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Der einzige Zeuge

In Belgien erscheint diesen Montag ein Enthüllungsbuch des Radsport-Masseurs Jef D'hont. Es beschreibt die Sitten und Gebräuche eines verseuchten Sports und erhebt schwere Vorwürfe gegen Ärzte der Freiburger Uni-Klinik und das Team Telekom, das planmäßig gedopt haben soll. Auch Jan Ullrich ist betroffen.
aus DER SPIEGEL 18/2007

Tiefes Flandern, Desteldonk, ein Dorf in der Nähe von Gent, die Nordsee ist nicht weit. Auf der Wäscheleine hinter dem Haus hängen Radsport-Trikots, der Rasen ist kurzgeschnitten, die Weinstöcke sind ein Geschenk des ehemaligen Profifahrers Udo Bölts.

Auf dem Kiesweg parkt ein hellblaues Wohnmobil, Marke Iveco. Die Tür ist offen, hinten ein Matratzenlager, in der Mitte eine Küche mit Espresso-Maschine, vorn ein Tisch mit Bänken, Stift und Papier liegen bereit. »Das«, sagt Jef D'hont, »ist mein Arbeitszimmer.«

In solch einem Wohnmobil hat er Generationen von Radprofis durch Europa gefahren. Hier hat er ihre Muskeln massiert, Sieger gefeiert, Verlierer getröstet und das Epo transportiert. So ein Wohnmobil hat einiges erlebt, es kennt viele Geschichten, Geschichten, die nach Schweiß und Blut riechen und von denen die Welt nichts weiß.

In diesem Arbeitszimmer hat D'hont in den vergangenen Monaten ein Buch über sein Leben im Radsport geschrieben. »Erinnerungen eines Radfahrer-Pflegers« heißt es und erscheint an diesem Montag in Belgien. Es wird die Welt des Radsports in Aufregung versetzen, wieder einmal.

Doping, natürlich Doping.

D'hont erzählt in dem Buch, wie er als junger Radfahrer Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre nur selten ohne Amphetamine an den Start ging. Er erzählt, wie er nach einem schweren Sturz Masseur bei belgischen Rennställen wurde und seine wichtigste Aufgabe angeblich darin bestand, die Fahrer in ihrem Doping-Konsum zu bremsen. Und dann erzählt er, wie er 1992 zum Team Telekom wechselte, das immer nur hinterherfuhr, und wie er dabei geholfen haben will, aus Verlierern Sieger zu machen.

Doping, natürlich Doping. Die Affären und Skandale im Radsport sind kaum mehr zählbar. Seit 1960 wurden nur 3 von 22 Siegern der Tour de France nicht des Dopings überführt oder zumindest schwer belastet. Floyd Landis, der Sieger im vergangenen Jahr, musste vorige Woche erfahren, dass es nicht nur einen positiven Test auf Testosteron während der Tour im vergangenen Sommer von ihm gibt, sondern gleich sieben weitere. Der Discovery-Fahrer Ivan Basso wurde, ebenfalls in der vergangenen Woche, suspendiert, weil er neben Jan Ullrich als Großkunde des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes gilt. Und Fuentes, der Doktor Frankenstein des Radsports, hat inzwischen seine Tätigkeit wieder aufgenommen.

Ullrich, Fuentes, Razzien, Festnahmen, Prozesse, der Radsport selbst hat sich unter Generalverdacht gestellt. Doch über die Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit des Dopings, die Mentalität der Fahrer und ihrer Ärzte, über die Mechanismen dahinter, darüber erfährt die Öffentlichkeit nur selten etwas.

Jef D'hont beschreibt, wie sich Fahrer frischen Urin in die Harnblase spritzen, um Dopingkontrolleure auszutricksen. Er schreibt, dass sie im Laufe der Jahrzehnte erst Amphetamine nahmen, die ihnen den Siegeswillen gaben, dann Anabolika, die ihnen die Muskeln stärkten, und schließlich Epo, das sie die Berge hochstrampeln ließ, als wären sie junge Gämsen. Liest man D'honts Buch, erscheint Doping im Radsport so normal wie das Aufpumpen der Reifen.

