.

Also mußte Hecker abbiegen. Von Donaueschingen aus hatte Hecker alle Wege nach Karlsruhe beherrschen wollen. In Donaueschingen wollte er entscheiden, welchen Weg sein »wahrer Festzug«, der Freiheitszug nehmen sollte. Donaueschingen, hoch gelegen, durch Sumpf und Berg geschützt, das wäre zwischen Rheintal, Kinzigtal, Höllental und Seeregion die alles überschauende Position gewesen. Von hier aus hätte die provisorische Regierung Dekrete und Proklamationen überallhin schicken können. Daraus wurde nichts.

Also nicht über Hüfingen nach Neustadt und auf dem kürzestbesten Weg ins Wiesental, sondern ab nach Bonndorf. Zuvor noch: kalter Empfang in Stühlingen. Und es schneit. Am 16. April. Den ganzen Sonntag schneit es. Am Montag weiter über Glashütte nach Lenzkirch. Dort Jubel. Dann auf dem Seitenweg hinab nach Menzenschwand, nach Bernau. Steile Hänge. Tiefe Schluchten. Und ein Regen-, Schnee- und Hagelsturm, daß die Bäume sich bogen.

Wehrmänner litten unter Durchfall, mußten auf Fuhrwerken mitgeführt werden. Winterschnee und darauf noch der frisch gefallene schwere Frühjahrsschnee. Die Fuhrwerke waren so schwer hinauf- wie hinabzubringen. Durch nichts als Fäuste, Schultern, Arme und Beine und starke Nacken. Das meiste aber tat sicher der Mut beziehungsweise die Not. »Da schienen«, erzählt der edle Hecker, »die Wagen von Wehrmännern getragen zu werden.« Scherzweise verglichen die schwer Schnaufenden ihren Zug mit dem der Franzosen über den Simplon.

In Bernau, von den Leuten, trockene Kleider. Und Denkwürdiges in Bernau: Zwei Herren, Hecker und Struve bekannt aus dem Fünfziger-Ausschuß in Frankfurt, die dürfen Hecker und Struve Amnestie anbieten, falls die gleich alles aufgeben. Hecker: »Mit indianischer Ruhe hörten wir die Herren an.« Und sagten: Sie, die Republikaner, böten im Namen des deutschen Volkes den 34 Bedrückern (das sind die 34 Feudalregenten) Amnestie an für den Fall, daß sie binnen 14 Tagen der unrechtmäßigen Herrschaft entsagten, das Volk in seine angestammten Rechte einsetzen wollten und so weiter. Risum teneatis (spart euch das Lachen), schreibt Mögling, als er in seinem Erlebnisbericht zu dieser Stelle kommt.

Dann ins Wiesental hinab, in einem Ort Zuzug, im nächsten wieder Abgänge. Der Gegner verleumdete die Republikaner ganz ungeniert, sagte diesem eher frommen als frivolen Zug jede Schandtat nach, keine Deutschen, Gesindel aus Frankreich und Schweiz, Hecker längst nicht mehr dabei, nur noch Banden, Mordbrenner. Hecker redet in Schönau, Schopfheim, Zell, die Leute jubeln ihm zu und haben es wirklich vor, ihm auch zuzuziehen, aber kaum verläßt er mit seinen Wehrmännern einen Ort, stellen sich ein »die Abkühler, Bedenklichkeitsmenschen, das Interesse, die Furcht, die angeborene und anerzogene Unterwürfigkeit«. In Kandern dann die Meldung: In Schliengen steht die royalistische Heeresmacht, Fußvolk, Reiterei, Geschütze. Sie rücken schon auf Kandern zu.

In Kandern hat wieder Frau Herwegh gewartet mit einer fein stilisierten Botschaft. Und der edle Hecker, der sich mit ganzen 800 Mann einer unvergleichlich besser bewaffneten und im Töten trainierten Übermacht von 2200 Mann gegenübersah, Hecker ließ dem Bruder Herwegh dieses Mal sagen, er werde nie Fremde nach Deutschland rufen, aber wenn Herwegh kommen wolle, und recht bald und in recht großer Anzahl, soll ihm''s lieb sein. Das sind Botschaften, zu Herzen gehende.

Um acht Uhr morgens wird Kandern geräumt, da man es gegen den »Heranzug der feindlichen Heeresmassen« wohl nicht halten konnte. Draußen, vor Kandern, wird eine kleine Brücke überquert, dann Stellung bezogen. Heckers drei Berater Willich, Kaiser und Doll lassen die Musquetiere und die Büchsenschützen und die Sensenmänner am Waldrand die günstigsten Positionen einnehmen, die Kanonen bleiben auf der Straße, General Friedrich von Gagern und seine Hessen konnten kommen.

Und sie kamen. Und zwar ganz ungedeckt. Gagern vorneweg. Ein Mitstreiter später: »Man sah aus allem, daß er seine Gegner verachtete, er dachte gar nicht daran, daß wir uns nur wehren werden.« Tatsächlich bot von Gagern Verhandlung an. Hecker kam mit Willich, Kaiser, Mögling und Doll, die vier blieben vor der Brücke, auf der Brücke trafen sich allein der General von Gagern und der Republikaner Hecker. Von Gagern: Hecker sei zwar gescheit, aber fanatisch. Hecker: Wenn das, sich für die Befreiung eines großen Volkes einzusetzen, fanatisch sei, dann möge der Herr das so nennen, übrigens sei man auf der Gegenseite von Fanatismus auch nicht frei. Das führte zu nichts.

