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SOWJET-UNION / POLITBÜRO Der elfte Mann

aus DER SPIEGEL 20/1966

Fünfzig seiner 67 Lebensjahre schenkte, Arwid Janowitsch Pelsche der Partei. Er kannte Lenin noch. Aber kaum jemand kannte ihn außerhalb seiner baltischen Heimat.

Jetzt - kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand - erhielt Pelsche den höchsten Sowjet-Lorbeer: Er wurde auf dem XXIII. Moskauer Parteitag, Mitglied des Politbüros der Sowjet-KP. Unter den elf roten Aposteln des Politbüros hat der Neue eine wichtige Doppelfunktion: Er soll

- als Parteiveteran den überwiegenden Einfluß der Parteimänner gegenüber den Staatsdienern sichern;

- als Lette baltisches Mißvergnügen gegen die Vorherrschaft der Russen in der UdSSR eindämmen.

Chruschtschow war - wie Stalin seit 1941-gleichzeitig Parteichef und Ministerpräsident gewesen. Nach seinem Sturz beschlossen die Sowjetführer, niemals mehr alle Gewalt in eine Hand fallen zu lassen. Der Staatsapparat sollte gegenüber dem Parteiapparat mehr Selbständigkeit erhalten.

Die elf Sitze in der Zentrale der politischen Macht, die unter Chruschtschow Parteipräsidium hieß, jetzt aber wieder »Politisches Büro« genannit wird, teilen die neuen Herren nach einem doppelten Proporz auf.

In der Spitzengruppe walten einerseits Parteichef Breschnew, der wieder - wie Stalin - »Generalsekretär« heißt, und dessen Vertreter Suslow. Auf der anderen Seite stehen, den beiden anderen Parteimenschen fast ebenbürtig, Staatsoberhaupt Podgorny' und Ministerpräsident Kossygin.

Die übrigen Sitze im Politbüro nehmen je drei Vertreter von Partei und Staat ein:

- Die Mitglieder des Partei-Sekretariates Schelepin und Kirilenko und der 1. Parteisekretär der Ukraine, Sehelest, sind vom Parteiapparat entsandt.

- Der Ministerpräsident der russischen Sowjetrepublik, Woronov, sowie die beiden 1. Stellvertretenden Ministerpräsidenten der UdSSR, Masurow und Poljanski, vertreten die Interessen der Staatsbürokratie.

Um aber in Zweifelsfällen dennoch den Primat der Partei aufrechtzuerhalten - vor allem für etwaige Stichentscheide bei Kampfabstimmungen -, lancierte der erfahrene Taktiker Suslow in den Rat der Weisen ein neues Gesicht, das ihm selbst wohlvertraut war: Arwid Janowitsch Pelsche.

Der Neue ist im Politbüro an Lebensjahren der Älteste, da Schwernik, 78, und Mikojan, 70, aus Altersgründen ausgeschieden sind. Er ist als einziger des Elferrats noch im vorigen Jahrhundert geboren, als einziger trat er »der Partei noch vor der Revolution bei. Er ist schließlich der einzige Nicht-Akademiker unter den Oberführern.

Nie hat er sich in das Zentrum der Macht gedrängt. Kandidat des Politbüros (nicht-stimmberechtigter Anwärter auf den Rang des Vollmitglieds) ist er nicht gewesen. Altbolschewik Pelsche hat sich immer nur durch bedingungslose Parteitreue hervorgetan - und deren Inhalt hieß in den besten Jahren seines Lebens Stalin.

Bis 1929 war er Kommissar in der Roten Armee, dann lernte er am »Institut für Rote Professur' in Moskau zwangskollektivieren und gründete von 1933 bis 1937 in Kasachstan sowie vom Moskauer Volkskommissariat aus Staatsgüter (Sowchosen).

Anschließend tauchte Pelsche wahrscheinlich in der Geheimpolizei unter. Noch auf dem XXIII. Parteitag rühmte er sich der »Zerschlagung der Parteifeinde, der Trotzkisten und anderer linker und rechter Opportunisten und Fraktionsmacher aller Art«. Er ist neben Suslow heute das einzige Politbüro-Mitglied, das sich an den großen Säuberungen der dreißiger Jahre beteiligte.

1941 hatte Pelsche Gelegenheit, seinem Gönner Suslow seine Qualitäten zu beweisen, den er vom »Institut für Rote Professur« her kannte. Er half ihm beim Anschluß seiner baltischen Heimat an die Sowjet-Union. Als einer der Sekretäre des lettischen Zentralkomitees suchte er den Widerstand der Ostsee -Völker gegen die russische Eingemeindung durch Massendeportationen nach Sibirien zu brechen.

Pelsche vor dem XXIII. Parteitag: »Lettland verwandelte sich in eine blühende, politisch gleichberechtigte Unionsrepublik.« Und: »Das lettische Volk hat sein Glück und uneigennützige Freunde gefunden.«

Damals erwarb sich Pelsche jene Spezialkenntnisse, die ihm heute besonders nützen: Er weiß, wie man mit nationalen Minderheiten fertig werden kann, die heute in der Sowjet-Union mehr denn je gegen die Vorherrschaft der Russen aufbegehren.

Die mißvergnügten Nichtrussen halten heute schon die Hälfte der Politbüro -Sitze besetzt. Nur so - durch angemessene Repräsentanz - hoffen die Sowjet -Führer die Unruhe ihrer Randvölker aufzufangen. Die zweitrangigen Unionsrepubliken sind auch im Politbüro auf dem zweiten Rang placiert: Als Kandidaten dürfen mitreden die Parteisekretäre

- Raschidow aus Usbekistan,

- Mschawanadse aus Georgien,

- Mascherow aus Weißrußland,

- Kunajew aus Kasachstan,

- ferner der Ministerpräsident der

Ukraine, Schtscherbitzki.

Ein Balte aber kam zum erstenmal als Vollmitglied ins Politbüro: Pelsche.

Ihm wurde auch noch die Parteikontrollkommission unterstellt. Damit wacht er über die Parteidisziplin und beaufsichtigt die Personalakten der Mitglieder.

Als vorige Woche eine Delegation indischer Kommunisten in Moskau über das russisch-chinesische Schisma beriet, nahmen nur drei Politbüro-Mitglieder an den Gesprächen teil: Breschnew, Suslow und Pelsche.

Politbüro-Neuling Pelsche (X), Genossen*: Lettland hat sein Glück gefunden«

* Erste Reihe von links: Podgorny, Suslow, Breschnew, Raschidow, Kossygin.

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