Und dann behauptet Jef D'hont, was bislang stets bestritten wurde: dass auch im deutschen Team Telekom Epo zum Alltag gehörte. Epo ist die Abkürzung für Erythropoietin, das die Produktion von roten Blutkörperchen anheizt und dafür sorgt, dass der Sauerstofftransport im Blut verbessert wird. Fünf Jahre lang hat D'hont in den Neunzigern für Telekom gearbeitet, und er schreibt, dass bis auf wenige Ausnahmen alle Fahrer des Teams dopten. Ein System, das in D'honts letztem Jahr bei Telekom, 1996, den großen Erfolg gebracht haben soll: Bjarne Riis gewann die Tour, Jan Ullrich wurde Zweiter, beide seien mit Epo und Wachstumshormon präpariert worden.

Derselbe Jan Ullrich, der seine Karriere in diesem Februar beendet hat und immer dabei geblieben ist, niemals gedopt und betrogen zu haben. Nicht in den schwierigen letzten Jahren und auch nicht 1996, zu Beginn seiner Laufbahn, als der

jugendliche Held die Deutschen verzauberte.

Hinter dem System hätten Walter Godefroot, der damalige Teamchef, und die Teamärzte der Universitätsklinik Freiburg, Andreas Schmid und Lothar Heinrich, gesteckt. Die Ärzte seien es gewesen, die das Epo heranschafften, spritzten und dosierten. D'hont schreibt, dass er für die Tour de France 1996 selbst die Präparate in Freiburg abgeholt habe, er schreibt auch, dass er es den Fahrern gespritzt habe, wenn die Ärzte nicht mit dabei waren in den Trainingslagern oder bei den Rennen.

Das ist ein starker Vorwurf, in zweierlei Hinsicht. Die Freiburger Universitätsklinik hat eine der renommiertesten sportmedizinischen Abteilungen des Landes, sie hat, seit der im Jahr 2000 verstorbene und wegen seiner Haltung zum Doping ("Jeder, der einen muskulösen Körper haben und männlicher wirken will, kann Anabolika nehmen") umstrittene Professor Joseph Keul sie in den siebziger Jahren übernahm, deutsche Olympia-Mannschaften betreut und Weltmeister gepflegt. Außerdem sind beide Ärzte, Heinrich und Schmid, auch heute noch im Radsport tätig - und zwar beim Team T-Mobile, das das Erbe des Godefroot-Teams angetreten hat und das sich, seit dem Fuentes-Skandal im vergangenen Jahr, einer strikten Anti-Doping-Linie verschrieben hat und dessen Gesinnungswandel durchaus glaubwürdig erscheint.

Beide Ärzte bestreiten die Aussagen und Schilderungen D'honts, wie auch alle anderen Betroffenen, über die er in seinem Buch schreibt, nur Bjarne Riis und Jan Ullrich

antworteten nicht auf die Fragen des SPIEGEL (siehe Kasten Seite 62)

Heinrich dementierte auch schon, als D'hont Ende März in einem Interview mit dem belgischen Fernsehen erstmals seine Vorwürfe gegen das Team Telekom und seine medizinischen Betreuer erhob. Damals hätte das T-Mobile-Team es gern gesehen, dass die Ärzte juristisch gegen den belgischen Masseur vorgehen, falls die Vorwürfe falsch seien. Bis heute wartet D'hont auf ein Schreiben deutscher Anwälte. Auch das hat die Führung des T-Mobile-Teams zur Kenntnis genommen.

Der Radsport, sagt D'hont, funktioniere wie die Mafia: Es gelte das Gesetz der Omertà, und alle hielten sich an die Spielregeln. Man muss schweigen, oder das System bricht zusammen, und die Sponsoren springen ab. Alle wüssten vom Doping, nur die Öffentlichkeit habe man stets für dumm verkauft.

Jef D'hont sagt, dass er die Mafia verlassen habe. D'hont ist eine schillernde Figur, in der Szene gilt er als Legende, über Jahre berühmt geworden mit seinem selbstgebrauten Zaubertrank, der aus Koffein und den Herzmitteln Alupent und Persantin bestand. Aber heißt das auch, dass er eine verlässliche Quelle ist, ein guter Kronzeuge?