Also sagte Hecker, daß man ihn und seine Begleiter, bevor angegriffen werde, zum eigenen Korps zurückkehren lasse. Von Gagern darauf: Allerdings. Aber, setzte er hinzu, man werde ihm auf den Fersen folgen. Fast eine Stunde lang zogen die Republikaner die Straße hinauf, 120 Schritte hinter ihnen folgten die Hessen. Droben, bevor es wieder, Steinen zu, abwärts geht, öffnet sich ein Plateau, da wurde eine Schlachtordnung produziert: ein Zentrum, ein rechter und ein linker Flügel, das Ganze am Waldrand, mit Reserven im Waldesinnern. Die Hessen rückten heran.

Hecker hat bemerkt, daß die Staatsmacht es klug vermieden habe, die badischen Republikaner von badischen Soldaten angreifen zu lassen. Aber auch die Hessen wurden nicht mit einer Salve empfangen, sondern mit Mützen- und Hüteschwenken und Zurufen: Kein Bürgerblut vergießen, Ihr seid unsere Brüder, es lebe die Freiheit, tretet in unsere Reihen. Und streckten die Hände aus. Und traten vor, aus ihren Reihen heraus, und schon traten auch Hessen aus ihren Reihen, da ritt Gagern vor, gab Befehle, kommandierte das Feuer.

Erst jetzt schoß man von der republikanischen Seite aus. Hätte man zuerst geschossen, meinte Hecker nachträglich, »so wäre der Erfolg nicht zweifelhaft gewesen, denn es ist etwas ganz anderes bei kriegsungewohnten Truppen, die erste Salve geben oder die erste Salve ruhig aushalten«. Einer der Mitstreiter: »Als die Kugeln an den Sensen anschlugen, sprangen die Sensenmänner davon.« Die Republikaner mußten die Höhe einem zweiten Angriff der Soldaten räumen.

Aber Gagern war tot. Peinlichstes Nachspiel: In Karlsruhe, das Hecker eine »Staatsdienerkolonie« nannte, stand in der Zeitung, daß Hecker den General Gagern bei dem Gespräch auf der Brücke kaltblütig mit einem Pistolenschuß ermordet habe. Es fand sich sogar ein Soldat namens Trautmilch, der eidlich bezeugte, daß Hecker das getan habe. Hecker hat in seinem Bericht beteuert, daß er während des ganzen Feldzugs nie in die Lage gekommen sei, »den Säbel und die Pistolen auch nur zu zücken oder anzulegen, geschweige denn davon Gebrauch zu machen«. Daß der Fünfziger-Ausschuß in Frankfurt diese Schauermär auch verbreitete, hat dem edlen Hecker, der dergleichen für »Meuchelmord« gehalten hätte, wehgetan. »Sudel und Geifer« sei das. Und es haben unabhängig von Hecker die Mitstreiter Kaiser und Mögling die Szene auf der Brücke von Kandern beschrieben, und alle haben gesehen, daß Hecker nicht geschossen hat.

Tatsächlich coloriert diese Mär, und was mit ihr versucht wurde, ziemlich kraß die Art, wie die Staatsmacht auf die republikanische Regung reagierte. Nachdem auch Sigel und Struve in Freiburg und die Herwegh-Legion bei Dossenbach verloren hatten, blieb nur die Flucht in die Schweiz, ins Baselbiet, um, schreibt Hecker, »bei einem stammverwandten biedern Volke, in einer reinen Demokratie mich niederzulassen, bis der Gang der Ereignisse Deutschlands und Europas Gestaltung uns zu neuer Tätigkeit aufrufen werden«.

Ich denke gern an das Pferd, das dem edlen Hecker auf seinem wahren Freiheitsfestzug auch einmal untergeschoben worden ist. Er hat dann offenbar ein Reitergesicht machen müssen. Wahrscheinlich ist ohnehin schon von Konstanz an Don Quijote mitgeritten. Don Quijote, unser aller General. Mal sehen, ob die herrschenden Windmühlen das Muffensausen kriegen. Aber wahrscheinlich ist Don Quijote gar nicht mehr abkömmlich jetzt. Er dreht. In Hollywood. Eine nicht enden könnende Serie. Da mir Heckers Grab in Summerfield, Illinois, zu weit weg ist, nehme ich mir vor, demnächst auf Georg Herweghs Grab zu gehen. In Liestal bei Basel. Hoffentlich hat die Geschichte dieses Grab nicht ganz vergessen. Ein paar frische Blumen hinlegen und den Heckerton anstimmen über Blumen an solchen Gräbern: wenn sie »am Abende verwelkt sind, so findet sie der frühe Morgen durch unbekannte Hand mit neuen geschmückt«. Schön wär''s.

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Zug der Republikanischen Streitmacht unter Hecker

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Zug der Republikanischen Streitmacht unter Hecker

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Der vollständige Text erscheint in: Martin Walser/JohannesGrützke: »Der edle Hecker«. Edition Isele, Eggingen 1998; 48Seiten; 34,80 Mark.

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