1997 wechselte D'hont zu dem neugegründeten Rennstall La Française des Jeux. D'hont sagt in seinem Buch, dass er den Stress und die Angst vor der Entdeckung nicht mehr ausgehalten und einen sauberen Rennstall gesucht habe.

Ein Jahr später schon wurde er in den größten Doping-Skandal der neunziger Jahre verwickelt. Kurz vor dem Start der Tour 1998 erwischten Zollbeamte den Belgier Willy Voet, einen Kollegen D'honts beim Rennstall Festina, in seinem Teamwagen fanden sie ein Arsenal an Doping-Mitteln. Die Polizei startete Razzien und Festnahmen, Fahrer und Betreuer wurden verhört, einige packten aus, die meisten schwiegen. Richard Virenque, damals Frankreichs größter Radstar, leugnete mehr als zwei Jahre lang trotz erdrückender Indizien jeden Epo-Konsum, bis er schließlich während des Prozesses im Jahr 2000 unter Tränen gestand.

Auch D'honts neues Team geriet noch während der Tour unter Verdacht. Ein anonymer Brief bezichtigte D'hont, er sei einer der intimsten Doping-Kenner des Radsports, der gegen eine hohe Ablösesumme die Telekom verlassen habe, um nun den Franzosen die Telekom-Methoden zu verraten. Zwei Fahrer belasteten ihn schwer, einer von ihnen sagte, er habe ihm Doping-Mittel verkauft, er sei ein Dealer, was D'hont bis zum heutigen Tag bestreitet. Nach einer Zeugenvernehmung in Lille kam er in Untersuchungshaft. Zwölf Tage lang wurde er festgehalten, und schon damals interessierten sich die Ermittler nicht nur für die Praktiken in D'honts neuem Team, sondern auch für das, was im Team Telekom geschehen sein soll.

Im Festina-Prozess, der im Oktober 2000 begann, war D'hont einer der Angeklagten. Er wurde wegen Mithilfe zum Doping verurteilt und bekam neun Monate auf Bewährung, er musste 3000 Euro zahlen, in der Berufung zwei Jahre später wurde das Urteil bestätigt.

Die Frage ist, ob jemand, der in einem Doping-Prozess schon einmal verurteilt wurde, eine gute Quelle für Doping-Praktiken im Radsport ist? Wohl ja.

D'hont aber ist kein perfekter Zeuge. Bislang hat er weder Belege zeigen noch Zeugen für seine Schilderungen nennen können. In seinem Buch erzählt er, dass er Tagebuch geschrieben und Listen habe führen müssen, in denen er festhielt, wie viele Epo-Einheiten die einzelnen Fahrer konsumierten. Godefroot habe die Epo-Kosten vorgestreckt und die Pfleger beauftragt, bei den Fahrern die Schulden einzutreiben. 1000 Einheiten Epo kosteten 1000 belgische Francs, das entspricht 25 Euro. Doch die Unterlagen, behauptet D'hont, habe seine Frau während seiner Untersuchungshaft aus Angst vor einer Hausdurchsuchung vernichtet.

Ein Jahr nach dem Festina-Skandal, von dem das Team Telekom verschont blieb,

berichtete der SPIEGEL (24/1999) auch von Doping-Vorwürfen gegen das Team Telekom. Damals bestritten Jan Ullrich und Walter Godefroot in eidesstattlichen Versicherungen die Vorwürfe, der SPIEGEL musste eine Gegendarstellung Ullrichs veröffentlichen. Die Zeugen, auf die sich der SPIEGEL seinerzeit stützte, waren nicht bereit, ihre Aussagen vor Gericht zu wiederholen.

D'hont gehörte damals nicht zu den SPIEGEL-Quellen, Redakteure besuchten ihn drei Monate nach Erscheinen des Artikels zum ersten Mal. In mehreren Gesprächen bestätigte er die geschilderten Doping-Praktiken im Team und nahm vorweg, was nun an diesem Montag als Buch erscheint. Doch für eine Berichterstattung wollte er sich 1999 nicht zur Verfügung stellen.

Walter Godefroot, sagt D'hont heute, habe ihm schon vor seiner Untersuchungshaft versprochen, die Hälfte seiner Prozesskosten in Frankreich zu bezahlen, falls er in dem Verfahren nichts über das Team Telekom erzähle. Zudem hatte Godefroot im Jahr 2000 D'honts Sohn Steven als Pfleger eingestellt. Godefroot aber habe später alle Versprechungen abgestritten.

Jetzt ist D'hont 65 Jahre alt und im Ruhestand, sein Sohn arbeitet seit 2005 bei einem anderen Rennstall, das versprochene Prozessgeld Godefroots habe er nie bekommen, sagt er. Vielleicht ist es jetzt Rache, vielleicht ist aus einem Mitglied der Mafia ein Feind der Mafia geworden.

Dass seine Angaben im Buch und im Interview der Wahrheit entsprechen, hat er ausdrücklich in einer eidesstattlichen Versicherung bestätigt.

Was heute im Radsport geschieht, wie der spanische Arzt Fuentes oder dessen italienischer Kollege Luigi Cecchini Radrennfahrer zu Höchstleistungen bringen, dafür ist D'hont kein Zeuge mehr. Seine Karriere als Pfleger hat er 2004 beendet. In seinem Buch und auch im SPIEGEL-Gespräch sagt er, dass die Skandale um Festina und Fuentes dem Radsport gutgetan hätten. Epo komme jetzt nicht mehr flächendeckend zum Einsatz, sondern nur noch bei einzelnen Spitzenfahrern, die sich die neuen Mittel leisten könnten.

Wahrscheinlich ist das eine Wunschvorstellung. Als vor einigen Jahren erste Tests zum Nachweis von Doping mit Epo eingesetzt wurden, verlegten sich Fahrer und Ärzte schnell auf eine andere Methode: Eigenblutdoping. Dem Fahrer wird dafür in der wettkampffreien Zeit Blut abgenommen, in Labors aufgearbeitet und vor wichtigen Rennen wieder in den Körper gebracht - auf diese Weise stehen dem Athleten zusätzliche Rationen leistungssteigernder roter Blutkörperchen zur Verfügung. Die Methode ist simpel und von jedem Internisten anzuwenden. Doch seitdem das Labor von Fuentes aufgeflogen ist und seitdem es auch Kontrollverfahren gibt, dürfte Eigenblutdoping wohl außer Mode gekommen sein.

Aber die Pharmaindustrie forscht weiter an immer neuen Epo-Varianten. Der Markt ist groß, über zehn Milliarden Dollar werden jährlich mit Epo-Mitteln umgesetzt, die eigentlich Nierenkranken und Krebspatienten helfen sollen.

Natürliche Epo-Präparate, die aus menschlichem Urin hergestellt werden, haben konventionelle Epo-Mittel wie NeoRecormon, das D'hont spritzte, abgelöst. Ihr Nachteil: Die Herstellung ist erheblich teurer. Zudem kennt der Markt noch zehn andere Epo-Produkte oder -Abwandlungen, die bisher nicht von Doping-Kontrolleuren getestet werden können. Sogenannte Epo-Mimetika halten die Zahl der roten Blutkörperchen auch für ein paar Tage ohne Epo hoch. Substanzen werden ausprobiert, die eigentlich an Universitäten und in Pharmafirmen noch im Erforschungsstadium sind. Und auf dem Schwarzmarkt werden Produkte aus Russland und China gehandelt, die hier nahezu unbekannt sind.

Die Doping-Kontrolleure haben keine Chance, manchmal reichen schon kleine chemische Veränderungen, um die aktuellen Blut- und Urintests fast nach Belieben auszuschalten. Und so ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch die diesjährige Tour de France oder die Rad-WM in Stuttgart keinen sauberen Sieger haben wird, so groß wie in den Jahrzehnten zuvor.

In dieser neuen Doping-Welt kennt sich Jef D'hont nicht mehr aus. Er ist auf den Sattel zurückgekehrt. In seiner Garage steht ein Rennrad mit Carbon-Rahmen, es ist die Maschine eines Profis, so leicht, dass man sie mit einem Finger heben kann. Jede Woche fährt er 250 Trainingskilometer, mehr als 20 Kilo hat er in den vergangenen vier Jahren abgenommen. Im Sommer will er in Österreich Weltmeister der Senioren werden. Und das geht ohne Doping?

»Ja«, sagt D'hont.

MATTHIAS GEYER, LOTHAR GORRIS,

UDO LUDWIG

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